Medien- und Wissenschaftsspektakel um einen fossilen Fund

20.05.2009

Die Entdeckung eines möglichen gemeinsamen Vorfahren von Affen und Menschen in Hessen wurde von Wissenschaftlern exzessiv kommerzialisiert

In der Grube Messel bei Darmstadt wurde vielleicht ein wichtiges Verbindungsglied für die Evolution der Affen und damit auch der Menschen entdeckt. Ein internationales Wissenschaftlerteam vermutet, dass das vollständige Primatenskelett, das unter seltsamen Umständen gefunden wurde, einer neuen Art zugehört, die Darwinius masillae genannt wurde, um Charles Darwin zu ehren und den Fundort zu benennen.

Der jugendliche Primat könnte einer der Vorläufer aller Neu- und Altweltaffen sein, möglicherweise könnte er auch an dem Evolutionszweig stehen, an dem die Eigentlichen Affen sich in der Evolution von anderen Primaten wie den Lemuren oder Loris abgespalten haben. Zumindest versucht das Wissenschaftlerteam in ihrem Artikel, der in PLoS One erschienen ist, und in anderen Äußerungen die Behauptung zu stärken, es handle sich um ein wichtige Verbindung.

So wurden denn auch das zum großen Auftritt vorbereitete Buch und ein Film dazu "The Link" genannt. Die Website heißt Revealing the Link und verspricht, man habe den "ältesten Vorfahren des Menschen" gefunden. Hier im History Channel, der auch mit dabei ist, wird der Fund als der wichtigste seit 47 Millionen Jahren verkauft. Das ist für eine wissenschaftliche Veröffentlichung schon sehr dick aufgetragen und macht eher den Eindruck, dass damit möglichst viel Aufmerksamkeit und Geld generiert werden soll.

Ida, die der neuen Primatenart Darwinius masillae angehören und ein Verbindungsglied in der Evolution der Affen sein soll. Bild: PLos One

Der weibliche Primat mit einer Körpergröße von etwa einem Meter starb vor etwa 47 Millionen Jahren im Mittleren Eozän am Rande eines vulkanischen Sees in dem damaligen Regenwald bei der Grube Messel, die seit 1995 ein UNESCO-Weltnaturerbe ist, das einzige in Deutschland. Der See in dem Maarkrater, der für viele Tiere zur tödlichen Falle wegen der giftigen Dämpfe wurde, hatte keinen Zufluss, das Wasser enthielt keinen Sauerstoff und schnell von Algen überdeckt, so dass die Lebewesen im entstehenden Faulschlamm erhalten blieben. Durch den auf ihn lastenden Druck wurde dieser entwässert und verhärtet, wodurch sich eine Ölschieferfläche bildete. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Ölschiefer abgebaut. Die ersten Ausgrabungen fanden zwischen 1971 und 1985 statt, nachdem der Abbau eingestellt worden war.

Schulter und Arme der neuen Art. Bild: PLoS One

Bislang hat man dort zwar viele gut erhaltene Fossilien von Insekten bis hin zu Säugetieren, beispielsweise die Urpferdchen, gefunden, aber nur wenige Überreste von Primaten. Vermutlich wurde das Fossil der neuen Art bereits 1983 beim Schildkrötenhügel gefunden, allerdings in zwei Teilen. Der unvollständige Teil B wurde 1991 von Dr. Burghard Pohl für das Wyoming Dinosaur Center in Thermopolis, Wyoming, erworben und zunächst als Godinotia neglectus eingeordnet. Das vollständigere Teil A wurde 2007 vom Naturhistorischen Museum der Universität Oslo erworben. Die beiden Teile wurden schließlich durch die norwegischen Wissenschaftler um Jorn Hurum als Teile desselben Tieres identifiziert und ergänzten sich entsprechend zu einem fast vollständig erhaltenen Skelett, von dem auch die Körperkontur und selbst Teile seiner letzten Mahlzeit (Früchte, Samen, Blätter) zu sehen sind.

Jetzt hofft Hurum, dass dieses Fossil in allen Büchern für die nächsten 100 Jahre Eingang finden wird: "Dies ist die erste Verbindung zu allen Menschen." Auch Jörg Habersetzer vom Forschungsinstitut Senckenberg sagt, dass "dieses Fossil unser Verständnis von der frühen Evolution der Primaten" verändert.

Die Wissenschaftler schätzen, dass der weibliche Primat etwa 9 Monate bei ihrem Tod alt gewesen dürfte. Ausgewachsen hätte das Affenweibchen Ida, genannt nach der Tochter von Hurum, vermutlich 650-900 g wiegen können. Sie hat sich bereits selbständig ernährt, bewegte sich vierfüßig und lebte vorwiegend in den Bäumen des Regenwalds. Die Wissenschaftler vermuten, dass Ida eine Übergangsform zwischen den Feuchtnasenaffen und den Trockennasenaffen bildet. Von letzteren stammen die Eigentlichen Affen und der Mensch ab. Von den Feuchtnasenaffen unterscheidet sich Ida, weil sie keine Putzkralle an der zweiten Zehe ihres Fußes und keinen Zahnkamm im Unterkiefer hat. Das zeige, dass Darwinius masillae nicht zu den Lemuren gehört, sondern zur größeren und älteren Familie der Adapoidea.

Der Fund wurde von den Wissenschaftlern exzessiv gehypt, um möglichst prominent in den Medien aufzutauchen. Es gibt neben der Veröffentlichung der Studie in Open Access Zeitschrift PLoS One Filme in Fernsehsendern (ZDF, BBC, ABC), eine Vorstellung im American Museum of Natural History, ein Buch und eine eigene Webseite. Die Kritik mancher Wissenschaftskollegen weist Hurum aber zurück: "Jede Popgruppe macht dasselbe, jeder Sportler macht dasselbe. Wir müssen auf dieselbe Weise in der Wissenschaft denken." Wenn das Schule macht, werden wir uns noch auf einiges einstellen müssen. Interessant ist dabei auch, wie eine Open-Access-Publikation zugleich massiv kommerziell verwertet wird.

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