Streiken für die Umwelt

Wolfgang Pomrehn 22.07.2009

Die Energie- und Klimawochenschau: Mit einer Betriebsbesetzung kämpfen britische Arbeiter für Jobs und Umwelt, während in den USA neuartige Solarkraftwerke gebaut werden

Ihre Produkte sind zukunftsweisend, aber das heißt für die Beschäftigten der Wind- und Solarindustrie noch nicht unbedingt, dass in ihren Betrieben immer eitel Sonnenschein herrscht. Untertarifliche Bezahlung ist gar nicht so selten, Betriebsräte werden mitunter massiv bekämpft und auch Betriebsschließungen sind trotz globalen Booms hier und da durchaus möglich.

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Zum Beispiel bei unseren Nachbarn in Großbritannien und Dänemark: Der dänische Weltmarktführer unter den Windanlagenherstellern Vestas kämpft daheim mit der Verhinderungspolitik einer rechtsliberalen Regierung, die schon vor Jahren den weiteren Ausbau der Windenergie zum Erliegen gebracht hat. Erst in jüngster Zeit, man möchte schließlich im Vorfeld des Kopenhagener Klimagipfels doch noch ein wenig glänzen, werden wieder neue Projekte in Angriff genommen. Dennoch musste Vestas Anfang des Jahres ein großes dänisches Werk schließen und 1200 Arbeiter entlassen.

Ähnlich sieht es in Großbritannien aus, wo eine starke Industrielobby Front gegen die erneuerbaren Energieträger macht (Entweder Atomkraftwerke oder Erneuerbare Energien?). Dort haben am Montag Angestellte ein Bürogebäude der Vestas-Fabrik auf der südenglischen Isle of Wight besetzt. Wie der Guardian berichtet, fordern sie von der Regierung, den Betrieb zu übernehmen, nachdem Vestas im April die Schließung und Entlassung von 525 Mitarbeitern angekündigt hatte. Auch eine kleinere Fertigung im nahegelegenen Southampton mit 100 Beschäftigten soll geschlossen werden.

Außerhalb von Großbritannien und Dänemark expandiert das Unternehmen hingegen stark. In letzter Zeit hat es verschiedene neue Produktionsstätten in den USA und China eröffnet oder mit deren Bau begonnen. Im ersten Quartal 2009 stieg der globale Umsatz nach Angaben des Guardians um 59 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro. Gegen den Standort Großbritannien spreche jedoch neben dem schwachen Pfund "ein Fehlen politischer Initiativen". "Im Vereinigten Königreich", zitiert das Blatt den Vestas-Vorstandsvorsitzenden Ditlev Engel, "ist der Nimbyismus [Not In My Back Yard] eine große Herausforderung."

Die protestierenden Arbeiter sehen derweil vor allem ihre Regierung in London in der Verantwortung. Es sei verrückt, dass der Umweltminister Ed Miliband eine Ankündigung nach der anderen über "grüne Energie" und "grüne Arbeitsplätze" mache, aber diese Fabrik geschlossen werde. "Es wäre nur ein kleiner finanzieller Schritt, sie offen zu halten, aber es würde ein deutliches Zeichen für eine 'grüne Wirtschaft' gesetzt", sagte einer der Besetzer der Zeitung. Umweltschutzgruppen schlossen sich den Forderungen der Arbeiter an.

Durchbruch für Stirlingmotor

Wenn von Nutzung der Sonnenenergie die Rede ist, denkt man hierzulande meist an Solarkollektoren, die Sonnenstrahlen direkt für die Warmwasserbereitung oder fürs Heizen nutzen, und natürlich auch an die Fotovoltaik, deren Solarzellen besonders in Bayern bereits auf manchem Hausdach zu sehen sind, wo sie das Licht unseres Zentralgestirns in elektrische Energie umwandeln.

