Brust oder Rücken?

Peter Nowak 26.08.2009

Die Brünoisierung der Politik schreitet voran, nicht nur in Berlin

Eigentlich war es ziemlich still um Vera Lengsfeld geworden. Die am rechten Flügel der Union gelandete ehemalige Bürgerrechtlerin wurde selbst in ihrer neuen politischen Heimat nicht besonders ernst genommen. Daher darf sie nur in Kreuzberg-Friedrichshain kandidieren, dem Bezirk, in dem kein CDU-Politiker eine Chance hat, als Direktkandidat in den Bundestag zu kommen. Doch dort sorgte Lengsfeld tatsächlich für Überraschungen, als sie auf einem Wahlplakat gemeinsam mit der Kanzlerin Brust zeigte. "Wir haben viel zu bieten" lautete das Motto.

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Nun muss man sich schon über die mediale Aufregung wundern, hatte doch bereits 1994 der SPD-Bundestagskandidat Thomas Krüger unter dem Motto Eine ehrliche Haut alle Hüllen fallen lassen. Gewonnen hat er das Mandat trotzdem nicht. Allerdings wird das Plakat noch immer in der politischen Auseinandersetzung mit dem heutigen Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung verwendet.

Lengsfeld hingegen wird mit ihrem Plakat eher eine positive Entwicklung bescheinigt. Galt sie doch bisher als Inbegriff einer Spaßbremse, nachdem sie sich vehement gegen den Abdruck des satirischen Romas Der Barbier von Bebra in der taz zu Felde zog, weil in dem Roman Bürgerrechtler Gegenstand der Satire wurden. Jetzt könnte Lengsfeld sogar beinahe als CDU-Dissidentin gelten, weil ein von ihr geplantes Wahlplakat mit der Parole Wählt den schwarzen Block das Missfallen der Union fand. Dabei wäre ein solches Plakat sogar wirklich witzig gewesen und hätte sicher gerade im Stadtteil Kreuzberg viele Fans gefunden. Schließlich ist der Schwarze Block der Sammelbegriff für dunkel gekleidete Autonome, die es bekanntlich in Kreuzberg häufiger geben soll. Ob das Plakatmotiv bei den Wahlkampfmanagern der Union durchfiel, weil sie beim Schwarzen Block keinen Spaß verstehen, oder ob sie fürchteten, dass zu viele Plakate des Nachts von Autonomen entfernt und über den eigenen Schreibtisch gehängt werden, muss offen bleiben.

Rücken zeigen

Hängen bleiben werden dafür noch einige Wochen die Plakate der Kandidatin der Linken in Friedrichshain-Kreuzberg Halina Wawzyniak. Dort zeigt die im wahren Leben brave Juristin Rücken und das abwaschbare Label "socialist". "Mit Arsch in der Hose in den Bundestag" lautet die Parole.

Doch das dürfte ein linker Wunsch bleiben. Denn die Nase vorn hatte bisher der vom Focus als "Öko-Messias von Kreuzberg" verhöhnteHans-Christian Ströbele. Wie bei den letzten Wahlen zeichnete auch jetzt wieder Gerhard Seyfried auf dem Wahlplakat für den Linksgrünen Kreuzberg als idyllisches Biotop. Ströbele schreitet als Streiter gegen die Finanzmärkte voran, einen roten Schal mit dem Che-Guevara-Motiv umgebunden. Hinter ihm finden fast alle sozialen Bewegungen und Initiativen, die es in dem Stadtteil gibt, ihren Platz. Nur manche Autonome dürfte der durchgestrichene Pflasterstein, auch wenn er dezent im Hintergrund platziert ist, und mancher Kommunist der Marx auf Wolke 7 Bauchschmerzen bereiten. Und wer Politkitsch generell nicht mag, dürfte auch nicht besonders erfreut sein.

Nur noch Spaßparteien

In Sachen Spaßplakate scheinen die Parteien in Friedrichshain-Kreuzberg ein informelles Jamaikabündnis gebildet zu haben. Die SPD wollte hier nicht mitspielen und präsentierte ihren Bundestagskandidaten Björn Böhning ganz traditionell auf einem sehr textlastigen Plakat. Ob er davon profitiert?

Schließlich gibt es sehr wohl Kritik daran, dass es, zumindest in Bezug auf die Plakatwerbung, fast nur noch Spaßparteien gibt. Politik paradox. Während die Bergpartei, eine Kiezformation mit Spaßfaktor und die Titanic-Partei nicht zur Wahl zugelassen wurden und schmollen oder klagen, wird deren Rolle im aktuellen Wahlkampf bestens ausgefüllt. So viel Spaß war nie, auch außerhalb von Szenebezirke wie Friedrichshain-Kreuzberg.

Das zeigt der Erfolg von Horst Schlämmer bei den politikverdrossenen Spießern. Selbst eine gar nicht witzig gemeinte Neuauflage der Rote-Socken-Kampagne der Jungen Union Thüringen kommt nicht mehr so bierernst und träge daher, wie ähnliche Versuche vor 10 Jahren.

Die Brünoisierung der Politik streitet voran. Da könnte Friedrichshain-Kreuzberg ein Versuchsfeld für den Rest der Republik sein. Das wäre auch nur konsequent. Wenn sich die Parteien immer mehr angleichen und der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr, Hartz IV und die Wirtschaftskrise als alternativlos hingestellt werden, bleibt als Unterscheidungsmerkmal nur noch die Frage, ob die Kandidatin Rücken oder Brust zeigt.

http://www.heise.de/tp/artikel/30/30987/1.html
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