Massenaussterben auch bei den Parasiten?

31.07.2009

Mit den Wirten werden auch ihre Parasiten aussterben oder auf andere Wirte überspringen, aber über diese Bedrohung der Artenvielfalt ist bislang wenig bekannt

Wenn vom Aussterben der Arten die Rede ist, werden meist nur einzelne Arten betrachtet. Als Gründe werden in aller Regel der Verlust des Lebensraums, das Eindringen neuer Arten, Umweltverschmutzung , Klimaveränderung oder Überjagung/-fischung genannt. Allerdings sterben mit einzelnen Arten auch andere Arten aus, die von diesen abhängig sind. Das betrifft nicht nur Jäger und Beutetiere, sondern auch Wirte und Parasiten.

Parasiten sind Lebewesen, die von vorneherein ein negatives Image haben, als sekundär gelten und daher meist nur erforscht wurden, wenn sie schädlich sind und bekämpft werden sollen, obgleich alle Lebewesen, die größeren Parasiten natürlich auch, Lebenswelten für zahlreiche Mitbewohner sind (Ein Lob der Parasiten). Sterben die Wirte aus, können sie eine ganze Reihe von abhängigen Mitbewohnern mit den Untergang ziehen, sofern diese nicht, wie dies etwa bei Aids-Viren der Fall war, auf andere Wirte umsteigen können oder sowieso nicht auf eine bestimmte Art angewiesen sind.

Beim Umstieg von Parasiten, die generalistische Züge haben, auf andere Wirte ergibt sich nicht nur ein hoher Adaptionsdruck auf diese, auch die Wirte müssen mit den neuen Parasiten zurechtkommen, was zu neuen Krankheiten führen kann, die auch tödlich sind, also ebenfalls ein Aussterben von Arten bewirken können (Haben Insekten die Dinosaurier aussterben lassen?). Es könnten aber auch vor den Wirten manche Parasiten aussterben, wenn diese zu wenige Wirte vorfinden, um sich zu reproduzieren. Nicht vergessen sollte man auch, dass die Mitbewohnerverhältnisse sehr verschachtelt sein können, da auch Parasiten ihre Parasiten haben können, selbst bis hinunter zu Viren (Sind Viren doch Lebewesen?).

Obgleich das gemeinsame Aussterben (coextinction) vermutlich normale und häufige Vorgänge sind und mit dem Massenaussterben von Wirten deutlich zunehmen werden, wurde ihm bislang nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten ist nur ein einziger Parasit zu finden, eine Laus, die auf dem kleinsten und seltensten Schwein der Welt lebt.

Da es vermutlich mehr Parasitenarten als Wirte gibt – eine Unterscheidung, die sowieso nicht einfach zu ziehen ist -, sprechen Wissenschaftler von der Nationalen Universität von Singapur auch hier von dem "sechsten gemeinsamen Massenaussterben", nach dem ersten Massenaussterben vor 500 Millionen Jahren am Ende des Kambriums bis zum letzten vor 65 Millionen Jahren. Mit dem sechsten Massenaussterben wird die von Menschen verursachte gemeint, die seit der Ausbreitung der Menschen und der Verwandlung der Erde im Grunde schon vor Zehntausenden Jahren begann, aber sich vor allem in den letzten Jahrzehnten massiv beschleunigt hat.

Die Wissenschaftler suchen in ihrem Artikel, der in den Proceedings of the Royal Society B erschienen ist, zu erwägen, welche Dimensionen dieses gemeinsame Aussterben von Wirten und Parasiten haben könnte. Das ist allerdings schwierig, weil insgesamt eben wenig über Parasiten bekannt ist, weswegen es vor allem um Fragen für künftige Forschung geht.

Die Autoren weisen darauf hin, dass Aussterben von Parasiten möglicherweise eben so schwerwiegende Folgen haben kann wie das von Wirten, weswegen es sinnvoll sein kann, auch Parasiten in den Schutz der Artenvielfalt aufzunehmen, zumal diese im Zuge des Wettrüstens erheblich zur Entstehung der Artenvielfalt und zu der der sexuellen Selektion beigetragen haben (Abgespeckt). Mit dem Aussterben von Parasiten verschwindet auch ein Stück der Evolutionsgeschichte, sagen die Autoren, wichtiger aber sei, dass mit dem Aussterben von spezialisierten Parasiten die Generalisten an die Macht zu kommen scheinen, die den Wirten dann gefährlich werden können. Dieser Trend zu zoonotischen Parasiten wie Aids- oder Grippeviren ist auch für den Menschen gefährlich. Um so mehr Wirte, vornehmlich Säugetiere aussterben, desto stärker könnten auch neue Parasiten Nutztiere und Menschen befallen – mit unangenehmen Folgen.

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