Der 40. Juli

Hans Schmid 20.07.2009

Graf Stauffenberg in Film und Fernsehen: Was geschah wirklich am 20. Juli 1944? - Teil 2

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Teil 1: Die Witwen kommen

Im Buch zur Pabst-Retro der Berlinale (1997) schreibt Klaus Kreimeier, G.W. Pabst habe im Hitler-Film Der letzte Akt folgende Sachlage zu klären versucht: "Was geschah in Deutschland, als all das, woran Millionen glaubten, zusammenbrach?" Für Pabsts Stauffenberg-Film und den von Harnack gilt das auch. Man konnte damals nicht zwischen einem Dutzend Büchern über Stauffenberg und das Attentat wählen, wenn man sich informieren wollte. Die überwiegende Mehrheit des Publikums erfuhr erst durch die beiden Filme des Jahres 1955, was "wirklich" passiert war. Der 20. Juli und Es geschah am 20. Juli prägen bis heute unsere Vorstellung von der Operation Walküre. Wer sie nicht gesehen hat, kennt wahrscheinlich einen von den anderen Filmen, die sie beeinflusst haben. Man sollte deshalb wissen, wie sie entstanden sind.

Panzer drehen sich im Kreis

Viel über die Zeit verraten die zahlreichen Presseberichte, die den Wettlauf der Produzenten begleiteten. Zur Häme oder Empörung über den unwürdigen Umgang mit einem schwierigen Thema kommt sehr oft die autoritäre Grundhaltung. Die CCC und die Ariston, so der Tenor, sollten sich gefälligst einigen; ansonsten müssten sie durch ein Diktat "von oben" auf Linie gebracht werden. Dabei ist grundsätzlich nichts schlimm daran, wenn sich zwei Firmen entscheiden, zur selben Zeit dasselbe Thema zu behandeln. Brauner und Genzow müssen sich allerdings vorhalten lassen, dass beim Versuch, unter allen Umständen vor dem Konkurrenten ins Ziel zu kommen, die Qualität der dabei entstehenden Produkte eine untergeordnete Rolle spielte. Einmal gefasste Pläne, am 20. Juli Premiere zu feiern, wurden aufgegeben. Es kam darauf an, den Wettlauf zu gewinnen.

Offizieller Drehbeginn war bei der CCC am 16. April, letzter Drehtag am 28. Mai 1955. Die Ariston fing erst am 22. Mai an. Genzow machte sonst Schnellschüsse wie Der Wilderer vom Schliersee, die in zwei bis drei Wochen heruntergekurbelt, während der Drehzeit bereits geschnitten und nur minimal nachbearbeitet wurden. Am 10. Juni war der Stauffenberg-Film abgedreht. Da hatte die Ariston gegenüber der CCC schon ziemlich aufgeholt. Es geschah am 20. Juli sieht aus wie ein Rohschnitt. Wenn nicht alles so eilig gewesen wäre, hätte der Cutter die langen, den Schauplatz etablierenden Einstellungen mit Häusern, Kirchen und Exerzierplätzen mindestens halbiert. Pabsts Handschrift verraten einige gelungene, an den film noir und den deutschen Stummfilm erinnernde Szenen mit scharfen Kontrasten zwischen Hell und Dunkel. Sie lassen - auch im Vergleich mit Der letzte Akt - Rückschlüsse darauf zu, was ohne den enormen Zeitdruck hätte werden können. Meine persönliche Lieblingsszene ist trotzdem eine, die Pabst höchstwahrscheinlich nicht selbst gedreht hat und die filmästhetisch erbärmlich ist.

"Es geschah am 20. Juli"

Brauner und Harnack, der den 20. Juli der CCC sehr hölzern und mit der Liebe des Dramaturgen zum erklärenden Dialog in Szene setzte, wurden von den wohlwollenderen Kritikern für die dokumentarische Qualität gelobt, welche durch die eingeschnittenen historischen Filmaufnahmen noch gesteigert werde. Die Aufnahmen stammen aus der Deutschen Wochenschau. Wenn Panzer durchs Bild fahren, soll ein sinnloser Vernichtungskrieg angeprangert werden, der Millionen von Menschen das Leben kostete. Aber es sind eben die unaufhaltsamen, immer weiter vordringenden Panzer aus der Nazi-Propaganda.

"Es geschah am 20. Juli"

Bei Pabst, in Es geschah am 20. Juli, fordern die Verschwörer ein Panzerregiment zur Unterstützung an. Also sehen wir Panzer, die einen Weg entlang fahren. Auf dem Weg stehen Uniformierte. Einer von ihnen sagt, dass der Befehl rückgängig gemacht wurde. Wir sehen, wie die Panzer, einer nach dem anderen, zum Umkehren einen Kreis ausfahren und eine Wiese umpflügen. Dann fahren sie dorthin zurück, wo sie hergekommen sind. Diese sehr gedehnte Szene blieb wohl nur im Film, weil er mit 79 Minuten ohnehin extrem kurz war. Aber sie ist der Gegenentwurf zu allen "Sieg Heil!"-Bildern des Dritten Reichs. Dadurch entwickelt sie eine subversive Kraft. Zugleich symbolisiert sie den Leerlauf eines Umsturzversuchs, den die Verschwörer aus dem Inneren eines abgewirtschafteten Systems heraus betrieben. Furchtbar schlecht ist sie aber auch.

Bilder aus der Vergangenheit

Worauf man sich einlässt, wenn man die von den Nazis selbst produzierten Bilder nimmt, zeigen die Kritiken zu Der 20. Juli. Im CCC-Film sieht man den echten Goebbels, der vor gespannt lauschenden (oder auch nur gegengeschnittenen) Zuhörern seine Rede über den "totalen Krieg" hält. Der Kritiker des Film-Echo (25.6.1955) begeisterte sich für "diese Bilder aus der Vergangenheit", die "immer wieder aufs neue gespenstisch wirken", und die Süddeutsche Zeitung (24.6.1955) meldete: "wie viel stärker ist hier der echte Wochenschau-Goebbels als im Pabst-Film der Goebbels-Imitator Krause!" Die Nazis waren gruselig, aber irgendwie auch vitaler und interessanter als die Helden. Dies umso mehr, wenn es die echten Nazis waren.

