Bankensterben geht weiter

21.07.2009

Während die gedopten Großbanken angeblich wieder Gewinne schreiben, geht das Bankensterben munter weiter

Vor zwei Jahren wurde die Finanzkrise mit riesigen Verlusten bei der US-Bank Bear Stearns sichtbar. Die einst fünftgrößte US-Investmentbank war die erste große Bank in den USA, die gerettet wurde (Fed rettet Bear Sterns). Seither geht das Bankensterben weiter und hat neue Rekordwerte erreicht. So wurden zum vergangenen Wochenende erneut vier US-Banken geschlossen und das Ringen um die Mittelstandsbank CIT hält an. Doch die US-Großbanken simulieren längst wieder Normalität, dabei hängen sie weiter am Tropf des Staates. Mit aufgehübschten Bilanzen werden Milliardengewinne herbeigerechnet, auch damit sich Banker wieder großzügige Gehälter und Bonuszahlungen auszahlen können.

Es ist nun zwei Jahre her, als Bear Stearns in einem Brief die dramatische Lage offenbarte. Die Investmentbank teilte mit, dass sie 1,5 Milliarden Dollar Verlust mit Subprime-Anlagen gemacht hat. Riskante Immobilienkredite von Kreditnehmern mit schlechter Bonität waren in neue Anleihen verpackt und weiterverkauft worden. Als sich Bear Stearns bald darauf mit Unterstützung der US-Notenbank (FED) in die rettenden Arme von JP Morgan Chase warf, bekam die Öffentlichkeit einen Eindruck vom sich abzeichnenden Desaster.

Doch die Verantwortlichen, ob in den Regierungen oder Finanzinstitutionen, wollten oder konnten die Dramatik der Lage nicht erkennen. Auf dem Gipfel der sieben führenden Industrieländer (G-7) wurde noch im Februar 2008 davon gesprochen, die Eckdaten der Weltwirtschaft seien "solide". Obwohl die Finanzkrise in den USA schon deutlich auf die Realwirtschaft durchschlug und das Land real schon in der Rezession steckte, war die Rede lediglich von einem "abgeschwächten" Wachstum. Dabei feierte die Krise inzwischen sogar schon weltweit Urstände.

Dass Realität nur noch simuliert wird, hat sich nicht geändert. Inzwischen wird allseits so getan, als wäre alles auf den besten Weg gebracht worden, um die Finanzkrise, die sich zu einer satten Weltwirtschaftskrise entwickelt hat, zu lösen. An den Börsen wird das gerne geglaubt, weil man es glauben will - und die Kurse steigen wieder. Dabei ist die Lage in den USA, im Herkunftsland der Krise, weiter alles andere als rosig. Zum Wochenende wurden erneut vier Banken von der US-Einlagensicherungsbehörde (FDIC) geschlossen. Insgesamt wurden seit Jahresbeginn damit 57 Institute geschlossen. Das sind nun schon in den ersten sieben Monaten dieses Jahres mehr als doppelt so viele Institute wie die 25 Banken, die im gesamten Vorjahr 2008 geschlossen wurden. Der staatliche Einlagensicherungsfonds steht erneut mit einer Milliarde US-Dollar für die Pleiten gerade.

Mit allen Mitteln wird derzeit auch versucht, die Insolvenz des krisengeschüttelten US-Mittelstandsfinanzierer CIT zu verhindern. Nach Angaben des Wall Street Journal habe sich eine Gruppe wichtiger Gläubiger auf eine Finanzspritze von 3 Milliarden Dollar geeinigt, um in letzter Minute die Insolvenz abzuwenden. Falls der Deal noch scheitert, droht die größte Insolvenz seit der Lehman-Pleite, die weltweit Schockwellen über die Finanzmärkte aussendete. Bei den 3 Milliarden handele es sich um frisches Geld, denn die Gesamtsumme eines Sanierungsplans sei deutlich größer. CIT hatte schon Staatshilfen von 2.3 Milliarden Dollar aus dem Rettungsprogramm für die Finanzbranche (TARP) erhalten, doch weil sich die Lage an den Kreditmärkten weiter verschlechtert, braucht auch das New Yorker Unternehmen neues Geld.

