Roche bietet Tamiflu billiger für arme Länder an

Florian Rötzer 06.07.2009

Mit Tamiflu haben sich bereits viele Länder eingedeckt, aber es besteht die Möglichkeit, dass der Schweinegrippen-Virus eine Resistenz ausbildet

Während Novartis seinen neuen Impfstoff gegen die Schweinegrippe A(H1N1) erst einmal nicht billiger an arme Ländern abgeben will, hat Sanofi-aventis angekündigt, der WHO 100 Millionen Impfdosen gegen den Schweinegrippevirus für arme Länder zur Verfügung zu stellen.

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Schweinegrippe-Virus. Bild: CDC

Letzte Woche hat auch Roche mitgezogen und bietet ein Tamiflu-Reservierungsprogramm (TRP) für Entwicklungsländer an. Schon im Mai hatte der Konzern der WHO 5,65 Millionen Packungen gespendet und angekündigt, die Produktion zu erhöhen und in den nächsten 5 Monaten 110 Millionen Packungen herzustellen. Noch im Februar musste Roche melden, dass der Verkauf von Tamiflu massiv zurückgegangen sei. Das hat sich nach Beginn der Schweinegrippe in Mexiko schlagartig verändert. Noch ist der Verlauf der Grippe meist mild und die Ansteckungsgefahr noch wesentlich geringer als bei der saisonalen Grippe. Aber das kann sich schnell ändern (Noch kann sich die Schweinegrippe schlecht verbreiten).

Allerdings ist nicht sicher, ob Tamiflu (Oseltamivir) tatsächlich auch in Zukunft gegen den neuen A(H1N1)-Virus helfen wird. In Dänemark hatte bei einem Patienten Ende Juni erstmals Tamiflu nicht gewirkt. Er wurde dann angeblich erfolgreich mit Relenza (Zanamivir) von GlaxoSmithKline behandelt. Bei dem Virus war im Neuraminidase-Gen H274Y eine Histidin-Aminosäure durch eine Mutation durch Tyrosin ersetzt worden. Diese Mutation war schon früher in Japan bei Kindern gefunden wurden, die mit Tamiflu behandelt worden waren.

Die Mutation scheint die Übertragbarkeit und vermutlich auch die Pathogenität des Virus herabzusetzen. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) geht davon aus, dass es sich bei dem dänischen Patienten um eine sekundäre Resistenz gehandelt habe. Die Ansteckung von anderen Menschen sei "fast Null".

Das Robert Koch Institut erklärt: "Es handelt sich um einen Einzelbefund, dessen Bedeutung noch nicht eingeschätzt werden kann. … Der Resistenzfund kommt nicht unerwartet. Bei saisonalen A/H1N1-Viren war in den letzten beiden Saisons (2007/2008 und 2008/2009) eine Resistenz gegenüber Oseltamivir aufgetreten. Die Wirksamkeit von Zanamivir (Handelsname "Relenza") blieb in beiden Wintern erhalten. Auch jetzt gibt es keine Hinweise für eine Resistenz der neuen H1N1-Viren gegen Zanamivir."

Alledings sind bislang noch zwei weitere Fälle in Hongkong und in Japan aufgetreten, bei denen die Viren gegen Tamiflu resistent waren. Bedenklich könnte der Fall in Hongkong sein. Die junge Patientin hatte noch kein Tamiflu genommen, was bedeutet, dass die Grippeviren bereits gegenüber Tamiflu resistent waren, während sie auf Relenza noch reagierten. Resistenz kann sich vor allem bei Menschen entwickeln, die antivirale Mittel in niedrigerer Dosierung zur Prophylaxe nehmen, aber bereits erkrankt sind, wie dies bei den Fällen in Dänemark und Japan wohl der Fall war. Dann reicht die Dosis nicht aus, um die Viren zu töten, die dann Resistenz erlangen können.

Roche weist in der aktuellen Ankündigung darauf hin, dass "das Schweinegrippenvirus H1N1, das 2009 für die Pandemie verantwortlich ist, sich antigenetisch stark vom Wintergrippevirus A(H1N1)" unterscheidet. Das ist bereits resistent gegen Tamiflu, in den USA sind nach der CDC 99,5 Prozent der getesteten saisonalen H1N1-Viren gegenüber Tamiflu resistent, in der letzten Saison 2007/2008 waren es erst 67 Prozent, ein Jahr zuvor 5 Prozent. In Europa sind 98 Prozent der getesteten Viren saisonalen Grippe gegen Tamiflu resistent. Ursache ist auch hier eine Mutation des Neuraminidase-Gens H274Y gewesen. Bei diesen Viren war die Ansteckungsgefahr zunächst sehr gering, bis vor zwei Jahren eine weitere Veränderung erfolgte, die den Virus fitter machte. Bei den 195 Tests an Schweinegrippeviren wurde aber von der CDC noch keine Resistenz festgestellt. Der dänische Fall könnte zeigen, dass sich nun möglicherweise doch auch eine Resistenz des Schweinegrippevirus ausbildet.