"Der 20. Juli"

Brauner war ein Mann, der aus Ärger lernte. Das beim Geschwister Scholl-Projekt öffentlich bemängelte Fehlen der Judenvernichtung wurde korrigiert. In Der 20. Juli sehen Stauffenbergs Sekretärin und Hauptmann Lindner (zwei fiktive Figuren), wie ein jüdischer Bewohner ihres Mietshauses abtransportiert wird. Lindner steht da noch treu zum Führer: "Das sind Auswüchse. Die Front ist sauber!" Dann wird er nach Smolensk geschickt und Zeuge eines Massakers an den Juden. Von Tresckow gewinnt ihn für die Operation Walküre. Lindner ist die fleischgewordene Kompromissformel des Admiral Hansen (siehe Teil 1): zuerst "seinem Eid treu geblieben", stellt er "in weitergehender Kenntnis aller Vorgänge die Treue zu seinem Volk über die Eidespflicht". Am Ende entkommt er mit der Sekretärin. Sie sollen Deutschlands Zukunft sein.

Vergangenheit und Gegenwart blieben schwierig. Am 3. Juni gewann Brauner einen Prozess gegen die Ariston, die ihm den Titel "Der 20. Juli" verbieten wollte, weil er ihr bzw. den von Otto Joseph repräsentierten Familien gehöre. Das Gericht in München befand, das Datum sei in die Geschichte eingegangen und Eigentum der Allgemeinheit. In der noch jungen Bundesrepublik mussten solche Fragen erst geklärt werden. Brauner und Genzow leisteten einen wichtigen Beitrag zur Rechtsgeschichte, auch wenn das nicht ihre Absicht war. (Für Brauner muss es eine späte Genugtuung sein, dass sein Film weiter als Der 20. Juli vertrieben wird, Es geschah am 20. Juli aber als "Aufstand gegen Hitler".)

Der Ariston-Berater von Kleist schickte Brauner am 22. April ein Einschreiben, in dem er ihm mitteilte, dass in seinem Film kein Schauspieler den Grafen Stauffenberg verkörpern dürfe, weil Nina von Stauffenberg das nicht erlaubt habe; die durch ihn vertretene Witwe widerspreche "einer Verfilmung des Grafen Stauffenberg". Brauner scheint damals die Contenance verloren zu haben. Mit seinem Anwalt besprach er die Möglichkeit einer Feststellungsklage, um gerichtlich klären zu lassen, dass die Gräfin keinen Exklusivanspruch auf Namen und Aktion ihres Mannes hatte. Eine solche Klage hätte einen enormen Skandal verursacht, der abgewendet wurde, weil Nina von Stauffenberg die Sache schließlich auf sich beruhen ließ. Von dem Streit erfuhren einige Politiker. Das sollte noch Konsequenzen haben, die auch Leute betreffen, die eigentlich nur Berichte über Caroline von Monaco, triebgesteuerte Politiker oder inzuchtgeschädigte Prinzen lesen wollen.

Showdown bei der FSK

Brauner war der Meinung, es sei irgendwann vereinbart worden, dass die Ariston mit der Premiere bis Oktober warten müsse. Genzow sah das anders. Am 18. Juni setzte er sich persönlich hinter das Steuer einer gecharterten Maschine, flog mit der ersten, soeben fertig gewordenen Kopie seines Films von München nach Frankfurt, wo er ohne Erlaubnis landete, um im Taxi zur FSK nach Wiesbaden zu rasen. Da saßen schon Atze Brauner und Falk Harnack und warteten auf die Freigabe von Der 20. Juli. Brauner scheint durch das plötzliche Auftauchen seines Konkurrenten völlig überrumpelt worden zu sein. Und der Ex-Kampfflieger Genzow, in dessen graues Zivilistendasein der Produzentenkrieg eine willkommene Abwechslung brachte, hatte sogar noch ein Ass im Ärmel.

Axel Milberg als 'Fromm' in "Stauffenberg"

Auch Generaloberst Fromm, Chef des Ersatzheeres, hatte eine Witwe. Die meisten Experten sind sich einig, dass Fromm von den Walküre-Plänen wusste und mit Stauffenberg und drei Mitverschwörern eiligst die Zeugen erschießen ließ, um selbst zu entkommen (er wurde später hingerichtet). Im Ariston-Film weiß er nichts. Mit der für die Authentizität bürgenden Witwe war das wohl so abgesprochen. Aber war Generaloberst Fromm so wie Axel Milberg in Stauffenberg, also eine Mischung aus Veit Harlan und Doktor Martin? Oder doch so wie Tom Wilkinson, den amerikanische Fernsehzuschauer zuvor als Benjamin Franklin (in John Adams) gesehen hatten, in Valkyrie? In Es geschah am 20. Juli spielt ihn der patriarchalisch agierende Carl Wery, den deutschen Kinogängern als Brandner Kasper (Das Tor zum Paradies, 1949), Pfarrer (Bruder Martin, 1951) und in zahlreichen Arztrollen vertraut. Der Fromm-Witwe gefiel das gut.

Carl Wery als 'Fromm' in "Es geschah am 20. Juli"

In der CCC-Version ist Fromm ein Fatzke, gespielt von Siegfried Schürenberg (dem späteren "Sir John" in den Edgar-Wallace-Filmen). Die in Frankfurt lebende Witwe hatte ihn noch nicht gesehen, klagte aber trotzdem. Der Schriftsatz ihres Anwalts brachte es auf stattliche 14 Seiten, in denen ausgeführt wurde, was alles in dem der Witwe nicht bekannten Film ihre und ihres Gatten Persönlichkeits- und sonstigen Rechte verletzte. Damit erwirkte der Anwalt eine Einstweilige Verfügung. Als die FSK davon erfuhr, wollte sie Brauners Der 20. Juli zunächst nicht freigeben. Genzow dagegen flog mit seinem Film zurück nach München und feierte tags darauf, am 19. Juni, mit Es geschah am 20. Juli Premiere.

Siegfried Schürenberg als 'Fromm' in "Der 20. Juli"

Am 21. Juni war mündliche Verhandlung in Frankfurt. Brauner hatte in aller Eile eine Eidesstattliche Versicherung seines Beraters von Gersdorff besorgt, in der dieser bestätigte, dass ein Augenzeuge des 20. Juli ihm gesagt habe, Fromm werde im Film der CCC "sehr nobel" dargestellt, sogar noch nobler als bei der Ariston. Das Gericht sah sich daraufhin beide Werke an und entdeckte etwas, das gar nicht anders sein konnte, weil die Hinterbliebenen sowohl Genzow (durch Otto Joseph) als auch Brauner (über von Gerstorff) laufend ihre Wünsche übermitteln ließen: eine "weitgehende und auffällige Übereinstimmung beider Filme untereinander". Die Richter wunderten sich darüber, dass Frieda Fromm nur gegen den einen geklagt hatte, gegen den anderen aber nicht. Die Einstweilige Verfügung wurde aufgehoben, die FSK gab den Film frei, zwei Tage nach Es geschah am 20. Juli konnte auch Der 20. Juli anlaufen.

