Ist die Wirkung von Placebos genetisch bedingt?

23.07.2009

Kalifornische Wissenschaftler glauben, dass Placebos die Belohnungssysteme des Gehirns bei Menschen stimulieren, die bestimmte Gen-Allele besitzen

Dass Placebos bei vielen, aber nicht bei allen Menschen wirken - und oft auch besser als Medikamente mit einem spezifischen Wirkstoff -, ist lange bekannt und für die wissenschaftliche Medizin beunruhigend. Richtig erklärt werden konnte bislang die Placebo-Wirkung nicht. Angeführt werden psychologische Gründe, die stimmen können oder auch nicht, aber nicht erklären, wie aufgrund einer pharmakologischen Mogelpackung wirkliche physiologische Folgen auftreten können.

Wissenschaftler am Semel Institute for Neuroscience and Human Behavior der UCLA berichten nun in einem Artikel, der im Journal of Clinical Psychopharmacology erschienen ist, dass es möglicherweise eine genetische Erklärung geben könnte. Sie gehen davon aus, dass Placebos die Belohnungszentren im Gehirn durch Freisetzung von Monoamin-Neurotransmittern wie Dopamin und Noradrenalin – mitunter auch als "Glückshormone" bezeichnet - stimulieren. Da die beiden Monoamin-Neurotransmitter genetisch durch die Enzyme Catechol-O-Methyltransferase (COMT) und Monoaminoxidase A (MAO-A) gesteuert werden, könnte die Wirkung von Placebos bei bestimmten Menschen auch von genetischen Varianten abhängen, vermuten die Wissenschaftler.

Um die Hypothese zu testen, nahmen die Wissenschaftler von 84 Personen, die unter einer schweren Depression (MDD) leiden und in aller Regel gut auf Placebos reagieren, Blutproben. 32 erhielten Medikamente, 52 ein Placebo. Gesucht wurde nach Polymorphismen der Gene, die die Enzyme COMT und MAO-A codieren. Dabei stellte sich heraus, dass die Personen mit der höchsten Enzymaktivität aufgrund einer der MAOA-G/T-Allele deutlich schwächer auf Placebos ansprachen, als diejenigen mit anderen Varianten. Auch die Personen mit einer geringeren Aktivität des COMT-Enzyms bei dem COMT Val 158Met Polymorphismus sprachen weniger als die Patienten mit anderen Genvarianten auf Placebos an.

Andrew Leuchter, Direktor des Laboratory of Brain, Behavior and Pharmacology am UCLA Semel Institute und Leiter der Studie, will die Ergebnisse jedenfalls so sehen, dass Menschen dafür genetisch veranlagt sind, ob sie für Placebos empfänglich sind oder nicht. Zwar sei die Aktivität der beiden Enzyme je nach Genotyp sicher nicht der einzige Grund, aber das sei neben anderen physiologischen und psychologischen Faktoren doch eine bedeutsame Beeinflussung.

Wie aber die Stimulation der Belohnungszentren durch die Ausschüttung der Monoamine über Placebos, die nichts enthalten, verursacht wird oder warum die Aktivierung der Belohnungszentren heilende Wirkung hat, geht aus der Studie nicht hervor. Sollte es tatsächlich genetisch mitbedingt sein, ob Menschen mit bestimmten Allelen für Placebos empfänglicher sind, wäre auch die Frage, ob dies bei allen Leiden gleichermaßen der Fall ist. Denkbar wäre dann womöglich, dass man bei diesen eher auf Placebos als auf Medikamente mit zahlreichen Nebenwirkungen setzen könnte. Eher futuristisch gedacht, könnte man auch an eine Gentherapie denken, um die Empfänglichkeit für Placebos zu steigern und die Notwendigkeit von Medikamenten zu minimieren.

Leuchter schlägt vor, dass das Wissen über die Reaktion der unterschiedlichen Genotypen klinische Studien von Medikamenten verbessern könnte. Mit Ausschluss der Placebo-Empfänglichen ließe sich eher die direkte Wirksamkeit von Medikamenten testen. Die wirken womöglich ja auch oft in Doppelblindstudien nicht physiologisch, sondern als Placebo. Aber solche Fragestellungen würden die Forschung natürlich in Probleme stürzen, bei denen die Feststellung von genetischen Faktoren erkenntnistheoretisch auch keine Lösung darstellen würde.

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