Amblers Spione
Ein Klassiker wird Hundert
Eric Ambler, Verfasser mittlerweile klassischer britischer Spionage-Romane, schrieb sich seinen eigenen Grabstein, als er, noch zu Lebzeiten, seine Autobiographie veröffentlichte, unter dem Titel: "Here Lies - Eric Ambler". Zu Deutsch: "Hier liegt (oder lügt!) Eric Ambler". Ein vergnüglicher Autor also? In der Tat. Seine Bücher sind eminent strandtauglich. Da überrascht es dann kaum noch, dass auch sein hundertster Geburtstag mitten in den Hochsommer fällt.
(I)
Übrigens "Grabsteine". So werden im Feuilleton-Jargon gelegentlich diese oberlehrerhaften Traktate bezeichnet, bei denen man irgendeinem berühmten Verstorbenen einige Plattitüden hinterher jagt, und ihm dabei noch einen zusätzlichen metaphorischen Deckel auf den Sarg nagelt, wohl in der Hoffnung, ihn damit final zu entsorgen. Eine Art atavistischer Zauber der Totenbannung, der sich, dem Diktat des Dezimalsystems folgend, jeweils zu einem runden Datum entlädt, zum Hundertsten, Fünfzigsten, Hundertfünfzigsten, oder wann immer es gerade passt.
Grabsteine sind, so besehen, eine bequeme Form des Feuilletonismus, da man die Artikel Monate im Voraus einplanen und schreiben kann - oder könnte, wenn einem der natürliche Prokrastinismus nicht einen Strich durch die Rechnung machen würde.[1]
Die Idee, einen solchen "Grabstein" über Eric Ambler zu schreiben, kam mir bereits irgendwann im Februar oder März, als ich gerade mal wieder zwei Krimis von Raymond Chandler wiedergelesen hatte. Es handelte sich dabei um "The Big Sleep" und "Farewell, My Lovely". Ich fand die beiden Bücher langweilig, konfus, "pedestrian", wie man auf Englisch sagt, d. h. "fußgängerhaft", also "schwunglos, ohne Tempo", oder auch "stark angeplüscht", wie man auf Deutsch sagen könnte. Oder "altgvatterisch". Dazu abwechselnd homophob oder homophil. (Homophob gegen die flatternden Augenlider der Kunst-Klientel mit den buntfarbigen Zigaretten der Marke Sobranie, homophil gegenüber den Muskelpaketen mit dem stahlblauen Blick.) Es wunderte mich nicht, dass Leigh Brackett, die Drehbuch-Autorin (William Faulkner schrieb auch mit) sich an der Filmversion von "The Big Sleep" die Zähne ausbiss. Andererseits wundert es mich wiederum nicht, warum gerade die Engländer Chandler so toll finden und immer schon fanden. Ian Rankin, selber ein großer Name in der heutigen Krimi-Szene, nennt Chandlers Detektiv Philip Marlowe, im Vorwort zu "The Big Sleep", einen "knight errant", einen "fahrenden Ritter", man könnte auch sagen einen "umher irrenden Ritter". Da sind wir schon fast bei Don Quixote.
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Rankin meint natürlich einen leicht beschädigten, aber sonst völlig intakten Mann ohne Furcht und Tadel. So was ähnliches, eben, wie sein eigener, tiefsinnig benamter Inspektor "Rebus". Der edle Ritter wird übrigens, bei Änderung eines einzigen Buchstabens, zum "knight errand", der Ritter auf dem Botengang, ein Laufbursche. Insgesamt ist Marlowe in "Los Angeles" jedenfalls ziemlich deplaziert. Er ist in Wirklichkeit ein britischer Dandy, oder ein benjaminscher Flaneur, der ohne rechtes Ziel durch diese große, lieblose Stadt geistert und den Leuten mitteilt, wie absolut kotzerbärmlich er sie alle findet. Gelegentlich erzählt er auch den Streifenbullen etwas über Proust oder Hemingway, ganz im Ernst, um sich selber vorzuführen, wie ungebildet die Burschen sind. Und dann genehmigt er sich wieder ein Schlückchen aus der Büroflasche, und lässt ein kauziges Sprüchlein vom Stapel. Einen sogenannten Chandlerismus, heute auch in unendlicher Verdünnung in jedem deutschen Feuilleton zu finden, eine Art poetisch gemeinte Nonsense-Aussage.
Die Original-Chandlerismen, stelle ich mir vor, waren die abfälligen Bemerkungen, die Chandlers Gattin nach dem dritten Whisky über seine jeweilige Tagesproduktion absonderte, und die er dann geflissentlich aufsammelte und in die Textmenge des nächsten Tages hineinverwebte. Woody Allen, dessen Humorschreibe eine Art Chandlerismus-Konzentrat in Pillenform darstellt, schrieb denn auch eine der besten Persiflagen in diesem Stil, "Mr Big". Kurzweilig und kurz. Dumpf-depressive Romane in der Chandler-Nachfolge gibt es zuhauf, beispielsweise James Crumleys "The Last Good Kiss" (1978). Sehr zu empfehlen für trübe Novembertage. Einen wirklich amüsanten Beitrag lieferte Thomas Berger mit Who Is Teddy Villanova? (1977). Ein post-modernes Chandler-Pastichio, das dem Chandlerismus ein für alle mal ein Ende setzen sollte. Aber die meisten Leser schaffen es nicht einmal bis zum Ende des ersten Kapitels.
