Faszination für politische und religiöse Eliten

10.09.2009

Interview mit Karl Rössel, dem Kurator der Ausstellung "Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg"

Die derzeit laufende Ausstellung Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg zeigt, welche Rolle die so genannte Dritte Welt bei den Ereignissen spielte, die vor gut siebzig Jahren begannen und bis 1945 andauerten. Aufsehen erregte sie unter anderem deshalb, weil sie aus der Werkstatt der Kulturen in die Berliner Uferhallen umziehen musste, um nicht zensiert zu werden. Telepolis sprach darüber mit Kurator Karl Rössel.

Herr Rössel - die Geschäftsführerin der Werkstatt der Kulturen wollte die von Ihnen kuratierte Ausstellung zensieren, weil Sie darin auch auf Kollborateure der Nationalsozialisten aus der Dritten Welt hinweisen. Welche Kollaborationen gab es denn konkret?

Karl Rössel: Es gab rund um die Welt Kollaborateure. Ich muss allerdings betonen, dass das in unserer Ausstellung nur ein Unterkapitel ist und es im Wesentlichen um die Kolonialsoldaten, Zwangsrekrutierten, Zwangsarbeiter und Zwangsprostituierten geht und um die Abermillionen weitgehend vergessenen Menschen aus Afrika, Asien, Ozeanien und Lateinamerika, die auf Seiten der Alliierten gekämpft haben. Aber es gab auf allen Kontinenten auch Kollaborateure.

Die NSDAP, also das NS-Regime, ging bei der Schaffung von Außenposten auf anderen Kontinenten zweigleisig vor. Da dienten zum Einen die im Ausland lebenden Deutschen als Ansprechpartner und Mobilisierungsbasis, die über die Auslandsorganisation der NSDAP organisiert wurden. Und das waren nicht wenige. Allein in Lateinamerika, um mal eine Zahl zu nennen, gab es etwa eine Million Deutschstämmige, von denen die große Mehrheit mit den Nazis sympathisierte. Pablo Neruda beispielsweise, der Schriftsteller aus Chile, schrieb, dass er "in den Tagen der dröhnenden Hitler-Siege" mehr als einmal in den Straßen eines südchilenischen Dörfchens oder Städtchens Wälder von Hakenkreuzfahnen durchqueren musste.

Der ägyptische König Faruq

Es gab auch Auslandsorganisationen der NSDAP in Palästina und in Ägypten. Im Hansaclub in Kairo hielten deutsche Referenten Vorträge über das Judentum und südarabische Rassenfragen. In der chinesischen Hafenstadt Shanghai gründeten deutsche Geschäftsleute, die dort Fernosthandel betrieben, eine Ortsgruppe der NSDAP und eine Arier-Union, die zum Boykott jüdischer Geschäfte aufrief. Vertreter des NS-Regimes brachten dort die japanischen Besatzer dazu, die 10.000 Juden in ein Ghetto zusammenzupferchen. Und Gestapo-Funktionäre vor Ort wollten auch die Vernichtungspolitik Nazideutschlands im chinesischen Shanghai fortsetzen. Sie schlugen den japanischen Besatzern der Stadt vor, die dort lebenden ca. 30.000 Juden auf manövrierunfähigen Schiffen im Meer zu versenken oder auf einer vorgelagerten Insel verhungern zu lassen oder gar - auch dafür gibt es einige Hinweise - zur Vernichtung der jüdischen Flüchtlinge eine Gaskammer zu bauen.

In Australien feierten deutsche Einwanderer in ihren Clubs den "nationalen Tag der Arbeit" und "Führers Geburtstag". Naziredner konnten "mit freundlicher Unterstützung des australischen Außenministeriums" den gesamten Kontinent bereisen und Propagandafilme wie "Deutschland, erwache!" vorführen, während dem Schriftsteller Egon Erwin Kisch die Einreise zu einem antifaschistischen Kongress in Melbourne 1934 verwehrt wurde.

Das sind nur einige Beispiele, es ließen sich viele weitere aufführen, wie mit Hilfe der Auslanddeutschen Nazipropaganda auf anderen Kontinenten verbreitet und verankert wurde. Darüber hinaus gab es zahlreiche hohe politische Führer, auch religiöse Führer, die nicht nur zur Kollaboration mit Nazideutschland, sondern mit den Achsenmächten insgesamt bereit waren - also auch mit Mussolinis Italien und mit Japan, das einen Vernichtungskrieg in China führte.