Das könnte auch in Großbritannien geschehen, wo bereits der vierte Mensch an der Schweigrippe gestorben ist und sich diese schnell auszubreiten droht. Bis Ende nächsten Monats müsse möglicherweise mit 100.000 Neuerkrankungen am Tag gerechnet werden, warnte der britische Gesundheitsministe (Großbritannien: Grippe ist nicht mehr eindämmbar). Aufgerufen wird, antivirale Mittel nur bei einer wirklichen Erkrankung zu nehmen. Je mehr etwa Tamiflu von den Menschen eingenommen wird, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Resistenz ausbildet. Und das kann leicht geschehen, weil nur eine Aminosäure in einem Gen mutieren muss.

Schweinegrippe-Virus. Bild: CDC

David Reddy, Leiter der Pandemie-Taskforce von Roche, weist das erst einmal zurück. Fälle von Tamiflu-Resistenz seien bei der saisonalen Grippe bekannt. Es sei auch nicht überraschend, dass es beim Schweinegrippenvirus zu einer Resistenzbildung gekommen sei. In der Ankündigung des Programms für arme Länder spricht man nicht explizit davon, dass es gegen den Schweinegrippenvirus wirkt.

Dabei geht es um sehr viel Geld, das Staaten bereits zum Schutz vor einer Grippepandemie ausgegeben haben oder noch ausgeben werden. Schließen haben sich zahlreiche Regierungen mit Tamiflu eingedeckt. In Deutschland müssen die Bundesländer Vorräte für 20 Prozent der Bürger angelegt haben (Systemrelevanz bei Finanzkrisen und Pandemien). Gekauft wurde in Deutschland vor allem Tamiflu, wie Jörg Hacker, Chef des Robert-Koch-Instituts, dem Spiegel bestätigte: "Die Einlagerung hat sich im wesentlichen mengenmäßig auf 'Tamiflu' konzentriert, wenn auch nicht ausschließlich."

Bislang hatte Tamiflu eine Haltbarkeit von 5 Jahren. Angesichts der vielen gelagerten Medikamente und der Pandemie hat die europäische Arzneimittelagentur EMEA nach der US-Behörde FDA die Haltbarkeit von Tamiflu im Mai praktischerweise verlängert – das kostet weder dem Staat noch dem Konzern etwas. Nur für den Fall einer Pandemie wurde die Haltbarkeit auf 7 Jahre verlängert – und nehmen dürfen es jetzt auch Schwangere und Kinder im ersten Lebensjahr.

Für die GAVI-Länder (Global Alliance for Vaccines and Immunization) stellt der Pharma-Konzern Tamiflu-Vorräte her und lagert sie, um sie bei einer Grippepandemie oder einer Gesundheitsnotlage an die Regierungen der betroffenen Länder verschicken. Der Preis ist deutlich niedriger, so kostet eine Packung mit 10 Tabletten a 75 mg 5-6 Euro. Der Preis hänge von der Lagerdauer ab, die eine Regierung oder die WHO wünsche. "Zurzeit haben nur sechs der als einkommensschwach geltenden Länder einen Tamiflu-Vorrat. Das sind 0,02% der einkommensschwachen Länder", so David Reddy. "Dieses Programm versetzt die Länder in die Lage, Tamiflu im Rahmen ihrer Pandemie-Vorbereitungen für die Bevölkerung zu reservieren, und zwar zu signifikant niedrigeren Kosten, die über die Lagerdauer des Produkts verteilt werden können." Finanziert werden sollen die Kosten durch die Weltbank, Spendenorganisationen, Stiftungen und die Länder selbst, sagt Roche. Dumm wäre nur, wenn die Pandemie der Schweinegrippe stärker um sich greifen würde und der Erreger tatsächlich eine Resistenz gegenüber Tamiflu ausgebildet hätte.

http://www.heise.de/tp/artikel/30/30643/1.html
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