Die Amerikaner selbst haben mittlerweile den Autor Chandler auch zu schätzen gelernt, wohl weil die Engländer ihnen unablässig eingeredet haben, dass Chandler eben das absolut Gelbe vom Ei sei. Real lasen die Amerikaner damals lieber Erle Stanley Gardner, weswegen dessen Detektiv, der Rechtsanwalt Perry Mason, auch unendlich viel mehr Auflage erzielte. Ebenso Dashiell Hammett. Ein sehr viel besserer Autor. Natürlich dröseln sich selbst die besten Romane ihrer Zeit irgendwann einmal auf. The Man With the Golden Arm, das Buch von Nelson Algren, einst als bester Roman seines Jahrgangs apostrophiert, ist heute unlesbar. Der Film, mit einem springlebendigen Frank Sinatra, dem man gerne glaubt, dass in seinen Adern pure Energie dahin spratzelt, ist natürlich an gewissen Abenden noch immer ganz mitreißend. Bei Chandler ist es hilfreich, dass Humphrey Bogart, zusammen mit Lauren Bacall in der Film-Version von "The Big Sleep", ein für alle mal die Phantasie der Leser zugleich angestachelt und festgezurrt hat. Von dem Punkt an musste Philip Marlowe in Amerika aussehen wie Humphrey Bogart.
In England war das alles etwas anders, da gab es noch die eigenen, quasi "hausgemachten" Phantasien, die sich um Amerika rankten. Neben Chandler, der sich beispielsweise in diesem relativ späten Interview mit Ian Fleming als gelernter Amerikaner aufführte, sich aber innerlich als ernsthafter britischer Schriftsteller der A-Klasse fühlte, gab es die anderen Autoren der C-Klasse, Peter Cheyney ("Lemmy Caution"), James Hadley Chase, Carter Brown, Leslie Charteris, die alle NICHT in Amerika lebten, aber sich dennoch über weite Strecken recht amerikanisch gerierten. Ihre LESER - und das waren neben den englischen Lesern in England selbst und jenen im British Empire oder Commonwealth auch Leser in ganz Europa und in der ganzen Welt, die den Unterschied nicht erkennen konnten, da sie die Bücher in Übersetzungen lasen - diese Leser also bewohnten, gemeinsam mit ihren Autoren, ein Phantasie-Amerika.
Ähnlich, wie man es in Deutschland von "Jerry Cotton" gewohnt war, dessen Leser sich mental, in ihren abenteuerlichen Tagträumen, in "New York" ansiedelten. Oder mithilfe von "Edgar Wallace", in einem Phantasie-London, das dann im Film mit deutschen Schauspielern bevölkert wurde. Chandler hätte seinen Detektiv auch William Shakespeare nennen können, ungefähr so wie Arthur Upfield SEINEN Detektiv "Napoleon Bonaparte" nannte. In der Praxis dann "Bony", in der TV-Serie "Boney", da die Leute ja keine Bücher lesen. "Boney" bedeutet soviel wie "Der-mit-der-Erektion". So, dachte man sich das wohl, muss ein typischer TV-Detektiv eben heißen. Der Original-Marlowe war einst Kollege von Shakespeare gewesen, im Keller des Bewusstseins war das in England gewissermaßen "jedem" bekannt.
Ein Stückeschreiber, ermordet, im Nebenberuf: Spion. Ob Marlowe, wie Shakespeare, auch schwul war, steht dahin. Warum Philip Marlowe den Polizeidienst verlassen musste, scheint mir dagegen ziemlich klar. Wenn er, ein ums andere Mal, behauptet, es sei wegen "insubordination" gewesen, der Weigerung, sich unterzuordnen oder Befehle entgegen zu nehmen, so mag das nichts weiter sein als Schönfärberei. Aber der Name hatte einfach diesen schönen Schmutzring eingebaut, so als würde man den Detektiv heute "Bukowski" nennen. In Dennis Potters TV-Klassiker aus dem Jahr 1986, "The Singing Detective", kreist die Geschichte um Los Angeles, um amerikanische Big Band-Schlager der 40er Jahre. Und sein Protagonist heißt, (ganz selbstverständlich, irgendwie): Marlow, mit fehlendem Schluss-E. Im Jahr 2003 drehten die Amerikaner eine amerikanische Kopie davon fürs Kino, füllten die Geschichte mit US-Schlagern aus den Fifties, besetzten die Hauptrolle mit einem Komiker & nannten den Helden Dan Dark. Die amerikanischen Filmemacher und Produzenten (unter ihnen Mel Gibson) hatten einfach nicht kapiert, was die Geschichte überhaupt sollte. Sie verstanden nicht den englischen Traum von Amerika. Entsprechend unverständlich blieb auch der Film, ein totaler Blödsinn. Dabei hatten sie doch alles richtig gemacht, und den Quatsch sogar an den Originalschauplätzen - in Los Angeles! - gefilmt!
