Erdbeeren mit Curry-Ketchup

04.05.2009

Der Star-Trek-Prequel-Film versagt nicht nur im Design, sondern scheitert auch am Geist der Serie

Star Trek war die kulturell einflussreichste Fernsehserie des 20. Jahrhunderts - noch vor den Simpsons. Fünf Folgeserien, zehn Kinofilme und eine unzählige Menge an Fan-Fiction taten ihr Übriges dazu, eine der wichtigsten populärkulturellen Mythologien des 20. Jahrhunderts zu verbreiten. Dementsprechend selten gab es bereits im Vorfeld zu einem Film mehr Diskussionen darüber, welche Elemente kanonisch sind und einfließen dürfen und welche nicht. Hinsichtlich der Geschichte der Star-Trek-Figuren gibt es im fertigen Produkt allerdings gar nicht so viel, worüber sich streiten ließe. Stattdessen versündigt sich der Film wider die Ästhetik und den Geist der Serie.

Die Probleme fangen bei der Besetzung an: Wer Heroes kennt, der kann sich diesen Film nicht ansehen, weil er immer Sylar hinter der Maske des jungen Spock sehen wird, obwohl sich Zachary Quinto durchaus Mühe gibt, die schauspielerischen Eigenheiten von Leonard Nimoy zu imitieren, der im Film ein paar Kurzauftritte als greiser Zeitreise-Spock hat.

Der neue Kirk und der neue Spock. Alle Bilder aus dem Film: Paramount

Nicht bloß eine Fehlbesetzung, sondern eine völlig falsch geschriebene Rolle ist die des jungen James T. Kirk als Car-Crash-Balg, das aussieht wie Brad Pitt. Der Schauspieler Chris Pine, so das Paramount-Presseheft, "begriff sofort, dass er mit dieser Rolle seinen eigenen Weg gehen muss und sich nur ansatzweise davon inspirieren lassen darf, wie Shatner die Rolle in eine weltberühmte Ikone verwandelt hat." So kann man das auch ausdrücken. Im Klartext gesprochen ist Pine ein relativ untalentierter Schauspieler, der sich wahrscheinlich nicht einmal Mühe gab, die Charakteristika von William Shatner als Captain Kirk zu erlernen.

Ganz anders als Karl Urban (Eomer aus Herr der Ringe), der die Mimik von DeForest Kelley tatsächlich eindrucksvoll übernommen hat, so dass ihn der Zuschauer sofort erkennt. Lediglich den leichten Südstaatenakzent des in Atlanta geborenen Dr.-McCoy-Darstellers übertreibt der Neuseeländer Urban ein klein wenig, was aber in der deutschen Synchronfassung ohnehin nicht zu hören sein wird.

Der neue Scotty

Uhura und Sulu erkennt man dagegen eher über eine gewisse rassische Alleinstellung. Bei der schlaksigen Zoe Saldana, einer Piratin aus Fluch der Karibik, würde man sonst keineswegs sofort an die üppige Nichelle Nichols denken, und der Koreaner John Cho sieht George Takei nicht einmal für europäische Augen auch nur entfernt ähnlich. Der im südwestenglischen Gloucester geborene Simon Pegg (bekannt aus Shaun of the Dead) kriegt den schottischen Akzent zwar einigermaßen hin, hat aber leider eine völlig andere Kopfform als den Kanadier James Doohan. Und dass der Russe Anton Yelchin, der Chekov spielt, keine Pilzkopf-Frisur trägt, wie Walter Koenig in der Serie, sondern einen militärisch-kurzen Haarschnitt, ist auch Zeichen für Veränderungen, auf die weiter unten noch eingegangen wird.

Licht, Farbe, Design

Energiesparlampen-Dystopie?

"Wo sind all die Popfarben hin?", fragte Andreas Banaski schon 1982 beim zweiten Star-Trek-Film The Wrath of Khan. Auf den fremden Planeten, so ein weiblicher TOS-Fan, habe es immer ausgesehen wie in einem Zukunfts-Ikea: "Überall wo die Crew hinkam waren diese hübschen Möbel - vor allem die Stühle". Dieses für die Serie so wichtige Designerlebnis fehlt im jetzt anlaufenden Prequel-Film fast vollständig.

Er leidet, wie viele andere Produktionen des letzten Jahrzehnts, unter einer Vereinheitlichung der Science-Fiction-Ästhetik. Ende der 1970er setzte dort mit Ridley Scotts Alien ein Paradigmenwechsel ein, der seine Vollendung in den Doom-Spielen fand und immer noch fortwirkt: Vieles sieht gothic-dreckig aus, häufig auch noch unzureichend und zu kalt ausgeleuchtet. Das aber passt überhaupt nicht zu TOS mit seiner Tantris-Beleuchtung, wo selbst schummrige Szenen durch Buntheit glänzten. Oder sollte hier etwa der Energiesparlampenzwang weitergedacht worden sein?

Noch viel deutlicher als beim Enterprise-Design wird das bei den Romulanern, wo man sich noch mehr Veränderungsfreiheiten herausnahm. Das Romulanerraumschiff sieht aus wie ein Insekt, der Romulanerbohrer wie eine lange Stange aus Schrott und die Romulaner selbst wie Queequeg-Klone. Waren sie in den 1960er Jahren noch irgendwie Chinesen und gleichzeitig Ostdeutsche (während die verwandten Vulkanier genauso irgendwie Japaner und gleichzeitig Westdeutsche waren[1]), so passen sie jetzt eher in eine Moby-Dick-Verfilmung als in Star Trek.

