Iran und die Fakten eines Leitmediums

30.06.2009

Seit der Wahl im Iran wird über den Ausgang diskutiert: War es Wahlbetrug oder nicht? Ein Spiegel-Artikel liefert ein groteskes Bild eines mainstreammedialen Wirklichkeitsverständnisses. Eine Analyse

Es ist ein altbekanntes Phänomen, dass Journalisten aus Leitmedien für sich beanspruchen, die Wirklichkeit zu kennen, wie sie ist. Bekannt ist auch, dass ihre Wirklichkeit in aller Regel der Wirklichkeit entspricht, wie sie von den Meinungsmachern ihres Berufes aber auch von den Meinungseliten aus Politik, Wirtschaft und den anderen zentralen gesellschaftlichen Teilbereichen verbreitet wird. Anzunehmen, dass Wahlen in den USA manipuliert werden könnten, gilt demnach geradezu als absurd; genauso absurd, als nähme man an, dass bei den Wahlen im Iran alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Und dafür gibt es auch eine einfache, wenn auch alles andere als zwingend logische Begründung: Die USA sind ein demokratischer Staat, während im Iran ein diktatorisches Regime herrscht. Kurzum: Nicht selten ist die Welt der Leitmedien eine Welt, in der die Realität durch Komplexitätsreduktion mitunter an alte Hollywood-Western erinnert: Die Bösen tragen die schwarzen und die Guten die weißen Hüte.

Geradezu ein Paradebeispiel für diese eindimensionale Wirklichkeitsauffassung zeigt sich in dem Spiegel-Artikel Deutsche Linke und Iran: Ein Slibowitz auf Ahmadinedschad! von Reinhard Mohr.

Kurz zusammengefasst geht der Artikel von einer massiven Wahlmanipulation im Iran aus und kritisiert gegenteilige Lesarten, die, so sieht es der Artikel, vor allem aus dem linken und rechten politischen Spektrum kommen.

Das Problem: Anstatt dass der Artikel sachlich die Gründe für und gegen eine Wahlmanipulation zusammenstellt und im Sinne eines Informationsmediums für die Leser aufbereitet, bietet er ideologisch gefärbte, eindimensionale Argumentations- und Interpretationsmuster und wird dadurch zu einem willfährigen Helfer eines von diversen Interessen durchsetzten politischen Spannungsfeldes bezüglich der Iran-Frage.

Im Lead des Artikels schreibt der Spiegel-Autor:

Iranische Oppositionelle als "Discomiezen" und "Strichjungen des Finanzkapitals" - was sich anhört wie Mullah-Propaganda, stammt aus den Webforen der deutschen Linken. In ihrer Bewunderung für das islamistische Regime sind sie sich mit ihrem schärfsten Gegner einig: den Neonazis.

Spiegel

Bereits zu Beginn des Artikels entsteht durch Zitate, die aus dem Zusammenhang gerissen werden, sowie inhaltlich falsche Aussagen ein journalistisches Zerrbild, das nicht dem Standard eines Leitmediums gerecht werden kann.

Der Reihe nach. Auf seinem Blog schreibt der linke Autor und Journalist Jürgen Elsässer unter der Überschrift "Glückwunsch Ahmadinedschad!" einen Kommentar zur Wahl im Iran. Liest man den ganzen Kommentar, wird deutlich, dass Elsässer sich in einem Ton voll beißender politischer Ironie zur Wahl äußert. Um die "Glückwünsche" zu verstehen, muss man wissen, dass Elsässer in seinen Büchern und Schriften immer wieder bestimmte, in den Mainstreammedien vorherrschende Lesarten zu geopolitischen Sachverhalten analysiert und gegen den Strich dekonstruiert. Elsässer, so ist anzunehmen, hat schlicht erkannt, dass Ahmadinedschad eine Hürde für maßgebende Kräfte im geostrategischen Schach ist und deren imperialistische Bestrebungen im Iran daher scheitern. Der Glückwunsch ist eher als Seitenhieb in Richtung machtelitäre Geostrategen zu lesen anstatt ihn als realitätsferne Bewunderung der Verhältnisse im Iran zu interpretieren.