Und bei Ambler? Auch bei ihm gab es bald einmal einen Marlow. "Nicky" Marlow. Ich vermute, dass Ambler mit dem Namen ironisch auf Chandlers Privatdetektiv anspielen wollte (den es bis dahin freilich nur in einigen Kurzgeschichten gegeben hatte.) Allerdings fehlte ihm, Ambler, dazu vorerst noch die richtige Gravitas, die überzeugende Sitztiefe am Schreibtisch, der routinierte Anschlag auf der Schreibmaschine. Aber obwohl es ihnen nicht bewusst war, konnten beide, Ambler und Chandler, sich auf einen gemeinsamen literarischen Ahnen berufen. Auf William Somerset Maugham.
(II)
Hier steht nun wieder ein kleines Schild mit der Aufschrift "Umleitung". Denn wir müssen einen Abstecher machen - hinüber zu den grünen Penguin-Krimis der 30er, 40er, 50er und 60er Jahre. Der englische Penguin Verlag war eine literarische Schule der gesamten Welt. Jedes Buch, das hier erschien, war eine kleine Kostbarkeit. Das Schriftbild angenehm zu lesen. Usw. Die Auswahl und redaktionelle Sorgfalt, gerade auch bei der Krimi-Reihe, war einzigartig. Es gab nie einen lediglich "durchschnittlichen" Krimi bei Penguin. Immer nur die erste Sahne. Wer heute einen solchen Krimi im Antiquariat erspäht, braucht nur zuzugreifen. Es gibt keine Enttäuschungen. Freilich stand in den meisten Büchern der Vermerk: "NOT FOR SALE IN THE U. S. A. OR CANADA". Warum? Nun, die Welt zweigeteilt war. Chirurgisch glatt getrennt in zwei Einflussbereiche. Amerikanische Bücher kamen nicht in den englischen Bereich, englische nicht in den amerikanischen. Dass es in Amerika einen eigenen Penguin Verlag gab, der Taschenbücher mit knallbunten Titelbildern veröffentlichte, blieb den meisten Engländern - aber auch Australiern, Neuseeländern, und vielen Kontinentaleuropäern - gewissermaßen zeitlebens ein Geheimnis.
Was der amerikanische Verlag druckte, erschien nur gelegentlich auch in England, und umgekehrt. Aber wenn der englische Penguin Verlag amerikanische Autoren in England druckte, redigierte er die Bücher oft und gerne, ohne eigens darauf hinzuweisen. Zuweilen mochte es einem, als Leser, auffallen, dass der britische Lastwagen, der "lorry", in einem amerikanischen Roman eigentlich nichts verloren hatte; dort war er wohl ursprünglich ein "truck" gewesen. Andere Dinge wurden einfach gestrichen. In J. D. Salingers "The Catcher in the Rye" kam, in der amerikanischen Ausgabe, 44 mal das Wort "fuck", in der britischen Penguin Version dagegen kein einziges Mal vor (Das war die Ausgabe, die Heinrich Böll ins Deutsche übersetzte. Woher hätte er das aber auch wissen sollen? Dass da was fehlte?).
Erst bei J. P. Donleavys "Schultz" (1980) musste sich der Penguin Mutter-Verlag Allen Lane, geschlagen geben. Die kleinen, schmutzigen Wörtchen rieselten auf jeder Seite 10, 20, 30 Mal hernieder. Wo hätte man anfangen können mit dem Schneiden, wo aufhören sollen? Immerhin, Chandler war "sauber", also war es ganz natürlich, dass er bei Penguin als amerikanischer Krimi-König gefeiert wurde. Außerdem liebte es Chandler, Dashiell Hammett zu loben - als den Mann, der dem amerikanischen Krimi die echten Morde wieder gegeben hätte.
Hammett gab den Mord jenen Leuten zurück, die Grund haben zu morden, und die nicht nur da sind, um eine Leiche zu liefern. [...] Der Malteser Falke mag ein Geniewerk sein oder auch nicht, aber einer Kunst, die ihn zustande gebracht hat, ist - 'ihrer Voraussetzung nach' - schlechthin kein Ding unmöglich. Wenn eine Detektivstory so gut sein kann wie diese, werden nur noch Pedanten bestreiten, sie könnte sogar noch besser sein.
Chandler stilisierte sich selbst gern zum Vollender dessen, was Hammett angeblich angestrebt hatte, womit er den Rezensenten amerikanischer Zeitungen auf Jahrzehnte den Job des eigenen Nachdenkens abnahm, indem sie nun jedem halbwegs tauglichen Krimi einfach das Prädikat "In der Tradition von Hammett/Chandler" umhängen konnten. Bei Penguin konnte man sich für Hammett lange Zeit nicht erwärmen. Man zog statt der hartgesottenen Burschen lieber die weichgekochten vor. Autoren, deren Krimis sich zur Hälfte als Reiseliteratur eigneten, Bücher von David Dodge oder Helen Innes. Autoren wie James M. Cain ("The Postman Always Rings Twice") - oft als "das 20-Minuten Ei der hartgekochten Schule" tituliert - kamen zwar bei Penguin vor, aber nur vereinzelt. Nicht im Zehnerpack, wie Simenon mit seinen Maigret-Romanen (und das gleich mehrfach).
