Iran im Medienkrieg

17.06.2009

Während das Regime den unerwünschten Informationsfluss unterbinden will, versuchen Regimekritiker mit der Hilfe von Internetnutzern im Ausland die staatlichen Websites lahm zu legen

Ähnlich wie in Burma versucht nun Iran nach den massiven Protesten, ersten Toten und vielen Fotos und Filmen Medien auszuschalten und die Verbreitung von Bildern und Nachrichten über Handys und Internet zu unterbinden. Demonstrativ reiste Ahmadinedschad dafür zum Treffen der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) in der Ural-Stadt Jekaterinburg, zeigte sich mit dem russischen Präsidenten und kündigte eine neue Weltordnung an.

Großdemonstration der Musawi-Anhänger. Bild: Ghalamnews.ir

Das für die Medien zuständige Kulturministerium hatte am Dienstag vor dem Beginn der zweiten Großdemonstration ausländischen Medienvertretern verboten, über ungenehmigte Proteste zu berichten. Journalisten dürfen nicht mehr auf die Straßen, sondern nur noch von ihren Büros aus in Telefoninterviews berichten. Die staatlichen iranischen Medien sollen zu den einzigen Nachrichtenquellen werden, Nachrichtensender wie al Manar der Hisbollah verbreiten die Propaganda der Regierung. Das richtet sich auch gegen arabische Medien wie den Fernsehsender Al Arabiya, dessen Büro in Teheran geschlossen wurde. Es wurden bereits mehrere Journalisten festgenommen. Zur Informationskontrolle werden zudem Websites blockiert (Bericht von Reporter ohne Grenzen), die Bandbreite des Internet herabgesetzt Satellitensignale und Handykommunikation gestört.

Die Massen, die am Montag gegen den vermeintlichen Wahlbetrug protestiert haben

Erste Wirkungen ließen sich heute schon bemerken. Die Flut der vom Regime unerwünschten Videos und Fotos wird geringer, aber ganz unterbinden wird man das nicht können. Wer vor allem über Twitter aus dem Iran berichtet, spricht von zahlreichen Festnahmen, weiteren Protesten und natürlich auch davon, die staatlichen Medien zu hacken, oder warnt, dass mittlerweile auch versucht wird, die Kommunikation zu unterwandern, Twitter-Accounts zu eröffnen und falsche Informationen zu verbreiten.

So waren von der Großdemonstration der Regime-Gegner, an der um die 250.000 Menschen teilgenommen haben sollen, wenige Bilder zu sehen (BBC-Video), dafür aber solche von der Pro-Regime-Demonstration, die von den staatlichen Medien verbreitet wurden. An der Protestdemonstration nahmen wieder viele Menschen teil. Nach Korrespondentenberichten und einigen Bildern zogen die Menschen in einem kilometerlangen Zug schweigend und teils mit Mundschutz zum staatlichen Fernsehsender IRIB (Video). Das ist konsequent, denn nicht wer die Macht der Waffen hinter sich hat, sondern wer die Medien und damit den Informationsfluss kontrolliert, kann die Lage eher für sich entscheiden. So wurden in den letzten Kriegen etwa in Serbien, Afghanistan, im Irak, im Libanon und im Gazastreifen die Fernsehsender bereits am Anfang bombardiert, um die Informationshoheit zu erlangen.

Letztlich ist es der Ajatollah Khamenei, der im Iran entscheidet. Hier bei der Abgabe seiner Stimme in der Präsidentschaftswahl, bei der verfrüht die angeblichen Ergebnisse verkündete und den Verdacht auf Wahlfälschung verstärkte. Bild: Webseite von Khamenei

Mit der Hilfe von umstrittenen Internetnutzern aus der ganzen Welt wird versucht, wie Dancho Danchev beschreibt, einige der staatlichen Websites lahm zu legen (das gleicht den Angriffen auf die Server in Estland, damals sollen es freilich "böse" russische Hacker gewesen sein, die den Cyberwar entfesselt haben).

Through a combination of DIY (do it yourself) denial of service attack tools (DDoS), multiple iFrame loading scripts, public web page "refresher" tool, and a much more effective PHP script, the participants have already prompted some of the major Iranian outlets to switch to "lite" versions of their sites in an attempt to mitigate the attack.

So ist der Blog von Ahmadenidschad und seine offizielle Website ebenso nicht erreichbar wie die Website des Fernsehsender Irib, des Außenministeriums oder die der Nachrichtenagentur Farsnews. Über Twitter wurden die DoS-Angriffe auf die Websites organisiert. Zeitweise waren die Webseiten des obersten geistlichen Führers Khamenei, des Fernsehsender Press TV, des Innenministeriums oder der Nachrichtenagentur Irna nicht erreichbar.

Websites wie PageReboot - man nimmt Spenden für die Kosten – oder whereismyvote.info (gerade selbst nicht mehr zu erreichen) machen es jedermann möglich, dass automatisch Webseiten aufgerufen und so nicht mehr erreichbar werden. Wie Wired berichtet filtert das iranische Regime jetzt auch SMS, was die Kommunikation untereinander und nach außen erschwert. Für heute wird zu weiteren Protesten aufgerufen.

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