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Zeitungen, News-Aggregatoren und Universitäten

05.05.2009

Wo die Konfliktlinien im "Urheberrechtsstreit" verlaufen. Neue Monopolrechte, Teil 4

Besonders aktiv bei den Forderungen nach neuen Monopolrechten ist der Springer-Verlag. Er bringt seine Autoren via "Allgemeine Geschäftsbedingungen" ohne viel Federlesens um genau jene Online-Nutzungsrechte, welche angeblich durch Google und Pirate Bay bedroht sind. Seine juristisch "auf Kante genähten" AGBs verteidigt der Verlag gegen seine freien Mitarbeiter wenn nötig auch vor Gericht - allerdings nicht immer erfolgreich. Der Springer-AG-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner, ein ehemaliger Musikkritiker, posiert zwar gerne als Marktradikaler, sieht aber offenbar großzügig darüber hinweg, dass er mit seinen neuen Monopolrechten gerade die Ausschaltung des Marktes fordert. Als Begründung für die angebliche Notwendigkeit eines neuen "Leistungsschutzrechts" nennt Döpfner unter anderem den Google-Konzern.

Wie Matthias Spielkamp im Immateriablog vermutete, würde Google (auch aufgrund eines entsprechenden Präzedenzfalls in Belgien) einer Aufforderung des Springer-Verlages, die Bild-Zeitung und andere Medien nicht mehr bei Suchanfragen einzubeziehen, wahrscheinlich umstandslos nachkommen. Allerdings hat Springer offenbar durchaus ein Interesse daran, dass genau das nicht geschieht: Sonst würde der Verlag seine Online-Angebote nicht für viel Geld Google-optimieren lassen. Angeblich auch mit "Tricks", die von der Konkurrenz als "Wettbewerbsverzerrung" empfunden wurden.

Dass es beispielsweise Welt Online darauf anlegt, bei Google möglichst oft vorzukommen, hat durchaus rationale, wirtschaftliche Gründe: Es bringt Page Impressions, die wiederum Werbekunden bringen. Das ist das Geschäftsmodell von Welt Online - und es scheint aufzugehen: Laut Döpfner schrieb die zu Print-Zeiten ewig defizitäre Welt-Gruppe 2007 erstmals schwarze Zahlen, die sie 2008 sogar noch steigern konnte. Angeblich geht das mittlerweile vielen der Online-Auftritte des Verlages so.

Verwunderlich wäre das nicht: Kann doch das Online-Portal des Springer-Flagschiffs, der Bild-Zeitung, mit mehr als einer Milliarde Page Impressions monatlich aufwarten. Die damit erwirtschafteten Werbeeinnahmen sind mit dafür verantwortlich, dass es dem Blatt trotz eines stetigen Auflagerückgangs blendend geht. Döpfner zufolge "erwirtschaftet [Bild] eine Rendite, da müsste man rot werden, wenn es das Logo nicht schon wäre". Insgesamt steigerte Springer 2008 trotz (oder wegen) Google seinen Umsatz um 5,8 Prozent und verzeichnete das bisher beste Ergebnis der Unternehmensgeschichte.

Universitäten als Konkurrenten der Zeitungen

Andere Zeitungsverlage, die nicht so stark auf Online-Angebote und Aktualität setzen, müssen da möglicherweise mehr Zukunftsangst haben. Nicht unbedingt vor Google, aber vielleicht vor einem Konkurrenten, der sich nicht so einfach direkt angreifen lässt und an den man auch nicht sofort denkt: Der Wissenschaft.

In manchen Medien wurde die Aufnahme von Open Access in den Heidelberger Rundumschlag als Versehen gewertet, das möglicherweise nur einem persönlichen Konflikt zwischen Roland Reuß und der DFG entspringt. Andere dagegen setzten noch eins drauf und stellten die Selbsthilfebewegung von Wissenschaftlern als ganz besonders verwerfliche Sünde wider das "Geistige Eigentum" dar. Zur Speerspitze dieser IP-Extremisten machte sich die FAZ, die den Juristen Volker Rieble am Mittwoch den 29. April noch einmal explizit dagegen polemisieren ließ: Mit dem Selbstverständnis eines Bailout-Bankers argumentierte der, dass Universitäten, Institute und Forschungsorganisationen, auch wenn sie für Gehälter, Stipendien und sonstige Kosten aufkommen, nicht einmal "sanften" Einfluss darauf nehmen dürften, wo und wie die Ergebnisse zugänglich gemacht werden.

