Wozu das Zölibat taugt?

23.05.2009

Die Antwort ist einfach. Zum Kinderficken

Zehntausende Kinder in Irland sind sexuell, körperlich und emotional missbraucht worden - von Nonnen, Pfarrern (d.h: von katholischen "Priestern") und anderem Personal der (katholischen) Kirche. Und das über Jahrzehnte hinweg. Jeweils in Internaten, Schulen und Wohnheimen, die in erster Linie für die Kinder der Armen, für die Verwundbaren und Unerwünschten hätten Sorge tragen sollen. Das erfährt man aus einem 2.600-Seiten-Report, der soeben in Dublin erschienen ist.

Ich lese darüber in der Online-Ausgabe der New York Times. Das Bild dieser Institutionen, das sich aus dem Bericht ergibt, meint das Blatt, ähnele mehr den Waisenhäusern aus den Romanen eines Charles Dickens, als dem von Schulen des 20. Jahrhunderts. Hier wurde Liebesentzug und Grausamkeit nicht nur gelegentlich und nebenbei, sondern systematisch und organisiert ausgeteilt.

"Ein Klima der Angst, geschaffen durch umfassende, überzogene und willkürliche Strafmaßnahmen, durchzog die meisten dieser Institutionen", stellt der Bericht fest. In jenen Schulen, die nur von Jungen besucht wurden, heißt es zudem, war der sexuelle Missbrauch der Schüler "endemisch", d. h. in diesen Bereichen durchgängig üblich.

Der Bericht, den eine staatlich eingerichtete Kommission in neunjähriger Arbeit zusammenstellte, sollte eigentlich dazu dienen, ein schwarzes Kapitel der irischen Geschichte aufzudecken und zugleich ein für allemal den Sargdeckel des Vergessens darüber zu schließen. Das hat nun wiederum die Gruppen der Opfer und Betroffenen in Rage gebracht, da der Bericht sich über die Täter ausschweigt. Es werden keine Namen genannt. So können sie auch nicht gerichtlich belangt werden. Der Bericht taugt als gerichtliche Handhabe also nur wenig.

Dass dies so ist, verdankt sich einem erfolgreichen juristischen Eingreifen der "Christian Brothers", jenes religiösen Ordens, der viele dieser Jungenschulen betrieben hat und - in letzter Instanz eben erfolgreich - nun dafür sorgte, dass die Identität der Schuldigen gelöscht wurde. Bereits 2003 war die erste Vorsitzende der Kommission zurückgetreten, weil das irische Erziehungsministerium sich weigerte, grundlegend wichtige Dokumente herauszurücken. Der Bericht bezieht sich auf die Zeit von den Dreißigerjahren bis in die Neunzigerjahre, als die letzte dieser Institutionen geschlossen wurde.

Hier wurde zum ersten Mal gezeigt, welche Ausmaße das Problem in Irland angenommen hatte, und in welcher Art und Weise Regierung und Kirche hier zusammen und "dicht" hielten, um dieses Missbrauchssystem weiterhin am Leben zu erhalten. Die katholische Kirche, um die es hier - man muss schon sagen: selbstverständlich - wieder geht, hat durch diese Offenbarung einiges an moralischer Autorität und politischer Macht in Irland eingebüßt - meint zumindest die New York Times.

Der Bericht kritisiert das irische Erziehungsministerium, dem die Aufsichtspflicht für diese Schulen oblag, insbesondere wegen seiner "zahnlosen" Kontrollen, seiner Bereitwilligkeit, eklatante Probleme zu ignorieren und sich jederzeit der Autorität der Kirche zu beugen.

Die Dokumentation basiert auf alten innerkirchlichen Aufzeichnungen über unterdrückte Missbrauchsfälle und zum Teil auch anonyme Zeugenaussagen von 1.060 früheren Schülern, die in insgesamt 216 unterschiedlichen, meist kircheneigenen Schulen untergebracht waren, darunter auch Reformatorien und so genannte industrielle Schulen, die dazu dienten, vernachlässigte, verwaiste oder sich selbst überlassene Kinder zu versorgen.