Die US-Regierung verweigerte dem Institut, das fast einer Million kleinere und mittlere Unternehmen mit Krediten versorgt, aber weitere Staatshilfe, weil sie es nicht als "systemisch" einstuft. Auch Verhandlungen über eine kurzfristige Finanzierung mit den US-Großbanken JP Morgan Chase und Goldman Sachs waren gescheitert. Das 100 Jahre alte Geldhaus ist auf den Großhandel spezialisiert, weshalb befürchtet wurde, dass bei einer Pleite viele Kunden bald in Geschäften vor leeren Regalen stehen müssten. Von ersten Lieferstopps wurde schon berichtet und eine CIT-Pleite würde zahllose Unternehmen mit in den Abgrund ziehen.

Zahl der Zwangsversteigerungen steigt weiter an

Dass sich die Kreditkrise keinesfalls entschärft hat, sich tatsächlich sogar weiter verschärft hat, darauf weist auch ein weiterer Fakt hin. Die Immobilienkrise, ein zentraler Auslöser der Krise, verschlimmert sich zusehends. Die Zahl der Zwangsversteigerungen nimmt immer dramatischere Ausmaße an. Allein im ersten Halbjahr 2009 wurden mehr als 1,9 Millionen Zwangsbescheide verschickt. Das seien 9 % mehr als noch im zweiten Halbjahr 2008. Betroffen seien 1,5 Millionen Immobilien, teilte die Immobilienfirma RealtyTrac mit.

Die Firma erwartet, dass es im laufenden Jahr zu 4 Millionen Zwangsversteigerungen kommt. Das wären noch einmal etwa fast eine Million mehr als schon 2008. Üblicherweise kommen jährlich in den USA etwa 800.000 Häuser unter den Hammer. Es ist nun, neben dem Preisverfall für Immobilien, die immer weiter steigende Arbeitslosigkeit, die es Kreditnehmern unmöglich macht, ihre Kredite zu bedienen. Und es gibt eine große Zahl an Schuldnern, bei denen die Hypothek den Wert des Hauses längst übersteigt, sagte RealtyTrac-Chef James Saccacio.

Im Juni erreichte die Arbeitslosigkeit in den USA mit 9,5 % ein 26-Jahreshoch. Im vergangenen Monat gingen erneut fast eine halbe Million Jobs verloren. Die steigenden Kreditausfälle reißen deshalb weitere große Löcher in die Bilanzen der Banken, wie die große Zahl an Pleiten beweist. Das Worst-Case-Szenario für den Banken-Stresstest ging höchstens von einer Arbeitslosenquote von 8,9 % aus, doch die Marke dieses angeblich "nachteiligen Szenarios" wurde schon im April gerissen.

Es wird damit gerechnet, dass die Arbeitslosenquote auf mindestens 11 % steigt, mit den entsprechenden Folgen für die Banken, die sich nicht ins weiche Rettungsnetz der Regierung fallen lassen können. Die Liste der bedrohten Banken, welche die Einlagensicherungsbehörde führt, wird immer länger. Die Zahl hatte sich zum Jahresende 2008 im Vergleich zum Vorjahr mit 252 Instituten schon verdreifacht. Das Hilfspaket, das US-Präsident Barack Obama den Häuslebauern versprochen hatte, um ihre missliche Lage zu mildern und die Lage am Immobilienmarkt zu entschärfen, steht weiter aus.

Kreditinstitute hängen trotz Gewinnen weiter am Tropf des Staates

Dieser Einschätzung scheint zu widersprechen, dass die in die Krise geratenen Großbanken, die auf Staatshilfe angewiesen waren, nun angeblich wieder tolle Gewinne schreiben. JP Morgan, Goldman Sachs, die Bank of America und sogar die Citigroup wollen im zweiten Quartal erneut Milliardengewinne gemacht haben, nachdem sie sich schon im ersten Quartal derlei Gewinne herbeigerechnet hatten. Neue Bilanzierungsregeln machen es möglich, wertlose Papiere nach Mondpreisen zu bewerten, womit die Banken scheinbar besser dastehen als zuvor. Von der geforderten Transparenz ist weiterhin keine Spur zu sehen, die lange Zeit zur Überwindung der Finanzkrise gefordert wurde. Vielmehr wurde die kreative Buchführung sogar noch deutlich ausgeweitet.

