Alte Strukturen mit neuen Energien?

Matthias Brake 04.08.2009

Die Energie- und Klimawochenschau: Die Idee einer dezentralen regenerativen Energieversorgung droht vom eigenen Erfolg überrollt zu werden.

Die Megaprojekte kommen. Letzte Woche wurde wieder ein Offshore-Windpark in der Nordsee genehmigt, Gode Wind II. Zusammen mit seinem Schwesterprojekt "Gode Wind I" sollen damit weitere 160 Offshore-Windenergieanlagen mit einer Nennleistung von 800 MW ans Netz gehen. Offshore-Windstrom soll in Deutschland bis zum Jahr 2020 47% des Strombedarfs im Land liefern.

  • mobil
  • drucken
  • versenden
Bild: FH Osnabrück

Dazu kommt noch die Prognose des Desertec-Wüstenstrom-Projekts – es soll 15% des gesamteuropäischen Strombedarfs liefern. Ob Offshore-Windkraft oder Desertec-Projekt - es sieht so aus, als werde die weitere Entwicklung der Erneuerbaren Energien ähnlich verlaufen wie die Produktion und Vermarktung der Bio-Produkte: Eine ursprünglich ökologisch und gesellschaftspolitisch fundierte Idee wird, sobald der wirtschaftliche Erfolg absehbar ist, industrialisiert, zentralisiert und schließlich reduziert auf verkürzte Minimalmerkmale. Bio-Produkte für "Bio-Supermärkte" werden heute meist genauso agroindustriell produziert wie konventionelle Lebensmittel und wie diese um die ganze Welt transportiert. Als Alleinstellungsmerkmal gilt jetzt schon, wenn deren Label verspricht, dass bei der Produktion 'im Normalfall' nicht gespritzt oder Antibiotika gegeben werden sollen. Von der Idee einer Rückkehr zu regionaler Kreislaufproduktion und Wertschöpfung, kurzen Lieferwegen, saisonaler Produktion, also einem Blick für das ganze Drumherum hat sich das Beispiel Massen-Bio schon weit entfernt.

Den Erneuerbaren Energien könnte es ähnlich gehen. So wie schon in den letzten Jahren die Ackerbauindustrie global in die Produktion von Energiepflanzen einstieg und durch ihre Monokulturen (Stichworte: Hunger, Abholzung, Gentech) die Idee von der ökologischen Energieversorgung ad absurdum führte, beginnen zur Zeit Investoren auch bei Wind- und Solar-Energie groß einzusteigen und wieder in zentrale Großkraftwerke, diesmal zur regenerativen Energiegewinnung, zu investieren. Schön daran ist, dass erneuerbare Energieversorgung jetzt augenscheinlich allgemein anerkannt ist, sowohl was ihre Notwendigkeit als auch ihren weiteren Erfolg bei der allmählichen Ablöse der konventionellen Energieträger angeht. Doch die Konzentration auf große Offshore-Windkraft- und Wüstenstromkraftwerke allein würde nichts an den bekannten Energieversorgungsstrukturen ändern. Die Produktion in zentralen Großkraftwerken und eine neue Abhängigkeit, von nicht gerade demokratisch legitimierten Regierungen, diesmal im Maghreb, kommt einem doch irgendwie schon bekannt vor. Sollten EE-Großprojekte deshalb nicht am besten eingebunden bleiben als Teil einer insgesamt vorrangig lokal vernetzten erneuerbaren Energiegewinnung?

Quelle: BMU. Bearbeitung: M. Brake

Konzentrationsprozesse haben gerade erst begonnen

An der Eigentümerstruktur bei den bereits in der Realisierung befindlichen Großprojekten ist auffällig, dass sich bei ihnen wieder vermehrt der Bund am Risiko beteiligt und durch seine Forschungsförderung deren Entwicklung unterstützt. Der Staat erhofft sich, dass die Offshore-Windparks ihm mit einigen wenigen Großprojekten helfen, die selbstgesteckten Klimaschutzziele fristgerecht zu erreichen und etwa den Anteil des Stroms aus regenerativen Energien bis 2020 auf prognostizierte 47 % ausbauen. Daneben ziehen zentrale Großprojekte auch wieder die großen Energieversorger an. Sie können, seit der zum Jahresbeginn 2009 in Kraft getretenen Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, die verbesserten Vergütungsregelung für Strom aus deutschen Offshore-Windparks in ihre Kalkulation einplanen.

Bisher sind 21 Offshore-Windpark-Projekte mit insgesamt 1.497 Windenergieanlagen genehmigt worden, 18 in der Nordsee und drei in der Ostsee. Große Projekte sind attraktiv für die vier großen Energiekonzerne. Beim Offshore-Windparks Alpha Ventus kooperieren E.ON und Vattenfall im Konsortium mit dem norddeutschen Energieversorger EWE. Alle zwölf Anlagen werden voraussichtlich bis Ende dieses Jahres in Betrieb gehen. Damit wird dann Alpha Ventus als erster Offshore-Windpark in deutschen Hoheitsgewässern am Netz sein. EnBW investiert in den Kauf von vier Offshore-Windparks und RWE ist bereits an einem zweiten Offshore-Windpark vor der Küste von Wales beteiligt. Vattenfall hat den 600 Quadratkilometer großen Offshore-Claim "Dan Tysk" in der Nordsee gekauft. Dort sollen Windenergieanlagen mit insgesamt 800 MW errichtet werden.

Daten: Dena. Zusammenstellung: M. Brake

Beim Wüstenstromprojekt Desertec geht es um ganz andere Dimensionen. Bei dem auf 400 Mrd. Euro Baukosten geschätzten Unternehmen sind denn auch neben RWE und E.on und den Anlagenbauern Siemens, M+W Zander und ABB vor allem große Finanzierer beteiligt: Deutsche Bank, HSH Nordbank und Münchener Rück.