Doch weiter. Im zweiten Satz heißt es, dass die deutsche Linke (wer auch immer das ist), die Regierung in Iran bewundere. In dieser Aussage stecken mehrere Unzulänglichkeiten: Aus einer kritischen Aussage Elsässers zu den iranischen Oppositionellen wird zunächst auf die Linke (Vereinfachung) geschlossen, um dann zu unterstellen, die Linke würde die iranische Regierung bewundern (wer vermutet, dass die Wahl im Iran nicht manipuliert wurde, bewundert also die iranische Regierung) . Und schließlich unterstellt der Artikel auch noch, die Linke sei sich mit den Neonazis (Vorsicht: Signalwort) in der Bewunderung (die nicht vorhanden ist) einig.

Während Neonazis Sympathien für Ahmadinedschad aufgrund dessen anti-israelischer Haltung haben, warnen verschiedenen Personen aus dem linken Spektrum vor einer Dämonisierung des iranischen Präsidenten, weil sie erkennen, dass es bei der Iran-Frage um geostrategische Interessen geht. Das ist ein Unterschied. Einen gemeinsamen Berührungspunkt, der auf "Bewunderung" beruht, gibt es keinen.

Lesen wir weiter:

Eigentlich ist es ein klassisch revolutionäres Szenario: Hunderttausende, ja Millionen Menschen demonstrieren auf der Straße gegen den offenkundigen und massiven Wahlbetrug eines reaktionär-klerikalen Regimes, das sich auf einen brutalen Militär- und Sicherheitsapparat stützt.

Spiegel

So schafft ein Leitmedium Fakten: Zunächst sei dahingestellt, wie hoch die Zahl der Demonstrierenden im Iran wirklich war. Für den Spiegel sind es Hunderttausende, ja Millionen. Von Interesse ist: Der Spiegel schreibt, dass Menschen nicht nur gegen einen "offenkundigen", sondern auch noch zugleich gegen einen "massiven Wahlbetrug" demonstrieren. Und da das "reaktionär-klerikale Regime" "sich auch noch auf einen brutalen Militär- und Machtapparat stützt", muss man als anständiger Journalist auch nicht mehr viel begründen. So funktioniert also die Binnenlogik in einem Artikel aus der Qualitätspresse: In einem Land gibt es einen brutalen Militär- und Machtapparat, folglich sind die Wahlen offensichtlich und massiv manipuliert. Verifizierungen sind da nicht mehr von Nöten.

Während sich in den weiteren Abschnitten des Artikels der Spiegel-Autor auf die Suche nach den Reaktionen der "klassischne Linken" (jetzt ist es plötzlich nicht mehr die Linke) zur Iran-Wahl begibt, wird er auch fündig und zitiert den Europa-Abgeordneten der Linkspartei, André Brie:

Das offizielle Wahlergebnis, der überwältigende Sieg von Präsident Ahmadinedschad, sei "Ausdruck für das Scheitern der westlichen Konfrontations- und Demütigungsstrategie". Wir verstehen. Egal, was passiert, der Westen ist schuld, allen voran natürlich Amerika und Israel.

Spiegel

Faktenfreiheit und viel Meinung

Bries Aussage wird nicht zum Anlass genommen, kritisch zu hinterfragen, ob es denn eine "Konfrontations- und Demütigungsstrategie" vom Westen gab, vielmehr wird die Anti-Amerika- und Anti-Israel- Keule ausgepackt. Hinzu kommt auch bei diesem Zitat wieder eine inhaltliche Verzerrung. Der Spiegel-Autor erwähnt korrekterweise, dass Brie 20 Zeilen zur Wahl geschrieben habe. Brie sagt nämlich auch:

Die Außen- und Nuklearpolitik Ahmadinedschads sind bedrohlich - sie können aber nur friedlich und auf der Grundlage internationalen Rechts, sowie durch die atomare Abrüstung existierender Atomwaffenmächte verändert werden, die Israel sowie eine kernwaffenfreie Zone im gesamten Nahen und Mittleren Osten einschließt. Die inakzeptable Menschenrechtssituation und die Lage der Frauen im Iran können gleichermaßen nur durch einen Strategiewandel der internationalen Gemeinschaft auf der Grundlage einheitlicher Rechts- und Menschenrechtsstandards verbessert werden.

