"Bildung ist Sünde"

05.08.2009

Boko Haram, die nigerianischen Taliban

In der letzten Woche wurde in Nigeria der Aufstand einer Gruppe von Islamisten niedergeschlagen. Die Bewegung war unter verschiedenen Namen bekannt, der bekannteste davon lautete "Boko Haram". "Boko" steht im Hausa, für Bildung und fand über das englische Wort "Book" Eingang in die Verkehrssprache Nordnigerias. "Haram" ist der im Islam verwendete arabische Begriff für Verbotenes.

Nigerianische Bundesstaaten. (Bild: Domenico-de-ga)

Der beim Aufstand erschossene Führer der Gruppe, Ustaz Mohammed Yusuf, hatte der BBC zu Lebzeiten gesagt, dass Bildung den Glauben an Allah "verderben" würde. Neben dem Darwinismus und den physikalischen Erkenntnissen zum Aufbau der Erde lehnte er auch die Erklärung der Entstehung von Regen aus Verdunstung explizit ab.

Dabei soll Yusuf selbst reich und relativ gebildet gewesen sein. Allerdings ist über den 1970 in dem Dorf Girgir im Bundesstaat Yobe geborenen Islamisten fast ebenso wenig Gesichertes bekannt wie über seine Gruppe. Erstmals in Erscheinung getreten sein soll sie vor fünf, nach anderen Angaben vor sechs Jahren. Damals errichtete sie angeblich ein militärisches Ausbildungslager namens "Afghanistan", weshalb man sie auch als nigerianische Taliban bezeichnete.

Die unmittelbare Vorgeschichte des Aufstandes soll im Juni dieses Jahres begonnen haben, als es zu Auseinandersetzungen über politische Kundgebungen kam, denen Schießereien mit Sicherheitskräften und Verhaftungen folgten, worauf hin Boko Haram am 26. Juli Kirchen, Gefängnisse, Polizeireviere und andere staatliche Einrichtungen angriff. Zentrum des mehrere Tage dauernden Aufstandes, bei dem mindestens 700 Menschen ums Leben kamen, war die Stadt Maiduguri im Kanuri-Bundesstaat Borno. Heftige Kämpfe gab es auch in Bauchi, der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates, dem in Yobe gelegenen Potiskum und in Wudil, einer Stadt in Kano.

Die wichtigsten Sprachen Nigerias

Dass staatliche Zwangsmaßnahmen gegen islamistische Eltern zum Ausbrechen der Gewalthandlungen beitrugen ist eher unwahrscheinlich: Theoretisch haben zwar alle Nigerianer ein Recht auf kostenlose Schulbildung - 41 Prozent der Mädchen und 32 Prozent der Jungen besuchen allerdings nicht einmal eine Grundschule. Und nach sechs Jahren wechseln lediglich 28 Prozent der männlichen und 23 Prozent der weiblichen Kinder in die nächste Schulstufe. Von Regierungsseite zeigte sich in den letzten Jahrzehnten nur ein sehr bedingtes Interesse, diesem Zustand abzuhelfen. Stattdessen senkte man den Anteil der Bildungsausgaben zwischen 1985 und 2003 von 12,2 auf 4,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

Die neben der Abschaffung von Bildung zentrale Forderung der Bewegung ist die Durchsetzung der Scharia in ganz Nigeria - also auch im von Yoruba und Ibo bewohnten Süden, wo Moslems lediglich städtische Minderheiten sind. Im Laufe der letzten 10 Jahre wurde das islamische Recht bereits in 12 von 36 Bundesstaaten und damit nicht nur im relativ homogen islamischen Norden des Landes eingeführt, sondern auch in Middle-Belt-Bundesstaaten wie Niger, Kaduna und Bauchi, in denen viele nicht-moslemische Volksgruppen leben. Anfangs wurde die Scharia vielerorts als Möglichkeit begrüßt, das Justizsystem weniger korrupt zu gestalten. Beobachtern zufolge erfüllten sich diese Hoffnungen allerdings nicht. Dafür kann nun Kritik an Urteilen als Kritik am Islam gewertet und damit wesentlich besser unterdrückt werden.

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