Klimakultur - ein Wechsel der Perspektive

27.05.2009

Die Dynamik des anthropogenen Klimawandels ist nicht nur eine Frage natürlicher Prozesse, sondern vor allem eine von Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Daher ist ihre Erforschung eine zentrale Aufgabe der Kulturwissenschaften

Oft werden wir gefragt, welchen "Gegenstand" ein kulturwissenschaftliches Institut eigentlich bearbeitet. Die Frage haben wir uns auch im Kollegium des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) vorgelegt und eine möglichst offene und inklusive Antwort gesucht. Denn es gibt bei uns keine Lehrmeinung, wie Kultur definiert ist, und Kulturwissenschaft ist ebenso wenig eine Disziplin wie die Natur- oder Lebenswissenschaften, die ja ebenfalls eine große Zahl von Ansätzen, Theorien und Methoden zusammenfassen. Wir sagen deshalb lieber: Kulturwissenschaften, und darunter fallen eine Menge Fächer und mehr noch: Sichtweisen der Welt. Kultur hat es mit Sichtweisen, mit Perspektiven auf die Welt, mit Deutungen und Interpretationen, mit Sinnverstehen und Symbolsystemen zu tun.

Aus dieser Perspektive mag nun auch klar werden, wie wir das Klima anschauen. KlimaKultur ist ein transdisziplinärer Forschungsschwerpunkt am KWI, dem Forschungskolleg der Ruhr-Universität Bochum, der Technischen Universität Dortmund und der Universität Duisburg-Essen. Der im Jahr 2008 eingerichtete Forschungsschwerpunkt ist der erste kulturwissenschaftliche Forschungsverbund zum Thema des Klimawandels. KlimaKultur schließt an bestehende Schwerpunkte des Forschungskollegs an, die auch für die Wahrnehmung und Bewältigung von Klimafolgen wichtige Aspekte untersuchen. Dazu gehören Fragen der sozialen Verantwortung, des kulturellen Gedächtnisses und der interkulturellen Differenzen.

Klimawandel bedeutet Kulturwandel

Das Klima erwärmt sich gefährlich. Aktuellen Prognosen des Weltklimarates zufolge ist für das 21. Jahrhundert mit einem Anstieg der globalen Jahresmitteltemperatur von 2° bis 5° Celsius oder mehr zu rechnen. Ob die Leitplanke von 2° überschritten wird, hängt davon ab, wie die Weltgesellschaft auf die globale Erwärmung reagieren wird. Sie steht vor einer Herausforderung, auf die es zwei Antworten gibt: Reduktion der Treibhausgase und Anpassung an veränderte Klimaverhältnisse. Beide Aufgaben sind nicht durch technische Korrekturen allein zu lösen. Sie erfordern einen gesellschaftlichen und kulturellen Wandel, denn der Klimawandel stellt, wenn man es genau durchdenkt, die Industriegesellschaft als solche in Frage: ihre karbonen Technologien, ihre darauf beruhende Wirtschaftsweise, ihre Wachstumskonzepte und ihre Lebensstile.

Wenn im Dezember das Ruhrmuseum seine neue Dauerausstellung eröffnet, wird man diesen Weg durchschreiten können – aus den Tiefen der Schächte bis in die jüngste Verbreitung karboner Technologien und Energiesysteme in alle Welt – und steht dann im dritten Stock in einem "Epilog", der den Weg in eine postkarbone Gesellschaft zeigen soll. Kohle und Stahl haben uns Reichtum, Wohlstand, indirekt vielleicht auch Wohlfahrtsstaat und Demokratie gebracht. Doch nun haben wir mit den Nebenfolgen zu tun und müssen umsteuern. Wann, wenn nicht jetzt? Wo wenn nicht hier?

Im Laufe der Industrialisierung wurden die Grundlagen für Wachstum und Wohlstand der westlichen Gesellschaften geschaffen, deren Kultur und deren Lebensstil untrennbar mit der Nutzung fossiler Ressourcen verknüpft sind. Die Industrialisierung hat aber auch die enormen Treibhausgasemissionen hervorgebracht, die das Weltklima heute verändern. Die Übertragung des westlichen Wirtschaftsmodells auf den globalen Maßstab ist daher keine zukunftsfähige Lösung.

Soziale Evolution der globalen Erwärmung

Die globale Erwärmung des Klimas ist anthropogen, das heißt von Menschen verursacht. Diese Feststellung hat weit reichende Folgen für das Verständnis dessen, was mit dem Klima geschehen ist und was in Zukunft zu tun sein wird. Mit physikalischen Berechnungen des Wärmehaushaltes der Erde lassen sich die Wirkungen des menschengemachten Treibhauseffekts beschreiben und für die weitere Zukunft voraussagen.

Hinter der Erwärmung aber stehen Prozesse, die von der Geologie oder der Meteorologie allein nicht mehr angemessen beschrieben werden können. Die Dynamik des anthropogenen Klimawandels ist nicht nur eine Frage natürlicher Prozesse, sondern vor allem eine von Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Daher ist ihre Erforschung eine zentrale Aufgabe der Kulturwissenschaften.

Das Weltklima ist an sogenannte tipping points mit unkalkulierbarer Dynamik gelangt und kann umkippen, wenn im kommenden Jahrzehnt nicht radikal umgesteuert und anders gewirtschaftet wird. Insofern entscheidet die kurze Spanne bis zum Jahr 2020 – das sind nur zwei, drei Legislaturperioden, ein kurzer Wirtschaftszyklus, zwei Sommerolympiaden weiter - über die Lebensverhältnisse künftiger Generationen.

