Goldrausch-Ökonomie im Amazonas

Matthias Gräbner 13.06.2009

Die wirtschaftliche Entwicklung vieler Städte im brasilianischen Regenwald erinnert an heute vergessene amerikanische Siedlungen, die nach kurzem Goldrausch ein langes Siechtum erlebten

Im 19. Jahrhundert wurden mehrfach ganze Regionen vom Goldrausch angesteckt. Kalifornien, Alaska, Australien – die Muster waren immer ähnlich. Von der Aussicht auf wirtschaftliches Wohlergehen zog es zahlreiche Menschen in neu entstandene oder aus kleinen Dörfern entstandene Städte. Das Wachstum ging oft auf Kosten der Umwelt – im Laufe des kalifornischen Goldrauschs etwa wurden 7000 Tonnen Quecksilber freigesetzt, die fortan die Gewässer vergifteten. Und ebenso sicher kam irgendwann der Niedergang: War die gesuchte Ressource ausgegangen, zog der Tross weiter – dorthin, wo sich der nächste Goldrausch abzeichnete.

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Eine ähnliche Entwicklung meint ein internationales Forscherteam im brasilianischen Regenwald (siehe dazu auch: "Riesiges Amazonas-Gebiet soll privatisiert werden") auszumachen. In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science beschreiben sie ihre Beobachtungen. 40 Prozent der tropischen Regenwälder beherbergt das Amazonas-Gebiet heute noch, das eine wichtige Rolle bei der Erhaltung der Artenvielfalt und bei der Klima-Regulation spielt. Schon jetzt gehen jährlich etwa 1,8 Millionen Hektar davon verloren – werden abgeholzt und in Ackerland umgewandelt.

Jedes Jahr gehen im brasilianischen Regenwald 1,8 Millionen Hektar Wald verloren – unter Freisetzung von 250 Millionen Tonnen Kohlenstoff. Bild: Alexander Lees/Science

Wie kann man diese Flächen, die unter anderem eine enorme Kohlenstoffsenke darstellen, wirksam schützen? Das Problem besteht insbesondere darin, dass die westliche Sicht vor Ort wenig Gegenliebe findet. Im Amazonas-Gebiet können es sich die Menschen kaum leisten, uns zuliebe ein paar Bäume weniger abzuholzen. Die Region gehört zu den ärmsten und am wenigsten entwickelten Gebieten in Brasilien, und es ist nachvollziehbar, dass sich die wenigsten Bewohner bei der Jobsuche ein grünes Gewissen leisten können. Wirklich überzeugen kann man die Betroffenen also nur mit Argumenten, die sie auch betreffen – und dazu liefert die Arbeit der Forscher um Ana Rodrigues ein wichtiges Puzzlestück.

Die Wissenschaftler haben dazu 286 Ortschaften am Lauf des Amazonas untersucht, deren Umgebung sich jeweils in unterschiedlichen Stadien der Abholzung befand. Und tatsächlich, das zeigte sich, bringt das Fällen der Bäume mit der nachfolgenden Umwandlung in landwirtschaftlich genutzte Fläche zunächst einen gewissen Wohlstand. Lebensstandard, Alphabetisierungsrate und Lebenserwartung steigen in den ersten Jahren. Das erklären die Forscher zum einen damit, dass zunächst gebildete und reichere Bewohner zuziehen. Gleichzeitig stehen weit mehr Ressourcen als zuvor zur Verfügung – frisches Ackerland, die Produkte der Holzindustrie, besser zugängliche Minerale, einfacher erreichbare Märkte – und damit sind natürlich jeweils auch Jobs verbunden. Direkt an der Abholzungsgrenze erreichen Städte in den den Lebensstandard beschreibenden Faktoren damit immerhin den Mittelwert Brasiliens.

Doch je stärker sich die Abholzungsgrenze von den Städten weg bewegte, desto mehr verschwanden diese Vorteile wieder. Zum einen bringt die stetige Zuwanderung irgendwann Probleme mit sich, zum anderen gehen die neu gewonnenen Ressourcen irgendwann zur Neige.

Die überstrapazierten Landwirtschaftsflächen verlieren an Fruchtbarkeit, Fleisch- und Pflanzenproduktion sinken wieder. Ein Drittel des in den 90-ern abgeholzten Landes war wenige Jahre später schon wieder verlassen. Das durch Zahlen nachweisbare Ergebnis: Den Orten geht es eine gewisse Zeit nach der Abholzung nicht besser als davor.

Die Forscher schließen daraus, dass es gilt, Wege der nachhaltigen Entwicklung zu finden – in einer Weise, die auf die völlige Ausbeutung der natürlichen Ressourcen der Menschen verzichtet und dabei trotzdem deren wirtschaftliches Wohlergehen im Blick hat. Instrumente dazu könnten Wiederaufforstung sein und eine bessere Einteilung in Nutzungszonen in Kombination mit der Ausweisung echter Schutzgebiete.

http://www.heise.de/tp/artikel/30/30492/1.html
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