Das Frankfurter Gericht befand, dass Fromm "in dem CCC-Film eher vorteilhafter [...] als in dem Ariston-Film" dargestellt werde. Das ist doch einigermaßen überraschend. Bei Brauner sagt Stauffenberg, der Aufstand sei gescheitert, "weil wir die Methoden unserer Gegner nicht anwenden wollten". Gleich darauf - und somit als einer von den Bösen (wenn man kein Nazi ist) - erscheint Fromm und ordnet die standrechtliche Erschießung an. Das sind die Methoden der Gegner.

Famous last words

Der 20. Juli endet mit von Tresckow und dessen letzten Satz, der es dann zu einiger Berühmtheit brachte: "Für so eine gerechte und gute Sache ist der Einsatz des Lebens der angemessene Preis". Das Problem ist nur, dass das so oder so ähnlich der Widerstandskämpfer Julius Leber gesagt hatte. Seine Rolle im Film wurde zusammengestrichen, weil er im Rahmen des von Gersdorff favorisierten Offiziers-Konzepts verzichtbar schien, und sein Name kommt nicht vor, weil die Witwe das nicht wollte. Der schöne Satz wurde dann eben von Tresckow in den Mund gelegt, der etwas anderes gesagt hatte ("Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben.").

'Von Tresckows letzte Worte' in "Der 20. Juli"

Als Annedore Leber bei einer Vorführung hörte, was die CCC getan hatte, bat sie Brauner um eine Änderung. Brauner tat zunächst nichts und wurde verklagt. Bei der Verhandlung am 27. Juli 1955 verglichen sich die Parteien. Die CCC verpflichtete sich, von Tresckows letzte Worte zu ändern, aber nicht gleich, sondern bis zum 1. Oktober. Von Tresckows Satz ist deutlich länger als der Lebers. Ohne Nachdreh war eine solche Änderung nicht zu machen. Im März 1956 stimmte Brauner der Witwe Lebers gegenüber eine jener Jeremiaden an, für die er berüchtigt ist. Der Film sei leider ein schlimmer Flop geworden, es gebe überhaupt nur noch ein paar wenige Kopien (von ursprünglich 180), die im Einsatz seien, und eine Änderung sei viel zu teuer. Annedore Leber schrieb ihm (12.3.), dass sie diese "finanziellen Einwände" nicht überzeugt hätten. Ihr gehe es um die zukünftigen Vorführungen "zu Erinnerungsdaten des Widerstands". Frau Leber ahnte wohl, was kommen würde. Weil auch Historiker ins Kino gehen und ein Fernsehgerät besitzen, sollte man sich nicht darauf verlassen, dass von Tresckow in jedem Buch zum Widerstand seinen eigenen Satz sagt. Beim ZDF, das ein guter Kunde Brauners ist und zu Jubiläen immer gern Der 20. Juli und Canaris versendet, hält er sowieso unverdrossen am Leber-Zitat fest. Auf der DVD tut er es auch.

Wie sich die Hinterbliebenen in einem Land fühlten, in dem die Täter im Eiltempo rehabilitiert wurden, Mitmacher wie Generaloberst Franz Halder ("Vater der deutschen Siege") das Geschichtsbild bestimmten und die Toten als "Vaterlandsverräter" diffamiert wurden, mag ich mir gar nicht vorstellen. Dass sie den 20. Juli nicht dem "Schnulzenkartell" anvertrauen wollten, das vorher die Große Star-Parade und hinterher Liebe, Tanz und 1000 Schlager in die Kinos brachte, kann man auch verstehen. Es war ihr gutes Recht, mitbestimmen zu wollen. Man kann einer Gruppe auch nicht vorwerfen, dass sie besser organisiert und damit einflussreicher war als andere. Aber man sollte nicht unbedingt erwarten, dass am Ende ein repräsentatives Gesamtbild dabei herauskommt. Unabhängig davon, wie es "wirklich" gewesen ist: Jetzt sagt ein adeliger Offizier, dessen Rolle durch von Gersdorffs Beratertätigkeit ausgebaut wurde, den Satz eines bürgerlichen Zivilisten, der marginalisiert wurde. Das ist symptomatisch.

Sensationsgier

Die Stiftung "Hilfswerk 20. Juli 1944", die mit vielen Hinterbliebenen eng verbunden war, distanzierte sich von beiden Stauffenberg-Filmen, weil in ihnen "die geistige, moralische und rechtliche Bedeutung der Widerstandsbewegung nicht zum Ausdruck" komme. Anneliese Goerdeler schrieb einen offenen Brief über zwei Filme, die sie noch nicht gesehen haben konnte und den Die Welt am 25. Mai abdruckte:

Wir, d.h. meine Kinder und ich, sowie die hier lebenden Frauen, Gräfin Schwerin-Schwanenfeld und Barbara von Haeften, haben in zahllosen Telephonaten und Briefen versucht, diesem unerträglichen Vorhaben Einhalt zu gebieten. Das Schlimmste ist, dass man juristisch keine Möglichkeit des Einschreitens hat. Personen, die, wie unsere Toten, in die Geschichte eingegangen sind, können in Presse und Funk ungeschützt beliebig verwertet werden.

Der Brief, in dem sich die Witwe Goerdeler als hilflose Frau und Mutter präsentierte, die zu arm war, um gegen geldgeile Filmproduzenten und ein "sensationsgieriges Publikum" vorzugehen, entfachte einen Sturm der Entrüstung. Da Frau Goerdeler aber nicht ganz so hilflos war, wie sie tat, hatten sie und die Witwe von Ludwig Beck bereits den CDU-Bundestagsabgeordneten Franz Böhm um Unterstützung gebeten. Anfang Juli 1955 brachte Böhm einen von 31 CDU-Abgeordneten unterschriebenen Gesetzentwurf in den Bundestag ein. Das Ziel: Lebende oder verstorbene Personen, auch solche der Zeitgeschichte, sollten nur noch mit Zustimmung des Dargestellten bzw. der Angehörigen gezeigt werden dürfen, sonst erst 30 Jahre nach dem dargestellten Ereignis. Wenn es keine Angehörigen mehr gab, sollte der Bundesinnenminister entscheiden. Das Theaterpublikum, so Böhm, erkenne, dass etwas gespielt sei, das Kinopublikum aber nicht. Deshalb sollte die Regelung nur für Spielfilme gelten. Zitat Böhm:

Da können die Geschichtsforscher nachher zehn Mal sagen "das war anders". Der durch Massenwirkung erzielte Eindruck sitzt fest.

