Stanislaw Petrow und das Geheimnis des roten Knopfs

20.06.2009

Was geschah wirklich im September 1983?

Historiker in Ost und West sind sich heute weitgehend darüber einig, dass die riskanteste Phase des Kalten Kriegs der Herbst 1983 markierte. Während dieser zwischen den Supermächten denkbar gespannten Situation ereignete sich im russischen Kontrollzentrum zur Früherkennung amerikanischer Angriffe ein Vorfall, der dem amerikanischen Experten Bruce Blair zufolge die Menschheit am nähesten an einen Atomkrieg gebracht hatte: So hatte eine Computermeldung über anfliegende Interkontinentalraketen binnen Minuten eine Entscheidung über einen Gegenschlag erforderlich gemacht. Der diensthabende Offizier Stanislaw Petrow bewahrte Nerven und bewertete die plausible Information des als zuverlässig geltenden Systems aus einem Bauchgefühl heraus als Fehlalarm. In den letzten Wochen hatte der Autor ausgiebig Gelegenheit, mit Petrow über die fatale Nacht im September zu sprechen, über die immer wieder verfälscht berichtet wird.

Stanislaw Petrow. Screenshot 'The Man Who Saved The World'

US-Präsident Ronald Reagan hatte nach seinem Amtsantritt die Abrüstungsgespräche beendet, das Raketenabwehrprogramm SDI gestartet und 1983 in seinen Reden die Sowjetunion als "Reich des Bösen" bezeichnet, mit dem es keine Koexistenz geben könne. Reagans pathetische Rhetorik verfolgte der ebenfalls greise und zudem von schwerer Krankheit gezeichnete Staatschef Jurij Andropow, vormals KGB-Chef, sehr genau und nahm ihn im Einklang mit dem gesamten Politbüro wörtlich. Ohne, dass es den Amerikanern bewusst gewesen war, rechnete Andropow fest mit einem amerikanischen Überraschungsangriff, der Reagan einen Platz in den Geschichtsbüchern als Feldherr des Dritten Weltkriegs sichern sollte - wie ernst es Reagan damals gemeint hatte, ist unter Historikern bis heute strittig. Die Russen hatten bereits im 2. Weltkrieg die Erfahrung mit einem überraschenden Überfall gemacht. Nicht zuletzt aufgrund dieses Argwohns war gerade ein koreanisches Passagierflugzeug abgeschossen worden, als es aus unklaren Gründen sowjetisches Territorium überflogen hatte.

SDI. Bild: Pentagon

Nukleares Gleichgewicht

Ein seitens der Russen erwarteter nuklearer Erstschlag musste gemäß der Logik der gegenseitigen Abschreckung sofort vergolten werden, was nur innerhalb einer Vorwarnzeit von damals einer knappen halben Stunde möglich gewesen wäre. Hierzu wurden die möglichen Startplätze von Interkontinentalraketen mit einem aufwändigen Frühwarnsystem mittels Spionagesatelliten überwacht.

Vielen gilt die Kuba-Krise von 1962 als gefährlichster Zeitpunkt des Kalten Krieges, doch aus russischer Sicht bestand damals nicht wirklich ein Anlass für einen atomaren Schlagabtausch. Daran aber, dass es den Russen ernst gewesen war, lässt Petrow keinen Zweifel. Er selbst war damals als junger Soldat der Roten Armee in höchste Gefechtsbereitschaft versetzt worden.

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Ingenieur Petrows Spezialgebiet war die Ballistik von Satelliten gewesen. Mit der Beobachtung militärischer Himmelskörper hatte er bereits Erfahrung gesammelt, als er die damals geheimen amerikanischen Spionage-Höhenballons verfolgte, welche die USA in Flotten über die Sowjetunion zur Entdeckung von Atombombentests gesandt hatten. Später übernahmen diese Aufgabe auf beiden Seiten Satelliten. Auch zwei Jahrzehnte nach der Kuba-Krise, der schließlich ein Tauwetter gefolgt war, hielt sich das Militär zum sofortigen atomaren Gegenschlag bereit: Den Dienst in dem noch heute geheimen Kontrollzentrum der weltraumgestützten Beobachtung bei Moskau nannte man "Gefechtswache", die ausdrücklich als "Kampfsituation" betrachtet wurde. Jede Dienstablösung wurde mit militärischen Ritualen eingeleitet, zu denen zweimal täglich ein Fahnenappell inklusive Nationalhymne gehörte. Neben den Grenzstreitkräften betrachtete man die Feindbeobachtungsanlagen als "Front".

