WHO-Kokainreport auf Wikileaks

Peter Mühlbauer 24.06.2009

Die Zusammenfassung einer 14 Jahre lang nicht veröffentlichte Studie widerspricht in vielen Punkten den Begründungen für den War on Drugs

1995 verhinderte die US-Regierung durch finanziellen Druck die Veröffentlichung einer von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und vom United Nations Interregional Crime and Justice Research Institute (UNICRI) in Auftrag gegeben umfassenden Studie über Kokain. Der Grund dafür war, dass eine nun in Wikileaks aufgetauchte 75-seitige Zusammenfassung der Untersuchung erkennen ließ, dass die Ergebnisse der War-on-Drugs-Politik teilweise grundlegend widersprechen.

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Unter anderem wird in dem Dokument festgestellt, dass die Strategie der Angebotsverringerung mittels Verbots- und Verfolgungspolitik gescheitert sei. Tatsächlich stiegen dem Bericht zufolge dadurch die Gewinnmargen - was Angebotsanreize setzte. Andere mögliche Ursachen für den Anstieg des Kokainkonsums in den 1970er und 1980er Jahren sah die Studie im "Glamour", der dem Konsum verbotener Genussmittel allgemein und dem von Kokain im besonderen anhaftete sowie in steigenden Einkommen der oberen Bevölkerungsdrittel in den USA und Europa.

Statt einer weiteren ausschließlichen Konzentration auf eine künstliche Angebotsverknappung empfahl die Zusammenfassung Legalisierungs- oder Besitzdekriminalisierungsoptionen nicht auszuklammern und über neue "innovative" Ansätze nachzudenken. Die traditionellen Maßnahmen erwiesen sich der Studie zufolge auch hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Gesundheit (also auf das eigentlich durch die Verbote zu schützende Gut) als kontraproduktiv.

Dafür stellten die beteiligten Wissenschaftler fest, dass die negativen gesundheitlichen Auswirkungen der verbotenen Substanz selbst durchaus begrenzt waren und legale Genussmittel wie Alkohol oder Tabak mehr Schaden anrichteten. Zudem beschränkten sich die gesundheitlichen Probleme ganz überwiegend auf einen Personenkreis, der sehr viel Kokain konsumierte und Mitte der 1990er Jahre nur eine relativ kleine Minderheit der Kokainkonsumenten ausmachte.

Auch über Jahre hinweg andauernder gelegentlicher Kokainkonsum führt der Studie zufolge "im Regelfall weder zu schweren noch zu leichten körperlichen oder sozialen Problemen". Das Kauen von Kokablättern hat dem Bericht nach nicht nur keine negativen, sondern im Zusammenhang mit traditionellen Therapien der indigenen Bevölkerung in der Andenregion sogar positive Auswirkungen auf die Gesundheit.

Als eine Möglichkeit, Gesundheitsschäden besser vorzubeugen, nennt die Studie die Aufklärung der Bevölkerung. Allerdings merken die Verfasser in diesem Zusammenhang auch an, dass die bisherigen hauptsächlich auf Angsterzeugung setzenden Erziehungskampagnen kaum positive Wirkungen entfalten konnten, weil sie verbotene Substanzen mit derart übertriebenen Klischees dämonisierten, dass sie stattdessen nur die Glaubwürdigkeit der Initiatoren beschädigten und sie der Lächerlichkeit preisgaben.

Nach dem Erscheinen der Zusammenfassung intervenierte Neil Boyer, der damalige Vertreter der US-Regierung bei der WHO. Auf der 48. Vollversammlung meinte er dem Protokoll zufolge, die Zusammenfassung "unterminiere" die Anstrengungen der internationalen Gemeinschaft, den illegalen Anbau von Coca "auszumerzen" und drohte, Mittel für Forschungsprojekte und andere Programme zu streichen, wenn sich die Organisation nicht von der Studie "distanzieren" und die geplante Veröffentlichung sein lassen würde.

Bei der WHO reagierte man auf diese Drohungen auf eine bewährte und wenig Aufmerksamkeit erregende Weise: Man beerdigte die Studie nicht offiziell, sondern zog den Peer-Review-Prozess so lange hinaus, bis keiner der beteiligten Wissenschaftler mehr nachfragte.

http://www.heise.de/tp/artikel/30/30587/1.html
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