Spätestens mit der Diskussion über den Strom aus der Wüste ist hierzulande auch eine dritte Variante bekannt, mit der sich Strom aus der Sonnenkraft gewinnen lässt: CSP, Concentrated Solar Power, eine Technik bei der die Sonneneinstrahlung in einer Parabolrinne oder einer Anordnung von Spiegeln konzentriert wird, um ein flüssiges Salz oder Öl auf mehrerer hundert Grad zu erhitzen.

Die Wärmeenergie wird sodann zur Dampferzeugung genutzt. Von dem Punkt an, ist die Technik die gleich wie in einem Kohle- oder Atomkraftwerk: Der Dampf treibt eine Turbine an, die ist an einen Generator gekoppelt, der aus der mechanischen Energie elektrische macht. Ein Teil der Wärme muss aus physikalischen Gründen an die Umwelt abgegeben werden, was meist mittels Kühlwasser oder Wasserdampf geschieht. CSP verbraucht also Wasser, was in trockenen Regionen durchaus ein Problem darstellen kann.

Bei Stirling Energy Sytems (SES) in den USA geht man daher einen anderen Weg. Statt Dampf zu erzeugen wird die Wärme in einem Stirlingmotor direkt in mechanische Energie umgesetzt. Das Prinzip ist schon fast 200 Jahre alt: Ein Medium, in diesem Falle Wasserstoff, wird erhitzt, dehnt sich aus und treibt damit einen Kolben an. In einem zweiten Takt wird das Gas wieder aus dem Zylinder ausgestoßen und in einem Wärmetauscher abgekühlt. Das System bleibt geschlossen, das Gas wird im nächsten Arbeitsschritt wieder erhitzt. Die Abwärme wird über einen Radiator abgestrahlt, Wasser wird als nicht verbraucht.

SunCatcher. Bild: Tessar Solar

Bei SES und dessen Tochter Tessar Solar hat man so genannte SunCatchers entwickelt, verspiegelte Parabolschüsseln, in deren Brennpunkt die Wärmequelle solcher Stirlingmotoren sitzt. Die Technik befindet sich seit rund 20 Jahren im Probeeinsatz. Nach einem Bericht auf Science Daily sind die "SunCatcher" in der Lage, rund 30 Prozent der Sonneneinstrahlung in elektrische Energie umgewandelt ins Netz einzuspeisen. Das wäre ein erheblich besserer Wirkungsgrad, als Fotovoltaikanlagen vorzuweisen haben, und läge wohl auch über dem, was jene Sonnen-Wärmekraftwerke leisten, wie sie zum Beispiel für das Desertec-Programm angedacht sind. Zumindest spricht Science Daily davon, dass der Wert unerreicht sei.

Derzeit befindet sich in Arizona ein kleines 1,5-Megawatt-Demonstrationskraftwerk im Bau, das schon im dritten Quartal 2009 in Betrieb gehen soll. 60 "SunCatcher" werden dort aufgestellt. Im nächsten Jahr wird dann richtig geklotzt: Mit Solar 1 und Solar 2 werden in Kalifornien zwei Parks errichtet, die zusammen eine Leistung von 1600 MW haben werden. 64.000 der Spiegelschüsseln sollen ab 2012 elektrischen Strom liefern. Solar 1 wird in der Mojave-Wüste gebaut, wo bereits seit den 1980er Jahren Strom mit einem Solarkraftwerk gewonnen wird, das mit Parabolrinnen und Wasserdampf arbeitet (Atomkraft nicht nur in Deutschland unbeliebt).

Über die erwartete Energieausbeute der beiden Anlagen schweigt sich das Unternehmen aus, aber bei vorsichtig geschätzten 2000 Sonnenstunden im Jahr wären es wohl etwa 3,2 Milliarden Kilowattstunden, das heißt, es könnte ein 400-MW-Grundlast-Kohlekraftwerk abgeschaltet werden. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass Wege gefunden werden, die elektrische Energie zu speichern. Das Stirlingsystem hat nämlich den Nachteil, dass es keinen Puffer hat. Die oben erwähnten CSP-Kraftwerke können hingegen im Prinzip Wärme über mehrere Stunden speichern, sodass sie bei Bedarf auch nachts noch Strom produzieren.

