Medien: Umfeld für Werbebotschaften

17.08.2009

Studie: Ökonomischer Druck auf Journalisten nimmt zu

Mehr Arbeitsdruck und weniger Zeit für Recherche, zunehmende Abhängigkeit von Werbekunden und der Trend hin zu Unterhaltung – das sind die Ergebnisse einer aktuellen Studie der Universität Münster zum Arbeitsalltag in den Redaktionen. "Eines steht aus Journalistensicht fest: Medienunternehmen werden noch stärker primär wirtschaftliche Ziele verfolgen", lautet das Fazit der Wissenschaftler.1 Sie hatten am Institut für Kommunikationswissenschaft unter der Leitung von Prof. Bernd Blöbaum 15 Nachrichtenredaktionen, darunter die der "Süddeutschen Zeitung", "Bild" und "taz", untersucht. "Wandel bei aktuellen Massenmedien: Journalismus in veränderten Medienkontexten" lautet der Titel der Studie.

Danach arbeitet mehr als die Hälfte der rund 300 befragten Journalisten heute länger als noch vor einigen Jahren und drei von vier Journalisten sind der Meinung, in der gleichen Zeit mehr leisten zu müssen als früher. Die Verdichtung der Arbeit hat zugenommen, nicht zuletzt durch die Übernahme von Arbeiten, die früher von anderen getan wurde. Mehr Zeit für Konferenzen, mehr Organisations- und Verwaltungsaufgaben aber gehen auf Kosten der journalistischen Kompetenz: "Mehr als die Hälfte der Journalisten gibt an, heute weniger Zeit für die Recherche zu haben als noch vor zehn oder 20 Jahren." Dies deckt sich mit den Ergebnissen anderer Studien.

Die Forscher konstatieren, der Druck auf den Einzelnen nehme zu und das habe auch Auswirkungen auf das Privatleben. Ein geregeltes Wochenende sei noch vor zehn Jahren einigermaßen normal gewesen, wird Christian Krügel, Chef vom Dienst bei der "Süddeutschen Zeitung" zitiert. Heute aber sei das die Ausnahme: "Man hat weniger Freiräume. Einen halben Tag Auszeit zu nehmen, um in Ruhe zu recherchieren, ist schwierig". "Nur" – so die Forscher – gut ein Drittel der Befragten befindet, dass sich das Betriebsklima in den Redaktionen negativ entwickelt habe.

Immer mehr spürbar wird in den Redaktionen der wirtschaftliche Druck, so ein weiteres Ergebnis der Studie. Ob Einschaltquote, Zeitungsauflage oder Klickzahlen – eine große Mehrheit von 83 Prozent der befragten Journalisten gibt an, dass sich diese ökonomischen Parameter "ganz eindeutig oder zumindest teilweise" auf ihre journalistische Arbeit auswirken. Diese Orientierung am wirtschaftlichen Erfolg hat Folgen: "Journalisten stellen ihre eigenen Vorlieben und ihr journalistisches Selbstverständnis in den Hintergrund." Eine Tendenz, die als beunruhigend angesehen wird. So sehen fast 80 Prozent der Befragten die Gefahr, dass sich Konkurrenzdruck und wirtschaftliche Zwänge vermehrt auf die Sorgfalt der eigenen journalistischen Arbeit auswirken werden. Weil verschärft in wirtschaftlichen Kategorien gedacht werde, gehe das Ethos einer unabhängigen Presse verloren, so das Statement eine befragten Journalisten.

Politische Themen verkaufen sich schlechter

Unter dem wirtschaftlichen Druck werden journalistische Inhalte immer mehr bloß zu einem Umfeld für Werbekunden. "Die Werbeindustrie braucht ein spannendes Umfeld, indem sie ihre Werbung für Zuschauer gezielt schalten kann", so das Zitat eines Privatfernseh-Redakteurs. Das aber heißt in letzter Konsequenz, so die Kommunikationswissenschaftler, dass Inhalte für Werbekunden geschaffen werden und der Leser, Zuschauer oder Hörer vor allem als Konsument interessant ist. Fast die Hälfte der befragten Journalisten gibt dann auch an, es werde immer wichtiger, Werbekunden ein passendes redaktionelles Umfeld zu liefern. Ein Umstand, der die Zukunft eines unabhängigen Journalismus nicht gerade in rosigem Licht erscheinen lässt.

So geht der Trend auch weniger hin zur pointierten Politikberichterstattung, die Werbekunden vergraulen könnte, sondern hin zur Unterhaltung, was 91 Prozent der Befragten meinen. Denn politische Themen verkaufen sich "oft schlechter". Weitere inhaltliche Trends: Hin zur Visualisierung von Nachrichten, zur Service-Orientierung und zur Regionalisierung.

Der technische Fortschritt wird von den Journalisten allgemein als ein Gewinn angesehen, so eines der eindeutigsten Ergebnisse der Befragung. Die Kehrseite davon ist allerdings ein verstärkter Aktualitätsdruck, dem sich die Redakteure ausgesetzt sehen. Und neue Formen der Zusammenarbeit wie bei den "Newsdesks" beurteilen "erstaunlicherweise", so die Forscher, 63 Prozent der Befragten als Gewinn für die journalistische Qualität ("permanentes Kritikforum").

Festangestellte Redakteure werden durch freie Mitarbeiter ersetzt, die schlechter bezahlt und somit kostengünstiger sind – diese Tendenz spiegelt sich in dem Befragungsergebnis wider, wonach zwei Drittel der Journalisten meinen, dass ihre Redaktionen in den vergangenen 20 Jahren zunehmend journalistische Arbeit ausgelagert haben. Im deutlichen Widerspruch dazu, so die Münsteraner Kommunikationsforscher, stehe die Tatsache, dass die Schulung und Betreuung freier Mitarbeiter an Bedeutung verloren habe – das journalistische Prekariat lässt grüßen.

Und wie sieht es mit der Zukunft des Berufsstandes aus? Immerhin noch 43 Prozent der Befragten würden jungen Menschen empfehlen, Journalist zu werden. Allerdings stimmen dem 55 Prozent nicht oder nur teils zu.

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