Dahinter stand eine sehr konservative Verlagspolitik. Schließlich mussten die Bücher international verkauft werden, um Kasse zu machen. Und Länder wie Australien oder Neuseeland hatten ellenlange schwarze Listen, mit tausenden von Titeln, deren Einfuhr offiziell verboten war. Dazu gehörten "pornographische" Romane wie "Ulysses" von James Joyce und "Lady Chatterley's Lover" von D. H. Lawrence, aber auch ganz seichter Schrott wie "God's Little Acre" von Erskine Caldwell, dessen "anrüchige" Stellen einem heutigen Leser nicht mal mehr auffallen würden. Für die Zeitgenossen reichte es. Sie kauften das Buch rund acht Millionen Mal. Autoren, die irgendwie "links" standen, schafften es ebenfalls nicht auf die Penguin-Liste. Der Kommunist Hammett war zwar in Amerika erfolgreich (nicht als Kommunist, sondern als Krimi-Autor), aber erst lange nach seinem Tod (1972, Hammett war bereits 1961 gestorben) brachte Penguin in England eine Sammlung mit einigen seiner Kurzgeschichten heraus, "The Big Knockover".
Beim Konkurrenz-Unternehmen Pan Books erschien derweil "The Continental Op" (1974.) Damit waren ungefähr 17 Kurzgeschichten neu aufgelegt worden, die der Schweizer Diogenes Verlag auf Deutsch als vollständige Werksausgabe der Kurzgeschichten von Dashiell Hammett in Umlauf brachte. Ich schrieb einmal nach Zürich, dass das ja wohl nicht alles sein könne. Ich selber hätte in meiner Sammlung noch mindestens doppelt so viele andere Hammett-Stories, die auch nicht übel wären. Ich schlug dem Verlag vor, eine fünfbändige Serie mit allen Geschichten über den "Continental Op" (Hammetts namenlosen, übergewichtigen Operator der Continental Detective Agency) herauszubringen. Ein gelangweilter Brief aus der Schweiz bedankte sich für meinen Enthusiasmus in Sachen Hammett. Und Tschüss. Ähnlich bei Rowohlt, wo man zwar stark gekürzte Bücher des amerikanischen Krimi-Klassikers Chester Himes herausbrachte, aber nach Möglichkeit zu verschweigen suchte, dass die beiden Detektive in den Stories von Himes Schwarze waren. Alles in allem, kann man sagen, ist dem englischen Publikum viel gute amerikanische Krimi-Literatur entgangen oder vorenthalten worden. Autoren wie Peter Cheyney oder Carter Brown konnten ihre Millionenauflagen nur deswegen erreichen, weil ihnen die amerikanische Konkurrenz vom Leib gehalten wurde. Daneben blühte, als kleine, unabhängige Pflanze, der englische Spionage-Roman.
(III)
In Amerika gab es keine Spione. Es gab die "Labour Spies", das waren z. B. Angestellte der Firma Pinkerton, die sich als Arbeiter verkleidet in großen Firmen einschlichen, und aufrührerische Gewerkschaftler an die Bosse verpfiffen. Gewerkschaften galten den Unternehmern als verbrecherische Organisationen, die z. T. wirklich mit dem Mob in Verbindung standen. Faschistische Privatarmeen gab es nach dem ersten Weltkrieg überall - in Europa, in Australien, in Amerika. Außer Hammett ("Red Harvest") hat kaum jemand über diese Leute geschrieben. (Doch: D. H. Lawrence, in Kangaroo.)
Politische Spione hingegen waren allgegenwärtig in Europa. An sich hätte Wien das Zentrum der Spionage-Literatur werden können.
Sehn's die Dame dort? Des is nämlich a Spionin!
Der berühmte Spruch der Taxi-Fahrer. Aber Wien schaffte es nicht. Es musste erst Graham Greene dort einziehen im Hotel Sacher und künstlich den "Dritten Mann" in der Stadt implantieren, mit Orson Welles in der Rolle des Harry Lime, dann fand sich auch vor Ort ein Anton Karas, der dazu den Theme Song spielen konnte.
Das war aber bereits nach dem Zweiten Weltkrieg. Nein, der Spionage-Roman war und blieb von Anfang an eine britische Spezialität. Er fängt, für mein Empfinden, bei Rudyard Kiplings "Kim" an, einem wunderbar komplexen Roman, in dem es vor Spionen nur so wimmelt. Ein Buch, das man als Zehnjähriger ebenso mit Vergnügen liest wie später als Fünfzigjähriger. Natürlich pappte sich Kipling bis in die Nazi-Zeit hinein auf seine Bücher ein indisches Sonnenrad, weswegen ihn viele für einen Faschisten hielten, und gerade auch bei der Hitler-Jugend waren die so genannten "Kim-Spiele" beliebt. Eine Art gehobenes Memory, bei dem die jugendliche Beobachtungsgabe und Erinnerungsfähigkeit trainiert wurde. Gut für kleine Spione im Volkssturm. Heutige Leser, gleich welchen Alters, würden sich an dem Text die Zähne ausbeißen, da sie schon von Harry Potter überfordert sind. Ob es eine gute deutsche Übersetzung gibt, weiß ich nicht. Wenn ja, müsste sie noch aus einem DDR-Verlag stammen, mit einem sorgfältigen Anmerkungsapparat. Gleichwohl ist "Kim" der (sagen wir mal) erste und sicher der beste Roman dieses Genres, und er spielt in Indien. Am Rande des Britischen Imperiums.