THEMEN DER KLIMAKULTUR

Energiewende

Der Klimawandel ist vor allem eine Folge der industriellen Energieproduktion. Bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe werden Treibhausgase in die Atmosphäre freigesetzt, die eine Erwärmung des Klimas herbeiführen. Energie ist somit eine Nahtstelle zwischen Natur und Gesellschaft. Hinter den Zahlen und Prognosen zu Energieverbrauch und Treibhausgasen steht der tägliche Umgang mit Energie - Energieeffizienz ist eine Frage des alltäglichen Bewusstseins jedes Verbrauchers. Ein Umschalten auf nachhaltige, klimataugliche Energiequellen wird von der Akzeptanz und Bereitschaft jedes einzelnen abhängen, nicht nur von neuen Technologien und vom Emissionshandel. Ökonomische Anreize motivieren zum sparsamen Umgang mit Energie und vertrauen auf die ökonomische Rationalität des einzelnen, ein ebenso starkes Motiv für einen neuen Umgang mit Energieressourcen ist aber die Verantwortung für die Zukunft der Kinder und Kindeskinder. Aus Sicht der Kulturwissenschaften stellt sich die Frage: Wie erfolgreich und nachhaltig lassen sich solche Motive für einen kulturellen Wandel fruchtbar machen?

Migration

Zu den erwarteten Folgen des Klimawandels gehören Wanderungsbewegungen. Die Menschen wandern aber aus ihrer Sicht nicht wegen des Klimawandels, sondern weil sie keine Arbeit finden, weil sie vor politischer Verfolgung fliehen, weil in ihrem Land Krieg herrscht, weil die natürlichen Ressourcen knapp werden und ihre Ernährung nicht mehr gesichert ist. Die Folgen der globalen Erwärmung werden also indirekt, über sekundäre Auswirkungen erfahren. Migration bildet ein Gewaltpotential, das durch die weitere Klimaerwärmung verstärkt wird und zu neuen Konflikten führen kann. Von ihnen werden direkt oder indirekt auch die reichen Länder betroffen sein. Der Klimawandel ist damit ein zentrales Thema globaler Mobilität und globaler Sicherheit.

Veränderte Risiken

Zu den Gefahren des Klimawandels gehört eine steigende Zahl natürlicher Extremereignisse: Starkniederschläge wie 1997 und 2002, Extremtemperaturen wie im Sommer 2003, Winterstürme wie Kyrill 2007 in Europa und Hurrikans wie Katrina 2005 in den USA. Solche Extreme wirken sich direkt und stärker als veränderte Durchschnittswerte bei Temperatur und Niederschlag aus. Der IPCC-Report von 2007 betont, dass der Klimawandel die Gesellschaften vor allem hinsichtlich von Extremereignissen verwundbar macht. Damit stellen sich neue Herausforderungen an den gesellschaftlichen Umgang mit Risiken, beispielsweise im Bereich der Gesundheitssysteme, der Bautechniken oder der Versicherung. Risiken nehmen mit der Intensität und Häufigkeit von Naturgefahren zu, verstärkt durch soziale Faktoren wie der Zunahme der Weltbevölkerung: Etwa 70 % der Weltbevölkerung leben in Küstenregionen, immer neue Megastädte entstehen. Deshalb besteht heute eine der wichtigsten Forschungsaufgaben darin, soziokulturelle Faktoren besser und umfassender in Risikomodelle einzubauen. Die Kulturwissenschaften können wesentlich zu einer Verbesserung von Modellen und Szenarien beitragen.

Der Text von Claus Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), erläutert, worum es auch bei der von ihm mit organisierten internationalen Konferenz: The Great Transformation - Climate Change as Cultural Change gehen wird. Die hochkarätig besetzte Konferenz findet vom 8. bis 10. Juni 2009 in Essen statt, der Eintritt ist kostenlos, der Anmeldeschluss ist der 3. Juni.

Sprechen und diskutieren werden u.a. Sigmar Gabriel, Bundesumweltminister, Prof. Lord Anthony Giddens, ehemaliger Direktor der London School of Economics (LSE), Prof. Dr. Klaus Töpfer, Rat für Nachhaltige Entwicklung, Prof. Dr. Thomas Homer-Dixon, Autor von "The Upside of Down", John Podesta, Center for American Progress, Prof. Dr. David Held, LSE, Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber CBE, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), Prof. Dr. Ottmar Edenhofer, PIK, Co-Chair der Working Group III des IPCC, Prof. Dr. Harald Welzer, Autor von "Klimakriege", Prof. Dr. Dirk Messner, Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, Prof. Dr. Wolfgang Sachs, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie und Daniel Cohn-Bendit, Mitglied des Europäischen Parlaments.

"Der Klimawandel ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit", heißt es in der Ankündigung. "Durch einzelne politische Maßnahmen wird er nicht aufzuhalten sein. Zugleich beeinflussen die globalen Klimaveränderungen keinesfalls nur einen Ausschnitt unseres Lebens. Ihre Folgen stellen vielmehr einen Epochenwandel dar, der sich auf allen Ebenen der Weltgesellschaft vollzieht. Isolierte wissenschaftliche Betrachtungen werden dem Thema "Klimawandel" schon lange nicht mehr gerecht. Aus diesem Grund veranstalten das Kulturwissenschaftliche Institut Essen (KWI) und die Stiftung Mercator in Kooperation mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie die dreitägige interdisziplinäre Konferenz "The Great Transformation - Climate Change as Cultural Change".

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