Die meisten dieser früheren Schulkinder sind heute zwischen 50 und 80 Jahren. Rund 30.000 solcher Kinder sind im Laufe von sechs Jahrzehnten in solche Schulen gesteckt worden, oft gegen den Willen der Eltern, aber auf Druck der ortsansässigen Pfarrer hin. Gewöhnlich deshalb, weil die Familien zu arm waren, um sich der Kinder anzunehmen. Auch wenn ein Kind aus einer außerehelichen oder unehelichen Beziehung der Mutter stammte, oder wenn das eine oder andere Elternteil krank war, zur Trunksucht neigte oder die Kinder misshandelte, und wenn die Kinder selber kleine Diebstähle begangen oder die Schule geschwänzt hatten - in all diesen Fällen wurden die Kinder an solche Institutionen verwiesen. Viele dieser einstigen Schüler sagten aus, sie hätten erst Jahrzehnte später erfahren, wie sie eigentlich mit richtigem Namen hießen, während umgekehrt ihre Eltern ohne Erfolg versucht hätten, ihre Kinder aus der Obhut des Staates zurückzufordern.

Dickens-Zustände

Eine Litanei von Strafen, die an ein Kriegsgefangenenlager erinnert, wie die New York Times meint, hätten die Schüler in den Jungenschulen erdulden müssen, darunter: Prügel, Stockschläge, gewalttätige und körperliche Angriffe, Schläge mit der Hand, Fußtritte, Ziehen an den Ohren und Haaren, Rasieren des Kopfes, Schläge auf die nackten Fußsohlen, Verbrennungen, Verbrühungen, Stiche, harte Schläge im unbekleideten Zustand, gezwungenermaßen Knien oder in bestimmten Körperhaltungen längere Zeit über Verharren, Übernachten im Freien, übermäßig kalte oder heiße Bäder oder Duschbäder, vor dem Schlagen mit dem Schlauch kalt abgegossen werden, geschlagen werden, während man an Haken an der Wand hängt, die Hunde auf sich gehetzt bekommen, geknebelt oder gefesselt werden, bevor man geschlagen wird, körperliche Angriffe von mehr als einer Person und mit Objekten beworfen werden.

Einige dieser Schulen funktionierten im Grunde wie Kinderfabriken. In einer der Schulen, Goldenbridge, arbeiteten bereits siebenjährige Mädchen täglich mehrere Stunden lang in der Herstellung von Rosenkränzen (auf Draht aufgeschnürten Gebetsperlen) - und hatten richtige Arbeitssolls zu erfüllen. 600 Perlen an Werktagen, 900 an Sonntagen.

Mädchen wurden routinemäßig sexuell missbraucht, oft von mehr als einer Person, und zwar, dem Bericht zufolge, "in Schlafsälen, Schulen, Fahrzeugen, Badezimmern, in den Schlafräumen der Erzieher, in den Kirchen, den Sakristeien, auf den Feldern, in den Dielen, in den Wohnräumen der Geistlichkeit, an Urlaubssorten und im Beisein der Paten und Dienstgeber."

Der Vatikan, so meinte die New York Times, hätte dazu keine Stellungnahme abgegeben. Aber die Chefs der verschiedenen geistlichen Orden - die während der Untersuchung oft darauf bestanden hatten, dass es sich hier um ein Relikt aus vergangenen Zeiten handelte, wo noch andere gesellschaftliche Standards gegolten hätten - offerierten ihre allerunterwürfigsten Entschuldigungen, nicht ohne geflissentlich darauf hinzuweisen, dass diese Dinge nun als längst überwunden anzusehen seien.

Kardinal Sean Brady, der katholische Primat über ganz Irland, äußerte in einer Mitteilung, er sei "profoundly sorry and deeply ashamed" - und fügte hinzu: "Ich hoffe, dass die Veröffentlichung des heutigen Berichts dazu beitragen wird, die Wunden der Opfer zu heilen und die Fehltritte der Vergangenheit aufzuklären."

David Clohessy, Leiter einer Gruppe, die sich Survivors Network of Those Abused by Priests (Netzwerk Jener, die von Priestern missbraucht wurden und es überlebt haben) nennt, sagte, der Bericht wäre seiner Aufgabe nicht nachgekommen, die Schuldigen der Gerechtigkeit zuzuführen, aber er hätte immerhin klar darauf hingewiesen, wo die Schuld zu finden sei - bei der Kirche. In einem Interview sagte er, "während grässliche, von überall hereinkommende Berichte über sexuellen Missbrauch und seine Vertuschungen bedauerlicherweise ziemlich alltäglich sind, ist das Wichtige hier, dass ein Gremium unmissverständlich festgestellt hat, dass das ganze Mit-dem-Finger-auf-andere-deuten-und-anderen-die-Schuld-zuschieben-und-nach-Entschuldigungen-suchen der Kirchenhierarchie nichts als eine betrügerische Finte ist."

