Hormonell begründete Karrieren

Matthias Gräbner 30.08.2009

Der Testosteronhaushalt bestimmt, wie freudig Frauen riskante finanzielle Entscheidungen treffen – damit legt das Hormon oft auch den Karriereweg fest

Warum sieht man so viele Männer auf dem Börsenparkett, warum ist jede erfolgreiche Fondsmanagerin eine bewunderte Ausnahme? Warum setzen Frauen aufs Sparbuch, während ihre Partner mit Aktien das Familienvermögen verzocken? Liegt es daran, wie Eva Herman meint, dass Frauen ein natürlicher Sinn fürs Beschützen eigen ist, dass sie bewahren und ausgleichen wollen? Oder ist schlichtweg der Einfluss der Hormone daran schuld, welchen Lebensweg wir gehen? Wer wie der Autor eine pubertierende Tochter aufzieht, meint recht genau zu wissen: Es sind die Hormone.

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Wenn’s um Geld geht, spielt offenbar das "männliche" Sexualhormon Testosteron eine wichtige Rolle. Testosteron wird sowohl vom männlichen als auch vom weiblichen Organismus produziert, beim Mann allerdings in weit stärkerem Maße. Dabei entfaltet es seine Wirkung gleich doppelt: Einmal verändert es während der Reifung des Organismus Strukturen, zum anderen beeinflusst es das Verhalten des fertigen Individuums. Im männlichen Körper ist das Hormon unter anderem für die Reifung der Samenzellen zuständig, aber auch für den Haarwuchs am ganzen Körper – nicht aber auf dem Kopf.

Testosteron sagt man aber noch eine ganze Reihe weiterer Wirkungen nach: Es soll Angst vermindern und für dominanteres Verhalten sorgen. Es ist auch mit inhärent riskanten Verhaltensweisen wie der Spielsucht und dem Alkoholmissbrauch verknüpft. Drei US-Forscher haben nun auch untersucht, welche Rolle Testosteron in der Finanzwelt spielt. In einem Artikel in den Veröffentlichungen der US-Akademie der Wissenschaften (PNAS) beschreiben sie ihre Ergebnisse.

Dabei untersuchten die Forscher sowohl die angeborenen als auch die aktuellen Auswirkungen eines bestimmten Testosteron-Niveaus auf den Organismus. Bei 500 MBA-Studenten der University of Chicago maßen sie zunächst das Verhältnis der Längen von Zeige- und Ringfinger als Indikator für die vorgeburtliche Testosteronausstattung – je kleiner das Verhältnis ist, desto mehr Testosteron war das Kind im Uterus ausgesetzt. Zudem analysierten sie von allen Testpersonen aktuelle Speichelproben auf ihren Hormongehalt. So wollten die Wissenschaftler angeborene und aktuelle Wirkungen besser trennen.

Als Vergleichsgrößen dazu wählten die Forscher die Risikobereitschaft der Personen sowie ihr Empathiepotenzial. Erstere ermittelten sie mit Hilfe eines Computerspiels, bei dem sich die Teilnehmer zwischen einem niedrigen, aber garantierten Betrag und dem potenziell viel höheren Erlös einer riskanten Lotterie entscheiden müssen. Hier zeigen Männer im Mittel eine deutlich höhere Risikobereitschaft als Frauen. Zur Empathiebewertung kam ein von dem Psychopathologen Simon Baron-Cohen (übrigens ein Cousin von "Brüno" Sacha Baron Cohen) entwickelter Test zum Einsatz, bei dem die Probanden aus den Augen eines Fotos auf den Gemütszustand schließen mussten. Frauen schneiden hier im Mittel besser ab als Männer, und vorgeburtliche Exposition mit hohen Testosteronspiegeln korreliert mit schlechtem Abschneiden.

Zunächst bestätigte sich, was zu erwarten war: Männer setzten stärker auf Risiko als Frauen, und sie besaßen auch einen höheren Hormonspiegel im Speichel. Allerdings ließ sich für die männlichen Teilnehmer keine signifikante Korrelation zwischen Testosteronspiegel und Risikobereitschaft herstellen. Eine solche fanden die Forscher jedoch für die Frauen: Probandinnen mit besonders viel Testosteron hatten weniger Angst vor Risiko. Dabei muss es sich nicht, warnen die Forscher, um eine Kausalität handeln: Die Studie zeigte zum Beispiel auch, dass Verheiratete weniger risikobereit waren als Singles – vielleicht ist das ja die dritte Größe, mit der die anderen beiden verknüpft sind.

Ein interessanter Aspekt ergab sich noch daraus, dass die Relation besonders bei niedrigen Testosteronniveaus sehr deutlich war. Frauen und Männer mit gleich hohem Hormoneinfluss sollten damit auch eine ähnlich hohe Risikobereitschaft zeigen – was tatsächlich der Fall war. Allerdings ist die Testosteronkonzentration beim Mann nun einmal deutlich höher als bei der Frau – die Forscher meinen, damit einen der seltenen Fälle gefunden zu haben, wo biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern sich tatsächlich unmittelbar auf die Berufswahl auswirken.

http://www.heise.de/tp/artikel/30/30984/1.html
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