Bevölkerungsdichte führt zu kulturellen Innovationen
Mit Simulationen haben britische Wissenschaftler die Hypothese getestet, dass die kulturelle Evolution auch durch demografische Faktoren ausgelöst und beschleunigt werden könnte
Vor etwa 45.000 Jahren ereignete sich im Jungpaläolithikum in Europa und in Westasien etwa gleichzeitig eine kulturelle Explosion mit dem Auftauchen des anatomisch modernen Menschen. Plötzlich entstanden hier viele technische und kulturelle Innovationen wie Musikinstrumente, Steinwerkzeuge und -waffen, Körperbemalung, Ritzzeichnungen oder Felsbilder etc.). Später und langsamer traten diese Innovationen auch in Süd- und Ostasien, Afrika und Australien auf.
Warum sich diese kulturelle Explosion ereignet hat und warum sie in bestimmten Regionen schneller erfolgte als in anderen, ist ungeklärt und Gegenstand zahlreicher Spekulationen, zumal es seit dem Auftreten des anatomisch modernen Menschen vor 200.000 zunächst eine lange Latenzperiode gab, in der Innovationen rar waren. Allerdings war es bereits vor 70-90.000 in Afrika sporadisch und zeitlich begrenzt zu Entwicklungen wie abstrakter Kunst, geometrisch gestalteten Faustkeilen oder Harpunenspitzen aus Knochen gekommen. Dann wurde die Herstellung dieser Objekte wieder eingestellt, bis sie zehntausende Jahre später wieder aufgenommen wurde.
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Archäologen und Evolutionsbiologen des University College London glauben nun, eine Erklärung für die kulturelle Explosion gefunden zu haben, die auch verständlich macht, warum über 100.000 Jahre praktisch nichts passiert ist, sie in bestimmten Regionen zuerst erfolgt ist und auch wieder wie in Afrika auftreten und wieder verschwinden konnte. Genetische Veränderungen, die – wie vermutet wurde - beispielsweise die Sprachentwicklung fördern oder die Gehirne wachsen lassen, können die räumlichen und zeitlichen Verläufe kaum erklären.
Die Wissenschaftler gehen in ihrer Studie Late Pleistocene Demography and the Appearance of Modern Human Behavior, die in der aktuellen Ausgabe von Science erschienen ist, hingegen von der Einwirkung demografischer Faktoren auf die kulturelle und kognitive Entwicklung aus. Andere Theorien haben etwa vorgeschlagen, dass die Einwanderung in neue Gebiete Innovationen notwendig mache oder dass die Bildung größerer Gruppen zu stärkerer Konkurrenz oder veränderter sozialer Organisation führe. Vorgeschlagen wurde aber auch, dass ein Auslöser in der wachsenden Bevölkerungsdichte liegen könnte. Ab einer bestimmten Bevölkerungsdichte werde die Verbreitung von kulturell erworbenen Fähigkeiten, Ideen und Verhaltensweisen (kulturell adapative Evolution) verbessert und beschleunigt.
Die britischen Wissenschaftler haben die Hypothese, dass ab einem bestimmten Maß an Interaktion zwischen Menschen in Abhängigkeit von der lokalen Bevölkerungsdichte oder der Migration zwischen Bevölkerungsgruppen soziales Lernen beschleunigt wird, anhand von Simulationen der Entwicklung von virtuellen Populationen unterschiedlicher Dichte getestet. Dazu verwendeten sie Schätzungen der Bevölkerungsdichte und der Wanderungsbewegungen aufgrund genetischer Daten (mitochondriale DNA) sowie Erkenntnisse aus Ethnografie und vergleichender Verhaltensforschung. Nach den Schätzungen war die Bevölkerungsdichte in Europa vor 45.000 Jahren mit 3000 Menschen (~3.2714 × 10-4km-2) etwa so hoch wie in Subsahara-Afrika vor 100.000 Jahren, wo sich zwischen 70-90.000 eine erste "kulturelle Explosion" ereignet hat. In Nordafrika und im Nahen Osten wurde diese kritische Bevölkerungsdichte erst vor 40.000 erreicht, was mit dem bekannten Auftreten modernen Verhaltens zusammenpasse. In Asien hätte sich die Innovationsphase nach der Simulation früher, als tatsächlich eingetreten, ereignen müssen, was aber an den zugrunde gelegten regionalen Daten liegen könnte.
Das Fehlen von Zeichen für die bereits entstandenen kulturellen Innovationen in der Subsahara in dem Zeitraum zwischen 70.000 und 40.000 vor unserer Zeit führen die Wissenschaftler auf die Verschlechterung klimatischer Bedingungen zurück, die sich anhand paläoklimatischer Daten erkennen lassen. Das könne zum Rückgang der Bevölkerungsdichte und zu größerer Zerstreuung der Gruppen geführt haben, wodurch die kulturelle Evolution einen Rückschlag erlitten hat. Eine hohe Bevölkerungsdichte führt zu einem verstärkten Austausch von Ideen und einem besseren Lernen oder Nachahmen, wodurch auch verhindert wird, dass Innovationen verloren gehen. Eine geringe Bevölkerungsdichte und wenig Kontakt mit anderen Gruppen bremsen hingegen nach dieser Hypothese nicht nur die kulturelle Entwicklung, sondern können bereits erreichte Kulturtechniken unter extremen Bedingungen wie vor 70.000 auch wieder verschwinden lassen.
Die Simulationen mit den geschätzten Zahlen können nur ein vager Hinweis auf die Bedeutung demografischer Faktoren für die Kulturentwicklung sein. Interessant ist die Hypothese auf jeden Fall, dass, wie es der Evolutionsgenetiker Mark Thomas ausdrückt, Innovationen "nicht so sehr davon abhängen, wie klug man ist, sondern wie vernetzt man ist". Das Neolithikum brachte bekanntlich die nächste "kulturelle Explosion" oder die "neolithische Revolution" mit sich und ist eng verbunden mit der Entstehung von Dörfern und vor allem von ersten Städten. Sie könnten, zusammen mit den Migrationsbewegungen und dem sich verdichtenden Handelsbeziehungen, die Erhitzer einer dann bis heute andauernden kulturellen Revolution durch eine weitere Verdichtung der Bevölkerung sein.
http://www.heise.de/tp/artikel/30/30463/1.html- Re: Baukunst und Kultur (29.7.2011 10:15)
- Aus sächsischen und würrtembergischen Kleinstädten mit zusammen (11.6.2009 17:41)
- > führt zu einem verstärkten Austausch von Ideen (8.6.2009 6:54)
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