Überall da, wo die Achsenmächte Länder besetzten und unterwarfen, setzten sie Statthalter ein, Marionettenregierungen. Obwohl dem Vernichtungskrieg Japans in China mehr als 21 Millionen Menschen zum Opfer fielen - mehr Tote als in Deutschland, Italien und Japan während des ganzen Zweiten Weltkrieges zusammen -, fanden sich chinesische Politiker bereit, in eine Marionettenregierung unter japanischer Führung einzutreten.

Phibun Songkhram

In Thailand regierte damals ein Militär namens Phibun Songkhram, der ein großer Bewunderer Hitlers und Mussolinis war. Er organisierte eine thailändische Kopie der Hitlerjugend und entschied, dass in Bangkok alle Zeitungen mit der Unterzeile "Ein Volk: Thailand. Ein Führer: Phibun. Ein Ziel: Sieg" erscheinen mussten. Er nutzte die Kollaboration mit Japan dazu, eigene Kriege gegen Laos und Kambodscha zu führen, um die im dortigen Grenzgebiet lebenden Thai in das thailändische Großreich einzugliedern, das er gründen wollte.

Er gab übrigens Thailand seinen Namen (bis Ende der dreißiger Jahre hatte es Siam geheißen) - und Songkhram meinte das ganz wörtlich: als "Land der Thai" - also der Mehrheitsbevölkerung. Das hatte zur Folge, dass die chinesische Minderheit Thailands ausgegrenzt wurde, ihre Geschäfte schließen musste und verfolgt wurde.

Die Führung der indonesischen Unabhängigkeitsbewegung arbeitete mit den japanischen Besatzern zusammen, nachdem diese auf den indonesischen Inseln gelandet waren. Achmed Sukarno, der spätere Präsident Indonesiens, war der höchste einheimische Funktionär der japanischen Besatzungsbehörde.

Auch in der arabischen Welt war die Sympathie für den Krieg der Nazis und des faschistischen Italien in Nordafrika sehr breit - in Teilen der Bevölkerung und bis in höchste Regierungsstellen. Der saudische König Ibn Saud empfand damals für Hitler "größte Hochachtung". Der ägyptische König Faruk, dem Hitler zu seiner Hochzeit ein Mercedes Cabriolet schenkte, verriet Militärgeheimnisse der Briten über die ägyptische Botschaft in der Türkei an die deutsche Wehrmacht und an die Armee von Rommel in Nordafrika.

Abd Al-Aziz Ibn Saud: "größte Hochachtung" für Hitler

Sadat und Nasser, die beiden späteren Präsidenten Ägyptens, unterhielten enge Kontakte mit deutschen Geheimagenten und bereiteten den Einmarsch der deutsch-italienischen Truppen in Ägypten vor. Sadat traf sich persönlich in Kairo mit deutschen Geheimagenten, die ihm 20.000 Pfund und Funkgeräte zur Vorbereitung des Einmarschs der Nazitruppen überreichten, während der König Ägyptens zusammen mit dem Führer der ägyptischen Muslimbruderschaft ihnen einen Empfang bereiten wollte, "der den Pomp noch überschreiten sollte, mit dem Napoleon in Ägypten empfangen worden war".

Weit verbreitet war die Kollaboration bis in die höchsten Führungsspitzen auch bei den Arabern Palästinas. Deren oberster politischer und religiöser Vertreter war Hadj Amin al-Husseini, der Mufti von Jerusalem. Er war der oberste politische Repräsentant der Araber Palästinas vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Er hatte schon 1933 dem deutschen Konsul in Palästina - damals britisches Mandatsgebiet - zur Machtübernahme der Nazis gratuliert. Sein palästinensischer Aufstand von 1936 bis 1939 wurde bereits mit Geld aus Nazideutschland und Mussolinis Italien finanziert.

1941 war er an einem pro-faschistischen Putsch im Irak beteiligt. Nach dessen Niederschlagung - übrigens mit Hilfe zahlloser Kolonialsoldaten auf Seiten der Briten, insbesondere aus Indien - flohen er und der Führer der irakischen Putschisten, deren Regierungschef al-Gailani, ins Exil nach Berlin, wo Husseini bis zum 7. Mai 1945 - also bis einen Tag vor Kriegsende in Europa - blieb. Er unterhielt gute Verbindungen zu den höchsten Stellen des NS-Regimes und wurde von Himmler zum SS-Sturmbannführer ernannt.