Die Kommission wurde IM JAHR 2000 ins Leben gerufen, nachdem es in den Neunzigerjahren eine Aufsehen erregende Serie von Rundfunkprogrammen und Fernsehdokus gegeben hatte, in denen sich abzeichnete, dass es ein schreckliches Geheimnis gab, über das die gesamte irische Gesellschaft jahrzehntelang Stillschweigen bewahrt hatte. Als die Details darüber, was in diesen Kinderheimen stattgefunden hatte, offenbar wurden, entschuldigte sich im Jahr 1999 Bertie Ahern, der damalige Premierminister, in aller Form bei den Opfern dieses sexuellen und körperlichen Missbrauchs. Seit damals sind die Anschuldigungen und die Frage nach der gerichtlichen Verfolgung der Täter ein XXXX-Thema in Irland geblieben - aber auch unter irischen Auswanderern in anderen Teilen der Welt. Im Jahr 2002 zahlte die katholische Kirche in Irland 175 Millionen Dollar an die Opfer des sexuellen Missbrauchs durch Angehörige der Kirche. Eine andere Gruppe hat bisher 1.5 Milliarden Dollar an 10.000 Missbrauchsopfer in staatlichen und kirchlichen Institutionen ausgezahlt.

Terence McKiernan, der Präsident von BishopAccountability.org, einer amerikanischen Gruppe, die ein Internetarchiv zum Thema sexueller Missbrauch durch katholische Geistliche unterhält, äußerte sich dahingehend, dass der Bericht nicht weit genug gegangen sei und deshalb als Fehlschlag gelten müsste: "Der Bericht ist bedeutsam dahingehend, dass er eine detaillierte Anatomie vorlegt, wie und in welchen Institutionen der Missbrauch stattgefunden hat", sagte er in einem Interview mit der New York Times. "Das Problem ist nur, dass man fast 10 Jahre damit verbringt und wer weiß wie viel Geld, ausgibt, und am Schluss kommt man trotzdem nicht zu dem Punkt, wo man genau sagen kann, wer an dem Ganzen Schuld war."

Deutschland, Österreich und Neuseeland

So weit meine hingeschluderte Wiedergabe des Berichts über die irischen Verhältnisse, der mich aus New York in Neuseeland erreicht. Ich schicke ihn weiter an einen deutschen Freund, der mir antwortet:

Tja, ist normal. Gab's in D-land auch. Ein Kumpel von mir hat solche Zustände in Aachen im Höfer Haus erlebt. Der war allerdings nicht lange dort. Hat einem "Bruder" die Nase geknickt und ist abgehauen. Hat sich dann mit 14 alleine durchgeschlagen. Die Brüder haben die Institution ca. 10 Jahre später wegen Geldmangel geschlossen. Es gab keine Anklagen oder Untersuchungen, alle haben den Mund gehalten...

Das war vor ungefähr 30 Jahren. Ich erinnere mich jedoch auch an ein katholisches Kinderheim im Burgenland, Österreich, wo noch vor knapp sieben Jahren die Heimleiterin den Kindern einen einzigen Unterhosenwechsel pro Woche gestattete, und wo ein erwiesener Päderast, nachdem er sich an einigen der jungen Burschen vergangen hatte, stillschweigend an die nächste Institution weiter gereicht wurde. Als "Erzieher". Auch mit dem Essen war es wie bei Dickens. Die Heimleitung speiste fürstlich, die Kids bekamen irgendwas Grausliges. Warum niemand sich was zu sagen getraut hat? Ja, wenn man zwei Kinder zu versorgen hat und weit und breit keinen anderen Job findet, hält man eben brav die Klappe. Wer will schon im katholischen Österreich gegen die Kirche und die Caritas den Mund aufreißen? Der hervorragende österreichische Kriminalfilm "Silentium" nach einer Vorlage von Wolf Haas thematisiert genau diesen Bereich und verstößt damit gegen mehr Tabus, als es in ganz Hollywood überhaupt gibt.

Dennoch: einen Skandal irgendwelcher Art gab es nicht. Die katholische Kirche hat gelernt, Angriffe einfach ins Leere laufen zu lassen. Und sie weiß, sie hat die jeweilige Staatsmacht (in Österreich) fest im Griff. Man denke nur an den Wiener Oberpäderasten, Kardinal Nuntius Hans Hermann Groer, der schon im halbsenilen Zustand krebskranken Kindern an die Schwänze fasste und dann eilends in eine geschlossene Abteilung im Vatikan entführt wurde, um nur ja keinen Wirbel entstehen zu lassen. Mehr von solchen Geschichten gibt es bei rockundliebe.de.

