Rauschblüten

Interview mit dem Literaturwissenschaftler Stephan Resch über den Einfluss von Drogen auf Werk und Leben von Schriftstellern

Stephan Resch ist Dozent für deutsche Sprache an der Universität von Auckland, Neuseeland. Jüngst hat er in dem Band 'Rauschblüten' eine Sammlung von Textausschnitten vorgelegt, in denen Drogen oder der Rausch eine zentrale Rolle spielen. Neben eher bekannten Werken wie Bernward Vespers 'Die Reise' und Jörg Fausers 'Rohstoff' haben auch unbekanntere Texte und literarische Schmuckstücke Eingang gefunden. Im Interview erzählt Resch von den Problemen der Künstler, mit dem Rausch richtig umzugehen, literarischen Drogenutopien und der neuen deutschen Literatur.

Literaten ging es schon immer weniger darum, unter dem Einfluss von Drogen zu schreiben, als das vorher rauschhaft erlebte literarisch zu verarbeiten. Kann man sagen, welche Zustände wertvoll für sie sein können, um daraus künstlerisches Kapital zuschlagen?

Stephan Resch: Es ist tatsächlich so, dass die wenigsten Werke der Drogenliteratur im Rauschzustand geschrieben wurden. Der Schauspieler Errol Flynn war nach der Lektüre von De Quinceys 'Bekenntnissen eines englischen Opiumessers' so begeistert, dass er kurz darauf versuchte, im Opiumrausch ebenfalls ein literarisches Meisterwerk zu verfassen. Als der Rausch abgeklungen war, stellte er fest: "what I wrote made no sense at all." Die Droge ersetzt also keineswegs die literarische Begabung und der Rausch selbst ist dem Schreiben wohl eher abträglich. Einige Schriftsteller haben dagegen die Erfahrung gemacht, dass ein Zustand zwischen den Realitäten also zwischen Abklingen des Rausches und Rückkehr in die Nüchternheit sich besonders gut zum Schreiben eignet: Einerseits ist das entkonditionierende Element des Rausches, ist die Auflösung von eingefahrenen Denkmustern noch spürbar, anderseits handwerklichen Fähigkeiten des Schriftstellers auch wieder eher präsent.

Der Schreibende wird also zum Übersetzer zwischen zwei Wahrnehmungsebenen.

Stephan Resch: Und bei dieser Aufgabe trennt sich, literarisch gesehen, die Spreu vom Weizen. Baudelaire, dessen 'Künstliche Paradiese' ja vor allem von der Moral des Rauschkünstlers handeln, warnt etwa davor, dass Haschisch durchaus die Erfindungsgabe stärkt, gleichzeitig aber auch die Fähigkeit schwächt, daraus einen Nutzen zu ziehen. Ich persönlich finde, dass Ernst Jünger die Frage nach der Nützlichkeit des Rausches für den Literaten am besten beantwortet hat: "Die Drogen sind Schlüssel - sie werden freilich nicht mehr erschließen, als unser Inneres verbirgt. Doch führen sie vielleicht in Tiefen, die sonst verriegelt sind."

Wie kam es dazu, dass sich die Romantik so wenig den psychoaktiven Substanzen zugewandt hat? Die Weltentrücktheit, die Übersteigerung, die Überhöhung des Alltäglichen, das wären doch gute Anknüpfungspunkte für die Romantiker gewesen?

Stephan Resch: In der Romantik gab es eigentlich ein großes Interesse an rauschhaften Zuständen. Ich denke hier zum Beispiel an Novalis bei dem Laudanum erwähnt wird oder an E.T.A Hofmann, dessen Lieblingsrauschmittel aber doch eher der Alkohol war. Man findet auch zahlreiche theoretische Beschäftigung mit dem Thema Rausch und alternative Bewusstseinszustände.

Bei wem?

