Wirklich und wahr

25.05.2009

Die Enthüllungen um die Agententätigkeit des Polizisten, der Benno Ohnesorg erschoss, beweisen vor allem eines: Dass die Welt komplexer ist als die meisten ihrer Darstellungen in Medien

Als herauskam, dass bei den diesjährigen Maikrawallen auch ein hessischer Polizist als Chaot agierte, verneinten dessen Kollegen der Süddeutschen Zeitung gegenüber eine Funktion als agent provocateur mit dem Hinweis, dass es dafür andere Dienste gebe. Allerdings bestreiten auch solche anderen Dienste im Regelfall, dass sie Schwarze Propaganda, False-Flag-Operationen oder ähnliches betreiben. Heraus kommt so etwas - wenn überhaupt - meist nur nach relativ langer Zeit und einer Öffnung der Archive.

Nun brachte solch ein Archiv ans Tageslicht, dass der Polizeibeamte Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, seit 1955 unter dem Decknamen "Otto Bohl" für die DDR-Staatssicherheit gearbeitet haben soll. Das entdeckten Helmut Müller-Enbergs und Cornelia Jabs in Dokumenten, die Wolfgang Schäuble eigentlich vernichten lassen wollte. Allerdings steht in den Akten nichts davon, dass Kurras den Studenten absichtlich oder gar im Auftrag erschoss. Stattdessen wies man ihn nach der Tat eilig an, alle Unterlagen zu vernichten und seine Arbeit für den Osten bis auf weiteres einzustellen. Weil sein Name nach Beendigung der Agententätigkeit aus der Kartei entfernt wurde, konnte nicht gezielt nach ihm gesucht werden, weshalb sein Fall erst jetzt ans Licht kam.

Trotz einer Ende der 1940er Jahre (angeblich wegen illegalen Waffenbesitzes) erfolgten Inhaftierung in der sowjetischen Besatzungszone konnte Kurras 1950 Kriminalbeamter bei der Westberliner Polizei werden, wo er unter anderem als verdeckter Ermittler in der Abteilung "politische Delikte" arbeitete. Zu seinen Aufgaben in einer Sonderermittlungsgruppe des Staatsschutzes gehörte auch das Enttarnen von "Verrätern" bei der Polizei. Den Erkenntnissen des Politologen und der Historikerin zufolge informierte er seit 1955 gleichzeitig das MfS über "Mitarbeiter, Ausbildung, Arbeitsweise und Personalveränderungen" bei seinem offiziellen Arbeitgeber, schlüsselte Festnahmen anderer Agenten auf und berichtete von "Überläufern, Quellen des amerikanischen Geheimdienstes [und] Entführungsfällen". Darüber hinaus soll er Fotos und Nachschlüssel von Polizeidienststellen besorgt haben und auch mit der Installation von Abhörmikrofonen betraut gewesen sein. Vergütet wurden Kurras diese Leistungen im ersten Quartal 1967 mit dreitausend Westmark, was damals relativ viel Geld war.

Allerdings ist in den Akten der DDR-Staatssicherheit auch von einer besonderen Zuverlässigkeit des Polizisten die Rede, dem man praktisch jede Aufgabe übertragen könne. Müller-Enbergs und Jabs nennen ihn eine "Spitzenquelle mit besonderen Talenten". In den Akten selbst ist davon die Rede, dass Kurras bereit sei, "jeden Auftrag für das MfS durchzuführen" und mit "Mut und Kühnheit" auch schwierige Aufgaben lösen könne.1 Das klingt fast wie eine Empfehlung für einen weiteren Akteur, von dem dann wiederum ein nicht aktenkundiger Auftrag erteilt worden sein könnte.

Offen ist jedoch, wer solch ein weiterer Akteur gewesen sein könnte. Ob es im Osten einflussreiche Persönlichkeiten oder Gruppen gab, denen so viel an der Meldung von einem toten Demonstranten lag, dass sie dabei einen wertvollen Agenten riskierten, scheint zumindest fragwürdig. Zudem war keineswegs vorhersehbar, dass der Tod von Benno Ohnesorg in der historischen Rückschau als Signal für ein Gewaltförmigwerden der Studentenproteste gesehen würde. Ebensowenig, wie absehbar war, dass ausgerechnet die wenig medienkompetenten Bonnie-and-Clyde-Romantiker der Baader-Meinhof-Bande das Aufmerksamkeitserbe der 1968er antreten und so der außerparlamentarischen Opposition den Garaus machen würden.