Das Problem ist natürlich ein internationales, aber es ist auch ein spezifisch katholisches. Ich erinnere hier an den Film Freeway II, den man nur mit starken Nerven ertragen kann. Das als Kind sexuell gequälte Opfer wird selbst in der Folge zum Täter. Aber die besonders explosive, die explosivste Mischung ist dabei immer die aus irischen und katholischen Elementen. Wenn der Katholizismus als solcher bereits eine schlimme Sache ist - der irische ist es um so mehr. Der irische Katholizismus ist "Bad News Catholicism". Das hängt sicher historisch damit zusammen, dass der Katholizismus in Irland der älteste in Europa ist. Wer im Religionsunterricht in Deutschland aufgepasst hat, wird sich erinnern, dass es IRISCHE Missionare waren, die den heidnischen Germanen einst den wahren Glauben nahe brachten, nicht etwas römische. Irische Katholiken zeichneten sich durch einen besonderen Fanatismus aus, der sich bis heute nicht allein durch die jahrzehntelangen Bombardements und Attentate in Irland und andernorts manifestiert, sondern ebenso durch genau diese Quällust und sexuelle Abartigkeit, die wir aus dem obigen Report kennen lernen.

In Neuseeland, besteht ein Drittel der Bevölkerung aus Katholiken - sofern man die Anglikaner nicht auch als Katholiken rechnen möchte, dann wären es noch mehr -, und die meisten regulären Katholiken sind auch irisch oder irischstämmig. Eine Freundin, die, als Nicht-Katholikin, an einer katholischen Schule Musik unterrichtete, legte nach einem Jahr den Job nieder, weil sie die Grausamkeit und Gehässigkeit der frommen Schwestern einfach nicht mehr mit ansehen konnte. Ein befreundeter Lehrer, Katholik, später Parlamentsabgeordneter der Labour Partei, erzählte mir einmal, wie zu seiner Schulzeit die Klassenlehrerin, eine Nonne, ins Klassenzimmer gekommen sei und den Kids folgende Frage vorgelegt hätte: "Wenn jetzt in diesem Moment ein Kommunist mit einem Maschinengewehr ins Klassenzimmer rein käme - wer von euch würde sich für Jesus Christus freiwillig totschießen lassen?" - "Ich! ICH!" hätten darauf hin übereifrig die Streber gerufen. Dann sei einer nach dem anderen aufgestanden, bis zuletzt jedes Kind gestanden hätte. "Brav! Jetzt dürft ihr euch wieder setzen."

Das ist christlicher Islamismus. Was die katholische Kirche in Neuseeland unverwundbar macht, ist indessen, dass sie in ihren Schulen gezielt auf intelligente und talentierte Schüler Jagd macht - ein frühes Headhunting - und diese Leute fördert, indem sie ihnen ein Jura-Studium ermöglicht und sie in Folge in Chefetagen katapultiert. Ich würde nicht sagen, dass alle Rechtsanwälte in Neuseeland Katholiken sind, aber da, wo es ums Eingemachte geht, stehen katholische Rechtsanwälte bereit, katholische Interessen zu verteidigen. Ein Report wie der jetzt in Irland zustande gekommene wäre in Neuseeland undenkbar.

Krimineller irischer Katholizismus in den USA

Und ebenso in Amerika. Der irische Katholizismus ist der gleiche, dem wir in Amerika begegnen - umgetopft, verpflanzt - in Nordamerika, vor allem in den USA. Nicht umsonst zahlte die amerikanische katholische Kirche hunderte Millionen Dollar an Entschädigungsgeldern an Opfer des sexuellen Missbrauchs durch Geistliche. Kriminell war der irische Katholizismus in Amerika bereits zur Zeit der Gangs - zu sehen in Frederic M. Thrashers bahnbrechender Studie The Gang (1927) über Jugendbanden in Chicago -, aber das Thema lässt sich fast nur in einem "fiktiven" Rahmen festmachen, alles andere würde einem Autor Kopf und Kragen kosten. A Season in Purgatory (1993) von Dominick Dunne zeigt, wie eine katholische Familie, die sehr der Kennedy-Familie ähnelt, mit Geld und der Rückendeckung durch den Kardinal und den Papst selbst, verbrecherische Machenschaften in Amerika deckt - verdeckt, zu-deckt - selbst den Sexualmord eines Familienmitglieds jahrzehntelang vertuschen und zuletzt sogar einen Freispruch erwirken kann. Dunnes Bruder John Gregory Dunne schrieb True Confessions, als Film mit Robert de Niro und Robert Duvall, wo der Priester und der Cop, zufällig ungleiche Brüder, aufeinander stoßen. Der Rechtsbewahrer und der Rechtsverdreher - zwei Seiten der gleichen Münze, des irisch-amerikanischen Katholizismus.