Ob die Ansichten von Brie nun sinnvoll sind oder nicht, sei dahingestellt. Nach einem Linken, der den Wahlausgang im Iran vollkommen unkritisch bewertet und gutheißt, hören sie sich nicht an. Doch die weiteren Aussagen von Brie verschweigt der Spiegel.

Im weiteren Verlauf des Artikels wird mit einer guten Portion Polemik über alles hergefallen, was in irgendeiner Weise politisch links steht. Da ist z.B. Attac, eine laut Spiegel "…notorisch kapitalismus- und globalisierungskritische Organisation gegen das Böse und für das Gute in der Welt…", die sich lieber "auf die tolle Sommerakademie Anfang August [freut] ("Anmeldung mit Frühbucherrabatt")". Da lässt man einen Autor der jungen Welt "…vulgär-marxistische(s) Besteck aus dem Tornister…" holen und Ulrike Meinhof sagen, dass geschossen werden darf.

Auch Jürgen Elsässer lässt man nochmal auf die Bühne, dieses Mal als einer, "…der im Südwestrundfunk kürzlich noch mit Heiner Geißler über die Wirtschafts- und Finanzkrise debattierte..." und sich "zu einem wahren Rausch" hinreißen ließ. Der Form halber sei darauf hingewiesen, dass das Wort "Rausch" in diesem Kontext als eine Art Symbolwort zu verstehen ist durch das "die" Linke in dem Artikel klassifiziert wird. Einer der im Rausch ist, kann sich seiner Sinne nicht mehr klar bedienen, er verliert den Bezug zur Realität, zur Zeit des Rausches lebt er in einer eigenen, verzerrten Sinnwelt – einer verzerrten Sinnwelt, wie sie eben, laut der Botschaft des Artikels, der linken Wahrnehmung entspricht. Deutlich wird in diesem Zusammenhang auch, dass der Spiegel-Autor sich selbst als Gegenpart konstruiert. Durch den Grundton des Textes, der den Anspruch aufzuklären transportiert, gibt der Autor vor, nicht in einem "Rausch" zu sein, sondern die Realität mit nüchternem Blick und klaren Sinnen zu erfassen.

Legitime und illegitime Informationsverwerter

Schließlich zitiert der Spiegel auch noch einen "guten alten Verschwörungstheoretiker":

Mathias Bröckers, langjähriger taz-Redakteur und Autor mehrerer Bücher über die Terroranschläge vom 11. September 2001, in denen akribisch nachgewiesen wird, dass alles ganz anders gewesen sein muss als es die offizielle "Legendenbildung" will. Bröckers weiß auch jetzt wieder, wie es wirklich war: "Auch wenn die Gerüchte über Manipulationen und Wahlbetrug und die Massenproteste gegen das Ergebnis in den auf regime change getrimmten West-Medien derzeit hohe Wellen schlagen und als erster Keim eines Volksaufstandes bejubelt werden - das Wahlergebnis entspricht ziemlich genau dem, was verlässliche Prognosen vor der Wahl vorhersagten.

Spiegel

Interessanterweise taucht an dieser Stelle Mathias Bröckers auf, der durch seine Position zum Thema 9/11 zu einer der Personen in der Auseinandersetzung zwischen den großen Medien und alternativen Publikationen, wie sie im Internet zu finden sind, geworden ist.

Der Verweis auf Bröckers zeigt: In dem Spiegel-Artikel geht es zwar einerseits um die Auseinadersetzung mit den Linken und deren Position im Iran, aber andererseits transportiert der Autor in seinem Artikel einen Subtext, der dem seit Jahren andauernden Konflikt zwischen legitimen und illegitimen Informationsverwertern anspricht.

Legitime Informationsverwerter sind insbesondere ausgebildete Journalisten, die bei den klassischen Medien arbeiten, während illegitime Informationsverwerter jene Publizisten sind, die ihre Texte, Dokus etc. im Internet, etwa auf einem Blog oder einer Homepage veröffentlichen.

Nach der Etablierung des Internets als neues Medium wurde schnell deutlich, wie groß mitunter doch der Unterschied zwischen den Wirklichkeiten ist, wie sie die großen Medien vertreten und wie sie im Internet zu finden sind. Auf einer tiefenstrukturellen Ebene offenbart der Artikel, dass die großen Medien alternative Wirklichkeitsdeuter fürchten wie ein kommerzielles Medium den Anzeigenverlust.

