Für Recht und Neuro-Ordnung
Lebenswissenschaften und ihre Anwendung für die innere Sicherheit
In seinem Roman "Der Futurologische Kongress" beschreibt Stanislaw Lem eine Welt, in der nicht nur Polizeikräfte mit psychoaktiven Substanzen gegen Unruhen vorgehen, sondern letztlich die gesamte Realität pharmakologisch erzeugt wird. In der neuen Ausgabe von Nature warnt jetzt ein britischer Professor für Internationale Sicherheit vor der zunehmenden Militarisierung lebenswissenschaftlicher Forschung und fordert eine Änderung der Chemiewaffenkonvention von 1997.
Moskau, Oktober 2002. Etwa 50 tschetschenische Kämpfer besetzen das Dubrowka-Theater und nehmen mehr als 700 Besucher und Schauspieler als Geiseln. Sie erklären sich als zum Sterben bereit und drohen mit der Sprengung des Gebäudes. Die Forderung: ein Abzug der russischen Truppen aus ihrer Heimat.
Nach ergebnislosen Verhandlungen beschließen russische Behörden, das Theater von Spezialeinheiten stürmen zu lassen. Zuvor wird jedoch ein Betäubungsgas in das Gebäude geleitet ("Eine mächtige Waffe"). Das Ergebnis: Laut BBC kommen von den etwa 50 Geiselnehmern mehr als vierzig durch Schussverletzungen ums Leben. Umgekehrt sterben über 100 Geiseln, weil ihre Atmung aussetzt oder sie an ihrem eigenen Erbrochenen ersticken. Mehr als 600 der Überlebenden müssen im Krankenhaus behandelt werden. Bei den Spezialeinheiten spricht man von einem erfolgreichen Einsatz (Das Gespenst aus der Flasche befreit?).
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| Die tschetschenischen Geiselnehmer, hier die Frauen als "lebendige Bomben", wurden im Moskauer Theater mit Gas betäubt und dann erschossen, zahlreiche Geiseln starben an den Folgen des Gaseinsatzes |
Malcolm Dando, Professor für Internationale Sicherheit an der University of Bradford, Großbritannien, thematisiert in der neuen Ausgabe von Nature die Verwendung bewusstseinsverändernder Substanzen für militärische und polizeiliche Zwecke: "Biologen schlafen, während ihre Forschungsarbeit militarisiert wird", bringt er es auf den Punkt. In einem Drittmittelprojekt, das vom Wellcome Trust finanziert wird, möchten Dando und seine Kollegen diese Entwicklung ethisch durchleuchten. Das scheint dringend nötig, denn nach seinen Erfahrungen hätten von über 2000 Lebenswissenschaftlern aus 13 Ländern, mit denen er diskutiert habe, bisher nur wenige über die militärische oder polizeiliche Verwendung ihrer Forschung nachgedacht.
Designerwaffen
Im Ersten Weltkrieg begann die moderne Geschichte der chemischen Kriegsführung, als zunächst mit Reizgas, dann vermehrt mit Giftgas gegnerische Stellungen beschossen wurden. Beliebt war auch die Kombination von beidem: Reiz- und Brechmittel sollten Gasmasken durchdringen und ihren Einsatz verhindern, damit gefährlichere Stoffe die Feinde permanent ausschalten konnten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren vermehrt Kampfstoffe im Gespräch, die nicht den Körper beeinträchtigen, sondern auf die Psyche einwirken und den Betroffenen kampfunfähig machen sollten. So wurden in der Zeit von 1950 bis 1970 in den USA unter der Führung der CIA (Psychopathen, Psychiater und Psychonauten) oder des Verteidigungsministeriums Experimente mit LSD und Benzilsäureester (BZ) durchgeführt – oft ohne die Einwilligung der Versuchspersonen. Auch in Großbritannien suchten Forscher seit den 1950er Jahren nach Substanzen, die schwere psychische Störungen hervorrufen würden, anstatt sie zu heilen. Die Idee war, dass der Angegriffene den Kontakt zur Realität verliert und entweder ein leichteres Ziel abgibt oder keine Gefahr mehr darstellt. Allerdings war es von Anfang an ein Problem, dass die Substanzen bei unterschiedlichen Personen unterschiedlich wirken. Deshalb wurden in den USA die Bestände an BZ 1990 vernichtet.