Doppel- oder Dreifachagent?

Etwas unwahrscheinlicher (aber immerhin möglich) ist, dass Kurras ein Doppel- beziehungsweise Dreifachagent war und eventuell auch über seine Tätigkeit als verdeckter Polizeiermittler hinaus für einen weiteren westlichen Dienst arbeitete. Selten waren solche Fälle, wie unter anderem die verhältnismäßig gut aufbereitete Geschichte des britischen Geheimdienstes zeigt, keineswegs. Zudem gab es auch in Deutschland, und vor allem in der "Frontstadt" Berlin, durchaus interessante Verpflichtungsgemenge.

Walter Barthel etwa, der im Kölner Stadtanzeiger mit einem sehr polizeikritischen Augenzeugenbericht vom 2. Juni 1967 zu Wort kam, arbeitete nicht nur für die DDR-Staatssicherheit und den Westberliner Verfassungsschutz, sondern spielte auch eine wichtige Rolle im "Republikanischen Club" von Hans Magnus Enzensberger. Ein anderer erwiesener Verfassungsschutzagent in diesem Milieu war der agent provocateur Peter Urbach, der sich als Handwerker in Wohngemeinschaften unentbehrlich machte. Er verteilte bei einer Anti-Springer-Demonstration am 11. Mai 1968 nicht nur Molotow-Cocktails, sondern leitete auch zum Umkippen und Anzünden von Autos an.2 Darüber hinaus lieferte er mehrfach funktionstüchtige Sprengsätze und versuchte Schusswaffen an den Mann zu bringen. Zudem stammt auch die Bombe am Jüdischen Gemeindehaus von ihm, die am 9. November 1969 eine Gedenkfeier zum Holocaust in die Luft gesprengt und viele Menschen getötet hätte, wenn sie explodiert wäre.

Doch auch für den Fall einer Tätigkeit für einen zweiten westlichen Dienst stellt sich die Frage, was dieser von der Erschießung eines Studenten gehabt hätte, wenn man die Tat nicht einem Ostagenten in die Schuhe schieben konnte?

Indes ist jedoch auch die Erzählung, die Kurras vor Gericht abgab, keineswegs frei von Unwahrscheinlichkeiten: Dort sagte der Polizeibeamte, dass er sich bedroht fühlte und darauf mit der Waffe reagierte. Ohnesorg soll jedoch von drei anderen Polizisten festgehalten worden sein und wurde nachweislich in den Hinterkopf geschossen. Auch eine vor zwei Jahren gegenüber einem Stern-Reporter abgegebene Erklärung spricht zumindest für einen vorsätzlichen Notwehrexzess: "Fehler?", meinte der Polizist da auf eine vorwurfsvolle Frage. "Ich hätte hinhalten sollen, dass die Fetzen geflogen wären, nicht nur ein Mal; fünf, sechs Mal hätte ich hinhalten sollen. Wer mich angreift, wird vernichtet. Aus. Feierabend. So iss das zu sehen."

Carl-Wolfgang Holzapfel, der Vorsitzende der Vereinigung 17. Juni, stellte nach dem Bekanntwerden von Kurras' Doppelleben noch einmal Strafanzeige und forderte eine Wiederaufnahme der Ermittlungen. Die Frage, ob der beste Schütze in seiner Einheit den Schuss in den Hinterkopf des Romanistikstudenten mit oder ohne Tötungsabsicht abgab, dürfte jedoch auch mit dem neu entdeckten Material nicht anders zu beantworten sein als in den Gerichtsverfahren von 1967 und 1970 - nämlich im Zweifel für den Angeklagten.

Immerhin gaben die Enthüllungen aber dem FAZ-Feuilleton einmal Gelegenheit, mit der bereits etwas ermüdenden Kampagne für neue Verlags-Leistungsschutzrechte ein wenig zu pausieren und wieder einmal einen der mit angenehmen Abstand gesprochenen Sätze zu formulieren, für die man sich früher Zeitungen kaufte:

Alles wird zweifelhaft und scheint sich zu verwischen. Günter Grass war als Soldat in der Waffen-SS, Kurras in der SED: verkehrte Welt. Ach nein, die wirkliche und wahre.

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