Angriff auf den Dollar

17.06.2009

Die Schwellenländer fordern gemeinsam die Ablösung des Dollars als Leitwährung

Selten wurde die Schwäche des US-Dollars so deutlich wie in den letzten Tagen. Im wahrsten Sinne des Wortes fährt er "montaña rusa", wie man die Achterbahn in Spanien als "russisches Gebirge" bezeichnet. Je nachdem, wie sich führende russische Politiker über die Zukunft des Dollars als Leitwährung äußerten, ging sein Kurs in den Keller oder stieg. Kein Wunder, dass er am Dienstag wieder fiel, als auf dem Treffen der größten Schwellenländer erneut Alternativen zum Dollar als Leitwährung gefordert wurden. Inzwischen sorgt sich auch die Europäische Zentralbank (EZB) um die USA, deren Bonität zweifelhaft wird. Der IWF warnt vor Aussagen, wonach das Schlimmste der Finanz- und Wirtschaftskrise vorbei sei.

Der Angriff auf den US-Dollar als weltweite Leitwährung erhält Struktur. Schon im März hatten Russland und China vorgeschlagen, den Dollar durch eine neue internationale Leitwährung zu ersetzen. Als Alternative hatten sie das Sonderziehungsrecht (SZR) des Internationalen Währungsfonds (IWF) vorgeschlagen. Seither reißt die Debatte nicht ab, auch wenn der US-Präsident Barack Obama den Dollar als "außerordentlich stark" hinzustellen versucht.

Klar ist, dass sich China und Russland um ihre hohen Dollarbestände sorgen. Sie wollen sich nicht damit abfinden, dass auf dem Weltfinanzgipfel in London die Diskussion um die Leitwährung abgewürgt wurde. Deshalb hält derzeit vor allem Moskau das Thema am Kochen. Der russische Präsident Dmitri Medwedew schlug auch schon vor, den geschwächten Rubel als Reservewährung zu nutzen und ihn damit in den Rang einer Leitwährung zu heben. Im Vorfeld des Gipfels der acht wichtigsten Industriestaaten vom 8. bis zum 10. Juli in der mittelitalienischen Stadt L'Aquila macht er nun richtig Feuer unter dem Kessel.

Schon vergangene Woche stellte Medwedew erneut den Dollar als Leitwährung in Frage. Und seinen Worten sollten auch Taten folgen. Vertreter der Notenbank kündigten die lange erwartete Umschichtung der Devisenreserven offiziell an. Der stellvertretende Zentralbankchef Alexej Uljukajew erklärte, Russland werde den Anteil von US-Staatsanleihen an seinen Währungsreserven reduzieren. Um die Forderungen der Regierung zu unterstützen, soll die Umschichtung auch zu Gunsten von Sonderziehungsrechten (SZR) beim IWF gehen. Und Russland ist nicht das einzige Land, das aus US-Assets aussteigt, wie die fallende Nachfrage zeigt. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen ist derweil schon auf knapp 4 % gestiegen und so werden auch für die USA die explodierenden Staatsschulden immer teurer.

Ohnehin müssen die USA damit rechnen, dass sie das Top-Rating "AAA" verlieren. Nach der Ratingagentur Moody's warnt nun auch die Europäische Zentralbank (EZB) vor den Gefahren. "Unter pessimistischen Annahmen könnte der große Anstieg des Haushaltsdefizits und der Staatsverschuldung dazu führen, dass die USA herabgestuft werden", schrieb die EZB im Finanzstabilitätsbericht: "Sollte das passieren, könnte es wichtige Folgen für das globale Finanzsystem haben, beispielsweise über höhere Bondrenditen weltweit."

Auf dem Doppelgipfel in Jekaterinenburg haben Russland und China nun ihre Verbände geordnet, um den Angriff auf den Dollar voranzutreiben. In der Uralmetropole fanden gestern gleich zwei Treffen statt. Zunächst trafen sich die Staatschefs der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO), zu der neben Russland auch China, Kasachstan, Kirgisien, Usbekistan und Tadschikistan gehören, Indien, Iran, Pakistan und die Mongolei nahmen als Beobachter teil. Am späten Nachmittag trafen sich dort außerdem die Führer der größten Schwellenländer, die sich nach den Anfangsbuchstaben Bric-Staaten nennen: Brasilien, Russland, Indien und China.