Minuteman

Petrow war damals als Oberstleutnant stellvertretender Leiter der Anlage, die das Signal der russischen "Sputniks" auswertete. Die Satelliten umkreisten die Erde ellyptisch in einem so genannten Molniya Orbit und beobachteten den nordamerikanischen Kontinent sowohl mit Infrarot als auch visuell. Eine weitere Beobachtungsstufe basierte auf Radar. Das in den 70er Jahren aufgebaute System verfügte über etwa zehn Satelliten, von denen jeweils zwei aktuell den Beobachtungsraum im 40 Grad-Winkel erfassten. Anders als bei geostationärer Beobachtung direkt von oben ließ sich auf diese Weise eine aufsteigende Rakete von der Seite beobachten, was Rückschlüsse auf deren Flugbahn ermöglichte. Ballistische Raketen wie Minuteman konnte man am besten unmittelbar beim Start wahrnehmen, da die erste Stufe am hellsten brannte. Bereits ab dem Verlassen des Schachts konnte das System mit einer Verzögerung von 15 Sekunden den Start mittels 5 Bildern pro 3 Sekunden automatisch melden und bereits die mögliche Flugbahn berechnen. Petrow hält es für nahezu ausgeschlossen, dass man einen amerikanischen Raketenstart übersehen hätte.

Schachspiel im Dunkeln

Als leitender Offizier zur Bestimmung eines gegnerischen Angriffs war Petrow mit der damaligen atomaren Strategie vertraut gewesen. Die Wasserstoffbombe wäre seiner Meinung nach nicht eingesetzt worden, da sie nur zur Totalzerstörung geeignet war, die man nicht angestrebt habe. Die Vernichtung der Zivilbevölkerung war nicht das eigentliche Ziel der russischen Strategie gewesen. Tatsächlich hatte man an der Genauigkeit der Nuklearraketen gearbeitet, die auf strategische Ziele ausgerichtet gewesen waren. Hierzu zählten ausdrücklich nicht die amerikanischen Raketenabschussbasen, da im Ernstfall die Raketen entweder bereits unterwegs gewesen oder aber nach Entdeckung eines russischen Angriffs innerhalb von drei Minuten gestartet worden wären. (Dass ein Atomschlag nach damaliger NATO-Konzeption in zwei Wellen erfolgen würde, war der russischen Seite damals noch nicht bekannt, siehe unten.)

H-Bomben-Test

Nach dem in Militär und Geheimdienst üblichen "need to know"-Prinzip war Petrow primär über seine Angelegenheiten informiert gewesen. Vom RYAN-Programm etwa, in dem Spione im Westen in der bisher aufwändigsten KGB-Aktion zur sofortigen Meldung jeglicher Anzeichen für konkrete Kriegsvorbereitungen angehalten worden waren, erfuhr Petrow erst 2006 - vom ehemaligen Gegner. Petrow betrachtete Reagan als einen fremdgesteuerten Schauspieler, auf dessen Gerede er nicht viel gab. Andropow, der ebenso wenig wie seine Berater jemals im Westen gewesen war und die amerikanische Mentalität nicht aus eigener Anschauung kannte, nahm Reagan wörtlich und den Glauben an einen unmittelbar drohenden Überraschungsangriff schließlich mit ins Grab. (Die CIA hatte Anfang 1984 - also erst nach der eigentlichen RYAN-Krise - von der Paranoia des damaligen Politbüros durch den KGB-Überläufer Oleg Gordiewski Kenntnis erhalten.)

