Lie-Man Lemnitzer

22.08.2009

Der General mit dem Knall - Die geheimen Pläne des Lyman Louis Lemnitzer - Teil 4

Um es auf Kuba doch noch knallen zu lassen, schlug Lemnitzer vor, tödliche Attentate auf amerikanische Flugzeuge und Schiffe durchzuführen, die den Kubanern angelastet und militärisch vergolten werden sollten. Die Regierung Kennedy stellte den verdienten Militär kalt. Auf Kuba wurde es plötzlich so heiß, dass es beinahe geknallt hätte.

Teil 3: Vom Geheimkrieg zum Doomsday-Plan

"Wie James Bond"

CIA-Draufgänger General Edward Lansdale. Bild: U.S. Air Force

Statt weiterhin die Planung in Sachen Kuba der CIA zu überlassen, hatte Präsident Kennedy eine "Special Group" aus Mitgliedern von Pentagon und CIA einberufen, um auf diese Weise persönlich Kontrolle über sensible CIA-Operationen zu erhalten. Kennedy erkundigte sich nach einem Chefplaner, der am ehesten "wie James Bond" vorgehen würde, worauf man ihm General Edward Lansdale vorstellte. Dieser entwickelte die später als "Operation Mongoose" bekannt gewordenen subversiven Aktionen gegen die Zuckerinsel.

Der umtriebige Lansdale hatte sich Reputation durch erfolgreiche wie skurrile Täuschungsaktionen ("Black Op", PsyOp) auf den Philippinen erworben. Dort hatte er u.a. einen Philippino an zwei Stichen im Hals ausbluten lassen, um bei der Bevölkerung Angst vor "Vampiren" zu verbreiten. Lansdale war Vorbild für den 1963 verfilmten Roman "The Ugly American" gewesen.

Doch die organisierten Kubaner waren andere Gegner als die philippinische Landbevölkerung. Bombenattentate und Sabotage zeigten nicht die erhoffte Wirkung. Die Special Group schlug unter anderem vor, einen "imaginären Anführer" einer fiktiven Widerstandsbewegung zu inszenieren, der sich US-freundlich zeigen und zu PR-Zwecken als Identifikationsfigur eingesetzt werden sollte. Der skurrilste Plan war eine Inszenierung der Apocalypse durch eine von einem U-Boot aus heimlich abgeschossene Illumination des Nachthimmels, um Kubas katholische Bevölkerung gegen Castro aufzubringen. Wie so etwas hätte aussehen können, demonstrierte im Sommer eine als Rainbow-Bombs bekannt gewordene Serie an im Weltraum gezündeten Atomtests über dem Pazifik, deren polarlichtähnliche Effekte von Hawaii aus zu sehen waren.

Bild: U.S. Federal Government

Der spätere Außenminister General Alexander Haig bezeichnete Lansdale wegen dessen vielen unbrauchbaren Ideen als das "verrückteste Huhn", das ihm je begegnet sei. Erst 1983 sollte ein "James Bond" etwas auf Kuba ausrichten - allerdings nur im Kino. Mongoose blieb uneffizient und wirkte sich kontraproduktiv auf das Ansehen der USA aus.

Lizenz zum Töten

CIA-Mann William Harvey bemühte seine Mafia-Kontakte, um das Castro-Problem durch Mordanschläge zu lösen, was bereits vorher angedacht gewesen war. Historiker streiten, inwieweit die Kennedys in die CIA-Mordkomplotte gegen den Revolutionär verwickelt gewesen waren. Als Robert Kennedy später von den Mordprogrammen in Kenntnis gesetzt wurde, sprach er sich entrüstet dagegen aus. Kritiker argwöhnen, dies könne ein Ablenkungsmanöver gewesen sein, um eine Beteiligung ggf. leugnen zu können. Dafür, dass die Kennedys die Mordanschläge auf Castro billigten, gibt es jedoch keinen Beweis. Von der Unschuld der Kennedys äußert sich einer diesbezüglich als überzeugt, der als bestens informiert gilt: Castro selbst.

Amerikanische Rechte

Im Klima der McCarthy-Ära waren Organisationen am rechten politischen Rand gediehen, die nationalistisches und religiöses Gedankengut verwoben und insbesondere in den Südstaaten durchaus gesellschaftsfähig waren. Als deren Förderer taten sich vor allem die texanischen Ölbarone Clinton Murchison, H.L. Hunt und Sid Richardson hervor, die neben McCarthys Propaganda auch den Ku Klux Klan sowie antisemitische Medien finanziert hatten. Murchison, der mit seinem Freund Hunt um den Titel als reichster Mann der Welt konkurrierte, machte u. a. einträgliche Geschäfte mit der New Yorker Genovese-Familie, dem Paten der Südstaatenmafia Carlos Marcello sowie bis vor kurzem mit dem kubanischen Diktator Batista. Der rechte Zeitgeist kristallisierte sich in der in Militärkreisen gegründeten John Birch-Society, die nach dem angeblich ersten Opfer des Kalten Krieges benannt worden war.

Die Rolle des antikommunistischen Verschwörungstheoretikers McCarthy hatte inzwischen General Edwin A. Walker adaptiert, der selbst in konservativen Politikern und Journalisten Kommunisten erkennen wollte. Walkers Haltung, der zufolge Washington kommunistisch unterwandert sei, wurde von zahlreichen Militärs in hohen Positionen geteilt und entsprechende Indoktrination von Soldaten geduldet. Neben der Sozialgesetzgebung sahen manche selbst in der Flouridierung von Trinkwasser oder dem MAD-Magazin kommunistische Subversion.

Walker wurde 1961 wegen rechter Missionierung von Soldaten von Verteidigungsminister McNamara seines Kommandos enthoben, woraufhin Walker aus der Armee ausschied und noch mehr agitierte. So reiste er nach Mississippi, um dort gegen die Immatrikulierung von schwarzen Studenten zu protestieren. Robert Kennedy ließ den Ex-General für fünf Tage einsperren, wodurch Walker fortan zum Märtyrer der Bewegung wurde. Selbst im National War College, dessen Direktor Lemnitzer zwischenzeitlich gewesen war, kam es zu antikommunistischen Hexenjagden. Auf Walker wurde 1963 ein seltsames Attentat verübt, das ihm politisch nutzte. So hatte jemand versucht, den General zu erschießen, sein Ziel erstaunlicherweise jedoch verfehlt, obwohl er doch ein guter Schütze gewesen sein soll. Von dem dieses angeblichen Anschlags Verdächtigten sollte die Welt später noch hören.

Längst war das riesige Militär ein mächtiger Staat im Staat geworden, der mehr oder weniger offen gegen die gewählte Regierung opponierte. Der Senat richtete schließlich einen Untersuchungsausschuss ein, der sich insbesondere auch für die Beziehung Lemnitzers und anderer Mitglieder des JCS zu den Rechten interessierte. Lemnitzer hatte Walkers Ausführungen als "interessant und nützlich" kommentiert. Man wusste, dass der im fünften Jahrzehnt dienende General Zivilisten nicht verstand, gar verachtete, insbesondere solche, die ihm politisch übergeordnet waren. Der sich beobachtend wähnende Lemnitzer, der über die technischen Möglichkeiten des Abhörgeheimdienstes NSA informiert gewesen war, zog es daher vor, mit einigen seiner militärischen Freunde konspirativ zu kommunizieren, um seiner Empörung über Kürzungen im Militärhaushalt und anderer Affronts der Kennedys Luft zu machen. Das Ausschussmitglied Al Gore Sen. forderte öffentlich, Lemnitzer und das gesamte JCS zu entlassen - trotz Schlagzeilen vergeblich.

Südost-Asien

In Laos und Vietnam befürchtete die Regierung entsprechend der Domino-Theorie den Ausbruch eines flächendeckenden Kommunismus. Lemnitzer und McNamara arbeiteten ein optimistisches Memorandum aus, wie dem vietnamesischen Problem beizukommen sei. Kennedy unterzeichnete das Dokument im November 1961 - und führte damit die Nation in einen geheimen Krieg gegen Gegner, die nie die Grenzen der USA oder ähnliches bedroht hatten.

Der Verteidigungsminister und sein oberster Krieger inspizierten vor Ort die Lage und waren mit dem anfänglichen Verlauf durchaus zufrieden. Federführend in Vietnam war allerdings weniger Lemnitzer, sondern vielmehr der Kennedy-Vertraute General a.D. Maxwell Taylor. Bei einem Besuch in Fort Bragg im Frühjahr 1962 zeigte sich Kennedy von den "Green Barettes" genannten Special Forces begeistert, die hinter feindlichen Linien Guerilla-Truppen ausbildeten. Ursprünglich war die Einheit zum Einsatz in Osteuropa vorgesehen, wo die CIA allerdings mit ähnlichen Aktionen auf ganzer Linie gescheitert war. James Bond-Fan Kennedy befahl gegen den Rat der Generäle eine Vergrößerung der Einheit. Längst war aus der Beratungsaufgabe ein verdeckter Kampfauftrag geworden. Vorschläge, Vietnam offen militärisch anzugreifen, etwa zu bombardieren, waren damals noch undenkbar - für die Regierung Kennedy.

Falsche Flagge

Doch das Kuba-Projekt war nicht vergessen. Noch immer mangelte es an einem Anlass oder wenigstens plausiblen Vorwand, um der Öffentlichkeit eine offizielle US-Invasion verkaufen zu können. Lemnitzer schlug vor, den geplanten Raumflug des ersten richtigen US-Astronauten im Falle eines Fehlschlags politisch zu benutzen, um Kuba angebliche Sabotage anzulasten. Man könnte eine geheime elektronische Station auf Kuba inszenieren, welche die Boardelektronik böswillig gestört hätte. Doch John Glenns erste amerikanische Erdumrundung glückte am 20.Februar 1962 reibungslos.

Am 17. März 1962 unterzeichneten Lemnitzer und sämtliche Mitglieder des Vereinigten Generalstabs (JCS) Pläne, welche das Problem des fehlenden Kriegsgrundes zu lösen versprachen. In diesen 1998 vom Geheimdienstexperten James Bamford in freigegebenen Unterlagen entdeckten Dokument, das mit dem Decknamen "Operation Northwoods" kodiert wurde, schlugen die höchsten Generäle die Inszenierung terroristischer Anschläge auf amerikanische Schiffe und Flugzeuge vor, die als Vorwand für eine Invasion in Kuba hätten herhalten sollen. Listen amerikanischer "Opfer" in den Zeitungen würden eine hilfreiche Welle nationaler Empörung auslösen. Auch ein mit kubanischen Uniformen vorgetäuschter Angriff auf den Militärstützpunkt Guantanamo war angedacht gewesen. Der Plan schloss ausdrücklich zu Täuschungszwecken zu opfernde amerikanische Menschenleben mit ein. Eine humanere Variante sah vor, ein gestartetes Verkehrsflugzeug gegen ein entsprechend maskiertes, jedoch ferngesteuertes Double auszutauschen, welches unbemannt geopfert werden solle. Sogar in amerikanischen Großstädten wollte Lemnitzer terroristische Attentate inszenieren.

"No"

Seit die Generäle ihrem Verteidigungsminister McNamara erklärt hatten, jeder große sowjetische Stützpunkt müsse sicherheitshalber mit jeweils acht statt nur einer 20 Megatonnen-Atombombe bedacht werden, beschlichen ihn gewisse Zweifel, wie verlässlich die Mitglieder des JCS wohl wirklich waren.

Castle Baravo, 15 Megatonnen (1954). Bild: U.S. Air Force

Die Regierung teilte ihren Generälen mit, dass es keine Militär-Invasion auf Kuba geben werde. Endgültig.

Auf den aufgetauchten Northwoods-Plan angesprochen, wollte sich McNamara nicht daran erinnern. Derartiges hätte McNamara in Widerspruch zu seinem Eid von 1968 gebracht, dem zufolge er nicht mit der Inszenierung des Tonkin-Zwischenfalls habe rechnen können, bei dem das Militär Desinformation über einen angeblichen vietnamesischen Angriff gestreut hatte. Jedoch ist überliefert, dass sich McNamaras Verhältnis zu Lemnitzer auf den Gefrierpunkt abgekühlt hatte. Der zivile Verteidigungsminister ließ den obersten General seine ganze Arroganz spüren und lehnte von dessen Plänen einen wie den anderen einsilbig ab. Beobachter, die vom Northwoods-Plan nichts wussten, rätselten lange über McNamaras Attitüde, den höchsten Militär wie einen Schuljungen zu behandeln.

Politik vs. Militär

McNamara untersuchte zudem die sorglose Haltung der Militärs bezüglich der Atombombe, die insgesamt 32 mal verloren ging. Da McNamara keinen Atomkrieg aus Missverständnissen oder Eigenmächtigkeiten riskieren wollte, führte er Sicherheitsstrategien ein, die dem Präsidenten mehr Kontrolle über die Atombomben verschafften.

Die bisherigen Ergebnisse der Mongoose-Aktionen ließen ebenfalls zu wünschen übrig. Lemnitzer gab nicht auf. Das JCS schlug vor, Kuba in Kriege mit dessen Nachbarländern zu verwickeln, Kuba gar als Aggressor darzustellen. Später erfuhr John F. Kennedy zu seinem Entsetzen, dass CIA-Leute im Rahmen des Mongoose-Programms eine aus Kuba stammende Schiffsladung Zucker für die Sowjetunion mit Chemikalien präpariert hatten, die für Kinder oder Gebrechliche tödliche Wirkungen hätten zeitigen können. Die CIA korrigierte den politisch hochriskanten Missgriff durch Diebstahl der Zuckersäcke. Inzwischen hatten die Kennedys über Mittelsmänner wie Journalisten geheimdiplomatische Kanäle zu Che Guevara und dann zu Castro geöffnet, die zum Austausch der eineinhalbtausend in der Schweinebucht gefangenen Exilkubaner gegen Medikamente führten. Hinter den Kulissen zeichnete sich auf politischer Ebene eine Entspannung ab, während militärisch und geheimdienstlich das Gegenteil erfolgte.

Geordneter Rückzug

Hätte Lemnitzer, der bislang nie selbst einen Krieg oder wenigstens eine siegreiche große Schlacht kommandiert hatte, die Welt vom Grundübel des Kommunismus befreit oder seine Amtsperiode als Vorsitzender des Vereinigten Generalstabs wenigstens durch Tilgung der Kuba-Schande beendet, vielleicht wäre er zu den seltenen Trägern der bislang neun 5 Sterne-Generäle aufgestiegen, womöglich sogar seinem Idol Eisenhower in das höchste Staatsamt gefolgt. Doch angesichts des gespannten Verhältnisses zu McNamara und den Kennedys hatte er nicht einmal auf eine zweite Amtsperiode als Chairman des JCS eine Chance. Er taxierte lukrative Angebote aus der Rüstungsindustrie, als man ihn darauf ansprach, dass der Posten des gegenwärtigen NATO-Chefs General Norstadt vorzeitig vakant sei. Statt Kennedys favorisiertem Kandidat Taylor würden die Partner einen in der NATO respektierten Mann wie Lemnitzer vorziehen, der zudem mit dem Rekord an Abzeichen aufwarten konnte. Jedenfalls konnte man ihn auf diese Weise halbwegs gesichtswahrend aus dem JCS entfernen. Kennedy heftete Lemnitzer noch schnell einen Orden an und schickte seinen eigenwilligen Soldaten, der keine Fremdsprache beherrschte, nach Europa. Doch auch der europäischen Presse war die Degradierung nicht entgangen, zumal Lemnitzer im Gegensatz zu den vorigen NATO-Oberbefehlshabern in Europa keine eigenen Pläne mehr entwickeln, sondern nur noch Direktiven seines Präsidenten weiterleiten und ausführen durfte. Der kalte Krieger sollte kaltgestellt werden.

Lemnitzers Rivale General Maxwell Taylor, der noch im Koreakrieg den Einsatz der Atombombe befürwortet hatte, trat später für atomare Abrüstung und eine Beschränkung des Militärs auf Verteidigung nach japanischem Vorbild ein. Taylors Amtszeit als Chairman des JCS endete kurz nach dem Kennedy-Attentat. Bild: Defense Technical Information Center

Am 1.Oktober 1962 wurde Lemnitzer als Chairman des JCS ausgerechnet von Kennedys Vertrautem General a.D. Taylor abgelöst. Taylor, der seine eigentliche Militärkarriere im öffentlichen Streit mit Lemnitzers Idol Eisenhower beendet hatte, wurde hierzu in den aktiven Dienst reaktiviert. Der eigentlich für die Nachfolge als Chairman designierte Admiral George Anderson wurde übergangen. Deutlicher hätten die Kennedys ihr Misstrauen gegen die bisherige militärische Führung schwerlich demonstrieren können. Die Kennedys und McNamara führten weniger einen Krieg gegen den Kreml als vielmehr gegen das Pentagon.

Erst zum Jahreswechsel würde Lemnitzer in Paris die NATO-Führung übernehmen. Wäre Lemnitzers Entlassung zwei Wochen später erfolgt, so hätte er an der Spitze des US-Militärs gestanden, als die Welt ihre bis dahin riskanteste Krise erfuhr. Die Haltung des Kriegers wurde jedoch durch die JCS-Mitglieder Admiral Anderson und General LeMay hinreichend vertreten.

Kubakrise

Sowjetische Raketen auf Kuba. Bild: CIA

Robert Kennedy hatte noch am 4.Oktober für eine Intensivierung der Sabotage-Einsätze auf Kuba plädiert. Dort jedoch hatte man sich angesichts der latenten Bedrohung bei der Sowjetunion um Atomraketen bemüht. Nach anfänglicher "Maskirovka" fotografierte am 14.Oktober 1962 ein U2-Spionageflugzeug fensterlose Gebäude und bestätigte damit einen bereits seit zwei Jahren bestehenden Verdacht der NSA. Als NATO-Chef hatte Lemnitzer 1963 formell nicht mehr allzu viel mitzureden, doch sein Wort und seine Pläne wogen auch weiterhin in der Militär-Community schwer, und man hielt ihn über alles Wesentliche informiert, ließ ihn sogar an Sitzungen teilnehmen.

Die Militärs diskutierten, die Aufstellung von Raketen als "Zwischenfall" zu betrachten, um endlich die begehrte Militär-Invasion durchzuführen. LeMay schlug seiner Mentalität entsprechend vor, Kuba zu "braten". Zudem schickte man 25 Atomminen nach Deutschland, um ggf. die Ostgrenze nuklear zu verseuchen. Was die Generäle von Kennedys Friedenspolitik hielten, wenn er den Konferenzraum verlassen hatte, konnte er sich auf Tonbändern anhören, die heimlich mitliefen.

Blockade

EXCOMM-Krisenstab. Bild: Executive Office of the President of the United States

Da das Pentagon davon ausging, bislang seien noch keine Atomwaffen auf Kuba eingetroffen, versprach sich Kennedy Nutzen von einer See-Blockade. Die CIA hatte ursprünglich zwischen 6.000 und 8.000 russische Soldaten auf Kuba und 32 Raketen gezählt. CIA-Historiker waren später lange von 12.000 Mann ausgegangen. Tatsächlich hatte die CIA über die Art und Weise der Präsenz von Soldaten und Gefechtsköpfen keinen brauchbaren Überblick. Als der damalige russische Oberbefehlshaber auf einer Historiker-Konferenz im Jahre 2002 einräumte, dass seinerzeit 40.000 Rotarmisten und 42 Raketen auf Kuba stationiert waren, sowie sogar taktische Atombomben inklusive Autorisierung zu Verteidigungszwecken, fiel der ebenfalls anwesende McNamara aus allen Wolken.

Admiral Anderson, der als Chairman des JCS übergangen worden war, geriet während der Krise mit McNamara aneinander, als dieser Einzelheiten zur geplanten Blockade erfahren wollte. Anderson blaffte seinen Verteidungsminister an, beide sollten in ihr Büro gehen und sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Nach einer Schamfrist von ein paar Monaten stellte McNamara auch Lemnitzers Freund Anderson auf einem Botschafterposten kalt.

Zündeln

Trotz DEFCON 2, der höchsten Alarmbereitschaft der Streitkräfte unterhalb eines Krieges, setzte LeMays Air Force am 26. Oktober über dem Johnston Atoll eine Serie an Atombombentests fort, ohne dass das EXCOMM hiervon in Kenntnis gesetzt worden war. Wie erst seit kurzem bekannt ist, trafen die Sowjets an diesem Tag Vorkehrungen für einen Nuklearangriff auf den US-Stützpunkt Guantanamo aus kurzer Distanz, wobei es beim Transport zu einem tödlichen Unfall kam.

Bluegill Triple Prime-Bombe, 26.10.1962. Bild: U.S. federal government

Am 27.Oktober, dem "Schwarzen Samstag", zwang die Navy durch Einsatz von als solche schwer erkennbaren Übungswasserbomben ein U-Boot zum Auftauchen, das einen sowjetischen Frachter eskortiert hatte. Erst 2002 wurde bekannt, dass ohne Wissen der Amerikaner das U-Boot mit Nukleartorpedos bestückt gewesen war und zur Verteidigung autorisiert war. Angeblich hatte es an Bord sogar einen Streit über den Entschluss zur atomaren Verteidigung gegeben. Zu allem Überfluss "verirrte" sich an diesem Tag auch wieder eine U2 in sowjetischen Luftraum, die von MIGs zurück gescheucht wurde. Die U2 wiederum flog einer US-Eskorte mit atomarer Bewaffnung entgegen, ohne dass es zu einem weiteren Zwischenfall kam. Und wieder überraschte EXCOMM die Nachricht eines amerikanischen Atombombentests in der Atmosphäre. Auch die Sowjets ließen in den Folgetagen zwei Atombomben in der Atmosphäre explodieren.

Über Kuba wurde ein U2-Pilot bei einem Spionageflug von einer sowjetischen Rakete abgeschossen, die ein Offizier Castros Wunsch folgend eigenmächtig abgefeuert hatte. Wie erst seit kurzem bekannt ist, hatte der Offizier die Entdeckung der taktischen Kurzstreckenraketen verbergen wollen, die heimlich auf Guantanamo gerichtet worden waren. Durch den U2-Abschuss hatten die Militärs nun ihren "Zwischenfall" - und ließen sich aus irgend einem seltsamen Grund eineinhalb Stunden Zeit, bevor sie den Abschuss an Kennedy meldeten. Nach der damaligen in Befehle gefassten Doktrin hätte ein Abschuss binnen Stunden mit einem obligatorischen Vergeltungsschlag beantwortet werden müssen, sodass der weiche Kennedy nun unter zeitlichem Druck stand. Der Präsident verbot einen Vergeltungsschlag, zumal der Überflug völkerrechtlich ohnehin fragwürdig gewesen war. Der für die U2-Flüge verantwortliche CIA-Mann William Harvey, der die Mafia-Kontakte der Agency pflegte, hatte es während der Krise für sinnvoll erachtet, nicht weniger als 60 Paramilitärs mit Fallschirmen auf Kuba abzusetzen. Robert Kennedy stellte ihn auf einer Sitzung zur Rede, woraufhin Harvey den Brüdern wüste Vorhaltungen zu ihrer Kuba-Politik machte. Kurz darauf wurde Harvey auf den CIA-Posten in Rom abgeschoben.

Gegen Mittag verlangte LeMay von Kennedy, die Raketenbasen zu bombardieren und in der Folgewoche einzumarschieren. LeMay hatte Kennedy offen an "München" erinnert, wo Kennedys Vater Joseph sich 1938 Hitler gegenüber beim Münchner Abkommen als zu nachsichtig gezeigt hatte.

Geheimdiplomatie

Am selben Tag lösten die Kennedy-Brüder den Konflikt auf diplomatische Weise durch Geheimgespräche mit Botschafter Anatoli Dobrynin. Sie verhinderten hierdurch jegliche Einflussnahme etwa der Militärs oder sonstiger Hardliner. Den ausgehandelten diskreten Abzug von Lemnitzers Jupiter-Raketen aus der Türkei konnten die Brüder als leicht verschmerzlich verkaufen, da die Funktion der stationären, veralteten Raketen ohnehin durch solche der moderneren Polaris-Klasse ersetzt wurde, die mobil von U-Booten aus abgefeuert werden konnten. Auch die Sowjets hatten strategische U-Boote, von denen ballistische Raketen gestartet werden konnten, sodass sie ebenfalls nicht auf landgestützte Basen angewiesen waren.

Der Abzug der Jupiter-Raketen war bereits intern im Planungsstadium gewesen. Lemnitzer hatte Vizepräsident Johnson während der Krise zu Bedenken gegeben, dass ein Abzug der Zustimmung der europäischen NATO-Partner bedürfe, da andernfalls deren Vertrauen erschüttert würde. Die Kennedys handhabten die Krise pragmatischer und versprachen den Abtransport Dobrynin in die Hand, was Lemnitzer in Paris ausbaden musste.

Wie Chruschtschow später in seinen Memoiren anmerkte, sei für ihn ein wesentlicher Beweggrund zum Einlenken die alternative Aussicht gewesen, dass Kennedy durch einen rechtsgerichteten Staatsstreich beseitigt werden würde. Diese Befürchtung hatte Robert Kennedy bei seinen Geheimverhandlungen gegenüber Dobrynin sogar ganz direkt geäußert. Aber auch der eigenmächtige Abschuss der U2 durch einen russischen Offizier hatte Chruschtschow bewogen, die bislang unentdeckt gebliebenen taktischen Bomben abzuziehen. Auch Chruschtschow wollte nicht riskieren, dass übereifrige Militärs einen Weltkrieg vom Zaun brachen oder die Entdeckung der taktischen Waffen zu unkontrollierbaren Kurzschlüssen führen würde.