Stephan Resch: Da wir gerade bei Novalis sind, er sah den Zustand der Ekstase, des Außer-Sich-Seins als eine notwendige Aufgabe auf der Suche nach metaphysischer Erkenntnis: "So ist also das Genie dies Vermögen, von eingebildeten Gegenständen wie von wirklichen zu handeln und sie auch wie diese zu behandeln. [...] Das willkürlichste Vorurteil ist, dass dem Menschen das Vermögen, außer sich zu sein, mit Bewusstsein jenseits der Sinne zu sein, versagt sei." Auch in E.T.A Hoffmanns Erzählungen werden die Themen Rausch, Doppelgänger und Wahnsinn immer wieder angesprochen, ohne unbedingt im Bezug zu psychoaktiven Substanzen zu stehen.

Warum herrschte in Deutschland des 19. Jahrhunderts nicht jenes Interesse an der literarischen Darstellung des Rausches wie in England oder Frankreich?

Stephan Resch: Das ist eine Frage, die sich meiner Meinung nach kaum abschließend beantworten lässt, aber ein Faktor ist sicherlich die politische und gesellschaftliche Situation Deutschlands zu dieser Zeit. Sowohl England als auch Frankreich waren im 19. Jahrhundert Weltmächte mit zahlreichen Kolonien und einem in viele Teile der Welt reichenden Handelsnetz. Orientalische Rauschmittel etwa waren daher nicht nur einfach zu erhalten, sondern ihnen haftete auch ein gewisser Exotismus an, der in den Kreisen der künstlerischen Avantgarde sicher sehr gefragt war. De Quincey etwa stilisiert sich ja in seinen Bekenntnissen ganz bewusst zu einem orientalischen Opiumesser, obwohl er in Wahrheit ein gewöhnlicher Laudanumtrinker war, denn das machte seine Geschichte literarisch interessant.

Eine ähnliche Stilisierung lässt sich bei Gautier und seinem 'Klub der Haschischesser' finden. Haschisch war um 1845 in Frankreich hip, es war ein Trend wie der Mesmerismus oder die Hypnose. Bei dieser Erzählung kann man ganz deutlich den Bezug auf zeitgenössische Orientvorstellungen sehen, die mit dem Rausch verbunden werden. Das Lesepublikum war für die Orientthematik also schon etwas sensibilisiert und diese Erwartungen wollte man möglicherweise auch literarisch bedienen. Deutschland war im Vergleich zu Frankreich und England weitaus provinzieller und daher fehlt auch in der Literatur diese wichtige Bedeutungsebene.

Verfolgt man ihre Text-Zusammenstellung in 'Rauschblüten', dann fällt das Scheitern an der Droge auf, einerseits die Protagonisten, anderseits die Schriftsteller. Entweder sie werden akut vom Rausch überwältigt und empfinden ihn als schrecklich oder sie kämpfen mit den Spätfolgen. Liegt das an der Auswahl oder ist es tatsächlich so, dass sowohl die Künstler als auch ihre Romanfiguren den Umgang mit der Droge nicht beherrschen?

Stephan Resch: Das stimmt, diese Tendenz ist zweifellos auffällig, war allerdings keineswegs von mir beabsichtigt. Aber generell gilt vielleicht das, was mir Hadayatullah Hübsch einmal in einem Interview gesagt hat, nämlich dass Schriftsteller Respekt vor der Droge haben, weil sie Entwurzelung befürchten und die Gefahr sehen, ihre Kreativität langfristig einzubüßen - und Kreativität ist ja auch ein starker Kick. Da wären wir also wieder bei Baudelaire angekommen. Jörg Fauser hatte nach langjähriger Opiatabhängigkeit die Droge Schreiben entdeckt und darüber den Ausstieg von Heroin gefunden. Bei anderen Schriftstellern wie Hans Fallada wechselten Drogenkonsum und Schreibrausch einander ab - die Droge sollte also eine Leerstelle füllen.

Welche aktuellen Werke verbinden aus ihrer Sicht literarisch gekonnt Drogenerfahrung mit Handlungssträngen und Erzähltechnik?

