Der manipulierte Krieg
Die Rückkehr der Gewalt im Irak – nur ein kurzes Aufmerksamkeitsphänomen?
Mehr als 355 irakische Zivilisten und Sicherheitskräfte und 18 US-Soldaten wurden im vergangenen Monat durch Anschläge getötet, berichtete die LA-Times am Samstag. Die britische Sunday-Times meldete gestern mehr als 370 irakische Zivilisten und Soldaten – und 80 iranische Pilger -, die im April ums Leben kamen. Die Journalisten von McClatchy rechneten dem US-Präsidenten Obama vergangene Woche nach dessen 100-Tage-im-Amt-Rede vor, dass die Bilanz der zivilen Toten im April – allein in Bagdad über 200 - das Vorjahres-Niveau übersteigt. Obama hatte vergangenen Mittwoch davon gesprochen, "dass die Zahl der zivilen Toten auf sehr niedrigem Stand bleibt, wenn man sie mit dem vergleicht, was im letzten Jahr passierte".
Die spektakulären Anschläge, die in den Medien größeres Echo gefunden haben, werden in ihrer Wirkung von den amerikanischen Offiziellen kleingehalten. Was manche für möglich halten, das Wiederaufflammen der Gewalttätigkeiten im Irak, davon soll offiziell nicht die Rede sein. US-Regierungsvertreter betonen, dass der geplante Truppenabzug nicht verschoben werde. Außenministerin Clinton, die in der vergangenen Woche Bagdad besuchte, bezeichnete die Anschläge als nicht-signifikante Ausschläge, die keinen regressiven Trend bedeuten würden, und auf dieser Linie analysierten auch die Generäle die Lage. So gab sich der Sprecher der Mulitnationalen Truppen im Irak, Col. John Robinson, zwar ebenso wie Obama "besorgt" über die Anschläge, stellte aber klar:
Wenn man sich die Trends ansieht, gibt es nicht mehr Anschläge pro Woche. Die Anschläge sind von der Art qualitativ anders - "high-profile" -, aber die Zahlen bleiben niedrig. Sie suggerieren, dass es mehr Aktivität gibt, als es sie wirklich gibt.
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Allerdings hatte die amerikanische Sicht der irakischen Wirklichkeit in den letzten Jahren häufig nicht das im Blick, was es wirklich gab. Jetzt übersehe man die "vielen Bruchlinien der irakischen Gesellschaft", die es noch immer gebe, so die Worte eines anderen amerikanischer Besuchers, dem Präsidenten des US Council on Foreign Relations im Irak, Richard Haass. Man könnte es auch Bürgerkriegsrisiko nennen. Geblieben ist laut Korrespondentberichten aus dem Irak die Angst, dass die Konflikte zwischen den verschiedenen Gruppierungen leicht entflammbar bleiben. Auslöser könnten die frustrierten Awakening-Gruppierungen sein, die sich von Premier Nouri al-Maliki größere wirtschaftliche Unterstützung erwartet haben.
"Saddam Light" und die Frage, wie viele US-Truppen wie lange bleiben
Die britische Times ist davon überzeugt, dass sie an den Anschlägen im letzten Monat beteiligt waren; die Attacken richteten sich vor allem gegen Schiiten. Auf ungefähr 90.000 hatte man die Zahl der Erwachten, resp. "Söhne des Iraks", geschätzt, Geld und andere Unterstützung bekamen sie von den Amerikanern, die ihnen die relativ weniger gewaltsamen Verhältnisse im Irak mehr zu verdanken hatten als der Truppenaufstockung (und am meisten der örtlichen, zum Teil festungsgleichen Trennung der verschiedenen ethnischen und konfessionellen Gruppierungen). Nur 5.000 wurden von Maliki in den Dienst genommen. Die Amerikaner hatten mehr versprochen. Wenn es in den vergangenen Wochen Nachrichten von den "Erwachten" gab, dann waren es meist Festnahmen. Dass ein großer Teil von ihnen wieder zu den "Aufständischen" zurückgekehrt sind, davon berichten die Times-Korrespondenten:
A leading member of the Political Council of Iraqi Resistance, which represents six Sunni militant groups, said: "The resistance has now returned to the field and is intensifying its attacks against the enemy. The number of coalition forces killed is on the rise.
Das mag plausibel sein, ist aber bestimmt nur ein Teil der Wahrheit. Die Awakening-Bewegung und die Berichterstattung über das Wiedererstarken der "Insurgency" könnte die Frage, wann welche US-Truppen abziehen und wieviele und welche Kontingente bleiben, einer neuen Revision aussetzen. Der weiter oben erwähnte Think-Tank Präsident Richard Haass ist nicht der einzige Amerikaner mit Einfluss, der für eine stärkere US-Präsenz im Irak über 2011 hinaus plädiert. Interessant in diesem Zusammenhang ist in den nächsten Wochen, wie sich das Verhältnis zwischen dem irakischen Premier al-Maliki, der von Landeskennern als "Saddam Light" porträtiert wird, und den USA entwickelt.
Davon abgesehen stimmt das Beispiel der anderen großen Konfliktzone, die nach 9/11 aus dem Geist des War on Terror geschaffen wurde, Afghanistan, alles andere als zuversichtlich. Dort hatte man schnell Sieg und Frieden erklärt, die beide keine waren. Bald sprach man vom vergessenen Krieg in Afghanistan, als sich jene Realität wieder regte, von der das offizielle Amerika nichts wissen wollte.
http://www.heise.de/tp/artikel/30/30242/1.html- Offener Brief des irakischen Widerstandes an OBAMA (5.5.2009 12:11)
- Die Ölfrage als Kernpunkt ist im Irak weiterhin ungelöst (4.5.2009 20:28)
- Re: Irakischer Soldat erschießt 2 GIs... (4.5.2009 19:19)
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