Intelligente Männer, gefühlvolle Frauen

Matthias Gräbner 25.06.2009

Wie geschlechtsspezifische Stereotype die Wirklichkeit bestimmen – selbst wenn wir nicht an Stereotype glauben

Mädchen sind nicht wirklich intelligent.
Wenn sie wirklich in einzelnen Schulfächern Erfolg haben, dann nur dort, wo sie die ihnen eigene Disziplin dazu nutzen können, den Stoff komplett auswendig zu lernen. Jungen hingegen, ja die sind zwar faul, aber wenn sie gerade keinen Unsinn veranstalten, dann verstehen sie die Lerninhalte wenigstens und können sie frei von der Leber weg anwenden.

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Als Vater dreier schulpflichtiger Töchter muss der Autor nicht betonen, dass die vorhergehenden drei Sätze Beispiele sind für eine ganze Reihe von Stereotypen, die das vermeintliche Verhältnis der beiden Geschlechter zur Wissenschaft zu beschreiben behaupten. Dabei scheinen sie von der Wirklichkeit gar nicht weit entfernt zu sein. Die meisten Leser werden aus ihrer Biografie eigene Beispiele kennen für die "Streberin" und den lässigen Allesversteher. Doch auch die Statistik ist knallhart: im weltweiten Mittel sind männliche Schüler der achten Klasse in den Naturwissenschaften deutlich besser als ihre Mitschülerinnen.

Allerdings trifft das tatsächlich nur im Mittel zu. Die 2003 abgeschlossene TIMSS-Studie über 34 Nationen zeigte zum Beispiel, dass der Geschlechtsunterschied von Land zu Land variiert. In drei Ländern hat sich das Geschlechterverhältnis sogar umgekehrt, hier zeigen Mädchen in den Naturwissenschaften bessere Ergebnisse als Jungen. Ebenso zeigen Studien, dass sich das Verhältnis mit der Zeit ändert. Offenbar, da sind sich Forscher und Forscherinnen einig, haben wir es mit einem soziokulturellen Phänomen zu tun, nicht mit einem Problem der Biologie.

Stereotype ("Warum Frauen nicht einparken können") spielen, auch das hat die Wissenschaft gezeigt, eine gewisse Rolle bei diesem Phänomen. Frauen, die selbst daran glauben, dass Mathematik Männersache ist, entwickeln weniger Interesse daran – und verfolgen in der Regel auch keine darauf aufbauende Karriere. Es genügt sogar, weibliche Testpersonen an ihr Geschlecht zu erinnern, um eine signifikante Verschlechterung bei einer anschließenden Prüfung zu erreichen – man vermutet, dass allein schon die Angst, dem Stereotyp zu entsprechen, die eigene Leistung mindert.

Selbst Wissenschaftlerinnen sind davor nicht gefeit: Als man in einer Studie weiblichen Doktoranden ein Video einer zu 75 Prozent mit Männern besetzten Konferenz vorführte, fühlten sich die Probandinnen weniger zugehörig, verspürten weniger den Wunsch sich einzubringen und zeigten gar physiologische Anzeichen von Bedrohung. Wirklichkeit und Stereotype verstärken sich dadurch gegenseitig, ohne dass man hier eine Ursache-Wirkungs-Beziehung angeben könnte.

Man muss einem Stereotyp nicht nachhängen...

So weit – so bekannt: Es gibt deshalb weltweit auch nur überraschend wenige Menschen, die sich explizit zu solchen Mann-Frau-Stereotypen bekennen. Doch man muss einem Stereotyp nicht nachhängen, um davon beeinflusst zu werden.

Wie stark implizite Stereotype mit den schulischen Leistungen von Mädchen und Jungen korrelieren, hat nun ein internationales Forscherteam in einer weltweiten Studie für 34 Nationen analysiert – die Ergebnisse sind in den Veröffentlichungen der US-Akademie der Wissenschaften zu finden. Dazu nutzten die Forscher zum einen die TIMSS-Ergebnisse von 2003, zum anderen die Resultate des Project Implicit, das implizite Verknüpfungen studiert. Hier interessierte natürlich vor allem die Verknüpfung von Geschlecht und Wissenschaft.

Das Ergebnis: wenn der IAT (Implicit Association Test) einem Land (wie peinlicherweise dem Autor auch) eine "starke Assoziation von ‚männlich’ mit Naturwissenschaft und ‚weiblich’ mit Geisteswissenschaft" bescheinigt, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch männliche Schüler der achten Klasse in Naturwissenschaften und Mathematik deutlich besser abschneiden als Schülerinnen. Der Effekt blieb selbst dann erhalten, als die Forscher die IAT-Ergebnisse um Faktoren wie das selbst berichtete Stereotypen-Level bereinigten.

Auch die Einbeziehung von Variablen wie dem Bruttosozialprodukt des Landes oder des Gleichstellungs-Indizes änderte daran nichts – sprich: auch bei Ländern mit ähnlichem Reichtum und ähnlichen Gleichstellungs-Faktoren gibt es eine Beziehung zwischen unbewussten Stereotypen und den schulischen Leistungen in den Naturwissenschaften. Die Wissenschaftler folgern daraus, dass es nicht genügt, nur die Intentionen zu ändern. Unbewusste Assoziationen ändern sich nur, wenn sich die Wirklichkeit ändert – man muss also an mehreren Stellschrauben drehen, um hier wirklich Erfolge zu erreichen.

http://www.heise.de/tp/artikel/30/30589/1.html
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