Kalorienbombe für die Playstation

Achim Fehrenbach 20.08.2009

"Fat Princess" bietet einen kurzweiligen Mix aus Beat'em'up und Strategie

Da hätten die Brüder Grimm nicht schlecht gestaunt: Aktuelle Märchen-Games punkten mit schwarzem Humor und handfester Action. Entführte Prinzessinnen gibt es zwar immer noch - hold sind sie aber schon lange nicht mehr.

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"Es war einmal vor langer Zeit im Lande Titania. Dort lebten zwei Prinzessinnen, die gerne zusammen im Schwarzwald spielten. Eines Tages, als sie durch den Wald liefen, sahen sie etwas sehr Seltsames ... da wuchs eine Torte aus dem Boden! Die Prinzessinnen wurden von diesem Zuckergusswunder verführt und probierten ein Häppchen ... und noch ein Häppchen ... und dann ein ganzes Stück! Schnell wurden die Prinzessinnen von dem Wohlgeschmack der Torte überwältigt ...."

Maßlosigkeit gehört bestraft, zumindest im Märchen. Wer sich den Bauch mit Torte vollschlägt, muss die Konsequenzen tragen - und nicht nur ein paar überflüssige Pfunde. Im Spiel "Fat Princess" kommt es für die beiden Prinzessinnen ganz dick: Ihre Königshäuser zerstreiten sich, die Krönchenträgerinnen werden von der jeweils anderen Partei entführt. Jammernd sitzen sie nun im Kerker und harren ihrer Befreiung. Der Heißhunger auf die verhexte Torte ist ihnen längst nicht vergangen.

Spiele wie American McGee's Grimm, Fairytale Fights oder jetzt Fat Princess bedienen sich hemmungslos am reichhaltigen Märchengut, das uns die Herren Grimm, Andersen und Hauff überliefert haben. Dabei lassen diese Spiele jeglichen Respekt vermissen und picken sich das heraus, was sie für ihre Handlung gerade gebrauchen können. Zwar gibt es immer noch Games, die sich brav an die literarische Vorlage halten, oder - wie das unsägliche Barbie as Rapunzel - Märchen als reine Marketing-Plattform missbrauchen. Doch witzig und spannend werden Märchen-Games erst durch die ironische Brechung: In "American McGee's Grimm" verwandelt man als bärtiger Unhold eine heile Märchenwelt in eine burtonsche Schauerlandschaft.

In "Fairytale Fights" gehen putzige Märchenfiguren mit Äxten und Kettensägen aufeinander los. Und auch die überzuckerten Comic-Landschaften von "Fat Princess" sind Schauplatz blutiger Massenschlachten. Dabei ist den verfeindeten Parteien nahezu jedes Mittel recht: Skrupellos werden die Prinzessinnen im Kerker mit Torte gemästet. Aus lieblichen Blondinen werden so weniger liebliche Geschöpfe mit den Ausmaßen eines "Jabba the Hut". Sind die Befreier erst einmal bis in den Kerker vorgedrungen, lassen sich die Monsterprinzessinnen nur noch mit großem logistischem Aufwand abtransportieren.

Auf den ersten Blick ist "Fat Princess" klassisches "Capture the flag", gemischt mit deftigem Beat'em'up: Ein buntes, blutspritzendes Chaos, eine wilde Hauerei zwischen kleinen, grimmigen Gestalten. Seine strategischen Möglichkeiten offenbart das Spiel erst auf den zweiten Blick. Zunächst übernimmt man die Rolle eines von 16 Team-Mitgliedern: Zur Auswahl stehen Arbeiter, Krieger, Magier, Heiler und Jäger. In bester Echtzeitstrategie-Manier sind die Kämpfer auf Nah- oder Fernattacken spezialisiert, während die Arbeiter für Ressourcen-Nachschub sorgen, Belagerungsleitern bauen und Produktionsstätten anlegen, mit denen sich die anderen Klassen erweitern lassen.