Russland und China stimmten auf beiden Gipfeln die Teilnehmer auf die geforderte Neuordnung des Finanzsystems ein. Sie pochen mit großem Selbstbewusstsein weiter auf mehr Mitspracherecht beim IWF und den Vereinten Nationen. In der Abschlusserklärung sprechen sich die Bric-Staaten für ein "stabiles, berechenbares und stärker diversifiziertes" Weltwährungssystem aus. Damit rütteln sie gemeinsam am Dollar als Leitwährung, auch wenn die Formulierung nicht so deutlich ausfällt, wie die, die der russische Präsident auf der Abschlusspressekonferenz wählte: "Die bestehenden Reservewährungen einschließlich des Dollar haben ihre Funktionen nicht erfüllt." Medwedew verknüpfte die Probleme des Finanzsystems mit dem Dollar und bekräftigte die Forderung nach einer supranationalen Reservewährung, worauf der Dollar an den Devisenmärkten erneut in die Knie ging. "There cannot be a successful global currency system if the financial instruments it uses are denominated in only one currency. This is the case today, and that currency is the dollar."

Allerdings, so bekräftigte auch die russische Regierung, wolle niemand einen Dollar-Crash provozieren. Arkadi Dworkowitsch, der Wirtschaftsberater des russischen Präsidenten, erklärte: "Keiner will den Dollar zum Sturz bringen." Moskau sei an "Erschütterungen an den Währungsmärkten" nicht interessiert. Letztlich läuft die Strategie von China und Russland auf eine langsame Entmachtung des Dollars hinaus, um sich selbst keinen Schaden zuzufügen. Deshalb kündigte Dworkowitsch auch an, Moskau werde nun einen Teil seiner Reserven in Brasilien, China und Indien anlegen. Moskau setzt darauf, dass auch "unsere Partner in russische Papiere investieren". Moskau will auch Teile der Devisenreserven in den chinesischen Yuan konvertieren und allmählich sollen Yuan und Rubel den Dollar beim Handel zwischen China und Russland ablösen.

Zwar übertrieb der Gastgeber Medwedew maßlos, wenn er von Jekaterinenburg als "Epizentrum der Weltpolitik" sprach, doch allen ist klar, dass an den Bric-Staaten niemand mehr vorbeikommt. Mit etwa 40 % der Weltbevölkerung erwirtschaften sie gemeinsam etwa 15 % der globalen Wirtschaftsleistung und halten mit geschätzten fast 3 Billionen Dollar knapp die Hälfte der Devisenreserven. Die Finanzminister und Notenbankchefs der Bric-Staaten wollen nun intensiv am Thema Reservewährung arbeiten und dabei geht es auch um den Vorschlag, die Sonderziehungsrechte zu einer weltweiten Reservewährung auszubauen. Um diesen Vorschlag zu stützen, wollen nach Russland nun auch China und Brasilien in IWF-Bonds investieren und offenbar plant auch Indien nachzuziehen. Die SZR sind eine künstliche Währung, die sich auf die Wertentwicklung von Dollar, Yen, Euro und britischem Pfund stützt. Vorgeschlagen wird, den Währungskorb durch den Rubel, den Yuan, sowie durch Rohstoff-Komponenten und Goldreserven zu ergänzen.

Die Vorstellungen wird Russland auf dem G8-Gipfel als Sprecher der Bric-Staaten vertreten, weil es als einziges Land an dem Treffen in Italien teilnehmen wird. Dabei geht es auch um die Forderung, die Stellung der vier Schwellenländer im IWF zu stärken. Denn der wird derzeit von den Industrienationen, allen voran den USA, dominiert. Während China als drittstärkste Wirtschaftsmacht nur knapp 4 % der Stimmrechte hält, verfügen die USA über rund 17 % der Stimmen und gesamte Europäische Union über 32 %.

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