Das Spionagesatellitenprogramm war finanziell wie technisch ausgesprochen aufwändig gewesen. Die Überwachung war 1981 mit leistungsfähigeren Satelliten modernisiert worden, wobei ständig weiter verbessert wurde. Es gab auf einem noch heute geheimen Stützpunkt einen Gebäudekomplex bei Moskau mit einer Kommunikationszentrale, darunter eine Art "Hauptbrücke" und zwei weitere identische Auswertungseinheiten, die parallel als Back Up arbeiteten. Aufgrund der etwa wegen wetterbedingter Hitze häufigen Ausfälle der Rechner waren diese Reservesysteme von erheblicher praktischer Bedeutung gewesen. Petrow war Autor des Handbuchs für das System und hatte ironischerweise selbst an den Vorschriften für den Ernstfall mitgewirkt, über die er sich im September 1983 hinwegsetzen musste. Für das, was damals passierte, existierte keine Regelung.

Um eine so weitreichende Entscheidung wie die über einen nuklearen Gegenschlag zu treffen, sollten Fehlalarme möglichst ausgeschlossen werden. Daher musste ein von den Satelliten eingefangenes Infrarotsignal, das auf einen Raketenstart schließen ließ, im Computer zahlreiche Kriterien erfüllen, etwa eine bestimmte Helligkeit aufweisen. Da die vor ein paar Jahren in Betrieb genommenen neuen Systeme einwandfrei arbeiteten und mit modernster Technik ausgestattet waren, bestand kein nachvollziehbarer Anlass, ihren Anzeigen zu misstrauen. Am 26., 27. oder 28. September 1983 - das genaue Datum ist nicht gesichert - schien sich der Zweck der Anlage erfüllt zu haben.

Eine Nacht im September 1983

Stanislaw Petrow:

"An einem Tag im September bin ich im Dienst als wachhabender Offizier in der Kommandozentrale des Raketenfrühwarnsystems. Ich habe die Nachtschicht von 8:00 Uhr abends bis 8:00 Uhr morgens. Das ist, wie immer, eine gewöhnliche Routinearbeit. Der Arbeitsablauf ist auf die Sekunde genau festgelegt. An den Bildschirmen sitzen die Operatoren im abgedunkelten Raum, auf zwei Etagen. Auf meinem Display kann ich die Erde sehen - fokussiert auf das Gebiet der USA - und eine Darstellung unterschieden in Tag- und Nachtbereich. Wir haben das System so weit entwickelt, dass es höchst unwahrscheinlich gewesen wäre, eine Rakete unbemerkt abzuschießen - in dem Moment, wenn die Rakete den Schacht verlässt, sehen wir sie. Die elektronische Uhr zeigt 0:15 Uhr an, als das Unerwartete eintritt: Plötzlich schlägt der Alarm an und eine schrille Sirene heult fürchterlich los. Eine riesige Anzeige, die ich das erste Mal überhaupt wahrnehme, zeigt rot das Wort START an. Das Überwachungssystem hat mit höchster Wahrscheinlichkeit den Start einer Interkontinentalrakete von einer amerikanischen Basis entdeckt!

Das ist wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Obwohl wir so eine Situation oft trainiert haben, ist der Alarm ein Schock für uns alle. Es dauert einige Sekunden, bis uns klar wird, was das bedeutet. Der Computer hat den Raketenstart auch an den Generalstab der Armee und die politische Führung der Sowjetunion geschickt. Wir müssen sofort handeln. Ich muss den Raketenstart bestätigen oder widerlegen. Die Rakete braucht 25 bis 27 Minuten, bis sie uns erreicht.

Viele sind von ihren Plätzen aufgesprungen und alle schauen mit fragenden Gesichtern nach oben zu mir. Es ist eine kritische Situation. Ich denke nicht groß nach und handele wie eine Maschine. Über die Lautsprecheranlage sage ich schroff und streng: 'Setzt euch alle wieder hin und arbeitet. Meine Befehle sind auszuführen.' Im Einklang mit meinen Dienstvorschriften gebe ich verschiedene Befehle.