Telefonat mit dem Führer

Remer in "Das geschah am 20. Juli"

Hier muss nun eine der dubiosesten Figuren dieser Geschichte erwähnt werden, Generalmajor a.D. Otto Ernst Remer. 1944 war Remer Kommandeur des Wachbataillons "Großdeutschland". Am 20. Juli sollte er das Regierungsviertel abriegeln und Goebbels verhaften. Von dem Umsturzplan wusste er nichts. Die Verschwörer verließen sich darauf, dass er als deutscher Offizier den ihm erteilten Befehl widerspruchslos ausführen würde. Das war ein Fehler. In einer aberwitzig anmutenden Szene, die es bei der CCC noch nicht gibt, bei der Ariston aber schon, weil Pabst sich nicht an das Bilderverbot hielt, ließ Goebbels Remer mit Hitler in der Wolfsschanze telefonieren. Weil er die Stimme des Führers erkannte (und weil er ein überzeugter Nazi war), befolgte Remer von nun an dessen Befehle und nicht die der Verschwörer. Das war einer der entscheidenden Momente an diesem 20. Juli. (In den Filmen der CCC und der Ariston trägt Remer noch einen Stahlhelm. Seit der echte Remer 1971 Joachim Fest in Operation Walküre erzählt hat, dass er ein solches Ding nicht aufsetzen mochte, sind Remer-Darsteller wie Thomas Kretschmann in Valkyrie von dieser Pflicht entbunden.)

Thomas Kretschmann als Remer in "Valkyrie"

1950 wurde Remer stellvertretender Vorsitzender der Sozialistischen Reichspartei (SRP). Im Wahlkampf für die Rechtsextremen schwadronierte er darüber, dass Hitler den Krieg noch hätte gewinnen können, wenn die Widerstandskämpfer, alles Hoch- und Landesverräter, das nicht hintertrieben hätten. Für solche Aussagen erhielt die SRP 1951 bei der Landtagswahl in Niedersachsen 11 Prozent der Stimmen. Robert Lehr, jetzt Bundesinnenminster und 1944 einer von den Widerstandskämpfern um Carl Friedrich Goerdeler, beantragte als Minister ein Verbot der SRP (und gleich auch noch der KPD) und verklagte als Privatperson Remer wegen übler Nachrede und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener. 1952 wurde Remer zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.

Der echte Remer und sein Darsteller (Karl-Heinz von Hassel) in "Operation Walküre" (1971)

Remer setzte sich in den Nahen Osten ab, wo er bestimmt alte Freunde wiedertraf; später kam er aber zurück. Aus Gründen der Authentizität bat ihn die Ariston, alles aufzuschreiben, was aus seiner Sicht passiert war. Als er Es geschah am 20. Juli sah, fühlte er sich verleumdet. Also wurde zur Abwechslung auch mal die Ariston verklagt. Remers Klage kam im richtigen Moment. Die deutsche Filmwirtschaft, die gegen Böhms Gesetzentwurf Sturm lief, sorgte dafür, dass der Fall in Zeitungsartikeln publik gemacht wurde. Ein Gesetz, so die Argumentation, das auch Leuten wie Remer ein Mitspracherecht einräume, müsse unbedingt verhindert werden. Im Januar 1956 wurde Böhms Gesetzentwurf beerdigt. Dabei spielte auch die Überlegung eine Rolle, dass die Exportchancen der aufstrebenden deutschen Filmindustrie beeinträchtigt würden, wenn sie keine Filme über die "jüngste Vergangenheit" (die Nazi-Zeit) mehr drehen könne. Diese waren international beliebt. Wenn die Deutschen ausfielen, würden es die Amerikaner machen. Und Hollywood brachte für diese Aufgabe nicht die nötige Sensibilität mit.

Der 'echte' Remer nach dem 20. Juli (Wochenschau)

Zynische Pathologen

Der Bundestagsausschuss, der Böhms Gesetz ablehnte, hätte auch ins Kino gehen und dort studieren können, womit zu rechnen war, wenn das Zustandekommen eines Films von der Einwilligung der Angehörigen abhing. Bei der CCC wie bei der Ariston sind die "Männer des 20. Juli" edle Gestalten, die hehre Motive haben und erbauliche Sätze sagen. Leider sind sie auch ganz blutleer. Ernst Schröder konnte dagegen in Der 20. Juli zu großer Form auflaufen, weil er als SS-Obergruppenführer nicht edel, aufrecht und gut sein musste. Dem Kritiker der Göttinger Presse (24.6.1955) verhalf das zu dieser Erkenntnis:

Unter den hitlertreuen Offizieren und SS-Schergen waren nicht nur Dummköpfe und schemenhafte Uniformträger. Es waren eiskalte Rechner, zynische Pathologen dabei, die sehr gefährliche Gegner waren.

Das "Heroische und menschlich Wertvolle" der Widerstandskämpfer zu zeigen, wie Gersdorff es in Übereinstimmung mit den Angehörigen gefordert (und durchgesetzt) hatte, ist gut und schön. Aber verglichen mit dem Bösen, das vielschichtig und ambivalent sein darf, sind solche Helden langweilig. Das kann nicht im Sinne der Hinterbliebenen gewesen sein. Laut einer Umfrage war 1952 mehr als die Hälfte der Deutschen strikt dagegen, eine Schule nach Stauffenberg zu benennen. Man kann also verstehen, dass die beiden Filme der CCC und der Ariston das Heroische ein bisschen übertrieben. Merkwürdig ist nur, dass Stauffenberg auch in der Gestalt von Tom Cruise oder Sebastian Koch noch edel ist, weil er eben edel ist. Im Unterschied zu 1955 hat er jetzt eine Frau. Mit ihr kann weder Stauffenberg noch Valkyrie wirklich etwas anfangen. In Stauffenberg muss sie sich in Bayreuth verloben, um einen gequälten Bezug zu Richard Wagner herzustellen. Ihre Familie ärgerte das sehr, weil es nicht stimmt.