In dieser Funktion rekrutierte er Tausende von Freiwilligen für die Waffen-SS auf dem Balkan und Überläufer in den von Deutschland besetzten südlichen Provinzen der Sowjetunion. Insgesamt handelte es sich dabei um etwa 200.000 Soldaten. Damit sie nach islamischen Regeln verpflegt und betreut werden konnten, gründete die SS in Dresden mit Hilfe des Palästinenserführers Husseini sogar eine Mullah-Schule. Dort wurden Imame zur geistlichen Betreuung der muslimischen Freiwilligen in Waffen-SS und Wehrmacht ausgebildet.

Husseini war auch am Holocaust beteiligt, weil er persönlich durch seine guten Kontakte zu Nazigrößen - er traf sich auch mit Hitler - dafür sorgte, dass Tausende jüdische Männer, Frauen und Kinder, die sogar die Nazis noch aus von Deutschland besetzten Ländern in Osteuropa hätten ausreisen lassen, nicht mehr nach Palästina fliehen konnten, sondern dorthin deportiert wurden, wo man - so ein Zitat aus einem Husseini-Brief - "wusste, was man mit ihnen zu tun hatte", nämlich in die Vernichtungslager nach Polen.

Hadj Amin al-Husseini

Husseini stand deshalb 1945 auf der Liste der Kriegsverbrecher in Jugoslawien, aber er konnte über die Schweiz nach Frankreich fliehen. Dort wurde er nicht etwa ins Gefängnis gesteckt und als Kriegsverbrecher zum Nürnberger Tribunal geladen, sondern unter Hausarrest in einer bequemen Villa untergebracht, aus der ihm dann 1946 die Flucht oder Ausreise in den Nahen Osten gelang. Vom ägyptischen König wurde er empfangen wie ein Staatsgast, von der arabischen Liga wieder zum obersten internationalen Sprecher der Araber Palästinas ernannt.

In dieser Funktion führte er die ersten Kriege gegen das sich damals gründende Israel 1947/48 - übrigens mit den gleichen Parolen, die er schon aus Berlin im Nazi-Propagandasender in die arabische Welt hinausposaunt hatte: "Vernichtet die Juden!", "Vertreibt die Juden aus allen arabischen und mohammedanischen Ländern!" Zu seinen Gefolgsleuten in den ersten Kriegen gegen Israel gehörten mehrere Kommandeure, die ihr Handwerk bei der deutschen Wehrmacht gelernt hatten, so zum Beispiel der Oberkommandeur der libanesischen Armee - es gab ja mehrere arabische Armeen, die damals versuchten, die Gründung Israels zu verhindern.

1948 wurde Husseini in Gaza zum Präsidenten des palästinensischen Nationalrates gewählt, in den 50er-Jahren vertrat er die Palästinenser bei den Blockfreien, in den 60ern war er Präsident der Welt-Muslimkonferenz - und als er 1974 starb ohne sich jemals von seiner faschistischen Vergangenheit distanziert oder sich gar gerechtfertigt zu haben, standen viele arabische Führer an seinem Grab. Arafat bezeichnete ihn noch 2002 als "palästinensischen Helden".

Auf einige dieser Fakten - wenn auch längst nicht auf alle - verweisen wir in dieser Ausstellung, weil wir der Meinung sind, dass die weltweite Kollaboration zu Hunderttausenden oder gar Millionen zusätzlichen Opfern in diesem Krieg geführt hat, Opfer die aus Afrika, Asien, Lateinamerika oder Ozeanien stammten und an die auch erinnert werden muss.

Warum fiel ihrer Ansicht nach bei manchen Gruppen die Propaganda von Auslandsdeutschen und Nationalsozialisten auf fruchtbareren Boden als bei anderen? Der früher vom Strasser-Kreis propagierte Plan vom Bund der unterdrückten Nationen, zu dem auch Inder und Chinesen gehören sollten, war ja spätestens mit der Flucht von Otto Strasser passé. Wo lag danach noch der Kollaborationsanreiz für die Kolonialvölker?