Ich bin überzeugt, dass der Motor des Katholizismus, das, was ihn zu einer verbrecherischen Krankheit werden lässt, seine verbogene und verkrampfte und krankhaft verdrehte Sexualität ist. Wer sich die Songs von "Crowded House" reinzieht, einer neuseeländischen Band der katholischen Gebrüder Finn, mag sich fragen, worum es da denn die meiste Zeit eigentlich geht? Um Seelenpein, um verklausulierte, nur für Katholiken verständliche Geheimnisse, um lebenslang herumgeschleppte Qualen. Um das Leiden an der Sexualität.

Selbst da, wo sich im katholischen Irland Sexualität scheinbar frei und fröhlich austobt, ist sie eingezwängt von den Nippelklammern des Katholizismus. Wenn man an einen deutschen katholischen Schriftsteller denkt - sucht man lange, kommt man vielleicht auf Heinrich Böll, und unterdrückt ein gelangweiltes Gähnen. Einen irischen Schriftsteller, der nicht katholisch ist, der nicht in jedem zweiten Satz mit Sex und Katholizismus ringt, gibt es gar nicht.

Hier ein paar Auszüge aus den überschwänglichen Liebesbriefen von James Joyce, der zufällig kein Päderast war, an seine Frau:

7. August 1909

Hast Du Dich zuvor von irgendjemand anderem ficken lassen, ehe Du damals zu mir gekommen bist? Du sagtest mir, dass ein Herr namens Holohan (ein braver Katholik, natürlich, der seinen Osterpflichten gewiss regelmäßig nachkommt) Dich ficken wollte, als Du in diesem Hotel dort warst, unter Verwendung dessen, was man einen "Pariser" nennt. Hat er es denn getan? Oder hast Du ihm nur erlaubt, Dich zu streicheln und mit seinen Händen an Dir herumzufummeln?

Und auch hier, wie in allen weiteren Zitaten, immer wieder die Verquickung aus sexuellen Vorstellungen mit religiösen, er stellt sich seine Frau als Hure, als Heilige, und fast durchgängig als Mädchen vor, ihr Körper gilt ihm als Kapelle, oder der Sexualakt gilt als sündig und anstößig, als "säuisch", und strafwürdig, man findet durchweg die Vermengung des sexuellen mit dem religiösen Diskurs. Kaum anders (als die Briefe von Joyce an Nora Barnacle) darf man sich auch die internen Monologe irischer Kinderschänder vorstellen.[1]

Ich dachte, ich würde ein paar Einsichten zu diesem Thema bei Karl-Heinz Deschner finden, der die - man muss schon fast sagen - sehr "spaßige" "Kriminalgeschichte des Christentums" verfasst hat. Es ist aber keine "Sexualgeschichte des Katholizismus" geworden. Da muss wohl noch ein anderer kommen. So finden sich bei Deschner zu dem Wort "Zölibat" (in der digitalisierten Ausgabe, die man bei Zweitausendeins für "nen Appel und n Ei" erstehen kann) knapp ein Dutzend Aufscheinungen, allesamt aus längst vergangener Zeit. Immerhin erfährt man, dass das Zölibat nicht in erster Linie deshalb eingeführt wurde (spät, nach Jahrhunderten erst) weil dadurch die Priester zu weltabgewandten Heiligen werden sollten, sondern, um das Geld, den Besitz, das Erbe der Kirchenleute innerhalb der Kirche zu bewahren. Die Kinder der Priester wurden automatisch enterbt. Ob hinter der Kinderquälerei, die wir nun einmal offiziell aus Irland bestätigt bekommen haben, nicht vielleicht URSPRÜNGLICH die Absicht stand, die unehelichen Blagen der Geistlichen zentral zu versorgen und vielleicht auch - indem man sie als kleine Teufel, Ausgeburten der priesterlichen Sünde ansah - sie vorzeitig zu entsorgen? Weil Kinder von Frauen gezeugt werden, und Frauen "Teufel" sind?