Diese "Hutmaschinen" verleihen dem Spiel eine besondere Dynamik: Schnappt man sich einen Helm, eine Arbeitermütze oder eine Priesterkappe, ist ein Rollenwechsel auch mitten im Kampfgeschehen möglich - selbst die Hüte getöteter Feinde lassen sich aufnehmen. Da gerät man natürlich in Versuchung, sich den Hut zu schnappen, den die aktuelle Kampfsituation zu erfordern scheint. Langfristig erfolgreich sind aber nur jene Teams, die sich auf eine gemeinsame Strategie einigen können, und diese dann bei aller Unübersichtlichkeit auch durchhalten. Einen Weg in die gegnerische Festung zu finden ist - Trampolinen, Leitern und Schleichwegen sei Dank - gar nicht mal so schwer. Viel schwieriger ist es aber, die massige Thronfolgerin den ganzen langen Weg zurück zu schleppen - die Verfolger immer im Nacken.

Wie nicht anders zu erwarten, lässt sich das strategische Potenzial von "Fat Princess" im Singleplayer-Modus nur begrenzt auskosten. Gezielte Überraschungsangriffe und Ablenkungsmanöver sind mit den mäßig schlauen KI-Kollegen kaum möglich. Zwar lassen sich per Hilferuftaste Mini-Teams zusammenstellen, zum Beispiel aus Arbeiter/Kämpfer oder Kämpfer/Heiler. Für eine koordinierte Großoffensive reichen diese maximal vierköpfigen Gruppen aber bei weitem nicht aus. Stattdessen fuhrwerkt man mit Ameisenmentalität vor sich hin, karrt Ressourcen heran oder versucht, im allgemeinen Chaos ein paar Nadelstiche zu setzen.

Die Einzelspieler-Kampagne umfasst sieben Kapitel, in denen nach und nach die Legende der dicken Prinzessinnen erzählt wird. All das ist aber nur ein Vorgeschmack auf das eigentliche Highlight des Spiels: den Multiplayer-Modus. Hier bekriegen sich maximal 32 Spieler, wahlweise auch mit Headset. In der aktuellen Version bietet "Fat Princess" neuen Karten und vier Spielmodi: Neben "Befreit die Prinzessin" gibt es das klassische Team-Deathmatch, die Entführungsmission "Schnapp und weg" und "Invasion", bei der es darum geht, möglichst viele Vorposten möglichst lange zu halten.

Die ersten Maps sind noch recht übersichtlich. Auf komplexeren Karten werden die Angriffs- und Fluchtwege dann aber zeitweilig durch Lava oder Wassermassen versperrt - da ist gutes Timing gefragt. Jede Einzelaktion, vom Kill übers Holzsammeln bis zum Maschinenbau, gibt Punkte. Wer als selbstloser Arbeiter Baumstämme durch feindliche Linien schleppt, tut also nicht nur der Gemeinschaft was Gutes. Die wirklich packenden Momente hat "Fat Princess" aber bei zähen Positionskämpfen über tiefen Abgründen oder bei dem Versuch, mit der Prinzessin einen "Homerun" zu schaffen.

Knallbunte Action, schwarzer Humor und eine Prise Taktik machen "Fat Princess" zu einer spielerischen Kalorienbombe: Wer nach stundenlanger Klopperei den Controller zur Seite legt, hat tatsächlich das ungute Gefühl, ein bisschen zu viel von einer fettigen Torte genascht zu haben. Ausprobieren sollte man das Spiel aber auf jeden Fall, zumal 15 Euro ein sehr fairer Preis sind. Die Server-Probleme, die den Multiplayer anfangs zu einer zähen Angelegenheit machten, sind mittlerweile weitgehend behoben, weitere Patches sind laut Entwickler Titan Studios in Arbeit.

http://www.heise.de/tp/artikel/30/30951/1.html
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