"Fox-News ist verantwortlich für die Unruhen in Iran"

16.06.2009

Die Krise im Iran: Nachrichtentsunami, Propaganda und die Nachzählung des Wächterrats

Auszüge aus dem Nachrichtengewitter aus Teheran: "Hunderte von Basidschi bewachen Khamenei", "Teheraner Hotels unter strengsten Sicherheitsüberwachungen, Iraner sollen keinen Kontakt zu ausländischen Medien aufnehmen", "Jeder mit einer Kamera oder einem Laptop auf der Straße wird angegriffen", "Ein Toter in Shiraz, Gebrauch scharfer Munition in anderen Städten", "Mein Onkel in Shiraz hat Angst", "Die Milizen greifen Menschen in den Seitenstraßen an, auf der Hauptstraße friedliche Demonstranten" "Bestätigte Nachrichten: "Die Hisbollah wird mobilisiert und Libanesen kommen". Dies wird noch viel schlimmer.." "Wir haben es mit Polizei zu tun, mit Basidschi, Anti-Riot-Spezialtruppen und mit Elite-Polizisten" "Die Basidschi haben eine Demonstration am Vali Asr Platz um 15 Uhr angekündigt; Mousavis (Demonstration) findet um 17 Uhr statt; am selben Platz".

Elektronisches Störfeuer, Zensur, Verhaftungen von Journalisten und Webseiten-Sperren durch die iranischen Behörden erweisen sich als nutzlos, ein paar Kanäle bleiben in diesem Land immer offen, dazu ist die internetgeschulte Opposition zu geübt in Umgehungen. So sind Twittermeldungen bsilang schneller als der behäbige Staatsapparat, der sich aber, wie oben zu lesen ist, langsam daran macht, Bürgerkameras und andere Kommunikationsgeräte zu entfernen. Auch die Korrespondenten der westlichen Medien, die etwa wie z.B. von der BBC und der New York Times eindrucksvolle Arbeit leisten können, dürften in den nächsten Tagen immer größere Beschränkungen erleiden.

Bürgerreporter

Doch noch ist die Nachrichtenwelle aus dem Iran erstaunlich, die zum Beispiel von Live-Blogs begierig aufgefangen wird, zu vielen Twittermeldungen kommen Auszüge aus Telephongesprächen, Filme und Fotos. Ein Bild darüber, welche Nachrichten wahr sein könnten und welche Nachricht pure Spekulation, muss sich der Leser selbst machen. Der Erfahrungswert der letzten Tage: ziemlich viele der Kurzinfos finden sich später durch andere Quellen bestätigt

Die westliche Öffentlichkeit wird augenblicklich beim Thema Iran von den unermüdlichen Informations-Einspeisungen der jungen Iraner beherrscht. Selbst Radionachrichten der öffentlich-rechtlichen Sender mit eigenen Korrespondenten und Zeitungen bedienen sich des Nachrichtenstroms - und einige Bilder in den Fernsehnachrichten sehen denen, die man zuvor beispielsweise auf YouTube, bei Andrew Sullivan oder bei der Huffington Post sehen konnte sehr ähnlich.

Während hierzulande die Verteidiger von urheberrechtlichen Schutzzäunen hier nicht allzu genau hinsehen, schaut der Kommunikationsapparat der iranischen Regierung genau hin und hat auch einen Namen, der den Nachrichten-Tsunami aus dem Iran auf einen Nenner bringt: Propaganda. Ein paar Tage hat es gedauert, bis die staatstragenden Medien die Proteste an den Wahlergebnissen überhaupt wahrnehmen wollten, jetzt gibt man Bescheid über die richtige Einordnung der Unruhen, nicht ohne Einfallsreichtum.

So verwendet ein iranischer Fernsehsender Bilder von Fox-News und unterlegt sie, nach Angaben von farsisprachigen Lesern des Blogs von Andrew Sullivan (heutiger Eintrag, um 3:09) mit einem Text, der einerseits die Unterstützer des Reformlagers als verantwortlich für die Zerstörung privaten und öffentlichen Eigentums herausstellt und andrerseits Fox-News für die Unruhen verantwortlich macht, da der Fernsehsender die gewalttätigen Ausschreitungen vorausgesagt habe und das iranische Volk spalten wolle.

Protestbilder auf YouTube

In bewährter Boulevardtechnik - die im übrigen dem amerikanischen Fernsehsender ebenso wenig fremd ist wie tatsächlich propagandistische Inhalte - wird ein Interview so bearbeitet, so dass die Aussage stimmt: "saying the government should stop such act of vandalism. 'It's unfair to us (shop owners) to come to work and see our properties and business is damaged.'"

Auch die staatsnahe Zeitung Kayhan deutet laut Pressespiegel des amerikanischen Blogs auf die USA und Israel als Verursacher der Krise; die Wahlergebnisse werden mit der "Stimme aus dem Volk", einem Anhänger Mousavis, als korrekt dargestellt.

Der Iran, eine heile Welt – wenn der Westen nicht wäre?

Es ist faszinierend - angesichts der demokratischen Defizite, die dem Land attestiert werden, das aber andererseits eine Jugend hat, die sich vehement auf demokratische Werte beruft – und die das sicher nicht beim Fox-Fernsehen gelernt hat - , wie das System auf den nachhaltigen Einbruch der Informationsstaudämme und damit auf eine ganz neue Umgebung reagiert: Was passiert nun, falls der Wächterrat bei der Nachzählung der Stimmen, die heute angekündigt wurde, zu einem anderen als dem bislang offiziellen Ergebnis kommt? Wie geht man propagandistisch damit um?

Annullieren, wie Sprecher des Reformlagers fordern, wird der Wächterrat die Wahlen nicht, berichtet der BBC-Korrespondent Jon Leyne. Der Wächterrat beschränkt sich darauf, nur die Stimmen in jenen Gebieten nachzuzählen, die von den Kandidaten Mousavi und Karoubi moniert wurden. Das lässt einen gewissen Spielraum, um allzu große Gesichtsverluste zu vermeiden und einen Ausgang der Krise zu suchen, der die Spaltung des Landes nicht weiter verschärft und die Angst der Machthaber vor dem lindert, was sich auf den Straßen entwickelt (das sich zuvor in den Wohnungen und privaten Gesellschaften vorbereitet hatte).

Wie groß der politische Spielraum noch ist, darauf gibt auch der heutige Nachmittag eine Antwort: beide Lager, Anhänger des Reformlagers und die Anhänger Ahmadinedschads haben Großdemonstrationen angekündigt. Die nächsten Tage werden dann zeigen, wie gut es das System schafft, die Lecks im Nachrichtenstaudamm zu schließen.

Update

Die Pforten schließen sich: Laut New York Times hat die Regierung ausländische Berichterstatter angewiesen, dass sie nur mehr mit offizieller Erlaubnis von den Straßenprotesten berichten dürfen. Zugleich zitieren die Korrespondenten der Zeitung Moussavi, der sich wenig Hoffnung auf die Ermittlungen des Wächterrats macht, da in dem 12köpfigen Gremium viele Unterstützer Ahmadinedschads sitzen.

"I believe annulling the election results would be the least harmful measure," he said. "Otherwise people will no longer have confidence in the system and the government."

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