So erzählt uns Deschner, Pius II. (1458-1464), sei ursprünglich ein Pornograph gewesen, bevor er Papst wurde und:

Als ein befreundeter Priester seine Dispens vom Zölibat erbittet, drängte er ihn zwar zur Enthaltsamkeit, mahnend, alle Weiber wie die Pest zu fliehen, jede Frau für einen Teufel zu halten. Aber, setzt er gleich hinzu, der Dispens Wünschende werde jetzt freilich sagen, "seht, wie streng ist doch (Pius II). Jetzt preist er mir die Keuschheit und ganz anders redete er zu mir in Wien und in Neustadt." Es ist wahr, aber die Jahre nehmen ab, der Tod rückt heran. Elend und der Gnade Gottes verlustig ist derjenige Mensch, der nicht zuweilen in sein Inneres einkehrt, nicht sein Leben bessert und nicht an das denkt, was er in dem künftigen Leben sein wird. Ich muss bekennen, ich habe es satt und überdrüssig. Die Venus ekelt mich an. Freilich nehmen auch die Kräfte ab. Mein Haar ist grau, meine Nerven sind ausgetrocknet, mein Gebein ist morsch und mein Körper übersäet mit Runzeln. Ich kann keinem Weibe mehr zur Lust dienen und keine mir. Von nun an diene ich mehr dem Bacchus als der Venus. Der Wein ernährt mich, erfreut und ergötzt mich und macht mich selig. Dieser Saft wird mir bis zum Tode süß sein. Wahr ist es, mich flieht mehr die Venus als ich sie.

Schön, aber über die kriminelle Energie, die das Zölibat in die katholische Kirche transportierte, erzählt uns Deschner wenig. Es gibt nur eine einzige Eintragung zum Thema "Päderast" - und zwei zum Wort "schwul." Dazu gibt es z. B. diese Textstelle:

Barbo, der spätere Papst Paul II. (1464-1471), sah es gerne, wenn nackte Männer auf die Folter gespannt und gemartert wurden. Er war schwul und trug eine päpstliche Tiara, die, Zeitzeugen zufolge, "an Wert den eines Palastes übertraf". Er plünderte die päpstliche Kasse, um seine Protz- und Prunksucht zu befriedigen [...] Paul II. starb angeblich an einem Herzinfarkt, während er mit einem seiner Lieblingslustknaben Analverkehr hatte.

Nun, damit ist uns wenig gedient. Ich denke, wo Katholiken heute ansetzen müssten, weiter zu denken, ist dieser Punkt: Die katholische Kirche hat sich in ihrer langen Geschichte eindeutig als verbrecherische Organisation erwiesen. Darin ist sie nicht anders als jede andere Religion oder Religionsorganisation der Welt. Der Islam kennt den islamistischen Terror, kennt die alltägliche Gewalt gegen die Frau. Der Hinduismus kennt die Verehrung der Kuh, aber tötet Babys, wenn sie Mädchen sind, streut Säure in die Gesichter von Frauen, verbrennt Witwen. Das Judentum kennt Martin Buber und Ariel Sharon.

Mein Fazit: Die katholische Kirche muss das Zölibat abschaffen, sie muss die Diffamierung und Diskriminierung von homosexuellen Männern und Frauen abschaffen, sie muss ihre Angst vor der Sexualität überhaupt, ihren Hass auf die Sexualität von Frauen und Männern, aufgeben, die Vorstellung aufgeben, dass "alles, was mit der Sexualität zusammenhängt, schmutzig" ist. Sie muss den Papst als quasi lebende Reinkarnation eines Apostels abschaffen, sie muss katholische Priesterinnen einführen, sie muss männliche Priester mit Familie einführen, sie muss ihre unausstehliche Verlogenheit abschaffen, ihre Machtpolitik, ihre kriminellen finanziellen Machenschaften und ihre Unterstützung jeden Unrechtssystems auf der Welt. Sie muss ihre Mitschuld an den größten Völkermorden aller Zeiten eingestehen, sie muss ihre Mitschuld am Antisemitismus, ihre aktive Unterstützung des italienischen Faschismus und des deutschen Nationalsozialismus eingestehen und sich davon in einem gigantischen globalen Entschuldigungsgestus befreien. Sie muss den Vatikan abschaffen. Sie muss sich von Grund auf erneuern. Sie braucht eine umfassende, komplette Reformation. Eine Rundumerneuerung. Nicht, um eine "neue protestantische" Kirche zu werden, sondern um überhaupt eine katholische Kirche bleiben zu können. Schade, schade, schade - dass der deutsche Papst nicht einmal den ersten Schritt in diese Richtung wagen wird.

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