Die Informationen des militärischen Satelliten sind an den Hauptcomputer und an die Offiziere der visuellen Beobachtung in den anderen Gebäuden gegangen. Die visuelle Beobachtung kann mit eigenen Augen die Raketenbasis in den USA sehen. Die Beobachtung ist erschwert, weil die Startbasis genau auf der Grenze zwischen Tag- und Nachtbereich liegt.

Die visuelle Beobachtung kann den Start nicht bestätigen. Obwohl aus früherer Erfahrung die visuelle Beobachtung immer zuverlässig gewesen ist. Aber der computergestützte Alarm ist ebenfalls zuverlässig. Es müssen zahlreiche Kriterien erfüllt sein, bis der Computer ein Signal als Raketenstart wertet. Der Computer zeigt ein Lichtsignal genau über einer amerikanischen Raketenbasis an. Trotzdem muss ich eine Entscheidung treffen. 50:50.

Es gibt keine Vorschrift, wie schnell ich mich entscheiden muss. Aber je länger ich überlege, desto weniger Zeit bleibt den höheren Instanzen zu reagieren. Ich bin der erste, der mit dieser Information umgehen muss. Ich habe nicht das Recht, den politischen Entscheidungsträgern auch nur eine Sekunde Überlegungszeit zu stehlen."

Die Vorwarnzeit wäre damals noch um den Zeitaufwand für die konkreten Startvorbereitung verkürzt worden. Um die Gyroskope vor dem Start auf die erforderlichen Touren zu bringen, hätte es ca. drei Minuten bedurft.

Hühnerstall-Effekt

Stanislaw Petrow:

"Aber erstens, ich will nicht den 'Hühnerstall-Effekt' bewirken. Wenn erst einmal der erste Hahn morgens kräht, obwohl die Sonne noch gar nicht aufgegangen ist, krähen alle anderen trotzdem mit ... Zweitens habe ich für den Angriffsfall immer gelernt: Die Strategie der Amerikaner ist nicht der Abschuss einer Rakete, sondern dass sie gleich mit allen Raketen angreifen. Drittens bedenke ich, dass es auch die gezielte Provokation eines einzelnen sein könnte, um einen Atomkrieg zu provozieren."

1979 - während einer entspannteren Phase der Ost-West-Beziehungen - hatte es in den USA den umgekehrten Fall gegeben: So hatte NORAD aufgrund eines Softwarefehlers Präsident Jimmy Carter zunächst Hunderte und dann Tausende anfliegende Raketen gemeldet - tatsächlich handelte es sich um Phantomdaten einer Simulation.

Stanislaw Petrow:

"Bis jetzt sind circa drei Minuten seit dem Alarm vergangen. Ich will auf keinen Fall verantwortlich sein für den Beginn des Dritten Weltkriegs. Ich bin nicht sicher in meinem Entschluss, aber ich greife zum Telefonhörer, um meine Bewertung als Fehlalarm durchzugeben."

In dem Moment wird ein zweiter Raketenstart angezeigt...

Ich überlege: Warum schießen die Amerikaner jede Rakete einzeln ab? Man leert den Wassereimer schließlich auf einmal und löffelt ihn nicht mit einem Teelöffel aus. Deshalb melde ich an meine Vorgesetzen: Fehlalarm!

Kaum habe ich am Telefon den Fehlalarm gemeldet, wird noch eine dritte, vierte und fünfte Rakete angezeigt ...

Mit der fünften Rakete wechselt die riesige rote Anzeige von START auf RAKETENANGRIFF. Aber die visuelle Beobachtung sieht immer noch keine Raketen. Deshalb ändere ich meinen Entschluss nicht."

Was Petrow damals nicht wusste: Bereits der vom Computer ausgelöste Alarm war automatisch an die Staatsführung weitergegeben worden, sodass Andropow bereits geweckt worden war.

Stanislaw Petrow:

"Jetzt können wir nur noch warten. Denn neben unserem Frühwarnsystem gibt es noch das Radarsystem, das die Raketen aber erst zehn bis zwölf Minuten nach dem Start erfassen kann. Unsere Anspannung wird immer höher.