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Malcolm Dando hält die aktuellen biochemischen Mittel zwar für bedrohlich, prinzipiell aber auch für kontrollierbar. So stünden die Chancen gut, beispielsweise den durch Bazillen hervorgerufenen Milzbrand oder hochgradig ansteckende Pockenviren mit Medikamenten und Impfstoffen zu behandeln. Selbst wenn die Kampfstoffe biologisch verändert würden, indem man etwa Resistenzgene hinzufüge, ließen sich diese Schritte ebenso auf der Seite der Abwehr nachvollziehen, um ein neues Gegenmittel zu entwickeln.
Er warnt jedoch vor den Möglichkeiten neuer Forschungsergebnisse, auf molekularer Ebene eine Vielzahl von Substanzen herstellen zu können, die gezielt auf ein bestimmtes System des Menschen einwirken. Potenziell gebe es damit Tausende verschiedener Ziele, die jeweils auf unterschiedlichen Wegen angegriffen werden könnten. Durch die Verwendung von Nanotechnologie könne man außerdem die Blut-Gehirn-Schranke überwinden. Sie verhindert normalerweise bei vielen Substanzen, dass sie ins Gehirn eindringen und dort Schaden anrichten.
Der Traum von den nicht-tödlichen Waffen
Eine Wirkung auf die Psyche des Menschen über sein Gehirn ist eine Voraussetzung für viele Ideen, nicht-tödliche Kampfstoffe zu entwickeln. Das Potenzial herkömmlicher psychopharmakologischer Medikamente, einen Menschen nicht zu heilen, sondern im Gegenteil zu beeinträchtigen, wird etwa an der Pennsylvania State University untersucht. Im Zweijahresrhythmus findet hierzulande in Ettlingen das Europäische Symposium für Nicht-Tödliche Waffen statt, bei dem neben Strahlen- und ´Elektroschockwaffen auch psychische Kampfstoffe thematisiert werden. So stellte dort 2007 eine Forschungsgruppe aus Prag ein Gemisch verschiedener Substanzen vor, das in Rhesusaffen aggressives Verhalten beendete.
Diese Idee mögen auch die russischen Behörden bei der Geiselnahme im Sinn gehabt haben. Welche Substanz 2002 in Moskau zum Einsatz kam, ist bis heute aufgrund von Geheimhaltung nicht völlig geklärt. Paul Wax und Kollegen, Toxikologen aus dem US-Bundesstaat Arizona, vermuten ein Gemisch aus dem opiumähnlichen Fentanyl und einem Betäubungsmittel, das besonders gut über die Atmung wirkt. Von Fentanyl ist bekannt, dass es in höheren Dosen tödlich wirkt. Deshalb müssen im klinischen Einsatz Patienten streng überwacht werden, wenn sie es für eine Operation als Narkosemittel erhalten.
Offensichtlich unterschied sich auch die Wirkung dieses Cocktails sehr stark zwischen den Personen. Robin Coupland vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes in Genf bezweifelt generell, dass sich Substanzen für taktische Zwecke hinreichend genau dosieren lassen. Einerseits die Gegner außer Gefecht zu setzen, andererseits keine Menschen zu töten, scheint damit kaum machbar. Das ist für eine Geiselnahme, bei der Unschuldige – darunter womöglich Kinder, Ältere und Kranke mit geringerer Widerstandskraft – in das Tatgeschehen verwickelt sind, besonders kritisch.
Dando weist daher zu Recht daraufhin, dass der Traum von den nicht-tödlichen Waffen eine gewisse Scheinheiligkeit hat – zumindest, wenn man sich die tatsächlichen Vorfälle genauer betrachte. So seien die bewusstlosen tschetschenischen Kämpfer in Moskau durch Schläfenschüsse getötet worde, und schon im Vietnamkrieg habe das US-Militär Verstecke des Vietcongs mit Reizgas ausgeräuchert, um die flüchtenden Kämpfer mit den herkömmlichen Waffen auszuschalten. Auch die in Nordamerika und Europa von der Polizei eingesetzten Taser gelten mit Blick auf ihr Gefährlichkeitspotenzial als umstritten (Töten Elektroschockwaffen doch?).