Bernhard Wicki in "Es geschah am 20. Juli" (links) und Wolfgang Preiss (Der 20. Juli) als Stauffenberg

Genzows Film war authentischer als der von Brauner, weil Bernhard Wicki die Augenklappe links trägt (richtig). Wolfgang Preiss, Brauners Stauffenberg, trägt sie rechts (falsch). In der Eile kann so etwas schon mal passieren. Schuld war vermutlich das berühmte Photo von Stauffenberg im Profil. Man sieht sein linkes Auge, ohne Klappe. Der Graf besaß ein Glasauge, das ihm dauernd kaputt ging (erstmals zu sehen in Stauffenberg von Jo Baier). Wenn er keine Lust auf das Glasauge hatte, oder wenn gerade ein neues besorgt wurde, trug er (links) die Klappe. Valkyrie macht viel Aufhebens von diesem Glasauge, was aber keine Schleichwerbung für das ZDF sein, sondern Stauffenberg wohl zum Einäugigen unter den Blinden machen soll oder dergleichen. Die Valkyrie-Produzenten nutzten das Photo auf ihre Weise. Sie ließen auch Tom Cruise im Profil photographieren, entdeckten eine frappierende Ähnlichkeit mit Stauffenberg und jubelten Cruise zur "Idealbesetzung" hoch. In Deutschland führte das zu einem schönen Gerücht: Skrupellose Hollywood-Produzenten oder - wahlweise - gewissenlose Scientologen hatten das Photo unseres Helden digital bearbeitet, damit es Cruise ähnlicher wurde.

Stauffenberg und sein Darsteller Tom Cruise (aus "The Journey to Valkyrie")

Saß Fellgiebel in der Wolfsschanze auf dem Klo?

Als Valkyrie ins Kino kam (und auch schon davor), wurde es unter deutschen Filmkritikern zur beliebten Übung, den Amerikanern historische Ungenauigkeiten und Fehler nachzuweisen. Aber woher bezogen die Kritiker ihr Wissen? Hatten sie die vielen Bücher und Aufsätze der Historiker durchgearbeitet, an denen man manchmal verzweifeln möchte, weil sie einen Film erst gut finden und sich dann distanzieren? Oder hatten sie andere Filme gesehen, vielleicht die von Guido Knopp im ZDF (Die Stunde der Offiziere, 2004; Stauffenberg - Die wahre Geschichte, 2009)? Und wie authentisch ist das, was Knopps Zeitzeugen zu berichten wissen? Erinnern sie sich Jahrzehnte nach der Tat daran, wie es damals "wirklich" war oder doch eher an spätere Darstellungen, die sie gesehen oder gelesen und für richtig befunden haben, weil sie in ihr Bild von der Geschichte passten?

Stauffenberg und Fellgiebel (Es geschah am 20. Juli)

Seit Es geschah am 20. Juli gibt es in Stauffenberg-Filmen die bedeutungsschwangere Szene, in der Erich Fellgiebel, General der Nachrichtentruppe, aus der Wolfsschanze früher oder später bei General Olbricht in der Bendlerstraße anruft, um mit dem einen oder anderen Satz, mal vollständig und mal nicht, den Ausgang des Attentats zu melden. Ob uns das heute noch so beschäftigen würde, wenn die von Genzow gewonnenen Familien Olbricht und Fellgiebel nicht so zäh um die historische Wahrheit gerungen hätten, wobei die unterschiedlichen Versionen zufälligerweise für den eigenen Verwandten günstiger ausfielen als für den jeweils anderen General? Brauner hatte den Kampf um die Olbrichts und Fellgiebels verloren. Von ihnen musste er Klagen fürchten, sich aber nicht beim Abfassen des Drehbuchs mit ihnen herumschlagen wie Genzow. In seinem Film ist Fellgiebels Anruf nicht weiter wichtig. Viel wichtiger war Fellgiebels eigentliche Aufgabe: Er sollte möglichst lange die Nachrichtenverbindungen des Führerhauptquartiers zur Wolfschanze unterbrechen, damit die Verschwörer Zeit für den Umsturz gewannen. Das geht meistens unter, weil man einmal etablierte Versatzstücke schwer wieder los wird.

Meinen Recherchen nach stammte Erich Fellgiebel, nach dem heute eine Kaserne und eine Auszeichnung der Bundeswehr benannt sind, aus Schlesien. In Jo Baiers Stauffenberg, mit dem die ARD den 60. Jahrestag des Attentats beging, ist er ein Österreicher geworden (Harald Krassnitzer). Das hatte aber bestimmt nichts damit zu tun, dass der WDR den ORF als Co-Produzenten gewinnen konnte. Im Bonusmaterial der DVD-Ausgabe sagt Sebastian Koch, man könne sich bei Baier immer darauf verlassen, dass alles bestens recherchiert ist (kein Einwand von Seiten der Bundesregierung) und genau stimmt. Das fand auch Frank Schirrmacher in der FAZ. Er hielt Baiers Werk nicht für sonderlich gelungen, aber eines musste er doch zugestehen:

Dies ist der genaueste Film über das Attentat des Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der bislang gedreht wurde. Und er ist der unvollständigste. Wer ihn sich heute abend im Fernsehen anschaut, kann sich auf die Korrektheit von Kulisse, Uniform und Chronologie verlassen. Der Regisseur Jo Baier hat nicht nur den bereits von der Gestapo im Minutentakt recherchierten 20. Juli exakt wiedergegeben. Er hat Hitlers Lagebaracke und überhaupt das im ostpreußischen Sumpfgebiet liegende Führerhauptquartier bis hin zu den Mücken sehr genau rekonstruiert.

Herrn Schirrmachers Vertrauen in die Chronistentätigkeit der Gestapo hat etwas Rührendes. Woran es wohl liegt, dass die Amerikaner immer extrem vorsichtig bei der Auswertung von CIA-Akten sind, wir aber bereitwillig glauben, was irgendein Kerl von der Gestapo (oder der Stasi) auf ein Blatt Papier geschrieben hat? Der Vollständigkeit halber sei noch vermerkt, dass sich Stauffenbergs Sohn Berthold öffentlich zu Wort meldete und darauf bestand, dass Fellgiebel nie besoffen auf dem Klo der Wolfsschanze saß wie in Baiers Film. Diese Episode (im ARD-Jubiläumsfilm liegt Fellgiebel allerdings betrunken auf dem Boden eines Pissoirs, was auch der Stauffenberg-Biograph Peter Hoffmann in einem Telepolis-Interview bemängelt) steht scheinbar in den Akten der Gestapo, wenn ich Schirrmacher richtig verstanden habe. Dann muss sie stimmen.