Die erste Rakete würde in 20 Minuten einschlagen. Ich wusste, dass die Amerikaner Atomraketen einsetzen würden, die sich im Flug in 12 Sprengköpfe aufteilen können. Die Amerikaner hätten 100 Millionen Menschen in Russland vernichtet - etwa die Hälfte der Bevölkerung. Sie gingen davon aus, dass ein sowjetischer Gegenschlag 'nur' 25 Millionen Amerikaner das Leben gekostet hätte. So rechnet man mit Tieren, aber nicht mit Menschen.

Tatsächlich hätten auch wir mindestens die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung ausradiert. Ein Schlag führt immer zum Gegenschlag - das war mir bewusst. Es gab nur einen einzigen Unterschied: Der, der den Erstschlag führt, lebt 20 Minuten länger.

Nach 13 Minuten Warten gibt das Radarsystem durch: Keine Raketen. Ich hatte die richtige Entscheidung getroffen.

Alle meine Kollegen haben im Nachhinein gesagt, sie hätten in meiner Situation auch genauso gehandelt. Ich war eigentlich nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. Dort musste ich allerdings noch vier Tage verbringen, bis man mich nach hause gehen ließ. Ein Vorgesetzter tadelte mich, weil ich während der Sache keine schriftlichen Aufzeichnungen gemacht hätte, worauf ich zurückfragte, mit welcher Hand ich das denn hätte machen sollen? Ich denke, ich hatte Dringenderes zu tun.

Sofort wurde dann von einer Kommission eine aufwändige Untersuchung durchgeführt, wobei man auch vor uns die Ergebnisses lange geheim hielt - wahrscheinlich, damit wir nicht zu laut lachten! Das, was für uns und den Computer haargenau wie Raktenstarts ausgesehen hatte, waren Reflexionen der Sonne in der Atmosphäre, eine Art Fata Morgana, die in das Objektiv des Satelliten hineinspiegelte. Wie wir heute wissen, kommt solch eine Reflexion nur in einer höchst seltenen Konstellation der beteiligten Himmelskörper vor. Noch unwahrscheinlicher ist, dass die Spiegelungen genau über einer Raketenbasis mit der erforderlichen Helligkeit auftraten - ein teuflischer Zufall, aber so war es."

Pressemärchen

Petrow bedauert, dass es in der westlichen Presse einige Ungenauigkeiten und Lügen gab, weil Journalisten nun mal immer "ihre sensationelle Story" bräuchten. So wurde er als der Mann beschrieben, der die Welt gerettet habe, dabei habe er einfach nur seinen Job gemacht. Solche relativierenden Worte wurden häufig aus Interviews herausgeschnitten, was ihn sehr zu seiner Verärgerung in Misskredit bei manchen Kollegen brachte.

Stanislaw Petrow:

"Die ganze Geschichte blieb ca. 10 Jahre unbekannt, bis dann mein Name in einer russischen Zeitung auftauchte. Sie hätten mal die Augen meiner Frau sehen sollen, als das erste Mal ein Journalist die Fragen gestellt hat. Bis dahin war alles völlig geheim geblieben. Für mich war es gar nicht schwer 10 Jahre zu schweigen, weil ich der ganzen Sache gar nicht so viel Bedeutung geschenkt habe."

Außerdem wurde praktisch überall fälschlich behauptet, Petrow sei aus der Armee entlassen worden. In diese Richtung geht lediglich, dass eine ursprünglich für sein besonnenes Handeln geplante Ordensverleihung ausblieb, denn als sich der Grund für die Anfälligkeit des Systems herausgestellt hatte, zogen Vorgesetzte die Geheimhaltung vor, um ihr eigenes Gesicht zu wahren. Jedoch erhielt er später einen Orden für andere Verdienste um den Aufbau der Anlage und wurde schließlich sogar befördert. Er verließ das Militär im Folgejahr aus rein familiären Gründen, kehrte jedoch als Zivilist schließlich sogar wieder auf seinen früheren Posten zurück. Weder ist Petrow ein gebrochener Mann, noch stimmen die anderen voneinander abgeschriebenen Behauptungen. Im Gegenteil ist der heute 70jährige ein freundlicher, zugänglicher, sehr humorvoller und herzlicher Zeitgenosse.