Internationale Konvention und nationales Vorgehen
Gegen den Einsatz chemischer Kampfstoffe ist am 29. April 1997 die Chemiewaffenkonvention in Kraft getreten und inzwischen von 188 Staaten ratifiziert worden. Verboten sind danach toxische Chemikalien, "die durch ihre chemische Wirkung auf die Lebensvorgänge den Tod, eine vorübergehende Handlungsunfähigkeit oder einen Dauerschaden bei Mensch oder Tier herbeiführen" können. Unterschieden werden davon Mittel zur Bekämpfung von Unruhen, die "beim Menschen spontan sensorische Irritationen oder handlungsunfähig machende Wirkungen hervorrufen" können, die "innerhalb kurzer Zeit nach Beendigung der Exposition verschwinden." Darunter fällt beispielsweise CS-Gas, das von Polizeikräften oder in kommerziellen Produkten zur Selbstverteidigung verwendet wird. Auch diese Mittel dürfen nach der Konvention nicht im Krieg eingesetzt werden.
Führt man sich die verheerende Wirkung des Fentanyl-Gemischs vor Augen, das im Moskauer Theater eingesetzt wurde, stellt sich die Frage, ob hier noch die Kriterien zur Unruhebekämpfung erfüllt sind oder man nicht treffender von einer toxischen Chemikalie sprechen muss. Das würde aber nicht bedeuten, dass die Behörden gegen die Konvention verstoßen haben, denn Mittel zum "Zwecke der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung einschließlich der innerstaatlichen Bekämpfung von Unruhen" sind davon ausdrücklich ausgenommen. Das könnte zu der paradoxen Situation führen, dass gegen die Bevölkerungen in den Partnerländern des Abkommens toxische Kampfstoffe verwendet werden dürfen, die für den Kriegseinsatz durch internationale Konvention verboten sind. Das heißt, für den internationalen Krieg könnten stärkere Auflagen gelten als für die nationale Sicherheit.
Ohnehin sollte man die Chemiewaffenkonvention nicht überbewerten. So verweist Jonathan Moreno, Professor für Medizinethik an der University of Pennsylvania, auf einen Bericht der US-Amerikanischen National Academy of Sciences. Dieser sei zum Ergebnis gekommen, dass Konvention "mehrdeutig genug" ist, um bestimmte militärische Verwendungen nicht-tödlicher Kampfstoffe zuzulassen. Auf Nachfrage bestätigt auch Malcolm Dando, dass unter dem Stichwort des Gesetzesvollzugs ("law enforcement") mehr verstanden werden könnte als die inländische Unruhebekämpfung durch Polizeitruppen. Er fordert daher eine Änderung der Konvention: Jede Verwendung der neuen nicht-tödlichen Substanzen solle verboten oder wenigstens stark eingeschränkt werden. Andernfalls sieht er die Gefahr einer fortschreitenden Militarisierung lebenswissenschaftlicher Forschung.
Zumindest wenn es nach dem Technologieberater und Neuro-Lobbyisten Zack Lynch aus San Francisco geht, würde so eine Änderung aber nicht reichen. Lynch schwärmt nämlich von einer "Neurokriegsführung" der Zukunft, in der durch eine "psychoaktive Invasion" die Mentalität von Feinden umgepolt werde. Da potenzielle Neurotechnologien weit über die Entwicklung biochemischer Substanzen hinausgehen, werden diese von der Chemiewaffenkonvention nicht erfasst.
Beispielsweise führte José Delgado, früherer Professor für Physiologie an der Yale University in New Haven, Connecticut, schon in den 1950er und 1960er Jahren Experimente mit Affen und Menschen durch, bei denen durch elektrische Stimulation im Gehirn die Aggressivität beeinflusst wurde. Zurzeit ist das als "Tiefenhirnstimulation" bekannte Verfahren vor allem durch klinische Forschung zur Behandlung von Parkinson oder psychischen Erkrankungen bekannt. Es dürfte aber nur eine Frage der Zeit sein, bis auch mit dieser Technologie wieder die Idee einer psychischen Beeinflussung außerhalb therapeutischer Kontexte diskutiert wird. An diese Möglichkeit hat Stanislaw Lem in seinem "Futurologischen Kongress" noch gar nicht gedacht.
http://www.heise.de/tp/artikel/30/30970/1.html- Eckige Klammer zu viel (26.8.2009 9:52)
- Re: Heuchelei und mangelnde Reflektion, der Unwille zu erkennen (25.8.2009 14:42)
- Re: Heuchelei und mangelnde Reflektion, der Unwille zu erkennen (25.8.2009 13:39)
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