Gemüse für den Führer

Am Kontrollpunkt ("Der 20. Juli",
"Es geschah am 20. Juli" und "Valkyrie")

"Walküre" war der geheime Einsatzplan der von Fromm kommandierten Ersatzarmee für den Fall einer Rebellion der acht Millionen im Reichsgebiet lebenden Zwangsarbeiter. Die Verschwörer wollten nach dem Attentat eine von ihnen geänderte Fassung des Plans in Kraft setzen und so den Umsturz schaffen. Das war genial und doch auch wieder nicht, weil das Gelingen von der Effizienz des militärischen Apparats abhing, die offenbar nicht ganz so toll war, wie oft behauptet. Ein solcher Staatsstreich auf dem Dienstweg verläuft bürokratisch-umständlich, um nicht zu sagen dröge. Für einen Film ist das schlecht. Mit hektisch telefonierenden Verschwörern kann man ein paar Minuten füllen, mehr aber nicht. Deshalb muss Stauffenberg in allen Walküre-Filmen nach der Explosion der Bombe die beiden Kontrollpunkte auf dem Weg zum Flugzeug passieren. Über die Verschwörer, ihre Ziele und Motive sagt das gar nichts. Aber daraus lassen sich genauso Spannungsmomente gewinnen wie aus der Szene in Valkyrie, in der Tom Cruise Hitler dazu bringt, den geänderten Einsatzplan zu unterschreiben. Das geschieht im Berghof, den amerikanische Zuschauer in einem Hitlerfilm erwarten, seit Alan Thorndike in Fritz Langs Man Hunt (1941) dort auf den Führer angelegt hat.

"The Plot to Kill Hitler"

Weil es sonst niemand macht, sei noch an The Plot to Kill Hitler erinnert. Dieser Fernsehfilm von Lawrence Schiller grenzt an eine Travestie. Doch das rechtfertigt nicht die Unverfrorenheit, mit der sich die Valkyrie-Autoren hier bedient haben. Mag sein, dass sie jahrelang recherchierten und von führenden deutschen Stauffenberg-Historikern beraten wurden. Aber wesentliche Teile von Valkyrie - von der Krankenhausszene über die Bombennacht in der Stauffenberg-Residenz und Führers Vegetarierteller bis zu von Tresckows Abraham-Zitat - sind einfach von Schiller übernommen (wenn auch viel besser ausgeführt). Allerdings gibt es in Valkyrie Küsschen und nicht nur Suppe.

"The Plot to Kill Hitler" - "Valkyrie"

Das plötzliche Auftauchen Nina von Stauffenbergs ist natürlich eine Folge des Feminismus. Während Melvilles Moby Dick unter Beschuss geriet und teilweise von den Lehrplänen gestrichen wurde, weil es auf Ahabs Schiff keine Frauen gibt, hatte der Graf auch eine Gräfin. Neben den bereits genannten (juristischen) gibt es noch einen weiteren Grund für ihr verspätetes Auftauchen. Die erste Gattin der Walküre-Männer sieht man in Es geschah am 20. Juli. G.W. Pabst zeigte etwas, das ähnlich tabuisiert war wie ein Schauspieler in der Hitler-Rolle: die liebevolle Beziehung von General Olbricht zu seiner Frau. Damals, 1955, wusste man noch etwas, das man ganz schnell vergessen wollte. Im Dritten Reich hatte es die "Sippenhaft" gegeben.

Olbricht mit Frau ("Es geschah am 20. Juli")

Ein gescheiterter Umsturzversuch hatte auch für die Familien der Attentäter schlimme Konsequenzen (was bestimmt zur Zögerlichkeit einiger Verschwörer beitrug). Deshalb zeigte man die Familien lieber nicht. In Filmen, die bei uns zum Gedenken an die Operation Walküre produziert wurden, fand Nina von Stauffenberg erst einen Platz, als "Sippenhaft" nur noch ein Wort ohne konkrete Bedeutung war. Auch das ist ein Teil unserer "Erinnerungskultur". Am Ende von Stauffenberg erfahren wir, dass die Witwe des Helden überlebte. Das Ende von Valkyrie weiß mehr: Nina von Stauffenberg hat "den Krieg" überlebt. Meistens tat sie das, indem sie in einem Konzentrationslager in Einzelhaft saß.

Stauffenberg und die Postmoderne

Schusswechsel in der Bendlerblock ("Der 20. Juli", "Valkyrie" und
"Es geschah am 20. Juli")

Aus Action-Gründen für Walküre-Filme unverzichtbar ist die Schießerei im Korridor des Gebäudes in der Bendlerstraße, bei der Stauffenberg verwundet wurde. Sie gab es wirklich. Im Dokudrama Operation Walküre (1971) von Helmut Pigge (Buch), Franz Peter Wirth (Regie) und Joachim Fest (Interviewer) sind alle Augenzeugen versammelt, die man noch auftreiben konnte. Jeder erzählt eine andere Version der Ereignisse. Einer behauptet sogar, dass Stauffenberg gar nicht getroffen wurde. Die Operation Walküre der ARD ist immer noch der beste aller Stauffenberg-Filme, weil trotz eines beachtlichen Rechercheaufwands und einer Fülle von Zeugen nicht so getan wird, als gäbe es die von anderen dauernd versprochene "historisch-getreue Darstellung". Im Wechsel von Spielszenen und an den Originalschauplätzen geführten Interviews wird vielmehr gezeigt, wie sich ein mögliches Bild von einem geschichtlichen Ereignis zusammenfügt. Mitunter gelingen sogar grandiose postmoderne Augenblicke. Ein Beispiel:

Valkyrie zufolge scheiterte der Umsturzversuch nicht zuletzt an der Nachrichtenzentrale in der Bendlerstraße. In Operation Walküre steht Joachim Fest in der im Bendlerblock eingerichteten Gedächtnisstätte und zitiert aus einem dort ausliegenden Informationsblatt der Bundeszentrale für politische Bildung, in dem Oberleutnant Wolfram Röhrig als einer von denen genannt wird, die für das Misslingen verantwortlich waren. Der Leiter des Nachrichtendienstes, heißt es, habe die ihm von Stauffenberg und Olbricht übergebenen Fernschreiben zuerst nur sehr zögernd, später überhaupt nicht mehr weitergegeben, sehr wohl aber die Gegenbefehle aus Hitlers Hauptquartier. Das entspricht dem, was man erstmals im Film der CCC erfuhr und dann noch öfter.

Joachim Fest und Wolfram Röhrig in "Operation Walküre"

In Annie Hall stehen Woody Allen und Diane Keaton Schlange für einen Film. Hinter ihnen nervt ein Dozent von der Columbia-Universität mit Unsinn über die Theorien des Medientheoretikers Marshall McLuhan. Allen holt den echten McLuhan aus der Kulisse, der dem Dozenten sagt, dass er nichts verstanden hat und ein Idiot ist. Die Kritiker erkannten darin einen Beleg für die innovative Kraft des neuen amerikanischen Kinos. Sechs Jahre vorher konnte man etwas Vergleichbares im deutschen Fernsehen sehen. Neben Joachim Fest steht plötzlich der echte Wolfram Röhrig. Er ist ganz anders als in allen Filmen: ein Musiker, völlig unmilitärisch und ein guter Freund des regimekritischen Kabarettisten Werner Finck. Röhrig sagt, das Informationsblatt behaupte etwas völlig Falsches. Führerbefehle, die er hätte weiterleiten können, seien gar nicht bei ihm eingetroffen. Die ganze Geschichte sei erfunden worden, weil die Wehrmacht der ermittelnden Gestapo gegenüber einen möglichst guten Eindruck machen wollte.

Annie Hall"

Tatsächlich sei es so gewesen: Die sehr langen Walküre-Texte mussten zur Verschlüsselung in einen der nur in begrenzter Zahl vorhandenen "Geheimschreiber" eingegeben werden. Dazu waren nur einige wenige, dafür extra vereidigte Sekretärinnen berechtigt, die nicht alle Dienst hatten. Das alles war sehr umständlich und dauerte (solche "Geheimen Kommandosachen" konnten auch nicht an mehrere Empfänger gleichzeitig verschickt werden, weil andernfalls die Gefahr bestand, dass sie am anderen Ende nicht mehr zu entschlüsseln waren). Die Stauffenberg-Gruppe, meint Röhrig, hätte sich vorher über die Abläufe informieren sollen. Er selbst war nicht in die Verschwörung eingeweiht und hätte die Verschwörer auch nicht über die technischen Probleme informieren können, weil er nicht wusste, wer sie waren.

Röhrig in "Es geschah am 20. Juli"

Röhrig wirkt auch deshalb glaubwürdig, weil die Verschwörer offenkundig wenig Ahnung von den modernen Mitteln der Informationsverbreitung hatten. Am 20. Juli brachte das Radio bereits kurz nach 17 Uhr die erste Meldung, dass Hitler am Leben sei (die Nachrichtenabteilung in der Bendlerstraße begann da gerade erst damit, die Walküre-Fernschreiben zu verschicken). Der Major, der den Rundfunk besetzen sollte, sah dabei zu, wie ein Techniker im Hauptgebäude etwas abschaltete. Er wusste nicht, dass der eigentliche Schaltraum und die Sprecherkabinen längst im Luftschutzbunker untergebracht waren. Der Rundfunk sendete ohne Unterbrechung weiter. In Stauffenberg-Filmen gibt es dazu meistens die Szene, in der einer der Verschwörer ungeduldig danach fragt, ob endlich die Leute eingetroffen sind, die den Rundfunk besetzen sollen. Das Problem war aber ein ganz anderes.

Goerdeler war schuld

In The Plot to Kill Hitler wie in Valkyrie beginnt Stauffenbergs Geschichte in Tunesien. Das ist nicht überraschend, muss sogar so sein. Für amerikanische Zuschauer bietet der Kriegsschauplatz in Afrika eine noch vertrautere Bilderwelt als der Berghof des Führers, der vielen Rommel-Filme wegen. Geschichten hängen mehr von ihren Erzählern und deren Publikum ab, als von den handelnden Personen. Im Telepolis-Interview berichtet Peter Hoffmann von einigen Generälen, die beschlossen, dass das bereits für den 15. Juli geplante Attentat nur stattfinden dürfe, wenn Himmler anwesend sei. Einem Nicht-Experten wie mir erscheint das gar nicht so dumm, weil Himmler gleich nach dem Attentat des 20. Juli zum Oberbefehlshaber jenes Ersatzheeres ernannt wurde, mit dessen Hilfe die Verschwörer den Umsturz durchführen wollten. Das, denkt der Laie, sollte wohl verhindert werden.

Die von Hoffmann beratenen Valkyrie-Macher haben diesen Wunsch von mehreren in einer einzigen Person verdichtet. Das ist ein normaler dramaturgischer Vorgang. Aber die Drehbuchautoren haben den Zivilisten Carl Friedrich Goerdeler ausgewählt, den ehemaligen Bürgermeister von Leipzig. Am 15. fand die Lagebesprechung im Führerbunker der Wolfsschanze statt. Innerhalb der dicken Mauern hätte die Bombe eine viel verheerendere Wirkung gehabt. Aber Himmler kam nicht, dann war es zu spät. Am 20. traf man sich in der Lagerbaracke, wo die Bombe mehr Ausbreitungsmöglichkeiten hatte und an Kraft verlor. Der Führer überlebte. Und schuld - so Valkyrie - war Goerdeler.

Goerdeler in "Das war der 20. Juli"

Deutsche Kritiker witterten hier eine Verschwörung. Mit einem Komplott von Scientologen oder von Adels- und Uniformfetischisten zur Diskreditierung von Bürgerlichen und Zivilisten hat das aber nichts zu tun. In amerikanischen Filmen (siehe Rambo II) ist das ein vertrautes Muster: der Actionheld wird von einem zaudernden, womöglich sogar feigen Politiker ausgebremst. Um die Goerdeler-Figur nicht zu überlasten, musste General Olbricht den Part des Feiglings übernehmen. Das ist ein uralter Theatertrick. Der Held wirkt tapferer, wenn man ihn neben einen Feigling stellt. Das Schlimme ist, dass die zwei Valkyrie-Stunden ablaufen, als ob die Autoren einen dieser "Wie verfasse ich ein Drehbuch?"-Ratgeber auswendig gelernt hätten.

Bei den Walküre-Filmen gewinnt man doch sehr rasch den Eindruck, dass hinter der Nebelwand aus lauter "Authentizität" und "historisch-getreuer Darstellung" letztlich jeder das aus der Geschichte macht, was ihm gerade passt. Das ist auch nicht verwerflich. Egal, ob es um den Kampf der Römer gegen die Germanen wie in Gladiator oder um den Aufstand deutscher Offiziere wie in Valkyrie geht: Filme über historische Ereignisse erzählen in erster Linie von der Zeit, in der sie entstanden sind. Aber wenn sowieso jeder tut, was er will: Warum dann nicht wirklich konsequent?