Stanislaw Petrow. Screenshot 'The Man Who Saved The World'

Skurriler Dank

Nach Bekanntwerden des Vorfalls erhielt Petrow plötzlich jede Menge Post von Menschen aus dem Westen, die sich für seine Leistung bedankten. Einer schickte etwa eine Karte von Hawaii, wo er den Wohnort seiner Familie eingezeichnet hatte ("We live here!"). Eine andere Familie hatte neben einer US-Raketenbasis gewohnt. Eine Frau aus England schickte ihm ein Kilo Kaffee. Eine andere Dame war offenbar der Meinung, dass er eine Haushaltsschere gut gebrauchen könne. Amerikaner schickten Kassetten mit einem Englisch-Lernkurs und einen Kassettenrekorder zum Abspielen. Auch einen entsprechenden deutschen Sprachkurs fand er in der Post. Jemand komponierte ihm zu Ehren ein Musikstück.

Der Filmschauspieler Kevin Costner überwies Petrow spontan 500 $, die er vergeblich zurückzugeben versuchte. Eines Tages hatte er persönlich die Gelegenheit, sich zu bedanken.

Eine Vereinigung der Weltbürger aus San Francisco lud Petrow 2006 in die USA ein und verlieh ihm vor der UNO in New York einen Preis für seine Verdienste um die Erhaltung der Welt. Dieser war als Hand gestaltet, die einen gläsernen Globus hielt. Bei dieser Gelegenheit stieß er erstmals persönlich auf seinen damaligen amerikanischen Gegenspieler Bruce Blair, mit dem er sich auf Anhieb gut verstand. Die Preisverleihung als solche kam dem Russen seltsam vor, da habe jeder nur Reklame für sich selber gemacht. Er habe daher keine Rede gehalten, sondern einfach darum gebeten, Fragen zu stellen, die er bereitwillig beantwortete.

Screenshot 'The Man Who Saved The World'

Mit großem Interesse besuchte Petrow eines der von ihm früher aus dem Weltraum beobachteten amerikanischen unterirdischen Raketensilos in South Dakota, wobei er die Mannschaft mit seinen Kenntnissen über deren Arbeitsplatz beeindruckte. Für einen Raketenstart ist in jedem einzelnen Silo die gleichzeitige Umdrehung der Zündschlüssel der beiden diensthabenden Wachleute erforderlich, wobei sich die Teams der auf dieser Basis stationierten ca. 150 Raketen durch Monitore gegenseitig überwachten und so Starts ggf. abbrechen konnten. Besonders fasziniert war Petrow von dem eigens für Lunch eingerichteten Essensaufzug!

In dem englischen Dokumentarfilm A Brink of Apocalypse (2007) wurde Petrows Leistung ebenfalls gewürdigt. Dieses Jahr erscheint eine dänische Dokumentation über Petrow: The Man Who Saved The World.

Der "rote Knopf"

Nach wie vor lehnt es Petrow ab, als Held bezeichnet zu werden. Jeder seiner Kollegen hätte genauso gehandelt. Vor der Bestätigung durch die Radarüberwachung wäre vermutlich kaum ein "Gegenschlag" erfolgt, mag ein "Hühnerstalleffekt" auch das Risiko eines solchen Fehlers erheblich erhöht haben. Die Entscheidung über den Gegenschlag sei Sache der Politiker gewesen.

In der Presse wurde oft geschrieben, Petrow sei der Mann gewesen, der nicht auf den "roten Knopf" gedrückt habe. Woher die Journalisten von der Existenz eines solchen Knopfes gewusst haben (wollten), war Petrow stets ein Rätsel geblieben. Den berühmten roten Knopf gab es nämlich wirklich! Er war nachträglich in die Konsole eingebaut worden und wurde dramatisch mit einem verplombten Kasten geschützt.