Gigantische Pläne

Zur Zeit haben die USA in Sachen solarthermischer Kraftwerke noch die Nase vorn. Mal sehen, wie lange das noch so bleibt. In China steht die Entwicklung noch ganz am Anfang, aber das muss in der Volksrepublik bekanntlich nicht viel heißen. Noch vor wenigen Jahren waren Windkraftanlagen im Land der Mitte nahezu unbekannt, doch inzwischen hat es bereits die USA als weltweit größten Absatzmarkt überholt.

Kürzlich hat die Nationale Energie Agentur bekannt gegeben, dass noch einmal drauf gesattelt werden soll. Wie berichtet werden bis 2020 sieben gigantische Windparks mit einer Leistung von 120.000 MW (120 Gigawatt) entstehen, das wäre knapp das Fünffache dessen, was in Deutschland heute installiert ist. 100 Milliarden Euro hat die chinesische Regierung hierfür vorgesehen.

Mit 120 GW lassen sich bei 2000 bis 4000 jährlichen Volllaststunden 240 bis 480 Milliarden Kilowattstunden elektrische Energie im Jahr erzeugen. Wenn es der Volksrepublik gelingt, zugleich, wie vorgesehen, die Verwendung der Energie deutlich sparsamer zu gestalten, könnten damit 2020 maximal knapp zehn Prozent des chinesischen Strombedarfs gedeckt werden.

Allerdings sind die Windparks nur ein Teil der chinesischen Anstrengungen. In den vergangenen Jahren ist die installierte Leistung an Windkraftanlagen jeweils um 100 Prozent gewachsen. Ende 2008 waren bereits 12 GW im Betrieb, Ende 2010 werden es vermutlich schon mehr als 30 GW sein. Unter anderem baut China derzeit vor der Küste von Shanghai seinen ersten Offshore-Windpark.

Mehr Wind in Brasilien

Auch in Brasilien scheint der große Run auf die Windenergie zu beginnen. Das Ministerium für Bodenschätze und Energie hat Ende letzter Woche eine Liste der Projekte veröffentlicht, die sich an einer Ausschreibung der Regierung beteiligen. Im Herbst sollen Verträge, die einen für 20 Jahre fixierten Strompreis vorsehen, vergeben werden. Die eingereichten Vorschläge summieren sich auf beachtliche 13.300 MW. Die Verträge sollen ab 2012 laufen.

Die meisten Projekte sind für den Nordosten des Landes angemeldet, wo die besten Windbedingungen herrschen. Der Preis, mit dem die neuen Windparkbetreiber rechnen können, steht noch nicht fest. Das Ministerium spricht aber davon, dass Windstrom in Brasilien zur Zeit etwa 270 Real pro MWh (0,27 Real/kWh) kostet. Das sind etwa zehn Eurocent pro Kilowattstunde, was etwas über der hiesigen Einspeisevergütung für neue Anlagen an Land läge. Elektrische Energie aus Wasserkraft, die in Brasilien viel genutzt wird, aber wegen de Unweltauswirkungen der oft gigantischen Stauseen und -dämme höchst umstritten ist, kostet hingegen nur etwa 70 Real pro MWh, also weniger als ein Drittel.

Brasilien hat derzeit eine in Windrädern installierte Leistung von 386 MW. In diesem Jahr sollen weiter 427 MW hinzu kommen und im nächsten 684 MW. Damit wären dann Ende 2010 knapp 1500 MW installiert. Je nach Windbedingungen und Qualität der Anlagen kann man mit 2000 bis maximal 4000 Volllaststunden im Jahr rechnen, was dann eine jährlich produzierte elektrische Energie von drei bis sechs Milliarden Kilowattstunden ergäbe.

http://www.heise.de/tp/artikel/30/30763/1.html
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