Kinderpornografie und der Umgang mit Statistiken

18.06.2009

Wie die CDU-Abgeordnete Noll, die Internetsperren befürwortet, ihre Haltung mit Zahlen unterfüttert

Die Ex-Vorsitzende der Kinderkommission des Deutschen Bundestages agiert mit zweifelhaften bis falschen Zahlen. Mitunter muss sie das auch offen eingestehen. Heute entscheidet Michaela Noll mit darüber, ob Internetsperren ein geeignetes Mittel sind, um Kinderpornografie einzudämmen.

In Sachen Kinderpornografie lehnen sich viele aus dem Fenster, um dann, wenn ihnen der kalte Wind der Demokratie um die Nase weht, einen Schritt zurück zu hopsen. Michaela Noll beispielsweise. Die Christdemokratin aus der Neanderthal-Stadt Mettmann ist stellvertretende Vorsitzende der Arbeitsgruppe Familie, Senioren, Frauen und Jugend in der CDU-Bundestagsfraktion. 2006 war sie sogar mal Vorsitzende der Kinderkommission des Deutschen Bundestages, ein Gremium, dem sie noch immer als ordentliches Mitglied angehört und dort CDU-Berichterstatterin für das Thema Kinderpornografie ist. Die Kiko versteht sich, nein, nicht als eine, sondern als "die Interessenvertretung für Kinder und Jugendliche".

Zu ihren Kiko-Arbeitsschwerpunkten zählt Frau Noll die Themen "Kinder und Medien" sowie "Kinder und Gewalt". Gerne lässt sie sich neben der Bundesfamilienministerin stehend fotografieren. Wie es sich für eine deutsche Kinderpornografie-Bekämpferin gehört, ist Michala Noll nicht gerade Internet affin. So bezeichnet sie ihre Postings auf der Webseite abgeordnetenwatch.de als "Mail".

Michaela Noll bringt also alle Voraussetzungen mit, um beim emotional besetzten Thema Kinderpornografie schwer auf die Tuba zu drücken. Auf dass die schrillen Töne erhört werden mögen in Republik und Fraktionsspitze. Und natürlich machen Zahlen sich immer gut, weil sie so verdammt objektiv wirken. Das Wort hat die Abgeordnete Noll:

Das britische Web-Kontrollorgan Internet Watch Foundation (IWF) hat seinerseits in seinem aktuellen jährlichen Report im Bereich kommerzieller Webseiten mit kinderpornographischen Inhalten von 2006 auf 2008 einen Zuwachs von 21% festgestellt.

Das jedoch ist eine Behauptung, die die Kinderschützerin bereits wenige Tage später revidieren musste. Denn ein aufmerksamer Abgeordneten-Watch-Nutzer hatte nachgeschaut und festgestellt, dass die Quelle nicht einen Zuwachs, sondern eine Abnahme um 21 Prozent konstatiert. Es habe sich "sich schlicht und ergreifend um ein Versehen" gehandelt, sagte die Christdemokratin und bat, "dies zu entschuldigen".

Doch auch ihr Umgang mit anderen statistischen Quellen ist eher zweifelhaft. So verweist sie auf die Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes. Die ist allein schon deshalb mit Vorsicht zu genießen, weil sie mitunter Aufklärungsquoten von über 100 Prozent aufweist, wenn "im Berichtszeitraum noch Fälle aus den Vorjahren aufgeklärt wurden". Michaela Noll jedoch führt unter Verweis auf die BKA-Statistik aus: "Seit Jahren" sei ein "konstanter Anstieg beim Besitz, der Beschaffung und Verbreitung von Kinderpornographie" zu verzeichnen, zwischen 2006 und 2007 gar um 55 Prozent. Und:

Bei der Besitzverschaffung von Kinderpornographie über das Internet war von 2006 auf 2007 sogar ein Zuwachs von 111% insgesamt festzustellen…

Hat sich die Zahl der Kinderpornokonsumenten binnen 365 Tagen mehr als verdoppelt? Oder konsumieren die Bestandskunden nun doppelt so gierig? Nicht unbedingt. Das BKA selbst nennt, übrigens für jedermann nachlesbar, neben dem Faktor "Echte Kriminalitätsänderung" weitere Gründe, die für einen Anstieg erfasster Verbrechenszahlen verantwortlich sein können: Verändertes Anzeigeverhalten, bessere "Polizeiliche Kontrolle", "Erfassung komplexer Ermittlungsvorgänge mit zahlreichen Einzelfällen (Serien)". Schaut die Polizei (aus welchen Gründen auch immer!) genauer hin, verbessert sie ihre Ermittlungsmethoden oder geht ihr ein dicker Fisch ins Netz, so steigt die Zahl der statistisch erfassten Straftaten. Und zwar auch dann, wenn die Verbrechensrate nicht in die Höhe schnellte. Will meinen: Je besser die Arbeit der Polizei, desto höher die Zahl der Verbrechen. Paradox, zu kompliziert für manche(n), aber wahr.

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