Karl Rössel: Eigentlich hätte jedem, der halbwegs bei Sinnen war, klar sein müssen, dass es den faschistischen Achsenmächten zu keinem Zeitpunkt um irgendeine Form von Befreiung der Kolonialisierten ging. Dies belegte ja ihr eigenes Vorgehen in den besetzten Ländern. Italien führte seit 1935 in Äthiopien einen Vernichtungskrieg mit Giftgas, das war überall bekannt. Die Japaner waren Mitte 1937 in China einmarschiert und hatten schon Ende 1937 dieses furchtbare Massaker in Nanking, der damaligen chinesischen Hauptstadt, angerichtet, wo innerhalb weniger Wochen 300.000-400.000 Zivilisten niedergemetzelt wurden. Und die Massaker an schwarzen Soldaten durch die deutsche Wehrmacht, zum Beispiel 1940 in Frankreich, sowie die Verfolgung der Juden waren auch in den Kolonien bekannt.

Es konnte sich also eigentlich keiner, dem es um wirkliche soziale Befreiung ging, an die Seite der faschistischen Achsenmächte stellen. Was bei vielen Kollaborateuren Faszination auslöste - insbesondere bei den verschiedenen eben genannten Führern aus Asien, Lateinamerika und den arabischen Ländern - war denn auch weniger die Hoffnung auf Befreiung von kolonialer Herrschaft als die Bewunderung faschistischer Herrschaftsformen und militaristischer Organisationsformen wie die der deutschen Wehrmacht.

Subhash Chandra Bose

Der indische Kollaborateur Subhash Chandra Bose z.B., ein prominenter Politiker, der Ende der 30er-Jahre (gegen den Willen von Gandhi und Nehru) Präsident des Indischen Nationalkongresses war, bewunderte den italienischen Faschismus. Er war nach 1941 in Berlin im Exil und ließ seine Mitarbeiter, die in Berlin mit einer Million Reichsmark eine Zentrale Freies Indien aufbauten, die Hitlerjugend, die Gestapo und den Arbeitsdienst als mögliche Modelle für ein unabhängiges Indien studieren.

Das heißt, es handelte sich um Politiker, die selber gerne Führer sein wollten, die selbst autoritäre und militaristische Regimes installieren wollten und die eine große Nähe zu Formen faschistischer Herrschaft aufwiesen. Es ging diesen Kollaborateuren nicht um soziale Befreiung, die ich immer als Voraussetzung für wirkliche Befreiung vom kolonialen Status definieren würde, sondern nur um eine andere Form von nationaler Herrschaft, bei der sie selbst als Führungsfiguren fingieren wollten.

Hat der Aufruf zum Dschihad, den das Deutsche Reich ja schon zu Anfang des Ersten Weltkrieges zu nutzen versuchte, da noch nachgewirkt? Hat er noch eine Rolle gespielt?

Karl Rössel: Auch den arabischen Führern hätte eigentlich klar sein müssen, dass Hitler eine große Verachtung für Araber insgesamt empfand. Es gab verächtliche Stellungnahmen von Hitler, wonach Araber "lakierte Affen" seien, "die die Knute der Weißen zu spüren hätten" - genauso wie übrigens gegenüber Vertretern der indischen Unabhängigkeitsbewegung, die Hitler auf übelste Weise beschimpfte und diskriminierte. Trotzdem wurde "Mein Kampf" schon in den 30er-Jahren ins Arabische übersetzt, wenn auch - übrigens mit Zustimmung der NS-Führung oder vielleicht sogar Hitlers selbst - um die denunziatorischen Passagen über Araber gekürzt.

Auch von Mussolini war bekannt, dass er schon in den 1920er Jahren ein brutales Kolonialregime in Libyen errichtet hatte und dort einen grausamen und brutalen Krieg mit Umsiedlungsaktionen und riesigen Konzentrationslagern für die einheimische Bevölkerung führte, um den Widerstand zu brechen. Auch wenn Mussolini sich später als "Schwert des Islam" aufzuspielen versuchte, hätte allen, die sich ein bisschen mit der Geschichte der Umgebung auseinandergesetzt hatten, klar sein müssen, dass das reine Propaganda war.

Ähnlich wie die japanische Propaganda "Asien den Asiaten" - denn tatsächlich wollte ja auch Japan kein von autonomen Regierungen beherrschtes und aus verschiedenen Ländern bestehendes Asien, sondern eine, wie es damals hieß, "großostasiatische Wohlstandssphäre", in der natürlich Japan das Zentrum sein und die Machthaber stellen sollte. Darum herum sollte sich ein Kreis von Ländern gruppieren, die Rohstoffe für den Wohlstand Japans und Menschenmaterial zum Abbau dieser Rohstoffe oder zum Anbau von Nahrungsmitteln liefern sollten.

