Droht mehr Korruption, wenn Lokalzeitungen verschwinden?

23.07.2009

Zeitungssterben: Öffentliche Gelder sollen Wächterfunktion und "Qualität" sichern

Mit seiner Forderung, dass sich der Journalismus verändern müsse, um relevant zu bleiben, ist der Chefredakteur des Guardian, Alan Rusbridger, auch hierzulande in interessierten Kreisen publik geworden. Der britische Guardian wird immer wieder als gelungenes Modell dafür erwähnt, wie eine traditionelle Zeitung sich online auf den neuesten Stand bringen kann. Eine Zauberformel, wie das derzeit von allen Verlegern der Welt gesuchte Geschäftsmodell aussehen könnte, hat auch das Dream-Tream vom Guardian freilich nicht.

Man experimentiere mit mehreren Modellen, beschied Carolyn McCall, die Geschäftsführerin der Guardian-Media Group, Anfang des Jahres vor deutschem Publikum.

Der Guardian-Chefredakteur äußerte nun aktuell bei einer Konferenz den Vorschlag, der auf eine öffentliche Finanzierung von Lokalnachrichten hinausläuft. Sollten Lokalzeitungen verschwinden, fürchtet Rusbridger, dass mit dem Wegfallen der journalistischen Aufsicht Korruption und Ineffizienz in den Behörden deutlich zunehmen könnten. Als Ausweg schlug er vor, dass die Press Assocation, eine Vereinigung, der die meisten großen britischen Medienkonzerne, und also auch die Guardian Media Group, angehören, öffentliche Gelder zur Finanzierung der lokalen Berichterstattung bekommen sollten:

Dieser Teil des Journalismus sollte von jemandem erledigt werden. Ich mache mir Sorgen, wie alle diese öffentlichen Behörden und Gerichte künftig funktionieren werden, wenn ihnen von öffentlicher Seite keiner mehr systematisch auf die Finger schaut. Ich glaube unsere Gesetzgeber sind sich der Probleme, die hier auf uns zukommen, noch gar nicht bewusst, obwohl wir an einem Zeitpunkt agelangt sind, an dem wir mit dem Kollaps der Infrastruktur lokaler Berichterstattung in der Presse und in Funk und Fernsehen konfrontiert sind.

Auch in Deutschland haben Lokalzeitungen nach Aussagen von Verlegern eine schwierige Zukunft vor sich. Jüngere würden den Lokalteil kaum mehr lesen. Dass hier ein grundlegender Umbruch im Gange ist, hat sich herumgesprochen. Das wissen mittlerweile nicht mehr nur Insider. Doch auch der vielzitierte Internetvordenker Clay Shirky kann die zentrale Frage, wer künftig die Berichterstattung dessen, was in kommunalen Gerichten und Behörden passiert, übernimmt, wenn die gegenwärtig noch angestellten Journalisten einmal ihren Job verlieren, nicht beantworten. Das ist alles offen. Verleger nützen das gerne aus, um immer wieder ein bisschen Panik zu schüren vor einer Zukunft ohne "Qualitätsmedien".

Interessant ist, dass sich bei den Kommentaren zum Vorschlag Rusbridgers zur öffentlichen Subventionierung – den es in der ein oder anderen Form auch hierzulande gibt - zeigt, wie wenig manche Leser mit der Qualität der bisherigen Lokalberichterstattung einverstanden waren! Die bisherige Presse einfach mit Qualität gleichzusetzen, wie das in Deutschland auch gerne gemacht wird, spornt nicht unbedingt zu Lösungen an, die auch außerhalb der Verlagshäuser gleich als besser aufgefasst werden. Die Lesermeinung in den Kommentaren findet es jedenfalls nicht per se selbstverständlich, dass die öffentliche Subvention in diesem Fall immer angebracht sei.

Möglicherweise geht es auch hier nicht um Sein oder Nichtsein, sondern um ein neues Arbeitsfeld, das sich mehrere Berichterstatter teilen können. Blogger können hier, wie Beispiele nicht nur aus den USA, sondern auch aus Frankreich zeigen (siehe Eine Stadt, in der sich gut leben läßt), den Lokalgrößen und Behörden sehr wohl sehr genau auf die Finger schauen (siehe Peripherie-Watch). Während mancher öffentlich-rechtlich finanzierte Lokalbericht kaum verborgene Hofberichterstattung ist. So wäre hier auch eine gewisse Anfälligkeit von Journalisten zu "korrupter Berichterstattung" zu beobachten. Die Chance der Blogger läge dagegen in der Unabhängigkeit von solchen anscheinend als zu Herrschafts-Nähe verpflichtend empfundene Subventionen.

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