Irgendjemand hat gewiss irgendwo und irgendwann im deutschen Sprachraum einmal eine Doktorarbeit über die britischen Spionage-Autoren bis zu James Bond geschrieben, und dabei eine Unterscheidung zwischen den wirkliche guten und den nicht so guten Autoren bzw. Büchern getroffen. Die Guten, das waren The Riddle of the Sands (1903) von Erskine Childers, The Secret Agent (1907) von Joseph Conrad, The Thirty-Nine Steps (1915) von John Buchan oder Rogue Male (1939) von Geoffrey Household.
Ich vermute, dass man in dieser Doktorarbeit lesen konnte, dass die anderen, die miesen Autoren allesamt jingoistische, also rechtsgestrickte, reaktionäre Scheusale, Kämpfer für König und Vaterland waren. Das übertrug sich dann ungefragt ins Feuilleton. Sogar James Bond wurde immer wieder gern als typischer "SS-Killer" bezeichnet. Dabei waren die Romane eines E. Phillips Oppenheimer, eines William Le Queux, eines "Sapper", richtig spannend und zu ihrer Zeit auch richtig erfolgreich. Sapper veröffentlichte, ähnlich wie Edgar Wallace, allein 1927 sechs Romane. Wallace war daneben natürlich ein sehr erfolgreicher Theater-Autor, genau wie Maugham, der in den Londoner Theatern einmal gleichzeitig vier verschiedene Stücke am Laufen hatte.
Der junge Raymond Chandler, der zwar in Amerika geboren war, aber in England aufwuchs, holte sich hier Inspirationen, die er freilich erst Jahrzehnte später in seinen "Detektiv" Philip Marlowe einfließen ließ. Seine Dialoge hätten auch fürs Theater getaugt. Stattdessen standen sie nun, 30 und mehr Jahre später, in seinen Krimis, bzw. in den Filmen, an deren Drehbüchern er mitschrieb. Aber Maugham wurde steinalt und blieb 60 Jahre lang erfolgreich im Geschäft. Er überlebte Chandler um etliche Jahre, er überlebte Ian Fleming, der dem Greis noch brüderlich den Arm um die Schulter gelegt und gesagt hatte: "Wir beide sind die einzigen, die wirklich das schreiben, was die Leute lesen wollen". Tatsächlich waren beide, Fleming und Maugham, alte Geheimdienst-Leute, ebenso wie Graham Greene, der nie seine Mitgliedschaft im "besten Reisebüro der Welt" aufkündigte. Greenes Romane waren selten so spannend wie sein eigenes Leben, aber ich liebe die Film-Version von "Unser Mann in Havanna", eine Komödie mit Alec Guinness, die 1959 in der kubanischen Hauptstadt gedreht wurde, während ringsherum die Revolution stattfand. Kurioserweise filmte gleichzeitig Errol Flynn, Hollywood-Star und langjähriger MI6 Informant, in Kuba eine Pro-Castro Doku.
Maughams Bedeutung für Eric Ambler lag darin, dass er einen Band mit ineinander verwobenen Spionage-Stories veröffentlicht hatte, "Ashenden, or The British Agent" (1928, wieder einmal verfilmt 1936 von Alfred Hitchcock)[2] in dem er auf seine Geheimdiensterfahrungen zurückgriff, beispielsweise auf seinen Auftrag, den indischen Agenten Mahendra Pratap zu ermorden, der auch real in meinem TP-Artikel, Ein James Bond in Kabul eine Rolle spielt. Pratap zu ermorden gelang nicht, er funkte auch noch nach dem Zweiten Weltkrieg quicklebendig aus Japan weiter. Wichtig an "Ashenden" war jedoch Maughams unterkühlter, fast amtlicher, trockener Ton, den der junge Eric Ambler sich rasch zu Eigen machte. Die lebenslange Verbindung mit Hitchcock führte zusätzlich dazu, dass alle seine Romane, fast von Anfang an, wie "Hitchcocks" wirken. Real verfilmt hat Hitchcock keinen seiner Romane. "The Light of Day" wurde verfilmt, unter dem Titel "Topkapi", wobei man schon dem Roman anmerkt, dass Peter Ustinov die Hauptrolle spielen würde, und dass Kim Novak vielleicht die blonde Schlampe mimen sollte.