Es war immer ein hierarchisches Verhältnis. Die antikoloniale Rhetorik war gut durchschaubar und ist auch von vielen erkannt worden. Schließlich gab es in allen genannten Ländern auch Oppositionelle und Widerstandskämpfer, politische Gruppierungen, die sich geweigert haben, mit den Achsenmächten zu kollaborieren, die sich explizit und ausdrücklich dagegen verwahrt haben. Das waren nicht nur Nehru und Gandhi in Indien, sondern auch in Ägypten zum Beispiel gab es eine "Liga gegen den Antisemitismus", die gegen die nach deutschem Vorbild organisierten Anfeindungen der jüdischen Bevölkerung protestierte.

Achmed Sukarno

Auch in Palästina gab es oppositionelle Gruppierungen, die - anders als Husseini - für eine Verständigung sowohl mit den jüdischen Siedlern und mit Großbritannien eintraten - insbesondere zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Es gab in Thailand eine Opposition gegen den Militärführer Phibun, die nicht mit den Japanern kollaborieren wollte. Und es gab Teile der indonesischen Unabhängigkeitsbewegung, die die Kollaboration ihrer Führer mit Japan kritisierten. Es gab überall und immer beide Positionen - also auch immer eine Entscheidungsmöglichkeit für die politischen Kräfte in den jeweiligen Ländern.

Sie haben vorhin schon die Rolle von Husseini bei der Vernichtung von Juden erwähnt. Welche Kriegsverbrechen gab es denn noch, die von Angehörigen von Drittweltvölkern durchgeführt wurden?

Karl Rössel: Die muslimischen Freiwilligen der Waffen-SS, die zum Beispiel auf dem Balkan gekämpft haben, waren mitverantwortlich für die Vertreibung und Ermordung von Hunderttausenden Juden, Sinti und Roma sowie für die Verfolgung politischer Oppositioneller. Ein weiteres Beispiel wäre die indische Legion der Deutschen Wehrmacht, die von Subhash Chandra Bose in seinem Berliner Exil rekrutiert wurde. Sie landete 1944 in der Waffen-SS und in Frankreich und machte dort Jagd auf Widerstandskämpfer der Résistance. Es gibt aus einigen französischen Dörfern Berichte über Massaker an Zivilisten, die von dieser indischen Legion mit zu verantworten sind. Im Übrigen kämpfte sie in Teilen später auch gegen eigene Landsleute, die auf Seiten der Briten an der Atlantikküste landeten.

Götz Aly hat auf einer Veranstaltung zur Ausstellung kritisiert, dass die aus Kolonien rekrutierten Angehörigen der Alliierten in Deutschland nach 1945 ebenfalls Verbrechen verübt hätten. Haben Sie darüber auch Material in Ihrer Ausstellung?

Karl Rössel: Es haben in den letzten Wochen viele Leute Stellungnahmen über unsere Ausstellung abgegeben - die meisten übrigens, ohne die Ausstellung gesehen zu haben. Ich war nicht auf der Veranstaltung, auf der Götz Aly sprach. Ich habe darüber auch keine Angaben, da müssen Sie ihn fragen, wo er das her hat. Hetzkampagnen gegen schwarze Soldaten gab es in Deutschland bereits seit dem Ersten Weltkrieg und sie wurden auch von den Nazis aufgegriffen und verbreitet. Sie bildeten die ideologische Grundlage dafür, dass deutsche Truppen in Frankreich 1940 zum Teil ausdrücklich keine schwarzen Gefangenen machten, sondern diese an Ort und Stelle massakrierten. Grundlage dafür war die Nazipropaganda gegen "wilde Schwarze", angeblich "bestialische" und "grausame" afrikanische Soldaten, wie das im Nazijargon hieß. Da wurden die unglaublichsten Gräuelmärchen erzählt, etwa dass afrikanische Soldaten deutschen Gefangenen die Ohren oder sonst irgend etwas abschneiden würden. Diese Propaganda wirkte auch in der Nachkriegszeit in Deutschland nach und spiegelt sich bis heute in der Denunziation schwarzer Soldaten. Mir ist nicht bekannt, dass es irgendwelche besonderen Unterschiede zwischen dem Auftreten afrikanischer, französischer, britischer oder russischer Soldaten nach 1945 in Deutschland gab.

Was wurde aus den Kollaborateuren nach dem Zweiten Weltkrieg? Der Vater von Aung San Suu Kyi hat ja mit den Japanern kollaboriert, ohne dass es ihm beziehungsweise seiner Tochter geschadet hätte.