Stephan Resch: Sehr beeindruckt hat mich Rainald Goetz Buch 'Rave' (1999). Es geht darin um das Nachtleben als antithetische Erfahrung zum Alltagsleben, um Hingabe und den Exzess, zu dem selbstverständlich auch Drogen gehören. Den Erzähler interessiert der Gegensatz zwischen dem Intellekt und dem realen Körperding des Prolligen, soll heißen, er möchte erfahren, wie er dem Zwang zur Sinnstiftung entkommen und sich kurzfristig einem Hier und Jetzt hingeben kann. Sprachlich ist das ganze ein Pastiche, eine Sammlung von Momentaufnahmen aus der Welt der Clubs und der Berauschten, die erst in ihrer Gesamtheit einen gewissen Sinn ergeben. Fasziniert hat mich auch Ann Marlowes Buch 'Gerade Linien. Sieben Jahre mit Heroin' (2001) welches im Englischen den viel passenderen Titel 'How to Stop Time' trägt. Marlowe beschreibt ihre Abhängigkeit in bewusster Abgrenzung zu Burroughs 'Algebra of Need', also dieser totalen Versklavung des Menschen durch die Droge. Sie erzählt keine Geschichte eines Verfalls, sondern gliedert die Erzählung alphabetisch, um zu verhindern, dass sie ihre Geschichte chronologisch konstruiert. Es sind Schnappschüsse aus ihrem Leben und Reflexionen die manchmal viel, manchmal scheinbar nichts mit Heroin zu tun haben. Es bleibt dann dem Leser überlassen darüber nachzudenken, welche Rolle die Droge in ihrem Leben spielt. Diese Offenheit des Drogendiskurses finde ich sehr spannend.

Eines der witzigsten Bücher, in denen Drogen und Rausch thematisiert werden ist für mich Martin Suters 'Die dunkle Seite des Mondes' (2000). Das Pilzritual im Tipi auf einer Waldlichtung und Blanks anschließende Rauschwahrnehmung des Waldes ist einfach umwerfend komisch, auch wenn die Beschreibungen natürlich nicht unbedingt ernst genommen werden dürfen.

Warum nicht? Erscheinen sie doch als durchaus probate Beschreibung eines Ego-Trips. Täuscht es oder ist die Passage in Suters Buch eine der wenigen in der Literaturgeschichte, in der der Rausch in der Gemeinschaft beschrieben wird und nicht so sehr als individuelles Erlebnis?

Stephan Resch: Das Solipsistische ist natürlich ein ganz zentrales Element der Drogenliteratur, diese ständige Bespiegelung des Ichs lässt sich immer wieder finden. Gerade aber weil man dabei dem Erzählenden so nahe kommt, weil die Ereignisse im Rausch von solch elementarer Bedeutung erscheinen, bleibt oft wenig Raum für ein distanziertes, ironisch gebrochenes Schreiben. Ernst Jünger gelingt das in Annäherung aus der Distanz von einigen Jahrzehnten, bei Fauser gibt es solche Ansätze in 'Rohstoff'. Ich schätze das Buch von Suter so sehr, weil er diesem Ego-Trip, wie sie sagen, keine Bedeutungsschwere beimisst, wie es vielleicht in den 60er Jahren noch der Fall gewesen wäre, sondern ihn sehr überspitzt und humorvoll als infantile Phantasie eines ansonsten sehr biederen Bankers beschreibt. Auch seine Beschreibung des Settings im Tipi mit den Tamburinen und Rumbakugeln liest sich wie eine Persiflage der blumenkindlichen Drogenkultur.

In vielen, wenn nicht den meisten Fällen, werden Drogen doch kollektiv genossen. Ist es daher nicht überraschend, dass die Erzähler weithin bei der Selbstbeschreibung bleiben und den mitmenschlichen Kontaktflächen kaum Raum geben?

Stephan Resch: Das ist eine gute Beobachtung. Man könnte vielleicht anführen, dass einerseits bei vielen Schriftstellern der explorative Aspekt im Vordergrund steht, ein Aspekt der ja ipso facto einen gewissen Selbstbezug mitbringt. Ein anderes häufig gefundenes Motiv ist das des Außenseiters, des Parias - auch hier also wieder Vereinzelung. Aber es gibt auch Ausnahmen. In der Erzählung 'Rave', die ich ja schon erwähnte, gibt Rainald Goetz einen interessanten Einblick in die Gruppendynamik des Rausches, sei er durch Drogen bedingt oder durch das Aufgehen in der Masse der Tanzenden.

Gibt es denn so etwas wie eine lesenswerte literarische Aufarbeitung der Hippie-Ära?

