Kultur und Arbeitskampf

25.07.2009

Immer mehr Beschäftigte im Kulturbetrieb treten für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen ein und streiken sogar dafür

Opernfans können aufatmen. Einen Tag vor der Premiere der Wagner-Festspiele in Bayreuth hat sich die Dienstleistungsgewerkschaft verdi mit der Festspielleitung auf einen Tarifvertrag für die Bühnentechniker geeinigt. Er ist eine Premiere der besonderen Art.

Erstmals in der Geschichte der Bayreuther Festspiele werden nichtkünstlerische Mitarbeiter nach Tarif bezahlt. Dass dieser gewerkschaftliche Erfolg in einer Branche möglich war, die nicht als besonders kampfstark gilt, lag an der Taktik der Gewerkschaften. Ein Streik der Bühnenarbeiter hätte die Festspiele verhindern können. Der finanzielle Verlust, gekoppelt mit dem Imageschaden, wäre für die Festspielleitung enorm gewesen, so dass sie doch lieber Tarifverträgen zustimmte.

Möglicherweise spielte beim Abschluss auch die Erinnerung an den Sommer 2003 eine Rolle, als wegen eines Streik der "prekären Kulturschaffenden" zahlreiche berühmte Festivals ausfallen mussten. Auch dort zeigte der Arbeitskampf schließlich Wirkung und die Arbeitnehmer konnten Erfolge erringen.

Viele Beobachter des französischen Streiksommers hielten eine solche Bewegung in Deutschland für ausgeschlossen. Tatsächlich gibt es viele französische Besonderheiten, die nicht einfach auf Deutschland übertragen werden können. Doch der in letzter Minute verhinderte Arbeitskampf in Bayreuth mag wegen der internationalen Bekanntheit des Kulturevents besonders spektakulär sein. Ein Einzelfall ist er auch in Deutschland nicht mehr

"Prekäre Avantgarde"

Immer häufiger werden Kulturliebhaber mit den Forderungen der Menschen konfrontiert, die hinter den Kulissen arbeiten. So haben Berliner Künstler in der freien Tanz- und Theaterszene im Frühjahr 2009 ein Positionspapier veröffentlicht, in dem sie ihre soziale Lage zum Thema machten. Gleich zu Beginn kritisierten sie die bisherige Debatte um ihren Berufsstand:

Der freie Künstlerarbeitsmarkt wurde seit den 90er Jahren oft auf seine avantgardistische Struktur hin untersucht, Wissenschaftler[...] und Kulturpolitiker[...] stellten seine seismographischen Züge in Bezug auf einen Arbeitsmarkt der Zukunft heraus: Die Mischung aus eigenunternehmerischen und kreativen Kompetenzen verweise auf die Anforderungen der modernen Informationsgesellschaft.

Auf ihre Arbeits- und Lebensbedingungen bezogen wird in dem Papier formuliert:

Dem großen Engagement und der (inter-)nationalen Relevanz stehen prekäre Arbeitsbedingungen gegenüber und das niedrige und selten konstante Einkommen fordert ein hohes Maß an Flexibilität und selbstorganisierter Arbeit.

Neben der "prekären Avantgarde" halten auch Dienstleister den Kulturbetrieb am Laufen. Ihre Arbeiten werden wie selbstverständlich in Anspruch genommen und ihre soziale Situation nicht wahrgenommen. Es sei denn sie melden sich zu Wort, wie die Besucherbetreuer im Berliner Technikmuseum, die sich für eine Verlängerung ihrer befristeten Arbeitsverträge einsetzen und in der Auseinandersetzung (sehr zum Missfallen des Arbeitgebers) gleich einen Betriebsrat gründeten.

Großes Kino - kleine Löhne

Auch das Kino ist in den letzten Jahren verstärkt zum Kampffeld für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen geworden. Während der Berlinale 2008 gab es dazu unter dem Motto "Mir reichts nicht", von Gruppen der Euro-Mayday-Bewegung, die sich der Organisierung von Prekären widmet, eine Kampagne. Sie war medienwirksam, hat aber nach Angaben ihrer Initiatoren keine längerfristige Organisierung ausgelöst.

Einen anderen Weg geht die anarchosyndikalistische Freie Arbeiter Union. Sie hat Beschäftigte in dem Berliner Programmkino Babylon organisiert und fordert den Abschluss eines Haustarifvertrages. "Im Unterschied zu Flächentarifverträgen wird hier nicht zentralistisch über irgendwelche Köpfe hinweg entschieden. Der Prozess liegt in der Hand der Belegschaft selbst, sie hat die volle Kontrolle über den Charakter ihres Abkommens", erklärt Robert Ortmann von der FAU den Unterschied zu den Abschlüssen vieler DGB-Gewerkschaften.

Auf die Frage, warum die FAU ein relativ kleines Kino mit einem kulturell und politisch ambitioniertem Programm für den Arbeitskampf ausgesucht hat und sogar bis zum Abschluss des Vertrags zu einem Boykott des Kinos aufgerufen hat, meint Ortmann, dass sich im Babylon "ein großer Teil der Belegschaft in der FAU organisiert" habe und die Gewerkschaft "in jedem Betrieb [kämpfe], in dem ihre dort arbeitenden Mitglieder auch kämpfen wollen". Würden sich Beschäftigte eines großen Kinos bei der FAU organisieren, würde es auch dort einen Arbeitskampf geben, so Ortmann. Ein Abschluss im Babylon wäre auch eine bundesweite Premiere. Dann hätte die FAU ihren ersten Tarifvertrag geschlossen.

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