Hitchcock hatte mit Cary Grant eine Caper-Geschichte mit einer Prise Reisebüro-Ambiente gedreht, "To Catch a Thief", nach dem Roman von David Dodge, dem weichgekochten Pendant zu Chandler (innerhalb des Penguin Universums; an sich hatte Dodge noch andere Sachen drauf). Auf ähnliche Weise hätte wohl auch dieser Roman Eric Amblers abgedreht werden können. Die Film-Version entstand indessen nicht unter Hitchcocks Regie, und Kim Novak fehlte ebenfalls. Trotzdem kriegte Ustinov seinen Preis - als bester Darsteller in einer Nebenrolle, obwohl er die Hauptrolle hatte. Den Preis-Richtern erschien ein Mann in der Rolle des Chauffeurs damals wohl als nicht wirklich hauptrollenwürdig. Sieht man sich das Buch heute noch mal an, ist klar, dass eine moderne Verfilmung anders laufen müsste. Größere Tiefenschärfe, härtere Schärfentiefe. Statt Tourismus-Ambiente, Türkei pur. Statt Ustinov - Birol Ünel, der Hauptdarsteller aus Gegen die Wand. Dann stimmt die Sache wieder.
Wie ein wirklich guter Spionage-Film aussehen sollte, zeigte Hitchcock mit Topaz, aber die Story stammte nicht von Ambler, sondern von Leon Uris. Auch dies wieder eine Kuba-Geschichte, dazu mit kunstvoll eingeflochtenen Echt-Aufnahmen von Fidel Castro und Che Guevara. Das amerikanische Publikum vermisste allerdings eine tränenselige Schwedin oder ähnlich gelagerte Stars, die sich mit einem Stamperl Hochprozentigem zuprosteten und optimistische Trinksprüche klopften wie "We'll always have Paris". (Dabei spielten in dem Film die größten Namen des französischen Kinos mit!)
Aber so war es eben, Amerika konnte mit Spionen nichts anfangen. zur Not musste man sie aus Bad Godesberg einfliegen. Wie bei Ross Thomas, "Der Tod wirft gelbe Schatten". Letzten Endes blieb die Sache immer an Bogart hängen. Wie "The Big Sleep" mit ihm in der Hauptrolle den ultimativen Noir-Krimi definiert, so definiert "Casablanca" für ein breites Spektrum des Publikums den ultimativen (amerikanischen) Spionagefilm, obwohl die meisten Leute Humphrey Bogart in seiner Rolle überhaupt nie als Spion erkennen. Das ist natürlich perfekt!
(IV)
Meine erste Lese-Erfahrung mit einem Roman von Eric Ambler begann an einem Sommer-Nachmittag in der Universitätsbibliothek von Auckland. Zufällig stand unter den "Neu"-Erwerbungen (fünf Jahre nach Erscheinen!) Amblers "The Intercom Conspiracy", mit einem fast opaleszierenden Metallic-Cover, das mich unwillkürlich an die damals noch recht phantastischen modernen Faxgeräte und Computer denken ließ. Am Abend, als bereits überall in den Bücherhallen die Beleuchtung aufgeflackert war, hatte ich die Geschichte fertig gelesen, und verließ die Bibliothek mit einem eigenartigen inneren Strahlen. Da war einerseits diese altertümliche Form des Erzählens durch mehrere Personen, wie man sie aus Dracula (1897) kennt oder aus "Dracula"s Vorbild, Wilkie Collins' "The Woman in White" (1852) samt dem Oberbösewicht Count Fosco.
Das Ganze jetzt aber gewendet in die moderne (ach, oder post-moderne!) Variante, mit Diktaphon und dem phonographisch pornographischen Vokabular, hier der Amerikaner - "crap", "hell" - dort der Brite, und auch "Eric Ambler" erscheint als Gestalt im Roman, zusätzlich verdoppelt durch sein eigenes Gegenbild, als der Krimi-Autor und Gelehrte, Charles Latimer, der dann im Roman auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Dazu dieser leicht verzopfte, fast teutonisch-kommafreudige Stil, der wohl jeden Übersetzer (ins Deutsche) in Freudenschreie ausbrechen lassen müsste.
Heute, beim Wiederlesen des Buches, muss ich mir vergegenwärtigen, dass Ambler diesen Roman circa 1966 bis 68 geschrieben haben muss, als Watergate und die ganze Achterbahnfahrt der Nixon-Jahre noch in ferner Zukunft lagen. Den realen Ton mancher Nixon Gespräche (hier ein Ausschnitt zum Thema Spione in Amerika) erfasste nicht einmal Philip Roth in seiner grundlegenden & bahnbrechenden Satire, "Our Gang". "Tricky Dick" (Nixon) und seine Freunde stellten die Satire REAL mühelos in den Schatten. Aber Ambler, der immer ein bisschen zurückhaltend war, der auch als Autor "gute Manieren" an den Tag legte, schaffte es hier fast mühelos, diesen Zungenschlag zu treffen. Er muss ein paar von den "genau richtigen" Leuten gekannt haben, entweder eindrucksvolle Modelle aus dem Spionage-Milieu, oder seinen eigenen, ganz speziellen Zuflüsterer, einen "Deep Throat".
