Einsamere Programmierer gesucht

Matthias Gräbner 24.07.2009

Warum sind neue Windows- oder Firefox-Versionen von ihren Vorgängern so wenig zu unterscheiden?

Die Weiterentwicklung des Internets krankt daran, dass die damit Befassten zu gut miteinander vernetzt sind – gegen das Gruppendenken der Open-Source-Szene haben wirklich neue Ideen keine Chance. Das führt dazu, dass statt radikaler Innovation nur noch inkrementeller Fortschritt stattfindet. Viktor Mayer-Schönberger, Professor an der Universität Singapur, fordert in einem Science-Beitrag unter der Überschrift "Können wir das Internet neu erfinden?" deshalb einen neuen Typ sozialer Netzwerke für Programmierer. Im Telepolis-Interview erläutert er seine Thesen.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Sie diskutieren im Wissenschaftsmagazin Science die Frage, ob wir das Internet neu erfinden können. Wie lautet denn Ihre Diagnose, aus der sich die Notwendigkeit ergibt? Ist der Patient erkrankt, und woran?

Viktor Mayer-Schönberger: Wir sehen am Internet viel inkrementale Innovation, an radikal Neuem fehlt es. Das liegt unter anderem daran, wie innovativer Software-Code heute entsteht: von kommerziellen Unternehmen, die fürchten, dass ihre User-Base bei radikalen Brüchen wegbricht, und von einer Open Source Community, die durch soziale Netze so miteinander verwoben ist, dass radikal Neues sich nur sehr schwer mehr durchsetzen kann.

Wird das Internet nicht dauernd neu erfunden? Zumindest deuten ja die schnellen Zyklen darauf hin, mit denen Browser, Clients, Server, Programme generell erneuert werden?

Viktor Mayer-Schönberger: Ja, die Zyklen sind schnell - aber die neuen Versionen sind primär inkrementale Verbesserungen, nichts radikal Neues. Insofern bleibt vieles (zum Beispiel auch TCP/IP) am Internet jahrzehntelang konstant, obwohl es die Notwendigkeit tiefgehender Verbesserungen gibt.

Warum fällt es wirklichen Innovationen so schwer, sich durchzusetzen - wenn wir etwa an den Wechsel von IPV4 auf IPV6 denken?

Viktor Mayer-Schönberger: In meinen Beitrag habe ich zwischen inkrementalen Verbesserungen und radikalen Innovationen unterschieden. Windows Vista ist eine inkrementale Verbesserung, So auch Firefox 3.5 - der iPod ist eine radikale Innovation. Radikale Innovationen haben es schwer, weil die kommerziellen Anbieter aufgrund großer Nutzerbasis, die umlernen müsste, zunehmend konservativer werden; und die Open-Source Community ist durch die sozialen Netzverbindungen ihrer Teilnehmer so eng miteinander verwoben, dass radikale neue Ideen es enorm schwer haben sich gegen die "herrschende Lehre" durchzusetzen.

Worin besteht die Voraussetzung, dass soziale Netzwerke innovativ wirken können - und inwiefern wird diese von den bestehenden Strukturen erfüllt?

Viktor Mayer-Schönberger: Dicht gewobene soziale Netze sind gut für inkrementale Verbesserungen, aber laufen Gefahr, "groupthink" zu fördern, also dass alle ähnlich oder gleich denken, und so neue, alternative Ansätze gar nicht mehr berücksichtigt werden. Die spannende Aufgabe ist es nun, soziale Netze zu schaffen, die genügend, aber nicht zu viele Netzverbindungen bieten.

Sehen Sie in dieser Beziehung Unterschiede zwischen Open-Source- und kommerzieller Programmierung?

Viktor Mayer-Schönberger: Ja, kommerzielle Anbieter sind viel abgeschotteter von der Konkurrenz, und leiden daher seltener an einem "zu viel" an Netzverbindungen.

Wie also könnte man Innovation im Internet beschleunigen?

Viktor Mayer-Schönberger: Indem dort, wo man Innovation finanziell fördern will, man Strukturen sozialer Netze der Software-Coder unterstützt, die nicht zu eng gewoben sind. Experten sprechen hier von der Notwendigkeit von Modularität.

http://www.heise.de/tp/artikel/30/30791/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS