Freihandel macht Mittelamerikaner fett

29.07.2009

Die Liberalisierung des Handels zwischen Nord- und Mittelamerika hat sichtbare Auswirkungen auch an unerwarteten Stellen: An den Oberarmen, Bäuchen und Schenkeln der Mittelamerikaner

Die fortschreitende Entwicklung und die Verbesserung des allgemeinen Lebensstandards in Ländern wie China, Indien, Brasilien oder Mexiko behebt nicht nur Schwierigkeiten vergangener Zeiten, sie sorgt auch für bisher unbekannte Probleme. Dazu gehört, dass sich die Ernährungsgewohnheiten in den betreffenden Ländern wandeln. Und zwar weit über die Abschaffung einer generellen Mangelernährung hinaus: Statt lokaler Produkte werden zunehmend importierte Lebensmittel konsumiert, die immer stärker von ihrer ursprünglichen Beschaffenheit entfernt sind.

Industriell verarbeitete Nahrung hat dabei durchaus Vorteile – etwa in Sachen Haltbarkeit. Ihre Zusammensetzung unterscheidet sich aber von der traditioneller Nahrung – sie enthält im Mittel mehr Fett, mehr Tierprodukte, mehr Salz und mehr Zucker. Gleichzeitig bewegen sich den Menschen in den Entwicklungsländern immer weniger – die Folge ist eine Zunahme von Übergewicht und damit verbundenen chronischen Krankheiten, die die Gesundheitssysteme dieser Länder zunehmend belasten.

In einem Artikel in dem frei verfügbaren Wissenschaftsmagazin Globalization and Health gießen die Forscherinnen Anne Thow und Corinna Hawkes diesen weltweiten Trend nun in Zahlen – und zwar speziell für Mittelamerika. Sie stützten sich dabei auf Datenbanken der Welternährungsorganisation FAO und der US-Regierung.

Der generelle Trend lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Während die Einfuhrzölle mittelamerikanischer Länder von 1985 bis 2000 von zuvor im Mittel 45 Prozent auf nun etwa sechs Prozent gesunken sind, kam es zu einer Verdoppelung der Nahrungsmittelimporte in die Staaten Mittelamerikas, auf zuletzt etwa 9,6 Millionen Tonnen. An der Spitze standen dabei Guatemala und El Salvador. Betrachtet man die Importe aus den USA, verdreifachte sich die Quote sogar. Dabei lag die Steigerung der Importe noch deutlich über der Erhöhung der Nahrungsmittelproduktion – der Anteil importierter Nahrungsmittel vergrößerte sich also.

80 Prozent der Importe aus den USA bestanden dabei aus Getreide oder Getreideprodukten, insbesondere Reis. Die einheimische Getreideproduktion ging im selben Zeitraum zurück. Mehr als zwei Drittel der verbrauchten Reisvorräte kamen zuletzt aus den USA – 1990 waren es erst knapp 40 Prozent. Für Mais sieht die Situation etwas anders aus – hier existieren in den meisten Ländern nach wie vor restriktive Importvorschriften.

Stark erhöht haben sich auch die Fleischimporte. Huhn steht dabei an der Spitze, insbesondere in Form tiefgefrorener Hähnchenschenkel, die in den USA als Beiprodukt der Hähnchenbrustproduktion anfallen. 90 Prozent davon gehen nach Guatemala, wo US-Hähnchenfleisch schon 30 Prozent des lokalen Verbrauchs ausmacht.

Was Milchprodukte betrifft, stehen die USA nicht an der Spitze der nach Mittelamerika liefernden Länder – das übernehmen die EU und Asien. Allerdings liefern die Amerikaner den meisten Käse über ihre südlichen Grenzen, vor allem in Form von Käsescheiben, wie sie in typischen Fast-Food-Läden verarbeitet werden. Dazu passt, dass erst seit der Handelsliberalisierung signifikante Importe von Obst und Gemüse zu verzeichnen sind.

Beinahe alle lokal konsumierten Äpfel sind importiert – ebenso alle Kartoffeln. Allerdings kauft die dort niemand im Bastsäckchen im Supermarkt: Kartoffeln werden fast nur in Form von Pommes frites eingeführt – selten passt ein Verb so gut wie hier. Nicht für alle Länder stehen hier Daten zur Verfügung, aber die Forscherinnen vermuten, dass im Prinzip jedes einzelne Kartoffelstäbchen, das in mittelamerikanischen Mägen landet, aus den USA und Kanada kommt. In letzter Zeit sogar vor allem aus Kanada, weil es dem Land gelungen ist, weitgehende Zollfreiheit für die Canadian Fries zu verhandeln.

Die Liberalisierung des Handels, folgern die Forscherinnen, hat die Ernährungsumstellung in den betreffenden Ländern also erst ermöglicht. Sie hat zudem dazu beigetragen, die Preise dieser Lebensmittel zu senken. Das hat positive Folgen für die Verfügbarkeit – aber negative für die gesundheitliche Situation.

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