Wächst die Wut in Deutschland?

Florian Rötzer 29.06.2009

Auch in Deutschland sollen sich die Sicherheitsbehörden auf soziale Unruhen aufgrund der Wirtschaftskrise vorbereiten und einen "Atlas der Wut" erstellt haben, behauptet zumindest ein Buchautor

Angeblich haben die deutschen Sicherheitsbehörden einen "Atlas der Wut" angelegt, wie Udo Ulfkotte in seinem neuen Buch "Vorsicht Bürgerkrieg! Was lange gärt, wird endlich Wut" schreibt, das morgen in den Verkauf geht und für das heute schon mal mit dramatischen Tönen Werbung gemacht wird. Man gehe davon aus, dass es in Deutschland nach Finanz- und Wirtschaftskrise zu Protesten und Unruhen kommen könne. Die Wut soll wachsen, zumal wenn die Arbeitslosigkeit zunimmt, die Inflation wieder kommt, die sozialen Sicherungssysteme und andere staatliche Leistungen aufgrund der explodierenden Schuldenlast abgebaut werden und Union sowie FDP die Menschen trotzdem mit dem Wahlversprechen auf Steuersenkungen zu umgarnen suchen. Zuletzt wurde auch von Gewerkschaften und der SPD vor möglichen sozialen Unruhen gewarnt, was aber nicht gerne gehört wurde (Soziale Unruhen - mehr als ein Medien-Hype?).

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Auch in Großbritannien und anderen Ländern bereitet man sich vor, nachdem es erste Protestwellen bereits in Griechenland, Ungarn, Island oder Litauen gegeben hat (Rezession und Repression, Die Wut einer enttäuschten Generation). Ende 2008 warnte bereits IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn vor Aufstände und Unruhen. In Großbritannien, wo der womöglich "heiße Sommer" schon länger diskutiert wird (Britische Polizei bereitet sich auf "heißen Sommer" vor), ist man allerdings schon damit konfrontiert, dass die Polizei dieses Jahr 480 Millionen Pfund [http://www.timesonline.co.uk/tol/news/uk/crime/article6597434.ece sparen] und weiter Personal entlassen muss. Fast in der Hälfte der Polizeibezirke in England und Wales sind dieses Jahr schon Personalreduzierungen vorgenommen worden. In den Medien wird die Befürchtung geäußert, dass dies zusammengeht mit einer wachsenden Arbeitslosigkeit und der daraus entstehenden Kriminalität. Von möglichen Unruhen einmal ganz abgesehen.

Ulfkotte, der bislang die Angst vor den Islamisten beschworen hat, behauptet, die deutschen Sicherheitsbehörden hätten schon nach den Unruhen 2005 in Frankreich damit begonnen, eine Liste mit den Orten und Stadtteilen zusammenzustellen, in denen das Risiko für Krawalle besonders hoch sei. Die ständig aktualisierte Liste umfasse 165 Orte und Stadtteile, schreibt die Leipziger Volkszeitung. Als problematisch sollen das Ruhrgebiet, Sachsen, Stadtteile in Hamburg, Bremen, Berlin, Frankfurt, München und Hannover, in Ostdeutschland in Leipzig (Leutzsch und Kleinzschocher), Dresden (Prohlis und Pieschen), Jena, Chemnitz, Hoyerswerda, Halle oder Rostock-Lichtenhage aufgeführt sein.

In der Ankündigung des Buches wird viel versprochen und Angst geschürt, was ja schon der Titel leisten soll, in dem vom drohenden Bürgerkrieg die Rede ist: "Linke gegen Rechte, Arme gegen Reiche, Ausländer gegen Inländer, mittendrin religiöse Fanatiker – das explosive Potential ist gewaltig. …Fakt ist: Es gärt im Volk, die Wut wächst und die Spannungen nehmen zu. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann sich aufgestauter Ärger und Hass entladen werden."

Nach dem Crime- oder Kaufkraft-Mapping bietet Ulfkotte nun das Notstands-Mapping an – mit konkreten Handlungshilfen. In den Risikoorten sollte man womöglich nicht investieren, wer dort wohnt, sollte überlegen, ob er nicht woandershin zieht. Es könnte ja auch sein, dass man ähnlich wie in Frankreich keine Arbeit mehr erhält, wenn man aus dem sozialen Brennpunkt der Banlieus kommt, oder dass die Polizei sich aus diesen Orten zurückzieht und nur noch in Stoßtrupps erscheint. Angeblich würde sich die Polizei zusammen mit der Bundeswehr auf die Bekämpfung schwerer Unruhen vorbereiten.

Für das Buch, das im wenig vertrauenserweckenden Kopp Verlag – dem nach eigener Darstellung "Verlag und Fachbuchversand für Enthüllungsliteratur, Verschwörungen, unterdrückte Informationen und Erfindungen und Geheimgesellschaften" - erscheint, wird auch so geworben: "Immer, wenn in der Geschichte eine schwere Wirtschaftskrise, ethnische Spannungen und staatlicher Machtzerfall zusammen kamen, hat es blutige Bürgerkriege und ethnische Säuberungen gegeben. Die Geschichte wiederholt sich. Was können Sie tun, um sich und Ihre Familie noch rechtzeitig zu schützen? Inklusive großer Deutschlandkarte zum Herausnehmen. Mit allen bürgerkriegsgefährdeten Gebieten."

Das ist doch einmal eine andere Art des Selbsthilfebuchs. Jetzt brauchen wir noch Ratgeber, wie und wo wir in der deutschen Wildnis – oder in einem Nachbarland - einen Bürgerkrieg überleben können und wie wir unsere Häuser und Gärten zur Selbstverteidigung – und -versorgung aufrüsten müssen. Möglicherweise sollten wir möglichst schnell noch einen Unterschlupf auf dem Land suchen und einem Schützenverein beitreten. Es wurde ja schon von der Regierung vermieden, die Waffengesetze wirklich zu verschärfen.

http://www.heise.de/tp/artikel/30/30620/1.html
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