Alle nahmen immer an, dass mit diesem Knopfdruck der 'Erst- oder Gegenschlag' durchgeführt worden wäre. In Wirklichkeit hatte man einfach nur eine Attrappe aufgestellt: Unter dem Kasten befand sich nur ein Loch, die Kabel waren abgeschnitten, es gab keine Verbindung nirgendwohin. Psychologen hatten nämlich herausgefunden, dass nur sehr wenige Menschen in der Lage gewesen wären, einen nuklearen Massenmord durch eigene Hand mitzutragen. Der Knopf wäre daher höchstwahrscheinlich nie gedrückt worden und schon daher nutzlos gewesen. Die gesamte Anlage hatte lediglich die Aufgabe, der politischen Führung mitzuteilen, ob der leitende Offizier einen Angriff bestätigt oder nicht. Eine so weitreichende Entscheidung wie die über die nukleare Vernichtung des Westens wäre kaum einem einzelnen überlassen worden.

Ob die Staatsführung, die ohne Petrows Wissen bereits automatisch vom computergestützten Alarm informiert worden war, schnell genug reagiert hätte, um innerhalb der Vorwarnzeit den Gegenschlag zu befehlen, wird ein Geheimnis der Geschichte bleiben. Wer alles eine Positivmeldung erhalten hätte, weiß auch Petrow nicht.

Gefährliche Illusionen

Besonnenes Handeln ist in vergleichbaren Situationen keinesfalls selbstverständlich. Drei Wochen vor dem Vorfall war von den Russen eine vom Kurs abgekommene koreanische Passagiermaschine abgeschossen worden, die zuvor mit einem ähnlichen US-Spionageflugzeug den Radarschatten gekreuzt und nach sowjetischer Darstellung bei schlechter Sicht ca. eine Stunde russischen Luftraum verletzt hatte. 1988 schoss ein US-Kreuzer ein iranisches Passagierflugzeug ab, das der Computer als angreifendes Flugzeug interpretiert hatte.

Im Oktober 1983 besetzte Reagan ohne militärischen Anlass und ohne Abstimmung mit den NATO-Partnern überraschend die Gewürzinsel Grenada, was Andropow in seinem Argwohn gegen den Mann, dem er alles zutraute, bestätigte. Mit dem besonders aufwändigen Herbstmanöver ABLE ARCHER 83 bot die NATO dem Osten die 1:1 Simulation eines atomaren Angriffs, was in Moskau für die Vorbereitung eines echten Überraschungsschlags gehalten wurde. Mit der Stationierung der Pershing II in Westeuropa verkürzte Reagan die Vorwarnzeit nochmals dramatisch, was nicht nur den Eindruck konkreter Erstschlagspläne erhöhte, sondern auch das Risiko eines nicht mehr zu korrigierenden Fehlalarms.

Petrows zutreffende Einschätzung des Fehlalarms hatte neben seinem Instinkt im Wesentlichen auf der damals vorherrschenden Theorie beruht, ein Erstschlag des Westens werde mit dem gesamten atomaren Potential durchgeführt. Wenig später wurde ihm durch die Geheimdienste allerdings die tatsächliche Planung der NATO bekannt: Man hätte einen Atomschlag in zwei Angriffswellen durchgeführt. Zunächst wäre ein Enthauptungsschlag gegen Moskau erfolgt, mit dem man die Sowjetunion zur Kapitulation zwingen wollte. Bei Gegenwehr hätte man die nukleare Vernichtung begonnen. Ein Angriff mit nur fünf Raketen à 12 Sprengköpfen hätte also durchaus Sinn ergeben.

Hätte ich das damals gewusst, ich hätte mich anders entschieden.

Stanislaw Petrow

Der nicht geführte Atomkrieg, der auf Illusionen beruht hätte, wurde also nicht zuletzt durch eine Illusion abgewendet.

Der Autor bedankt sich bei Stanislaw Petrow, den Dolmetschern Martina Englert, Franziska Zwerg und Mikhail Tarasov sowie beim gesamten Team von Rimini Protokoll.

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