Zugleich klingt Ambler hier - wie in allen seinen Büchern - vom Tonfall her recht ähnlich wie Alistair Cooke. Cooke war kein Spion - er war lediglich über gut 60 Jahre hinweg der BBC-Korrespondent in Amerika, der jede Woche seinen "Letter from America" in die ganze Welt hinaus sendete. Daneben schrieb er Bücher, die jenen leicht beschwingten aber gelehrten Tonfall drauf hatten, den man sich bei den ernsthaften Werken vorstellen könnte, die Ambler wohl wie sein fiktiver Krimi-Autor Latimer gern geschrieben hätte, aber niemals schrieb. Trotzdem, man merkt Ambler, ebenso wie Cooke und ebenso Chandler das englische Bildungssystem ihrer Zeit an, sie haben, wenn man so will, alle an der gleichen Schule ihr Abitur gemacht. Dabei ist Cooke einfach der Klassenbeste. 1938 bereiste er die USA, natürlich nicht als Spion, lediglich als Journalist, um ein großes, allgemeines Stimmungsbild über das Land zu verfassen. Wie er seine Arbeit als Auslandskorrespondent betrachtete, ersieht man aus diesem etwas späteren Zitat:
As a foreign correspondent it's an enormous advantage not to be born in the country you're describing. If you take a goldfish out of a goldfish bowl, and ask him to tell you something about the habits of goldfish, he can only go so far. But if you take a cod and drop him in a goldfish bowl, he can tell you a very great deal about goldfish.
Cooke, der in Amerika Karriere machte, klingt hier ein wenig hochmütig, wenn er die Amerikaner als arglose Goldfische und sich selbst als tollen Hecht darstellt, aber das ging wohl den meisten Briten so, bis heute. Auch in "Borat" geht es letztlich darum, die Goldfische vorzuführen. Seine klassische Reportage aus den Jahren 1938ff, "American Journey - Life on the Home Front in the Second World War", erschien erst posthum, beim Verlag Allen Lane, 2006, zweifellos in bereinigter Form. Was einem dort auffällt? Erstens, dass Cooke die besseren Chandlerismen drauf hatte als Chandler. Das ganze Buch ist besser als irgendetwas von Chandler. Zweitens, dass Cooke dieses typische britische Spionage-Gesicht hat, wie Ambler auch, Beamte, Männer die in der Menge nie auffallen, Leute, an die sich nachher keiner mehr erinnern kann.
Drittens, weil Cooke sich nicht an irgendein unbestimmtes oder als leicht sub-normal eingestuftes Krimi-Publikum wenden musste, schreibt er von gleich zu gleich, er vermutet, dass seine Leser genau solche intelligenten Männer sind wie er selbst. (Ich habe nicht bemerkt, dass er jemals Frauen unter seinem Lesepublikum vermutete.) Warum dieses Buch zu seinen Lebzeiten nicht erscheinen konnte? Weil Cooke bis wenige Wochen vor seinem Tod noch weiter arbeitete. Weit über die 90 hinaus. Es hätte seine Arbeit behindert, wenn man ihn in Amerika als ehemaligen britischen Spion (im Dienste einer befreundeten Macht) angesehen hätte. Natürlich war er in erster Linie Berichterstatter. Reporter. Journalist. Jemand, der im Licht der Öffentlichkeit agiert, kann kein Spion sein.
Ambler klingt wie Cooke, aber mit einer Prise Ironie. Er hat Dialoge, und die sind gut. Ambler hat beim Film gearbeitet, das merkt man.[3]
Was aber scheinbar nie jemand gemerkt hat. Seine Bücher sind Tintins für Erwachsene. Graphic Novels, die nur auf den Zeichenstift warten, die Ligne Claire im Spionage-Genre. Die Tintin Romane in Comicform des Belgiers Hergé - hier die französische Wikipedia Seite dazu, man beachte die umfassende Sekundärliteratur! - registrieren auf der nach unten hin offenen Skala der Unbelesenheit in deutschen Landen kaum einmal ein Zittern, d.h. sie waren einerseits nicht infantil genug, um die Fix-&-Foxi-Latte zu unterschreiten, andererseits, unter dem Serien-Titel "Tim & Struppi" wiederum zu pueril, um für Erwachsene zu taugen. Von daher wird mein Vergleich der Ambler-Romane mit der Tintin-Serie nur wenigen Lesern verständlich sein, aber ich bringe ihn hier dennoch vor, als eine handliche Form der Kalibrierung. "The Intercom Conspiracy" lässt sich mit dem letzten Band der klassischen Tintin-Phase vergleichen, etwa "Reiseziel Mond". Was Ambler danach schrieb wirkt eher wie "Tim in Tibet" oder "Flug 714 nach Sydney", wo Hergé kaum noch selber den Zeichenstift zu halten schien. Die frühen Ambler-Romane zeigen dagegen so etwas wie den von Mal zu Mal sich festigenden Strich der ersten Tintin-Bände. "The Mask of Dimitrios" wäre dann "Der blaue Lotos" und "Judgment on Deltchev" - "König Ottokars Zepter".
Erst der Illustrator Jean-Claude Floch, bekannt unter dem Kürzel "Floc'h" hat in einer Reihe von Cover-Illustrationen für Ambler-Romane diesem Element Rechnung getragen. Comic-Experten werden in diesen wunderschönen Bildern freilich sofort den Stil von Blake und Mortimer erkennen, also die etwas "erwachsenere" Spionage-Serie von E. P. Jacobs, einem ehemaligen Mitarbeiter von Hergé.