Dass der Spiegel Bröckers in diesem Artikel erwähnt, der zusammen mit anderen Mitstreitern das erste große "Shootout" zwischen Vertretern der alten Medien und Vertretern des Internets bewirkte, als es in den Jahren nach 9/11 um eine kritische Aufarbeitung der Geschehnisse in den USA ging, verweist darauf, dass alternative Berichterstatter für die großen Medien noch immer wie ein Stachel im Fleisch sind.

In einer Art Schlussbetrachtung erklärt der Autor dann, was es mit dieser angeblich falschen Betrachtungsweise der Linken auf sich hat. Darin heißt es:

Staunenswert an all diesen Kommentaren von links und ganz links ist, wie souverän sämtliche Tatsachen ausgeblendet - oder in ihr Gegenteil verkehrt - werden, die selbst unter Berücksichtigung der unübersichtlichen Nachrichtenlage auf der Hand liegen. Dabei handelt es sich nicht bloß um die ideologische Blindheit und moralische Verkommenheit von Verschwörungsaposteln und anderen Wirrköpfen. Absurde Stellungnahmen dieser Art weisen auch auf die ganze Freiheitsverachtung hin, die im linksdogmatischen Lager leider eine unrühmliche Tradition hat. Während man hierzulande an jeder Ecke die Fratze des "neoliberalen" Ungeheuers an die Wand malt, dem irgendein "neuer Faschismus" gewiss bald auf dem Fuße folgen werde, zeigt man sich gegenüber einem reaktionären, islamfaschistischen Terrorregime wie in Iran äußerst verständnisvoll, das alle Hoffnungen des eigenen Volkes, vor allem der Jugend, mit gnadenloser Gewalt erstickt. Die völlig irrationale und faktenwidrige Fixierung auf "den Westen" als Urheber allen Übels verstellt die Sicht auf jede greifbare Wirklichkeit.

Spiegel

In der Aussage

Staunenswert an all diesen Kommentaren von links und ganz links ist, wie souverän sämtliche Tatsachen ausgeblendet - oder in ihr Gegenteil verkehrt - werden, die selbst unter Berücksichtigung der unübersichtlichen Nachrichtenlage auf der Hand liegen.

Spiegel

wird noch einmal der Anspruch des Verfassers, ein legitimer Deuter gesellschaftspolitischer Wirklichkeit zu sein, klar. "Von links und ganz links" werden Wirklichkeiten einfach ausgeblendet, Wirklichkeiten, die er, der Autor, offensichtlich klar erkennt und an die Mediennutzer weitergibt. Und das selbst bei einer "unübersichtlichen Nachrichtenlage", während die "Verschwörungsapostel" und "Wirrköpfe" aus dem "linksdogmatischen Lager" zu Feinden der Freiheit transformiert werden.

Die Wirrköpfe und der Vermittler der Wirklichkeit

Die Wörter "Verschwörungsapostel" und "Wirrköpfe" markieren sprachlich, wie sehr der Autor den Linken eine Wirklichkeitsferne zuschreibt. Jeder Begriff, der mit dem Nomen Verschwörung versehen ist (sei es nun Verschwörungstheorie, oder Verschwörungstheoretiker) ist ein Kampfbegriff erster Güte.

Spätestens seit der Kontroverse um die alternativen Wirklichkeiten zum 11. September stehen die Begriffe im mainstreammedialen Journalismus für Personen, die nicht in der Lage sind, mit der Komplexität dieser Welt umzugehen und sich deshalb mehr oder weniger einfache Denkschemata konstruieren (cui bono?), mit deren Hilfe sie die Welt dann erfahrbar machen und einen Sündenbock ausfindig machen können. Durch den Begriff Apostel, der soviel wie Gesandter bedeutet, wird ein direkter Bezug zur (unter "rational" denkenden Menschen) verpönten Glaubenswelt, in die Sphäre des Religiösen hergestellt.

