1,13 Billionen Euro Neuverschuldung bis 2013

Peter Mühlbauer 26.06.2009

Könnte ein Umbau der Rentenversicherung nach Schweizer Vorbild die Haushaltsprobleme lösen?

Das Forschungsinstitut Whatiseconomy errechnete für Deutschland bis 2013 ein Neuschuldenrisiko in Höhe von 1,13 Billionen Euro. Diese Summe ergibt sich aus geschätzten 200 Milliarden Euro SoFFin-Bankengarantien, 60 Milliarden mehr an Zuschüssen zur Renten- und Arbeitslosenversicherung, 316,3 Milliarden Euro Steuermindereinnahmen, bereits beschlossene oder geplante Steuererleichterungen in Höhe von 50 Milliarden Euro, Risiken aus den Verbindlichkeiten der Landesbanken in Höhe von 400 Milliarden Euro sowie Bürgschaftsrisiken aus dem "Wirtschaftsfonds Deutschland" und weitere Konjunkturprogrammaufwendungen in Höhe von 105 Milliarden Euro.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Dass in dieser Rechnung auch Belastungen für Länder- und Gemeindehaushalte berücksichtigt wurden, war dem Projektleiter Alexander Dill zufolge deshalb notwendig, weil sich die Bereiche nicht trennen ließen, was sich beispielsweise bei der BayernLB und der HSH zeige, die SoFFin-Mittel beanspruchten. Auch die zur Sicherung von Kommunalschuldverschreibungen zum Bundesrisiko gemachte Hypo Real Estate belegt seiner Ansicht nach, wie untrennbar verwoben die Haushaltsrisiken für die einzelnen Finger der öffentlichen Hand mittlerweile sind.

Selbst wenn die Neuverschuldung nur bei einer Billion Euro liegen würde und der Zinssatz bei niedrigen drei Prozent bliebe, läge die daraus resultierende Zinsbelastung bei jährlich 30 Milliarden Euro pro Jahr. Angesichts dieser von ihm und dem Finanzberater Martin Bremer errechneten Zahlen rät Dill zu einem grundlegenden Umbau des Rentenversicherungssystems nach Schweizer Vorbild. Mit solch einer Reform könnten Bund und Länder seinen Berechnungen nach jährlich 45,03 Milliarden Euro einsparen.

Auf diesem Feld Einsparungen zu erzielen ist Dill zufolge unter anderem deshalb am sinnvollsten, weil der Zuschuss des Bundes zur gesetzlichen Rentenversicherung mit 78,3 Milliarden Euro und 27,6 Prozent der Gesamtausgaben der größte Einzelposten im Jahresetat 2008 war. Und weil derzeit sowohl die Einzahlungspflichten als auch die Bezugshöhe einige Bevölkerungsgruppen klar bevorzugen, sieht Dill diesen Staatszuschuss nicht als im gesamtgesellschaftlichen Interesse liegende Zahlung, sondern als Subvention von Partikularinteressen. Eine Subvention, die sich der Deutsche Staat seinem Urteil nach nicht mehr leisten kann.

Neben den Beziehern von Einkommen aus Vermögen sind in Deutschland auch 4,1 Millionen Selbständige und 1,9 Millionen Beamte von der gesetzlichen Rentenversicherung befreit. Anders in der Schweiz: Nachdem diese vor neun Jahren das Berufsbeamtentum abschaffte, zahlen dort alle Arbeitnehmer in die Rentenkasse ein. Auch Selbständige, die in Deutschland während ihres Berufslebens oft gut verdienen, aber als Altersarme der Staatskasse zur Last fallen, müssen sich in der Schweiz mit neuneinhalb Prozent ihres Bruttoeinkommens an der Finanzierung der Rentenversicherung beteiligen - laut Dill "ohne dafür proportional mehr Leistung erwarten zu können." Dies, und das Fehlen einer Beitragsbemessungsgrenze für angestellte Besserverdiener, führt dazu, dass die AHV praktisch ohne Zuschüsse auskommt.

Bisher macht keine der politischen Parteien Anstalten, über einen Umbau des Rentenrechts nach dem eidgenössischen Modell nachzudenken. Stattdessen spricht man - offenbar auch angesichts des nahenden Wahltermins - über Steuersenkungen und neue Konjunkturpakete. Allerdings gibt es auch eine mit steigenden Haushaltsdefiziten immer wahrscheinlicher werdende Alternative zu Steuererhöhungen oder Änderungen bei der Altenversorgung - eine Inflation, die Staatsschulden zwar relativ schnell beseitigen würde, aber nicht nur für Rentner verheerende Folgen hätte.

http://www.heise.de/tp/artikel/30/30607/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Systemische Korruption

Interview mit Alexander Dill zu den Verantwortlichen für die Weltwirtschaftskrise

Brüning und die Riesterrente

"Eine etwas verzwickte Materie, die aber genauer analysiert werden muß, will man nicht einen Sachzwang konstatieren"

Flucht in die Sachwerte

Interview mit dem Historiker Martin Geyer über die Hyperinflation in den 1920er Jahren

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS