Iran, die doch nicht so mächtige Bedrohung?

26.05.2009

Eine Analyse des US-Think Tanks Rand Cooperation erkennt signifikante Begrenzungen der militärischen Kapazitäten Irans und seiner Einflussmöglichkeiten auf irakische Schiiten-Gruppierungen, Hisbullah und Hamas

Für Israels gegenwärtige Regierung ist die Bedrohung durch den Iran gar nicht hoch genug einzuschätzen. Die bestimmenden Akteure, Premierminister Netanjahu und Außenminister Lieberman hegen keinerlei Zweifel daran, dass das Nuklearprogramm Irans militärisch ausgerichtet ist, mit dem Ziel Atomwaffen herzustellen. Die neue amerikanische Regierung folgt dieser Linie in ihren öffentlichen Bekundungen nur bedingt, Obama warnte vor kurzem die israelische Regierung vor voreiligen militärischen Aktionen.

Das kürzliche Treffen zwischen Obama und Netanjahu brachte unterschiedliche Gewichtungen zutage: Die neue Regierung will sich hier deutlich von der Vorgängerpolitik absetzen und probiert einen Mix die Formel dafür könnte laute "die rechte Hand zur Kooperation ausstrecken und in der Hinterhand alle Optionen, also auch die militärische, behalten".

Begleitet wird der neue "Approach", dem nach wie vor das Zuckerbrot-und- Peitsche-Modell unterliegt, wie ihm Kritiker vorwerfen (siehe "Verhaltenswechsel des Regimes" statt "Regimewechsel"), von einer regen Öffentlichkeitsarbeit: Kaum ein Tag vergeht, an dem in amerikanischen Medien nicht die Rede ist von der Kooperationswilligkeit der neuen US-Regierung gegenüber Iran.

Eine neue Studie des amerikanischen Think Tank Rand Cooperation, die vom U.S. Air Force Directorate of Operational Plans and Joint Matters bezahlt wurde, erteilt, dem neuen Zeitgeist angemessen, nun Einsichten und Ratschläge, die den Obama-Kurs stützen. Ob es ein Plädoyer gegen einen Militärschlag aus der Luft ist, kann allerdings von der US Air Force gesponsorten Studie nicht unbedingt behauptet werden.

Falscher Kalter-Krieg-Ansatz

Das zentrale Fazit der Studie dürfte nur mehr in der israelischen Regierung für Aufregung sorgen, ansonsten ist im Mainstream des öffentlichen Diskurses längst Common Sense, dass "der Kalte-Krieg-Ansatz die Bedrohung Irans falsch interpretiert", dass die Supermacht damit "riskiert, Gelegenheiten zu verpassen und eigene Interessen zu hintertreiben".

Auch der Schluss der Think-Tank-Experten, wonach das Bedrohungspotential Irans von einer Menge "signifikanter Hindernisse" begrenzt wird, ist in seiner Allgemeinheit eigentlich nicht weiter bemerkenswert. Das gilt allerdings schon nicht mehr für die im Bericht vertretene Sichtweise, dass der Iran sich weder territorial vergrößern, noch seine "revolutionäre Ideologie" den Nachbarstaaten aufdrängen will - aller Rhetorik der islamischen Republik zum Trotz. Das widerspricht ziemlich deutlich jahrelang genährten Feindbildern.

Der Überraschung im großen Bild folgen ein paar bemerkenswerte Analysen in der Nahaufnahme, die ebenso an Gewißheiten rütteln. Zum Beispiel, was die Stellung des iranischen Klerus angeht. Nach verbreiter Ansicht liefern die " iranischen Mullahs" den ideologischen Unterbau für den bedrohlichen Expansionsdrang Irans. Das geistige Zentrum, das die Verbreitung der islamische Revolution ankurbelt, liegt in diesem Bild in der iranischen Stadt [http://www.britannica.com/EBchecked/topic/485815/Qom Qom].