Die Verbindung der beiden Begriffe "Verschwörung" und "Apostel" beinhaltet folglich geradezu eine Verdopplung eines "Realitätsentrücktseins", mit denen sich "die" Linken nun durch den Artikel konfrontiert sehen. Nicht nur, dass dem Begriff "Verschwörungen" an und für sich in der mainstreammedialen Lesart etwas Wirklichkeitsfernes anheftet, jetzt kommt auch noch die "Realitätsferne" des Metaphysischen ins Spiel. Um seine Aussage deutlicher zu machen, verwendet der Autor dann noch das Wort "Wirrköpfe", durch das in der Binnenstruktur des Textes ein Bezug zu dem weiter oben benutzten Wort "Rausch" hergestellt wird. Auch das Wort "absurd" ist in diesem Sinne zu verstehen.

Die Aussage, dass man (also "die" Linke) sich bezüglich eines "islamfaschistischen Terrorregime wie in Iran äußerst verständnisvoll" zeige, kann als eine recht kreative Auslegung der Wirklichkeit betrachtet werden. Kaum einer der in dem Artikel angeführten "Linken" dürfte die politischen Verhältnisse im Iran gutheißen. Die Frage zum Umgang mit dem Iran wird von ihnen eben nur kontextuell angegangen.

Durch den Begriff "Fixierung" wird letztlich die bereits im Raum stehende Psychiatrisierung "der" Linken sprachlich markiert. Es ist bekannt, dass der u. A. in der Psychoanalyse verwendete Begriff der "Fixierung" auf eine psychische Störung verweist. Somit werden, und jetzt ist der Zustand eines manipulativen, gefährlichen Journalismus erreicht, Menschen für ihre politische Auffassung im Qualitätsmedium Spiegel psychiatrisiert. Damit ist die Grenze eines seriösen Journalismus weit überschritten.

Die Auseinandersetzung mit dem Spiegel-Artikel zeigt, dass der Autor unentwegt Komplexität reduziert, wobei er, und das ist der eigentliche Vorwurf, die Komplexitätsreduktion nicht nutzt, um Sachverhalte wirklich zu erhellen. Stattdessen wird der Leser mit einem Journalismus konfrontiert, in dem genau jene Entdifferenzierung der Wirklichkeit vorkommt, die das Medium den Linken vorwirft.

Dass Ahmadinedschad im Iran nicht nach demokratischen Spielregeln fungiert: geschenkt. Dass Ahmadinedschad ein Despot ist: auch das ist geschenkt. Dass das iranische Volk einen besseren Präsidenten als Ahmadinedschad verdient: ebenso, geschenkt. Aber das in dem Artikel nicht einmal die US-Interessen und die geostrategische Bedeutung des Irans thematisiert werden, ist journalistisch nicht tragbar. Dass in dem Artikel nicht einmal auf die Möglichkeit einer geheimdienstlichen Steuerung oder zumindest eines Einflusses der Proteste im Iran durch westliche Geheimdienste hingewiesen wird: auch das, journalistisch unmöglich.

Zur Verdeutlichung, dass westlichen Staaten politische Manipulation und Desinformation nicht fremd sind, sei nur auf die Meldung vor dem ersten Golfkrieg der USA verwiesen, wonach irakische Soldaten angeblich Babys aus den Brutkästen gerissen haben, oder es sei erinnert an die jubelnden Palästinenser, die sich angeblich über die Terroranschläge in den USA gefreut haben. Ganz zu schweigen von den Lügen um den zweiten Krieg der USA gegen den Irak. Wobei in der Qualitätspresse damals schlicht von "aufgepeppten Geheimdienstdossiers" gesprochen wurde.

Doch gewiss bedeuten Verstrickungen von Geheimdiensten ins geostrategischen Schach, bedeutet eine Tiefenpolitik von Machteliten nicht per se, dass diese auch in und um die Wahlen im Iran Anwendung gefunden hat. Der Autor mag vielleicht mit seiner Vermutung, dass die Wahlen im Iran manipuliert worden sind, ganz im Recht sein, aber eine Rechtfertigung für solch ein journalistisches Zerrbild, wie es der Artikel zum Vorschein bringt, wäre auch das nicht.

Am Ende der Analyse bleibt der fahle Geschmack, dass es in dem Artikel nicht nur um eine Auseinandersetzung mit "der" Linken in Bezug auf die Wahlen im Iran geht, sondern dass das Thema Iran-Wahl als Aufhänger dient, um auf Subtextebene gegen etwas ganz anderes zu opponieren: die Angst vor dem Verlust der publizistischen Deutungshoheit.

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