Und auch hier wird der Staat voraussichtlich mit Forschungsgeldern groß einsteigen, die kleinteiligen EE-Projekten dann nicht mehr zur Verfügung stehen – der Fokus der Förderpolitik verschiebt sich schon jetzt in Richtung Großprojekte (s. Graphik). Es kündigt sich eine neue Dominanz der Forschungsförderung für Großtechnologien und zentrale Versorgungsmodelle an. Auch dieses Muster ist von der konventionellen Energiegewinnung bekannt. In Deutschland wurden von 1956 bis 1986 umgerechnet 20 Mrd. Euro in die Energieforschung investiert, überwiegend in Großprojekte zur zentralen Stromerzeugung. Erst nach der Änderung des Energiewirtschaftsgesetzes, die jedem die dezentrale Einspeisung in die Stromnetze erlaubt, erfolgte eine allmähliche Trendwende. Der größte Empfänger der Energieforschung war bis dahin die Kernenergie. Sie erhielt bis 1986 (17 Mrd. Euro = 86 %), gefolgt von der Fossilen Energie (1,7 Mrd. Euro = 8 %) die zusätzlich durch verschenkte CO2-Zertifikate im Wert von ca. 70 Mrd. Euro subventioniert wurde. Die Erneuerbaren Energien erhielten bisher gut 1,17 Mrd. Euro Forschungsgelder oder 6 %. Erst seit 2004 werden alle EE Konzepte zusammen höher gefördert als die Kernkraft und die Kernfusion, doch schon kündigt sich wieder ein Konzentrationsprozess an, der die Rückkehr zu zentralen (diesmal regenerativ gespeisten) Großkraftwerken bedeuten könnte.

Solare Stadt - statt erneuter Konzentration

Die Solaranlage auf dem Dach hat sich in Städten und Dörfern gerade zu einem Symbol für den Wunsch nach Teilnahme am Wandel hin zu einer regenerativen Energieversorgung entwickelt; auch Nicht-Hausbesitzer haben über Solarvereine daran teil. Besonders erfolgreich, in Bezug auf die erzeugte Strommenge, ist zur Zeit das Modell der Partizipation bei den Onshore-Bürgerwindparks in den Gemeinden. Der Bundesverband Windenergie berichtet, dass etwa in Nordfriesland der Anteil der Bürgerwindparks bei annähernd 90 % aller Windkraftwerke liegt. So sind viele Bewohner vor Ort nicht nur an den Einnahmen der Energiegewinnung beteiligt, die Gemeinden selbst erhalten auch die Gewerbesteuern der Anlagen.

Fabio Longo von Eurosolar plädiert in einem Essay auf solarserver.de gegen die beginnende Konzentration und statt dessen für regionale Energieeinsparung und Energiegewinnung, statt Stromimporten aus den Wüsten. Er fordert das Konzept der Solaren Stadt umzusetzen. Denn die Denkmuster damals und heute weisen eine frappierende Ähnlichkeit auf. Jetzt sollen einige Quadratkilometer solarthermischer Kraftwerke in der Wüste Europa mit Strom versorgen, vor einigen Jahrzehnten trat die Atomindustrie mit ähnlichen Versprechen an. Nach Longo trügt der Schein jedoch, denn auch die Energie aus der Wüste muß importiert werden, das kostet viel Geld und mit den neuen, alten Betreiber wird sich auch nichts am Preisgefüge, Gewinnstreben und Verbrauchsverhalten ändern. Longo setzt dagegen auf die lokale Nutzung des regenerativen Energieangebotes und eine forcierte flächendeckende energetische Modernisierung vor allem des Gebäudebestands, denn in ihm werden zwei Drittel der gesamten Energie im Land verbraucht. Doch noch sind die Zyklen der Modernisierung der Bestandsgebäude in Deutschland mit einer Modernisierungsquote von 1,5 % im Jahr viel zu lang. Bleibt es bei diesem Schneckentempo, dauert ein Modernisierungszyklus rund 60 Jahre, und damit auf einen Zeitpunkt, zu dem die fossile Energieversorgung bereits abgelöst sein muß.

Zu diesen Argumenten für die solare Stadt, also der Forderung nach lokaler Verbrauchsminderung und lokaler Nutzbarmachung regenerativer Energie kommt noch die Tatsache, dass auch ökologische Gesichtspunkte der regenerativen Energieversorgung erst lokal ihr ganzes Potenzial entfalten können. So kann die Biomasse der lokal anfallenden Abfälle, statt der aus Energiepflanzen-Monokultulturen, genutzt werden. Die Abwärme der Biogas-Verstromung kann lokal in die Wärmenetzte eingespeist werden. Jedes Gebäude kann mit seinen Dachflächen lokal zum Kraftwerk für Wärme und Strom werden. Und auch die Tiefengeothermie kann vor allem lokal eingesetzt ihr Potential entfalten, denn bei ihr fallen aufgrund des niedrigen Temperaturniveaus, von hierzulande nur knapp über 100 Grad, neben ~10 % Strom eben auch 90 % Wärme an, ideal für die Nutzung vor Ort. Auch das Zusammenspiel aller genannten EE-Techniken zusammen ist im "Kombikraftwerk" bereits erfolgreich erprobt. Die Erneuerbaren Energien, ihre ökologische Gewinnung, effiziente Nutzung und breite gesellschaftliche Teilhabe funktionieren so am besten im lokalen Verbund, Großprojekte sollten daher im regenerativen Zeitalter nicht dominieren sondern nur ein zusätzlicher Beitrag zur Energieversorgung insgesamt sein.

http://www.heise.de/tp/artikel/30/30851/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS