Die arabische Welt gefangen im unaufhörlichen Mittelalter-Loop?

03.08.2009

Der neue UN-Bericht zur Arab Human Development dokumentiert die Rückständigkeit der arabischen Länder

"Es bleibt ein Rätsel". Seit Jahren ist, wenn es um den Zustand der arabischen Welt geht, die Rede davon, wie jung die Bevölkerung ist: 60 Prozent sind unter 25 Jahre alt, der Medianwert liegt bei 22 Jahren im Vergleich zum weltweiten Durchschnittsalter von 28 Jahren – neu nachzulesen im aktuellen Arab Human Development Report. Aber von Dynamik, einer Eigenschaft, die man einer jugendlichen Gesellschaft zuschreiben möchte, so gut wie keine Spur. Seit Jahren ändert sich nichts am Gesamtbild einer stagnierenden Region, deren Bevölkerung in großen Teilen über Armut, Mangel an Möglichkeiten und Repression klagt. Auch der neue UN-Entwicklungsbericht wiederholt die traurige Diagnose. Der Rückstand habe sich sogar vertieft, meldet der mittlerweile fünfte Teil (zu den vorhergehenden vier Teilen siehe unten).

Und nein: Der beklagenswerte Zustand der Region, deren Bevölkerung nach neuesten Schätzungen bis 2015 395 Millionen Menschen zählen soll (im Jahre 2007 lag sie bei 317 Millionen, 1980 noch etwa bei der Hälfte, bei 150 Millionen), ist keine bloß polemische Behauptung, wie man sie von Arab-Bashern immer wieder zu hören bekommt. Von "unserer Mittelmäßigkeit ("our mediocrity") schreibt auch der in der arabischen Öffentlichkeit bekannte und angesehene Autor Rami G. Khouri, der sich mit den Ergebnissen des Arab Human Development Report auseinandersetzt. Sein Fazit:

Es bleibt ein Rätsel, wie wir die untergründigen Ursachen unserer Mittelmäßigkeit angehen und einen echten Wechsel herbeiführen, der in solider Staatsbürgerschaft, produktiver Volkswirtschaften und stabiler staatlicher Souveränität verankert ist. Ein Rätsel, das uns schon seit drei Generationen herausfordert.

Die Autoren des Entwicklungsberichts sind arabische Intellektuelle, unabhängige Wissenschaftler, keine Hofberichterstatter, schon eher Nestbeschmutzer in den Augen der politischen Führungen, weswegen es vor der Veröffentlichung der jeweiligen Reports beinahe zwangsläufig jedesmal zu Auseinandersetzungen kommt, weil bestimmte Teile kurz vor der Publikation umformuliert werden müssen. So auch diesmal. Doch die gekürzten bzw. beschönigten Passagen ändern nichts am "schmerzhaften" (Khouri) Gesamtbild.

"Human Security"

Im Zentrum des UN-Reports steht diesmal "Human Security". Das Gefühl der Sicherheit setzt der Bericht eine wesentliche Vorbedingung für die menschliche Entwicklung. Dem Bedürfnis nach existenzieller Sicherheit würde in der arabischen Welt allerdings auf eklatante Weise nicht entsprochen, so das generelle Fazit des Berichts. Die Gründe dafür sind vielschichtig.

Dass die Bevölkerung der arabischen Länder – aufgelistet sind übrigens nicht nur die Schwergewichte wie Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien, Syrien, Libanon, Vereinigte Emirate, Marokko, Algerien, Irak, die palästinensichen Gebiete, sondern auch Qatar, Bahrein, Mauretanien, Oman, Jemen, die komorischen Inseln usw. - nicht nur aus politischen Gründen gefährdet ist, sondern dass auch andere Faktoren untersucht werden, die hier mit hinein spielen, ist einer der Stärken des Berichts. Selbst wenn der frappierendste Befund aus der politischen Sphäre kommt: So heißt es nämlich bei der Frage, welche Rolle die arabischen Staaten für die Sicherheit der Bevölkerung spielen, dass sie eher eine Bedrohung für Belange der "human security" darstellen, als dass sie hier unterstützend wirken würden – im Orginal:

" large and frequent shortfalls (...) often combine to turn the state into a threat to human security, instead of its chief support".

Die Analyse sucht ein ganzheitliches Bild mehrerer Faktoren, die den Status der "human security" ausmachen. Dazu gehören nach Auffassung der Autoren nicht nur politische Garantien der Menschenrechte, wie sie sich in der Art der Regierungsführung zeigen, sondern auch ökologische, wirtschaftliche demographische, diskriminatorische, bildungspolitische und gesundheitspolitische Apekte, sichere Ernährung und die Versorgung mit Wasser und schließlich die Gefährdung der persönlichen Sicherheit durch Besatzung und militärische Interventionen durch ausländisches Militär.

Armut und Arbeitslosigkeit

Als deutlich lebensqualitätsmindernder Faktor in der arabischen Welt rangiert als erstes der Hunger und die Armut. 20 Prozent der Bevölkerung in sogenannten Middle-East-Ländern lebt von weniger als 2 Dollar am Tag. Die wirtschaftlichen Aussichten sind alles andere als rosig. Man verlasse sich zu sehr auf Wirtschaftswachstum durch die Ölproduktion, eine fatale Beschränkung, die für größere strukturelle Mängel an der Basis der Wirtschaftsleistung verantwortlich ist. Die Zahl der Arbeitslosen in der arabischen Welt sei mehr als doppelt so hoch als im Rest der Welt, so die Arab Labor Organization, die ihre Daten zum Bericht beisteuerte.

Insgesamt sind es sieben einander beinflussende Felder, die der Bericht unter die Lupe nimmt, um den schlechten Bedingungen, denen die Bevölkerung der arabischen Welt ausgesetzt ist, auf die Spur zu kommen. Rami G. Khouri bezeichnet sie anspielungsreich als die "sieben Pfeiler der arabischen Unsicherheit ("fragility"): erstens Umwelt und Ressourcen, Stichworte für beunruhigende Trends liefern hier: das Bevölkerungswachstum vor allem in den Städten ( waren 1970 38% der arabischen Bevölkerung "städtisch", so sind es 2005 schon 55%, 2020 sollen es 60% werden) , verschmutzes Wasser, Wassermangel, Wüstenbildung. Zweitens die schon angesprochene Regierungspolitik vieler Staaten, die die Sicherheit der Staatsbürger mehr bedroht als schützt. Drittens die Unsicherheit von verwundbaren Gruppen, besonders erwähnt werden hier die Gewalttätigkeiten, denen Frauen ausgesetzt sind – vor allem zuhause.

Viertens die wirtschaftliche Misere, die Armut. Fünftens die schlechte Versorgung mit Lebensmitteln. Seit den frühen 1990er Jahren verzeichnet die arabische Welt und namentlich das subsaharische Afrika im Gegensatz zur übrigen Welt einen Anstieg der Zahl unterernährter Menschen. Sechstens die Gesundheitspolitik, die Qualitität der medizinischen Versorgung, die mangelhaft und auf einem veralteten Stand ist. Und siebtens die Gefährdung, die durch Besatzung und militärische Intervention seitens ausländischer Armeen verursacht wird. 17 Millionen Flüchtlinge in der arabischen Welt, die mittelbar und unmittelbar auf Kosten der gewalttätigen Konflikte gehen, sprechen eine deutliche Sprache.

Probleme, die von außen verursacht werden? Oder doch eher hausgemacht?

Der letzte Punkt führt zur großen traditionellen Streitfrage: Welchen Anteil am beklagenswerten Zustand der arabischen Welt hat der Westen, bzw. Israel und was haben die arabischen Länder selbst zu verantworten? Während die Kritik an dem Bericht sich sonst eher damit beschäftigt, ob er der Heterogenität der arabischen Welt mit teilweise recht unterschiedlichen Entwicklungsströmen gerecht wird, geht es hier ans Eingemachte.

So ist der Human Development Report für den Autor der ägytischen Zeitung al-Ahram unglaubwürdig, weil er den entscheidenden Punkt missachtet: Interne Faktoren können im arabischen Fall nicht von externen getrennt werden:

Keine andere regionale Ordnung ist äußerer Einmischung gegenüber so verwundbar wie die arabische, was primär an ihrer geopolitischen Position, am Öl und Israel liegt. Viele negative Phänomene in der arabischen Welt können nur damit erklärt werden, wenn man die externen Faktoren in Rechnung stellt, ohne natürlich Verschwörungstheorien anheim zu fallen. Meiner Auffassung nach scheitert der AHDR 2009 daran, eine vollständige Diagnose zu liefern (...), weil er , ohne klaren und objektiven Grund, dazu neigt, die Ursachen für die Probleme in hausgemachten Faktoren zu erkennen und externe Faktoren nur dort in den Blick nimmt, wo sie absolut notwendig sind und dann nur in einer sehr zurückhaltenden Form, als ob die externe Dimension nur periphär wäre.

Ob eine Lösung des arabisch-israelischen Konflikts dies verbessern würde?

Andere Publikationen, wie The National aus den arabischen Emiraten, betonen dagegen, dass die Politik des fortwährenden Ausnahmezustands, wie sie in Ägypten, Syrien, Algerien, Irak, Sudan und in den palästinensischen Regionen praktiziert wird, mit ihren repressiven Instrumenten durchaus als starker Behinderungsfaktor zu begreifen ist. Und dass es die Qualität des Berichtes ausmacht, dies eindringlich vor Augen zu führen.

Robert Fisk, der sich auch hierzulande als unbeirrter Kritiker neokolonialistischer Politik westlicher Länder gegenüber der arabischen Welt einen Namen gemacht hat, betont in seiner Besprechung des AHDR auch interne Momente als Antwort auf die Frage, was das Leben in den arabischen Länder so rückständig - " mittelalterlich" - macht:

Ich mutmaße, dass das echte Problem in der geistigen Einstellung der Araber besteht; sie empfinden nicht, dass ihnen ihre Länder gehören. Sie sind dauernden Ergüssen für die arabische oder die nationale "Einheit" unterworfen, aber sie empfinden meiner Auffassung nach nicht die Art von Zugehörigkeit zu ihren Ländern, wie das Westler tun. Da es ihnen zum Großteil (...) nicht möglich ist, echte Repräsentanten zu wählen, fühlen sie, dass sie über ihre Köpfe hinweg regiert werden (im Orginal "ruled over", Anm. d. A.).
Und jene, die innerhalb des staatlichen Systems arbeiten (..) fühlen, dass ihre Existenz von der selben Art der Korruption abhängt, die im Staat gedeiht. Die Menschen werden Teil der Korruption.(...)
Ob eine Lösung des arabisch-israelischen Konflikts dies verbessern wird? Manches, vielleicht. Ohne den fortlaufenden Druck der Krise würde es sehr viel schwieriger werden, dauernd neue Notstandsgesetze zu implementieren, um Verfassungsgarantien zu vermeiden und um die Bevölkerung, die vielleicht anderes fordern würde, abzulenken. Aber ich fürchte manchmal, dass die Probleme zu tief gründen, hinabgesunken sind wie durch eine Kanalisation mit dauerhaft großen Lecks, dass der Boden unter den arabischen Füßen zu vollgesogen ist, um darauf etwas zu bauen.

Siehe auch die anderen Teile des Arab Human Development Report:

Teil 1: Stillstand und Aussichtslosigkeit
Teil 2: Stille Nacht, heilige Nacht
Teil 3: Der lange Weg zur arabischen Renaissance
Teil 4: Der Aufstieg der arabischen Frauen..

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