Viele Banken passen die Risikovorsorge nicht den steigenden Kreditausfällen an, weil sonst die Bilanzen schlechter ausfielen. Es werden zudem Gewinne verbucht, wo es keine Gewinne gibt. Dazu kommt, dass sich viele der Gewinne als Subventionen der Notenbank herausstellen. Es wäre dramatisch, wenn die Banken, denen die Notenbank das Geld umsonst, also für einen Zinssatz Null zur Verfügung stellt, keinen "Gewinn" machen würden. Denn sie verleihen ja einen Teil des Geldes, oft zu horrenden Zinsen, an die Verbraucher und Firmen weiter.

Die Kreditinstitute hängen also weiter am Tropf des Staates und der FED. Ohne deren Unterstützung könnten viele ihr Tagesgeschäft nicht betreiben. Die Gewinne, die JP Morgen und Goldman Sachs im Investmentbanking nun wieder eingefahren haben, gehen auf die großen Schwankungen zurück, die mit der Krise verbunden sind. Sie profitieren von staatlichen Hilfen und an der Rettung der eigenen Institute durch die Hintertür noch einmal. Die Rekapitalisierung der Banken und die Konjunkturprogramme müssen schließlich finanziert werden, und die Banken wickeln die Emissionen von Staatsanleihen dafür ab. Das lässt sich natürlich nicht lange fortschreiben und wegen der anhaltenden Rezession kommt auf viele Banken eine neue Abschreibungswelle zu, für die viele mangels Risikovorsorge nicht gerüstet sind.

Vor allem gibt es bei den Banken immer größere Probleme im traditionellen Kreditgeschäft. Das bekommen derzeit vor allem die Citigroup und die Bank of America zu spüren. Die Kreditqualität nimmt weiter ab, wobei die Kreditausfälle zunehmen. So fiel der aufgehübschte Gewinn der Bank of Amerika gegenüber dem ersten Quartal nun im zweiten Quartal um 25 %. Es sollen nun 2,4 Milliarden Dollar gewesen sein. Der Berg an faulen Krediten türmt sich allerdings inzwischen auf weit mehr als 30 Milliarden Dollar, weshalb die Risikovorsorge erhöht wurde. "Vor uns liegen noch schwere Zeiten: Die Wirtschaftskrise, steigende Arbeitslosenzahlen und eine sich verschlechternde Kreditqualität", sagte der Chef der Bank of America, Kenneth Lewis,

Die Citigroup konnte sich ohnehin nur durch einen Sondereffekt in die Gewinnzone retten. Nur durch die Auslagerung der Broker-Tochter Smith Barney, für die 6,7 Milliarden Dollar eingenommen wurden, konnte ein Quartalsgewinn von 4,3 Milliarden erzielt werden. Sonst wäre nach dem angeblichen Gewinn im ersten Quartal im zweiten Quartal ein Milliardenverlust eingefahren worden.

Wie schwierig die Lage der einst größten US-Bank ist, zeigt, dass die Einlagensicherung überlegt, sie trotz ihrer "Gewinne" auf ihre Problemliste zu setzen. Man stört sich bei der FDIC daran, dass die Bank nicht wirklich mit dem Verkauf von risikobehafteter Aktiva vorankommt. Nach Informationen der Financial Times hat die Bank der Behörde gravierende neue Durchgriffsrechte eingeräumt. Nach einer vertraulichen Vereinbarung sei vorgesehen, den Verwaltungsrat zu vergrößern, die Unternehmensführung zu verbessern, die Qualität der Vermögenswerte zu erhöhen, die Kosten zu kontrollieren und der FDIC mehr Informationen über die Kapital- und Liquiditätsausstattung zu liefern.

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