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| Floc'h-Covers von Amber-Titeln |
Trotzdem handelt es sich hier um die reife "klare Linie" des Zeichnens, wie sie auch bei Hergé gepflegt wurde. Relevant ist das Element insofern, als wir beispielsweise in dem Bildband Das imaginäre Museum von Tim & Struppi jene Versatzstücke aus der realen Welt wieder finden, die Hergé in seinen Comics hineinverwoben hat. Im Grunde genommen, wenn es einen Verlag mit genug Geld in Europa gäbe, wäre es an der Zeit, ein aufwändig illustriertes Coffee Table Book über Eric Amblers Welt zu produzieren, das eben auch dieses zeigt. Dass die Realität in Eric Amblers Romanen nicht die Realität eines Historikers oder Reporters ist. Sie ist die realistische Staffage eines Unterhaltungsschriftstellers.[4]
(V)
Ich bin schon ein wenig zu lange dran an dieser Geschichte, deshalb zum schnellen Schluss noch ein paar Punkte. Wen kann man als Nachfolger von Eric Ambler bezeichnen? Von John le Carré stammt ein Zitat, wonach Amblers Romane der Brunnen seien, in den ein jeder sich eingetunkt habe ("the well into which everybody had dipped".) Hmmmm - was mag er damit nur gemeint haben? Jedenfalls haben seine Romane die richtige Bettschwere. Len Deighton schien mir eine Zeit lang der Autor zu sein, der wirklich das Genre da hin gebracht hätte, wo es hin sollte, auf irgendein Podest. Kürzlich las ich von ihm "Yesterday's Spy", überhaupt zum ersten Mal. Ein wunderbares erstes Kapitel, ich musste es dreimal lesen, um alle Feinheiten mitzukriegen. Am Schluss aber wollte ich das Buch zehn Meter weit an irgendeine Wand werfen. Schrott pur. Kann man Ian Flemings "James Bond" Romane noch lesen? Ja, nur die Filme sind langweilig. Nicht einmal die Parodien sind wirklich lustig. In der Filmfassung von "From Russia With Love" soll Bond sich angeblich nach etwas Lesbarem umsehen und erwischt dabei Eric Amblers "Dimitrios". Einen Steh-Kader dazu konnte ich nicht finden, wohl aber eine hübsche Illustration, bei der dem Bond Girl bereits beim Servieren des Drinks - "geschüttelt, nicht gerührt" - das Strumpfband abgeht.[5]
"The Day of the Jackal" von Frederick Forsyth ist genial - der echte "Blake & Mortimer" zu Amblers "Tintin", eine 400-Seiten-Lesestrecke, die alles das macht, was Ambler macht, und am Schluss sogar eine Begräbnis-Szene wie aus Goethes "Werther" reinsetzt. Brillant, rasant, faktoid, ein Mann, der kein einziges Mal mit den Augen blinzelt, humorlos, der totale Killer. Nur den blöden Spruch "tighter than a mouse's arsehole" musste er zweimal reinbringen, weil der ihm gar so gut gefallen hat. Kann er mit Ambler mithalten? Jederzeit. Und den "Schakal" des Titels versteht man auch sehr viel besser, nachdem man Kiplings "Kim" gelesen hat. Trotzdem. Amblers klassische Phase, von "Dimitrios" bis "Intercom" hat kaum seinesgleichen. Natürlich will ich nicht verheimlichen, dass es bei ihm auch unlesbare Titel gibt. "Epitaph for a Spy" hat so viel altbackene Kriminalistik mit Kaffee Hag-Pfiff drauf wie nur je ein Derrick-Krimi, ein Ambler fast zum Wegwerfen. Und doch eigentlich ein wunderbares Buch zum Verfilmen.
Ich schätze, irgendwann einmal wird man die Bücher selber nicht mehr lesen, aber immer wieder neue Filmversionen sehen. "Journey Into Fear" beispielsweise würde ein schönes Hitchcock-Imitat abgeben. Die lieblos von Robotern korrekturgelesenen frühen Amblers, die vor einigen Jahren in der Pan Classic Crime Serie erschienen - mit ärgerlichen Dreckfuhlern wie "The Forces of Fat" statt "The Forces of Fate" und ähnlichem mehr - das alles muss den Leser und die Leserin im deutschen Sprachraum nicht bekümmern. Wie einst bei Goldmann alle Edgar Wallace Bände vorlagen, während sie in England kaum noch zu finden waren, so gibt es heute bei Diogenes so etwas wie den überkompletten Ambler. Als der Autor mit 89 Jahren starb, waren seine Bücher im englischen Sprachraum ebenfalls verstummt. Eine Zeit lang blieben sie alle samt und sonders nicht mehr im Druck vorhanden. Mittlerweile findet man sie wieder. Aber die Realität ist längst eine andere geworden, sie ähnelt mehr einem Roman-Entwurf, den Ian Fleming als zu phantastisch verworfen hätte.
http://www.heise.de/tp/artikel/30/30609/1.html- Parodien (10.7.2009 19:30)
- Re: witzig übrigens dass der schweizer spionage roman (2.7.2009 14:57)
- witzig übrigens dass der schweizer spionage roman (2.7.2009 13:54)
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