Warum das so sein soll, ließ Rieble weitgehend offen, wetterte aber stattdessen über ein "Kosten- und [...] Sparinteresse des Wissenschaftsverbrauchers". Allerdings ist der "Wissenschaftsverbraucher" zu einem guten Teil identisch mit dem Wissenschaftler. Und dessen "Sparinteresse" ergibt sich zum einen daraus, dass ihm die Wissenschaftsverlage üblicherweise weder als Autor noch als Gutachter ein Honorar zahlen und zum anderen aus den Preisen, welche vor allem Elsevier und Springer Science and Business Media in irrwitzige Höhen trieben.

Wenn eine Zeitschrift wie das Journal of Comparative Neurology im Jahresabonnement mittlerweile 26.000 Dollar kostet, dann überlegen sich Universitäten und andere wissenschaftliche Einrichtungen zurecht, ob und wie sie Veröffentlichung und Qualitätskontrolle nicht besser hinbekommen. Angesichts einer Monopolrendite von 40 Prozent und mehr, die sich ohne Verlage einsparen lässt, klappt das bisher auch recht gut.

Die Wissenschaftler gewinnen dabei nur: Sie werden potentiell öfter und schneller gelesen, dadurch öfter zitiert und befördern so ihre Karriere. Zudem vermindern sich bei einer Open-Access-Veröffentlichung die Probleme mit entnervten Studenten und Professoren, die auch auf elektronische Ressourcen aufgrund einer künstlichen Verknappung nur nacheinander zugreifen dürfen und so wichtige Termine versäumen oder unnötige Verzögerungen auf sich nehmen müssen.

Wie sich mittlerweile immer mehr herauskristallisiert, sind auch die Qualitätsmaßstäbe bei Open Access keineswegs niedriger. Möglicherweise auch deshalb, weil das System weniger korruptionsanfällig ist. Darauf deuten unter anderem Enthüllungen hin, nach denen der Pharmahersteller Merck gefälschte Daten in einer vermeintlich wissenschaftlichen Zeitschrift namens Australasian Journal of Bone and Joint Medicine unterbrachte. Angeblich bezahlte Merck den renommierten Naturwissenschaftsverlag Elsevier für das Veröffentlichen dieser Zeitschrift, deren Artikel weder in der Medline noch im Web auffindbar sind. Zweck dieses Manövers soll gewesen sein, dass man Ärzten PR-Informationen vorlegte, in denen man auf dort veröffentlichte günstige Studien verwies und mit dem Verlagsnamen deren Richtigkeit suggerierte.

Open Access führt aber auch dazu, dass Universitäten und Institute zunehmend mit Zeitungen konkurrieren, weil wissenschaftliche Schriften erstmals einer größeren Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, die sie auch verstärkt nutzt. Für einen Bedarf, den früher zu einem guten Teil die Zeitungen befriedigten: Vertiefende Analysen, auf die in gewinnorientiert arbeitenden Medien aufgrund eines zunehmenden Aktualitäts- und Renditedrucks mehr und mehr verzichtet wurde.

So vermisste man beispielsweise in den Internet-Angeboten[1] der deutschen Tageszeitungen jedes nähere Eingehen auf die McCreevy-Richtlinie, mit der die Monopolrechte von Musikverlagen verlängert werden sollen, fand dafür aber direkt beim Max-Planck-Institut ein außerordentlich lebendig geschriebenes und viel verlinktes Papier, welches das Vorhaben nicht nur allgemeinverständlich erklärte, sondern auch ein Lesevergnügen war, wie man es in Feuilletons und Wochenendbeilagen lange suchen muss. Ähnlich liegt der Fall beim Lissabon-Vertrag und den öffentlich zugänglichen Vortragsaufzeichnungen des Erlanger Juraprofessors Karl Albrecht Schachtschneider.

Mittlerweile denkt man auch an Universitäten über die Möglichkeiten nach, die solch eine neue Breitenwirkung eröffnet: So experimentiert beispielsweise der Münchner Kunsthistoriker Hubertus Kohle mit der besseren Verschlagwortung großer Bilddatenbanken über ein spielerisches Social Tagging - ihm zufolge ein Versuch, "das kollektive Wissen von Laien anzuzapfen, eine Strategie, die die Wissenschaft vor allem in Bereichen, in denen Feldforschung eine Rolle spielt, in Zukunft bereichern wird".

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