Geschwundener Einfluss der iranischen Mullahs auf arabische Schiiten

Nach Ansicht der Rand-Experten ist der Einfluss der Theologen von Qom allerdings in den letzten Jahren um einiges geschwunden. Schuld daran ist der Einmarsch der US-Truppen im Irak und die anschließende Besatzung. Sie verhalfen den schiitischen Schulzentren in Nadschaf und Kerbela zu neuem Rang, zu großem Ansehen unter den Schiiten in den arabischen Nachbarstaaten und damit zu gehöriger Wirkung. Der geistige Führer Irans, Kahmenei, habe starke Konkurrenz in dem im Irak ansässigen Großayatollah Ali Sistani bekommen. Laut Studie würden viele Schiiten in Saudi-Arabien und Bahrein sich "in religiöser wie in politischer Hinsicht" eher an den theologischen Seminaren im arabischen Irak orientieren als an Qom.

Auch der Einfluss Teherans auf die schiitischen Gruppierungen samt deren militanter Ableger, der von der Bush-Regeirung nimmermüde als große Gefahr herausgestellt wurde, wird von der Rand-Studie relativiert. Die großen politischen Schiiten-Fraktionen seien auf die iranische Unterstützung zwar angewiesen, aber längst nicht mehr überlebensnotwenig. Sie hätten Distanz aufgebaut, heißt es im Bericht. Es zeige sich die unterstützten Gruppierungen auf Eigenständigkeit bestehen würden. Der irakische Nationalismus zeige sich als Hürde gegenüber bislang angenommener Möglichkeiten Teherans, die irakischen Schiiten steuern zu können.

Hisbullah und Hamas: "Einfluss, aber keine Steuerung"

Großer Einfluss, aber keine Kontrolle im Sinne der unbedingten Steuerbarkeit würde auch das Verhältnis Irans zu den militanten Gruppierungen der Hisbullah und der Hamas kennzeichnen, so die Studie. Die "Bereitschaft dieser Gruppen, im Dienste Teherans militärisch zurückzuschlagen", könne man nicht als eine "automatisch" unterstellen.

Die Einschätzung der konventionellen militärischen Kapazitäten Irans bestärkt, was für die Möglichkeiten assymmetrische Kriegsführung über Hisbullah und anderer mit Iran verbundener militanter Gruppen festgestellt wird: Sie ist nach Ansicht der Studienautoren weitaus mehr beeinträchtigt, als man dies bisher angenommen habe.

Die Ausrüstung der iranischen Armee sei veraltet und schlecht gepflegt, die Strategie nicht auf dem neuesten Stand, weil die Bürokratie nicht effektiv arbeiten könne. Die Gründe für die Unzulänglichkeiten werden von der Studie nun genau in dem Punkt gesucht, der von offiziellen amerikanischen Analysen der letzten Jahre dauernd übergangen wurde: die Vielstimmigkeit und Vielschichtigkeit des Machtapparates Irans, der zuvor immer als monolithischer Mullah-Block geschildert wurde.

Jetzt heißt es, dass die Aufsplitterung in verschiedene Machtfilialen mit entsprechend unterschiedlich kanalisierten und starken Einflüssen auf Armee, Geheimdienst und vor allem auf paramilitärschen Verbände wie der Revolutionären Garden zu "Inkonsistenzen" führe, die sich auch in unterschiedlichen Haltungen zu den USA ausdrücke und die es schwer machen, den Kurs schnell zu ändern. Das, so impliziert der Bericht, gilt wahrscheinlich auch für die Führung der Armee.

Erfahrungen, die im Verhalten vormaligen amerikanische Regierung in Zusammenarbeit mit der britischen ihren Grund haben, legen es nahe, der Bedrohungs-Analyse eines von Lobby- Interessen geleiteten Think-Tanks nicht allzu sehr zu vertrauen. In diesem Fall könnte man die Botschaft der Studie, dass die militärischen Kapazitäten Irans deutlich begrenzt sind, eben auch anders herum begreifen. Sie kann nämlich auch als Botschaft verstanden werden, wonach das Risiko eines aus der Luft ausgeübten Militärschlags auf iranische Nuklearanlagen nicht allzu groß ist.

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