Der Lauf der Geschichte hat einen Sprung

Bevor wir uns mit dem 3. Oktober einen gesamtdeutschen Nationalfeiertag gaben, auf den nur Bürokraten kommen konnten, war es im Westen der 17. Juni, der Tag des Volksaufstands im Osten. Damit konnte man gut leben. Gefeiert wurde ein Aufstand, dessen unbewaffnete Protagonisten völlig chancenlos gewesen waren und der hinter dem Eisernen Vorhang stattgefunden hatte, von den des Ereignisses gedenkenden Wessis aus gesehen also sehr weit weg. 1960 machte die SPD einen unerhörten Vorschlag: der 20. Juli sollte unser Nationalfeiertag werden. Der Bundeskanzler und sein Kabinett ließen im selben Jahr die Empfehlung verbreiten, am 20. Juli nicht mehr zu flaggen. Das tat man jetzt schon lang genug, fanden sie.

Der Held in Fritz Langs Man Hunt hat plötzlich Adolf Hitler im Zielfernrohr seines Gewehrs. Er drückt ab, zunächst nur spielerisch, denn das Gewehr ist nicht geladen. Dann legt er eine Patrone ein, zielt erneut. "Einen winzigen Augenblick", schreibt Hartmut Bitomsky, "hatte der unvorstellbare Lauf der Geschichte einen Sprung." Das ist genau der Punkt. Auch wenn die Chancen gering waren: die Operation Walküre hätte gelingen können. Aber in Deutschland gibt es keine positiv besetzte Tradition des Tyrannenmords. Deshalb ist uns Stauffenberg so unheimlich.

"Man Hunt"

Trotz des obligatorischen Herumgenörgels an ihren Motiven und ihren Überzeugungen haben wir uns inzwischen mit den Attentätern des 20. Juli arrangiert. Wer eine Klassenfahrt nach Berlin macht, schaut auch im Bendlerblock vorbei und besichtigt den Ort, an dem Stauffenberg erschossen wurde. Zweite Station des längst eingespielten Programms ist die Gedenkstätte Plötzensee. Da kann man die Fleischerhaken sehen, an denen einige der Verschwörer aufgehängt wurden. Das Scheitern des Aufstands gehört beim Arrangement verpflichtend mit dazu. Nur in deutschen Besprechungen zu Valkyrie habe ich Passagen gefunden, in denen der Schluss dafür gelobt wird, dass außer den Exekutionen im Bendlerblock auch noch die am Haken hängenden Verschwörer in Plötzensee gezeigt werden (warum keine Überlebenden?). Das Scheitern ist ganz wichtig. Baiers Stauffenberg fängt mit der Exekution an, damit erst gar keine Zweifel aufkommen.

Mir gefällt vieles an Valkyrie nicht. Aber ich mag Szenen wie die, in der Goebbels bereits die Zyankalikapsel im Mund hat, als Remer kommt, der ihn festnehmen soll. Das ist auch einer von diesen utopischen Augenblicken, in denen der Lauf der Geschichte einen Sprung hat. Wahrscheinlich ist es historisch unkorrekt, wenn die Verschwörer als Erkennungszeichen kleine Karten bei sich tragen. So what? Als Stauffenberg vor die versammelten Mitarbeiter in der Bendlerstraße tritt, um ihnen zu sagen, dass ein Umsturz im Gange ist, halten alle im Raum ihr Kärtchen hoch. Einen Moment lang glaubt man, dass die, die aktiv etwas ändern wollen, in der Mehrheit sind. Einer gibt zu, dass er das Regime stürzen will, und alle anderen sagen: Ja, wir auch.

"Valkyrie"

In deutschen Filmen sieht die Szene so aus: Die Verschwörer gestehen sich ein, dass sie eine kleine Minderheit sind. Trotzdem muss man es halt probieren. Olbricht und/oder Stauffenberg treten vor die versammelte Belegschaft und sagen, dass sie das Regime stürzen wollen. Ungläubiges Staunen. Offiziere und Sekretärinnen verlassen ratlos den Raum. Achselzucken. Für einen Aufstand gegen die Tyrannen begeistert man so keinen. In Paris wurden am 20. Juli 1944 tatsächlich die SS-Leute festgenommen. In deutschen Walküre-Filmen kommt das meistens gar nicht vor. Und wenn doch, dann mit stark gebremstem Schaum.

Die mitreißendsten Bilder vom Aufstand, die das deutsche Kino bisher geliefert hat, sind bisher in einem Film aus dem Dritten Reich versteckt. In Tanz auf dem Vulkan singt der charismatische Gustaf Gründgens, dass die Nacht nicht nur zum Schlafen da ist, und alle sind begeistert. Nach 60 Jahren BRD und 65 Jahren Stauffenberg wird es höchste Zeit, dass auch wir unseren Beitrag leisten. Die Geschichte vom Umsturzversuch, der tragisch scheiterte, kennen wir jetzt schon. Wann dreht endlich einer den Stauffenberg-Film mit einem tollen Aufstand, der gelingt, weil nicht erst die Befehle gestempelt werden müssen, bevor es losgehen kann und bei dem nicht nur die Masochisten mitmachen wollen? Einen Film, in dem Hitler in die Luft fliegt und Goebbels das Zyankali schluckt, bevor er seine kleinen Kinder vergiftet.

Ein Anfang wäre schon gemacht. Operation Walküre (nicht Tom Cruise, die ARD!), beginnt mit einer Utopie. In einer fiktiven Wochenschau wird berichtet, dass Hitler das Attentat in der Wolfsschanze schwer verletzt überlebt hat und für regierungsunfähig erklärt wurde. General a.D. Beck führt die Amtsgeschäfte, bis es eine verfassungsmäßige Regierung gibt. Die Nazi-Führungsriege ist verhaftet. Feldmarschall Rommel hat zu einem baldigen Friedensschluss aufgerufen. Die Umstellung von der Kriegs- auf die Friedenswirtschaft hat schon begonnen. An den Universitäten herrscht wieder die Freiheit von Forschung und Lehre. Ein Stauffenberg-Film, der damit endet - das wäre was. Womöglich würden wir am Schluss noch alle Revolutionäre. Mit Genehmigung der Bundesregierung, und notfalls eben ohne.

http://www.heise.de/tp/artikel/30/30744/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS