Warum Urlaubsreisen doch notwendig sind

Peter Mühlbauer 10.08.2009

Sie bieten zwar keine Erholung für die Reisenden, wohl aber für die Nachbarn

Ende Juli ging es hier um das Elend des Reisens. Doch die Tatsache, dass Reisen Arbeit ist, heißt keineswegs, dass Urlaubsreisen nicht auch ihre angenehmen Seiten hätten. Allerdings weniger für den Reisenden, als für den Daheimgebliebenen.

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Für den bedeuten Ballermann-Fans in Mallorca nämlich deutlich weniger Unbill als in ihrer eigenen Wohnung, wo Twens vom Lande glauben, in der Großstadt die Lokalisten-Fernsehwerbespots nachspielen zu müssen oder nachts betrunken über ihre Möbel fallen. Solche Zivilisationsamateure, die um drei oder vier Uhr morgens die Rolläden herunterkrachen lassen, können in Urlaubsressorts, wo niemand aufstehen muss, deutliche weniger Schaden anrichten als in den Gegenden, wo auch im Sommer gearbeitet wird.

Das Problem der mutwilligen und unnötigen Lärmerzeugung ist keineswegs neu: Marcel Proust musste Personen in der Wohnung über seiner für das Benutzen von Hausschuhen bezahlen und der "Erste deutsche Antilärmverein" sowie sein Organ "Der Antirüpel" wurden bereits vor mehr als 100 Jahren gegründet. Noch deutlich früher wollte Arthur Schopenhauer die damaligen Äquivalente zu BMW-Fahrern auf eine andere Weise als durch Mallorcaverschickung zur Raison bringen:

Dass nun aber ein Kerl, der mit ledigen Postpferden oder auf einem losen Karrengaul die engen Strassen einer volkreichen Stadt durchreitend, mit einer klafterlangen Peitsche aus Leibeskräften unaufhörlich klatscht, nicht verdiene sogleich abzusitzen, um fünf aufrichtig gemeinte Stockprügel zu empfangen, das werden mir alle Philanthropen der Welt, nebst den legislativen, sämtliche Leibesstrafen aus guten Gründen abschaffenden Versammlungen nicht einreden.[1]

Kulturpessimistische Wahrnehmungen wie die von Ijoma Mangold, der das Problem in der Süddeutschen Zeitung[2] auf erst in den letzten Jahrzehnten entstandene Erziehungsdefizite zurückführte, könnten deshalb eher mit einem Wechsel des Wohnorts als mit einem grundsätzlichen Sittenverfall zu tun haben. Aber vielleicht meinte Mangold in seinen diesbezüglichen Ausführungen auch nur seine ehemalige Kollegin Beate Wild, die mit jährlicher Regelmäßigkeit einen relativ identischen Text veröffentlicht, in dem sie fordert, dass lärmgeplagte Nachbarn gefälligst umziehen sollten. Warum sie den Lärmerzeugern keinen Ortswechsel empfiehlt, bleibt jedes Mal offen.

http://www.heise.de/tp/artikel/30/30893/1.html
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