Automatische Kritikbremse

19.05.2009

Wo sich das Strafrecht mit Hexerei und Penisschrumpfzauber beschäftigt

Drittweltstaaten haben häufig andere Tabuthemen als entwickelte Länder. In mehreren afrikanischen Ländern ist es beispielsweise nicht ungefährlich, staatliche Hexenverfolgung zu kritisieren.

Eines davon ist Gambia. Das ehemals britische Gebiet zieht sich etwa 320 Kilometer lang in einem 48 Kilometer oder weniger breiten Streifen an den Ufern des Gambia-Flusses entlang und ist vollständig vom früher französischen Senegal umgeben. Trotzdem lediglich 1,8 Millionen Einwohnern ist Gambia ein Vielvölkerstaat in dem etwa 40 Prozent Mandingo, knapp 20 Prozent Fulbe 15 Prozent Wolof und mehrere kleinere Volksgruppen leben.

Amnesty International zufolge steht es in dem Land weder um die Rechtsstaatlichkeit noch um die Pressefreiheit zum Besten: Danach weigern sich Anwälte, Menschenrechtsfälle zu übernehmen, weil sie Nachteile für sich befürchten. Aus diesen Gründen finden sich auch kaum Zeugen, die vor Gericht aussagen. Im November 2004 wurde ein Presserecht verabschiedet, das auch bei Ehrverletzungsdelikten Gefängnisstrafen erlaubt, was AI nach zu einer effektiven Selbstzensur führte.

Beherrscht wird das Land vom Präsidenten Yaya Jammeh, der sich im Juli 1994 an die Macht putschte und seitdem alle Wahlen mit bequemen Mehrheiten gewann. 2007 trat Jammeh als Wunderheiler im Fernsehen auf und behauptete unter anderem Aids zu kurieren. Eine WHO-Abgesandte, die das anzweifelte, wurde umgehend des Landes verwiesen.

Nachdem Anfang des Jahres Jammehs Tante starb, wurden dem UNHCR zufolge Hunderte (vor allem ältere) Menschen festgenommen. Viele der Opfer kamen aus dem Bezirk Foni Jarrol im Südwesten des Landes, wo auch die Farm des Präsidenten liegt. Durchgeführt wurden diese Festnahmen danach nicht nur von der Polizei, sondern auch von der Armee, vom Geheimdienst und von der Präsidentengarde, den "Green Boys". Dass letztere beteiligt waren, wird als Zeichen eines Befehls von der Staatsspitze gesehen.

Die Opfer erzählten, dass sie in Lagern festgehalten und von Hexenjägern aus dem benachbarten Guinea untersucht wurden. Dazu mussten sie unter anderem ein Kräutergebräu trinken, das zu Halluzinationen und Bewusstlosigkeit führte. Außerdem wurden sie mit Schusswaffen bedroht und geschlagen. Auch zu Vergewaltigungen und Raub soll es gekommen sein. Zwar ließ man alle Verdächtigen wieder frei, aber zwei Personen starben kurz darauf an Nierenversagen - möglicherweise aufgrund der gewaltsam verabreichten Tränke. Mehrere wurden im Royal Victoria Teaching Hospital in der Hauptstadt Banjul behandelt.

Der Oppositionspolitiker Halifa Sallah, der am 5. Februar in der Zeitung Foroyaa über die Entführungen schrieb, wurde am 15. März wegen Spionage und Volksverhetzung festgenommen, später ließ man diese Vorwürfe allerdings wieder fallen. Exilgambier sahen bei diesen Vorgängen trotzdem Prinzipien im Gange, die auch in anderen Staaten und zu anderen Themen wirken: Die Angst, selbst in den Verdacht zu geraten, hat nicht bloß zur Folge, dass sich nur wenige Stimmen zu Verteidigung der Beschuldigten erheben, sondern führt auch dazu, dass das System der Verfolgung relativ unangreifbar bleibt.

Gambia ist nicht das einzige Land, in dem Hexerei staatlicherseits geahndet wird und in dem Kritiker sehr schnell in den Ruch geraten können, selbst daran beteiligt zu sein: Teilweise stammen diese Anti-Hexerei-Vorschriften aus der Kolonialzeit und sollten sowohl den Aberglauben eindämmen als auch Unruhen vermeiden helfen.

In seiner harmlosen Form werden Anti-Hexerei-Vorschriften nur gegen offen aufgeführte Rituale angewendet, etwa in Tansania, wo Fußballclubs, welche dies auf dem Platz praktizierten, mit Geldbußen belegt wurden. Allerdings sind nicht alle Rituale unschädlicher Mumpitz: Nicht deshalb, weil sie über die Erzeugung von Angst hinaus Auswirkungen hätten, sondern, weil dafür teilweise Menschen getötet werden. Besonders begehrt sind Albinos.

Allerdings werden Verhaftungen nicht nur wegen offen aufgeführter Rituale, sondern auch wegen angeblicher Auswirkungen von Hexerei durchgeführt - beispielsweise in der Zentralafrikanischen Republik, wo es regelmäßig zu Verhandlungen wegen Vorwürfen wie Unwetterverursachung, Seelenraub und der Verwandlung von Menschen in Tiere kommt. Im benachbarten Kongo verhaftete die Polizei im letzten Jahr 14 Personen, die beschuldigt wurden, die Penisse anderer Männer geschrumpft zu haben. Nach später gemachten Behördenangaben wurden die Verhaftungen allerdings nur deshalb vorgenommen, damit es nicht zu Lynchjustiz kam.

Die kommt tatsächlich immer wieder vor: Nicht nur in Ghana, wo in den 1990er Jahren 12 angebliche Penisschrumpfer gelyncht wurden, sondern auch in Benin, wo es 2001 fünf Männer traf und in Kenia, wo ein Mob am 21. Mai letzten Jahres acht Frauen und drei Männer verbrannte, die der Hexerei beschuldigt wurden. Teilweise wird die Selbstjustiz auch auf anderen Kontinenten gepflegt: In Großbritannien kam 2005 ans Licht, dass dort drei Angolaner eine achtjährige "Hexe" gefoltert hatten.

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