Stephan Resch: Hadayatullah Hübschs 'Keine Zeit für Trips' ist eine wunderbar aufrichtige autobiographische Erzählung, die den Zeitgeist der 68er ganz atmosphärisch umsetzt. Auch Hübschs Umgang mit Drogen, seine Hoffnung, sich damit von gesellschaftlichen Zwängen zu befreien, seine unablässige Suche nach einer positiven Wesensänderung, die schließlich in die Konversion zum Islam mündet, scheint mir durchaus repräsentativ für diese Zeit.

Bei allem fällt doch auf, dass die wenigsten Schriftsteller sich von sich und ihrer Zeit frei machen können: Sie spiegeln und verlängern eigenen Zustände in ihre Protagonisten.

Existieren Romane oder Erzählungen, die, losgelöst von den Drogenkonsummustern der Ära, zeitübergreifend als historischer Roman oder als Science Fiction Drogen thematisieren?

Stephan Resch: In meinem Buch habe ich diese Texte als Drogenutopien bezeichnet. Es sind Romane, die darüber spekulieren, welchen Einfluss eine bestimmte psychoaktive Substanz auf eine ganze Gesellschaft haben könnte. Otto Soykas 'Traumpeitsche' behandelt die Frage, ob eine Droge gezielt dazu eingesetzt werden kann um Träume zu steuern und damit Macht über Menschen zu gewinnen. In Leo Perutz 'St. Petri Schnee' möchte ein Baron mithilfe eines Mutterkornalkaloides religiöse Massenekstasen bei seinen Landbewohnern hervorrufen. Perutz schrieb diesen Roman interessanterweise nur wenige Jahre vor der Entdeckung des LSDs durch Albert Hofmann. Was in diesem Roman besonders gut gelingt, ist die Verschmelzung von historischem Überblick zum Ergotismus mit der Spekulation über die Möglichkeiten einer wissenschaftlichen Verwendung dieser Substanz.

Die jüngsten der von Ihnen erwähnten Werke haben entweder die Raves oder das Kokain thematisiert. Schnee von gestern, könnte man sagen, obwohl kein Ende des Kokain-Booms in Sicht ist. Von welche Substanzen werden wir in naher Zukunft hören?

Stephan Resch: Aus meiner Sicht kommt es weniger auf neue Substanzen an, sondern eher darauf, dass Schriftsteller innovative Wege finden, ihre individuelle Begegnung mit Drogen stilistisch und thematisch adäquat zu übersetzen. Aber sicherlich werden andere Substanzen auch neue literarisch reizvolle Fragestellungen aufwerfen. Ich denke da zum Beispiel an die Nahtodeserfahrung mit Ketamin, die Norman Ohler in seinem Roman 'Mitte' beschreibt. Der österreichische Autor Peter Rosei hat einmal gesagt, dass der Schriftsteller eigentlich keine Drogen benutzen müsse, da er es sich vorstellen könne - das ist natürlich eine weitere Möglichkeit über Drogen zu schreiben.

Trotz der vielen Konkurrenzmedien scheint das Interesse an Literatur nicht nachzulassen. Was bietet das Buch gegenüber den anderen Medien weiterhin an Vorteilen? Ist es das Bilden einer inneren Welt, der Leserausch?

Stephan Resch: Das Buch fordert vom Leser eine aktive Beteiligung, denn erst durch die Einbildungskraft werden die Buchstaben zu Bildern, die bei jedem unterschiedlich aussehen. Das macht ja auch Literatur über Drogen zu solch einer Herausforderung für den Schriftsteller, denn der Rausch produziert an erster Stelle meist keine Worte sondern diverse Sinneswahrnehmungen. Diese dann in Worte zurück zu verwandeln, die die Eindrücke angemessen wiedergeben, darin liegt dann die Herausforderung für den Autor. Die Malerei ist in dieser Hinsicht vielleicht ein direkteres Medium. Aber dem Leser bleibt eben das Spiel mit der Leerstelle, die durchaus reizvolle Aufgabe, Geschriebenes mit Ungesagtem zu verknüpfen und genau dieser Prozess kann durchaus einen Leserausch auslösen.

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