Neues Romulanerdesign

Subkutanspritzen sehen McCoys Werkzeugen heute deutlich ähnlicher als früher und Mobiltelefone entwickelten sich vom Design her lange Zeit zu TOS-Kommunikatoren hin. Deshalb, so Regisseur J. J. Abrams, versuchte man das Design solcher Geräte "fortzuentwickeln" - und scheiterte dabei. Mit die schlimmste Designsünde ist, dass der Geniestreich, die Kommandobrücke wie einen Fernsehsessel-Thron und das Panoramafenster wie einen an- und ausklickbaren Fernsehschirm aussehen zu lassen, zugunsten einer "realistischeren" Windschutzscheibe aufgegeben wurde.

Gestaltet hat die neue Ästhetik aber nicht Abrams, sondern ein Team unter Führung von Scott Chambliss, dessen Ideen nicht annähernd an die der verstorbenen TOS-Designer Matt Jefferies und Wah Ming Chang herankommen. Auch an den von William Ware Theiss gestalteten Kostümen pfuschte man herum und bedruckte beispielsweise die Uniformen mit Sternenflottenlogos, die "dem Look eine coole Struktur" geben sollten - so der für das Prequel verpflichtete Blade-Runner-Kostümbildner Michael Kaplan.

So sehen richtige Romulaner aus. Bild: CBS

Für "visuelle Effekte und Animation" zeichnet die George-Lucas-Firma Industrial Light & Magic verantwortlich, die heute einen Großteil der Hollywood-Erfolge macht - und genau so sieht das auch aus: Wie Durchschnittsware. Die Musik von Michael Giaccino ist nicht nur im Vergleich zur TOS-Titelmusik des Filmmusical-Komponisten Alexander Courage schlecht, sondern auch, wenn man die Soundtracks einzelner Folgen als Maßstäbe heranzieht. Auch sie wurden teilweise so sehr zu kulturellen Fixpunkten, dass beispielsweise ein paar Takte aus Gerald Frieds Musik zu Amok Time heute reichen, um in Cartoons Zweikämpfe einzuleiten.

Star Trek und Starship Troopers

Roberto Orci, der unter anderem die Drehbücher zu mediokren Filmen wie Transformers und Mission Impossible III sowie zur halbgaren Mystery-Serie Fringe schrieb, bezeichnet sich selbst als Star Trek Fan. Doch wo das Talent fehlt, da hilft auch kein Fantum. Zumindest nicht immer.

Die Handlung des neuen Star-Trek-Films birgt wenig Aufregendes: etwas Zorn des Khan, etwas Zeitreise-Tagesmenü und viel "so-war-das-damals-genau". Damit ist gemeint, dass in dem Prequel in vorherigen Filmen und Folgen angerissene Ereignisse explizit ausgeführt werden, etwa der Vorfall, als Kirk mit einem Trick den Kobayashi-Maru-Persönlichkeitstest "löst". Am meisten Vergnügen bieten dem entsprechend auch Wiedererkennungs-Ratespiele: In welcher Folge kamen die grünen Mädchen vom Orion vor? Und wo spielt Spock das erste Mal Harfe?

Bohrplattform der Romulaner

Herstellungsleiter Jeffrey Chernov bezeichnete den Film als "eine Art Kombination aus The Right Stuff und dem ersten Star Wars". Regisseur Abrams sprach von einem "Epos über zwei freche junge Männer [...], die das Zeug zu heldenhaften Führungspersönlichkeiten haben" und bei dem der Schwerpunkt auf Action liegen sollte - was er auch tut. Leider. Denn TOS war keinesfalls in erster Linie eine Actionserie, sondern ein Diskutieren philosophischer Fragen im optisch angenehmen Ambiente, eher (auch wenn dieser Vergleich sicherlich nicht ganz passt) ein Vorläufer des Literarischen Quartetts mit Mr. Spock als Marcel Reich-Ranicki, denn etwas, dass sich in eine Schublade mit Bud-Spencer-Filmen pressen ließe.

Die peinlichsten Szenen im Film zeigen Kirk als Car Crash Kid in Iowa: Weil ihm die strenge Hand des verstorbenen Vaters fehlt, ist er verludert und wird erst vom Militär und dessen Disziplin errettet. War TOS durch die weitgehende Abwesenheit solcher Klischees gekennzeichnet, so ist das Prequel teilweise fast eine Top-Gun-Soap und verherrlicht genau jene Militärmythen, mit denen die Serie in den 1960er Jahren brach.

Fallschirmspringen als "Action"

In TOS herrschte eine milde, weitgehend durchzivilisierte Form des Militärischen. Es gab zwar Ränge, aber der Umgangston war bemerkenswert wenig befehlsmäßig, vielmehr sachlich. Eine vernünftige Arbeitsteilung, die weitgehend ohne Unterordnungsrituale auskam. Diese Unterordnungsrituale und den Kasernenhofton gab es dagegen bei den expliziten Gegenentwürfen, bei den Klingonen, den Romulanern und der bösen Enterprise-Besatzung aus einem Paralleluniversum. In dieser Hinsicht war die Serie eine Art Antithese zu Robert Heinleins Starship Troopers. Der Prequel-Film vermengt beides, ist aber keine Synthese, sondern etwas, das einfach nicht zusammenpasst - wie Erdbeeren mit Curry-Ketchup.

Muss man sich den Film ansehen? Nein. Die Zeit lässt sich durchaus besser mit klassischen Folgen verbringen, die CBS Interactive für diejenigen, die mit einer amerikanischen IP-Nummer surfen, kostenlos (aber mit eingebetteter Werbung) als Flashstream zeigt. Meine Empfehlungen: City on the Edge of Forever, Corbomite Maneuver und Gamesters of Triskelion.

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