Karl Rössel: Der Vater der Friedensnobelpreisträgerin in Birma Aung San war Generalmajor in der japanischen Armee. Er wäre wahrscheinlich Präsident Birmas geworden, wenn er nicht kurz nach dem Kriegsende von einem politischen Gegner erschossen worden wäre. Subhash Chandra Bose kam bei seiner Flucht vor den alliierten Truppen 1945 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Und als man drei seiner Offiziere der Kollaborationsarmee nach 1945 vor Gericht stellen wollte, führte dies zu Massendemonstrationen, die einer der Auslöser für den Zusammenbruch der britischen Herrschaft in Indien waren.

Bogyoke Aung San

Auch die anderen Führer der indischen Unabhängigkeitsbewegung versuchten Bose nachträglich für ihren Kampf zu reklamieren. Nehru selbst verteidigte die von den Briten angeklagten indischen Kollaborateure. Die Folge davon war, dass es bis heute keine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema in Indien gibt. Im Gegenteil: Bose gilt dort als Nationalheld, der internationale Flughafen von Kalkutta ist nach ihm benannt, viele Schulen, Universitäten und Plätze. Er wurde in den Schrein der Helden der indischen Unabhängigkeit in Neu-Delhi aufgenommen. Eine erschreckende Konsequenz von alledem ist, dass auch der Nationalsozialismus in Indien völlig unkritisch gesehen wird. Heute findet man dort in fast jeder Buchhandlung indische Übersetzungen von "Mein Kampf".

Von vielen der arabischen Kollaborateure, die in Berlin im Nazi-Exil waren, weiß man, dass sie nachher hohe Positionen in ihren Ländern übernommen haben - nicht nur Husseini und seine Mitstreiter in Palästina, sondern auch andere, die für die Nazi-Propaganda in arabischen Ländern zuständig waren. Sie wurden zum Beispiel Wirtschafts- oder Gesundheitsminister im Irak, leiteten Universitäten in Marokko, wurden Angehörige der Regierungspartei in Tunesien - und so weiter.

Es gibt Dutzende von Leuten, die später Regierungsämter übernahmen. Auch in Lateinamerika: Perón unterhielt schon 1942, nachdem sich eine Gruppe von Offizieren in Argentinien an die Macht geputscht hatte, enge Kontakte zur SS. Er hatte eine militärische Ausbildung bei Mussolini erhalten und organisierte nach 1945 in seinem Präsidentenpalast - wie der argentinische Forscher Uki Goñi nachgewiesen hat - die Fluchthilfe für Nazi-Kriegsverbrecher aus Europa, die er aus der Staatskasse Argentiniens finanzierte.

Juan Perón

In Kollaboration mit den ersten geflohenen Kriegsverbrechern sorgte er dafür, dass viele weitere nach Argentinien nachfolgen konnten, während es gleichzeitig unter Perón eine antisemitische Einwanderungspolitik gab, die Juden wenn möglich die Einreise nach Argentinien verwehrte. Noch 1946 leitete ein fanatischer Antisemit die argentinische Einwanderungsbehörde, der Juden als "fremdartige Zysten" denunzierte, die es auszumerzen gelte.

Aber Geschichte, die nicht aufgearbeitet wird, setzt sich fort. Auch in Argentinien, wo es noch in den 1990er Jahren Anschläge auf jüdische Einrichtungen gab und Antisemitismus bis heute virulent ist. So auch in Palästina, wo der Nazikollaborateur Husseini schon in den 1930er Jahren mit der antisemitischen Hetzschrift "Die Protokolle der Weisen von Zion" argumentierte, auf die sich die in Gaza regierende Hamas noch heute in ihrer Charta beruft.

Die Ausstellung Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg ist noch bis zum 30. September täglich von 11 bis 19 Uhr in den Uferhallen in Berlin Wedding (Uferstr. 8.-11) zu sehen ist und wandert anschließend durch andere Städte. Alle Informationen dazu finden sich auf der Website www.3www2.de.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Anzeige

Krieg der Zukunft

Florian Rötzer 03.09.1998

Die USA "entdecken" eine neue Bedrohung

Man hat nicht nur im Ukraine-Konflikt den Eindruck, dass die Geschichte sich wiederholt bzw. dass die alten Drehbücher weiter in Kraft sind.

weiterlesen

Flashmobs und urbane Kissenschlachten

Über Graswurzelbewegungen und die Robustheit einer neuen Stadtaneignung

bilder

seen.by

Anzeige

TELEPOLIS