Geordnetes Schrumpfen von Städten

21.06.2009

Nicht nur in Ostdeutschland, auch in den USA ist man mit schrumpfenden Städten und einer neuen Stadtplanung konfrontiert

Schrumpfende Städte gibt es nicht nur im Osten Deutschlands, sondern auch in Großbritannien oder in den USA. Dort betrifft es meist ehemalige Industriestädte, die ihre Zeit als Boomtowns hinter sich haben. Markantestes Beispiel ist die Autostadt Detroit, die zwar schon lange schrumpft, aber mit den taumelnden Autoriesen noch weiter ausbluten wird. Überlegt wird beispielsweise hier, die Großstadt in kleinere Städte aufzuteilen und die Bebauung zwischen ihnen wieder durch Landschaft zu ersetzen.

In den USA überlegt man daher auch, wie sich ein "smart decline" organisieren lassen könnte. Im Zentrum der Überlegungen stehen dabei ehemalige Industriestädte wie die Autostadt Flint im Michigan, die mittlerweile zu den ärmsten Städten der USA zählt. In Youngstown, Ohio, hat die Schrumpfung bereits begonnen. Die Stadt hat zwischen 1960 und 2000 die Hälfte ihrer Einwohner verloren, die Stadtverwaltung lässt verlassene Gebäude abreißen und kauft Häuser in nur noch dünn besiedelten Stadtvierteln auf, damit sie von ihren Bewohnern verlassen werden.

Die Finanzkrise hat dafür gesorgt, dass auch zahlreiche Vorstädte zu Geisterstädten werden, weil die Bewohner der Häuser ihre Kredite nicht mehr bezahlen können und eine Zwangsversteigerung stattfindet. Wo sich verlassene Häuser mehren, sinken die Preise, finden sich kaum neue Käufer. Es geht abwärts.

In Flint plant man Radikales. Ganze Stadtteile sollen abgerissen und Stadt oder "Kultur" wieder in Natur verwandelt werden. Um die Stadt, 34 Quadratmeilen groß, noch einigermaßen verwalten zu können, müsse sie um 40 Prozent kleiner werden – und demgemäß entsprechend verdichtet und konzentriert werden. Jetzt ist man weiterhin geplagt von einem steigenden Haushaltsdefizit, eine entschlossen geschrumpfte Stadt könnte auch die Verwaltung schrumpfen, hofft man, und damit Geld sparen.

Wo die einen von einer geplanten Insolvenz sprechen, sollen nun auch im Land des Amerikanischen Traums geplante Schrumpfungen eingeleitet werden. Der letzte Masterplan wurde 1965, vor einer Ewigkeit, ausgeführt, als die boomende Stadt mit 200.000 Einwohnern aus den Nähten platzte und man von einem weiteren Wachstum auf 350.000 ausging. Jetzt leben noch 110.000 Menschen in Flint, ein Viertel in Armut. Bei GM arbeiteten einmal 79.000 Menschen, jetzt sind es noch 8.000 – wie lange noch, ist fraglich. 20 Prozent sind bereits arbeitslos. Wer kann, das sind vor allem die Jungen, schaut, dass er wegkommt.

Bürgermeister Michael Brown machte im Frühjahr den Vorschlag, einzelne Stadtviertel, die kaum noch bewohnt sind, auszugrenzen. Müllabfuhr, Feuerwehr oder Polizei sollen nicht mehr kommen, die Erwartung ist, dass dann auch die letzten Stadtratten das sinkende Schiff verlassen und die Bulldozer kommen können. Urbane Gebilde, die nicht nur noch spärlich bewohnt werden, belasten nicht nur die Kassen, sie sind auch unübersichtliche Orte der Unsicherheit.

Ordnung ins Schrumpfen und dessen Beschleunigung will Dan Kildee bringen, der für die Finanzen im Genesee County verantwortlich ist, in dem Flint liegt. Er hat den sparsamen Blick und will ganze Viertel, die zu Geisterstädten wurden, niederreißen. Die amerikanische Devise "Big is good" zieht hier nicht mehr. Sprawling, die Realität der der amerikanischen Städte, auch die aller anderen Städte bis vor kurzem, ist an ein Ende geraten. Es gibt freilich erhebliche Unterschiede, manche Städte sterben von innen heraus ab, bei anderen schrumpft di Ausweitung ins Land. Lange Zeit war Sprawling, die räumliche Ausdehnung der Städte, auch bei konstanter Bevölkerung fortgeschritten.

Eine destruktive Kreation, ein Umbau der Städte, der neu über das nachdenken lässt, wie man Städte und urbanes Leben gestalten könnte oder was eine Stadt überhaupt ausmacht. Allerdings werden die Fantasien schnell gebremst durch die Notwendigkeiten, man will und kann schließlich nicht groß investieren, sondern muss sparen. In Flint wurde das einstmals verlassene Zentrum saniert, während man bislang mehr als 1000 Häuser in den Außenbezirken abgerissen hat. Nach Kildee müssen weitere 3000 abgerissen werden. Man will aber niemanden zwingen, sein Viertel zu verlassen. Die Stadt kauft Häuser in besseren Vierteln und bietet sie den Menschen an, deren Häuser zerstört werden sollen.

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