Vorhersagbare Posen

Peter Mühlbauer 13.07.2009

Die neue ZDF-Literatursendung zwischen Postkonservativismus und Gutmenschentum

Zum Abgang Elke Heidenreichs schrieben die deutschen Verleger einen offenen Brief an das ZDF, in dem sie den Verlust beklagten und angesichts der spürbar verkaufssteigernden Effekte der Anpreisungen meinten: "Es gibt im deutschen Fernsehen wenige, die sich wie Elke Heidenreich für die Lese- und Buchkultur dieses Landes eingesetzt haben".

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Nun haben die Verleger wieder eine Werbesendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Sie läuft, wie Heidenreichs Lesen! (das jetzt ohne Gebührenaufwand im Web gestreamt wird), sechs bis acht Mal im Jahr auf dem Sendeplatz von Aspekte, Freitags um 22.30. Der Titel Die Vorleser sollte im Jahr 2009 möglicherweise auch an Bernhard Schlinks verfilmten Bestseller über eine ältliche Analphabetin erinnern, die ein Verhältnis mit einem jüngeren Mann anfängt - was man beim ZDF aber offiziell bestritt: Stattdessen erklärte man vor und in der Sendung, ein Vorleser sei so etwas wie ein Vorkoster, also jemand, der etwas vorab probiert und dann entscheidet, ob man es an den Souverän weiterreichen soll oder nicht.

Ijoma Mangold und Amelie Fried. Bild: ZDF

Moderiert wird die neue Sendung von Amelie Fried und Ijoma Mangold. Fried ist eine öffentlich-rechtliche Talkmasterin, die auch durch selbstgeschriebene Gefühlsliteratur wie Der Mann von nebenan, Liebes Leid und Lust, Traumfrau mit Nebenwirkungen und Die Findelfrau bekannt wurde. Fast alles, was sie verfasste, wurde für das Fernsehen verfilmt. Ijoma Mangold war Literaturkritiker bei der Süddeutschen Zeitung und ist Vize-Feuilletonchef bei der Zeit, wo er unter anderem Susanne Gaschke schreiben lässt, laut Perlentaucher die "bete noir der Blogosphäre".

Fried machte ein beständiges Betroffenheitsgesicht und beschrieb Bücher mit Formulierungen wie "ganz toll". Trotzdem dominierte sie anfangs und behandelte Mangold wie einen Gast in einer ihrer Talkshows. Der leibesfüllige und etwas bräsige Pfälzer erinnerte dagegen in mehrerlei Hinsicht an Helmut Kohl. Das Thema Familie, das in der ersten Folge der Literatursendung im Mittelpunkt stehen sollte, ist eins seiner Spezialgebiete. Manchmal, wenn er im Feuilleton postkonservativ darüber schwadronierte, hatte man sogar den Eindruck, dass ihm der Arbeitsplatz den Psychoanalytiker ersetzt. Im Fernsehen hielt er sich damit aber überraschenderweise zurück - vielleicht, weil ihm dort die Öffentlichkeit zu groß war.

Mangold empfahl als selbst stilisierter Klassenkämpfer von oben unter anderem eine Übersetzung von Niall FergusonsAscent of Money und die Autobiografie von Per Olov Enquist, dem Immaterialgüterrechtseiferer, der Pirate Bay verklagte. Die Enquist-Empfehlung ist insofern wenig überraschend, als der Literaturkritiker bereits 2003 auf eine Verlegerkampagne hereinfiel und die haarsträubend falsche Behauptung wiedergab, Wissenschaftler würden nicht für akademische Posten publizieren und dafür Druckkostenzuschuss zahlen, sondern für Geld schreiben.[1] Hinter der in seinen Augen schädlichen Weigerung, das Verteilen von Kopien in akademischen Seminaren zur Straftat machen zu wollen, vermutete er "die Grünen [...] mit ihrer politischen Nähe zur Open-Sources-Bewegung [sic!]".

An der Tatsache, dass Mangold von "Wettbewerb" sprach, wo es um Monopolrechte ging, die eben gerade Wettbewerb verhindern sollen, zeigte sich, dass der Literaturkritiker wahrscheinlich grundlegende wirtschaftliche Zusammenhänge nicht verstanden hatte und möglicherweise gedankenlos nachplapperte, was ihm die Verlagslobby (die zu dieser Zeit auch ganzseitige Anzeigen in den Tageszeitungen schaltete) vorgab. "Es ist ein guter Instinkt, moralischen Prätentionen zu misstrauen" schrieb Mangold. Doch genau das Gegenteil machte er im Fall der moralischen Prätentionen der Verleger. Und im Zusammenhang mit seinen sonst postulierten politischen Prämissen widersprach er sich durch die Forderung nach schrankenlosen und andauernden Monopolrechten für Verleger ebenfalls selbst: Schumpeter ja - aber bitte nur für die Anderen.

Als Gast in der neuen Literatursendung erschien nicht (wie bei Reich-Ranicki) ein Experte, sondern irgendein Halbpromi, von dem man in einem Einspieler erfuhr, dass der in ZDF-Serien wie dem Traumschiff mitspielte. Der Mann, dessen Namen man sich nicht merken muss, klagte unter anderem über Verständnisprobleme beim Lesen, worauf hin Mangold in belehrendem Tonfall meinte: "Es schadet gar nichts, wenn man Bücher liest, die man nicht versteht". Genau. Oder Heidelberger Appelle.

In Die Vorleser wird weniger über Literatur gesprochen, als dass sie in Schablonen eingepasst wird. Die Schablonen sind die Moderatoren selbst und ihre Posen: Gutmensch (Fried) und Postkonservativer (Mangold). Und so mag Gutmensch Fried Adam Joseph GoebelsHeartland, weil es Amerika zwischen einer verrotteten Elite und einer verrohten Unterschicht schildert, während der Postkonservative Mangold das Buch aus genau diesen Gründen nicht schätzt.

Während Marcel Reich-Ranicki auch deshalb interessant war, weil er unberechenbar war, weil sich nie vorhersagen ließ, wie die Bücher, die er offenbar tatsächlich intensiv las, ihn selbst verändern würden, hinterließen Fried und Mangold nach ihrer ersten Sendung eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was sie in Zukunft zu welchen Büchern sagen werden. Ihre bisherigen Äußerungen geben auch einen Vorgeschmack, wo sie sich voraussichtlich einig sein werden. Dort, wo sich Gutmensch und Postkonservativer einig sind: Beim bösen Internet - und darin, dass Verlage unbedingt neue Monopolrechte brauchen.

http://www.heise.de/tp/artikel/30/30708/1.html
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