Derselbe Planet, verschiedene Welten

Aus heutiger historischer Sicht war die Kuba-Krise ein hochgefährliches Ratespiel über Tatsachen und Entscheidungsprozesse gewesen, bei dem beide Seiten häufig falsch gelegen und unkalkulierbare Risiken eingegangen waren, etwa Eigenmächtigkeiten leichtsinniger Militärs, Fehlinterpretationen und Kommunikationspannen. Für seine Generäle hingegen hatte Kennedy erneut bewiesen, dass er keine Gelegenheiten zum Schlagabtausch wahrnehmen wollte, also zu schwach gegen den Kommunismus war. LeMay, der in den Sitzungen des JCS tonangebend gewesen war, schäumte vor Wut, äußerte öffentlich seine Verständnislosigkeit und plädierte sogar noch nach Ende der Kubakrise für eine atomare Lösung. Ein Präsident Nixon hätte nicht gekniffen. Das Versagen in Kuba sei die größte Schande für die Nation.

Die Spannungen während der Kuba-Krise zwischen Kennedy und den Militärs - namentlich Admiral Anderson und LeMay - thematisierte für ein breites Publikum der Spielfilm "13 Days" (2000). Die karikaturhaft wirkende Darstellung des General Lemay entsprach dessen tatsächlichem rüden Auftreten. Der ambitionierte Film, in dem bezüglich der Schweinebucht auch Lemnitzers Name verächtlich fällt, bewahrt sich im Bezug auf Kuba und die Sowjetunion eine selektiv-amerikanische Perspektive.

Atomkoffer

Verteidigungsminister Robert McNamara entzog dem Militär die Kontrolle über die Atombombe. Bild: White House Press Office

Doch Kennedy war mit seinen Demütigungen noch lange nicht fertig: Er nahm seinen Generälen die Kontrolle über die Bombe weg und wollte auch die inzwischen über 300 amerikanischen Atomtests beenden. Kennedys und McNamaras Vertrauen in den Generalstab war nach der Kuba-Krise endgültig zerstört. Um zu verhindern, dass die Generäle hinter seinem Rücken eigenmächtig einen Atomkrieg vom Zaun brachen, benötigte LeMays Strategic Air Command künftig für die Atombomben Freischaltcodes, über die nur der Präsident in einem stets mitgeführten Koffer verfügte, der zudem die Kommunikation technisch sicherstellte. Mit dieser Kastration der Generäle nicht genug, handelte Kennedy mit Chruschtschow einen Vertrag zur Beendigung der atmosphärischen Atomtests aus. Die Generäle warnten vergeblich davor, die Sowjets würden die Tests heimlich fortsetzen - verborgen hinter dem Mond.

Abbildung eines projektierten Kampfsatelliten aus dem Air Force-Schulungsfilm "Space and National Security" (1963)

Doch gerade auch der Weltraum, wo Lemnitzer in einem strengst geheimen Programm Abschussbasen für Atomraketen zu stationieren gedachte, sollte nun auf einmal in Absprache mit dem Erzfeind friedlich genutzt werden. Und auch in Westeuropa, wo inzwischen die Wähler zu Parteien aus dem linken Spektrum tendierten, zeichnete sich für Lemnitzer ein von Kennedy leichtfertig tolerierter Kommunismus ab. Dafür aber hatte er im Zweiten Weltkrieg nicht gekämpft. Auch die Generäle im wichtigsten Frontstaat Westdeutschland bestanden auf der Beibehaltung der Strategie einer massiven atomaren Vergeltung. Lemnitzer fiel die undankbare Aufgabe zu, den NATO-Partnern Kennedys Politik zu vermitteln, die nicht die seine war.

Auch nach Lemnitzers Demission ließ das JCS nicht locker und plante, durch Bestechung eines Regierungsmitglieds von Castro einen kubanischen Angriff einfach zu kaufen. Der Marineminister und spätere Vizeverteidigungsminister Paul Nitze schlug im Mai 1963 vor, durch sinnlose Einsätze der U2 über Kuba einen Abschuss zu provozieren. Die Kennedys lehnten dankend ab.

Abrüstung

Alles Jammern nutzte nichts: In einem Geheimdokument vom 15.11.1963 wurde schließlich sogar die Abkehr vom nuklearen Erstschlag und die Beendigung des Kalten Kriegs formuliert. Auch das Abenteuer in Vietnam sollte beendet werden.

Der ungeliebte zivile Präsident, der faktisch Lemnitzers Karriere beschädigt hatte, war nun zur größten Bedrohung für Lemnitzers Lebenswerk geworden. Die Sicherheit der Nation stand auf dem Spiel, sowie die künftige Bedeutung des Militärs. McNamaras damaliger Mitarbeiter Daniel Ellsberg, der später die Pentagon-Papers lancieren und damit einen Skandal auslösen sollte, erinnerte sich, dass nach der Kuba-Krise auf den Fluren im Pentagon förmlich ein Staatsstreich in der Luft lag.

Sieben Tage im Mai

Kennedy unterstützte im Folgejahr John Frankenheimers Verfilmung des politischen Romans "Sieben Tage im Mai", der einen rechtsgerichteten Militärputsch in den USA thematisiert, bei dem der Chairman des JCS aus Protest gegen einen nuklearen Abrüstungsvertrag den Präsident kidnappen und die Medien unter seine Kontrolle bringen will. Autor Fletcher Knebel war auf diesen Plot nach einem Interview mit General LeMay gekommen. Den Präsidenten nannte der Autor "Lyman".

Ein solcher Putsch erschien dem Präsidenten alles andere als fernliegend. Kennedys Militärs hatten ihm zu verstehen gegeben, dass sie zu Täuschungszwecken die Leben von unbeteiligten Amerikanern zu opfern bereit waren - vielleicht sogar Amerikaner, die den Namen "Kennedy" trugen. LeMay sollen sogar Äußerungen über Putschabsichten entglitten sein. Eine vergleichbare Rebellion führender französischer Generäle lag etwa in Frankreich nicht allzu lange zurück; noch im November 1963 hatten sie auf de Gaulle wieder einen Anschlag verübt.

John F. Kennedy warnte sogar öffentlich vor geheimen Organisationen und Medienmacht. Als Robert Kennedy mit dem sowjetischen Unterhändler Dobrynin während der Kuba-Krise verhandelt hatte, ließ er keinen Zweifel daran, wie fragil die Position der Brüder gegenüber dem rechtsextrem dominierten Militär tatsächlich gewesen war. Wie inzwischen bekannt ist, hielt Robert Kennedy Dobrynin über die Gesinnung seiner Militärs sogar noch in den Folgejahren auf dem Laufenden. Im 1963 gedrehten "Seven Days in May"-Film nahm die Story ein Happy End, nachdem es den Verschwörern an Geschlossenheit gefehlt hatte, woran in gewisser Weise bereits der Staatsstreich der American Liberty League gescheitert war.

"Sieben Tage im Mai" (1963) mit Burt Lancaster und Kirk Douglas als rivalisierende Militärs

Gleichzeitig entstand in England vor dem Hintergrund der Kuba-Krise Kubricks Politsatire "Dr. Strangelove", in der General LeMay als Inspiration für einen eigenmächtig handelnden wahnsinnigen Militär herhalten musste. In Kubricks grotesker Überspitzung schlug ein General vor, alle sowjetischen Stützpunkte mit jeweils drei Atombomben gleichzeitig zu vernichten - tatsächlich aber hatten die Generäle Kennedy sogar eine achtfache Bombardierung empfohlen.

"Dr. Strangelove" (1963) mit Peter Sellers in drei Rollen. Bild: Columbia Pictures

Der Filmstart für Kubricks und der Beginn der Werbekampagne für Frankenheimers Film waren für Ende 1963 vorgesehen, mussten jedoch auf den Anfang des Folgejahres verschoben werden - nachdem die Regierung Kennedy am 22.11.1963 gewaltsam aus dem Amt entfernt und durch einen Präsidenten ersetzt worden war, mit dem sich die Generäle und die CIA besser verstanden. In den 2007 freigegeben "Familienjuwelen der CIA" ist die an "Punkt 1" stehende Frage, die mit einiger Sicherheit die Umstände des Präsidentenmords thematisiert, noch immer geschwärzt.

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