Meine Nachbarn kenne ich nicht

11.09.2009

Viele sagen höchstens mal ein Hallo, während man sich durch die Beobachtung oder den Lärm schon gerne mal belästigt fühlt

Für die Nachbarn interessieren sich die Deutschen nicht sonderlich, zumindest nicht, wenn sie selbst in Ruhe gelassen werden. Nach einer nicht-repräsentativen Umfrage von ImmobilienScout24.com und www.meinenachbarschaft.de unter 16.279 Teilnehmern kennt ein Fünftel seine Nachbarn nicht oder sagt höchstens mal ein knappes Hallo. Mehr wird nicht gesprochen. Nur die Hälfte bleibt auch mal stehen und quatscht mal ein bisschen.

Man kann sich seine Nachbarn nicht aussuchen, heißt es. Tatsächlich ist es meist so, dass es hier zu Zwangsgemeinschaften kommt, die man nicht wirklich beeinflussen kann. Zwar finden vielfältige Vorentscheidungen über den sozialen und ethnischen Hintergrund über die Wohnlagen statt. Hier ist schon längst eine Balkanisierung und Homogenisierung eingetreten, die meist über den Preis geregelt wird. In Kleinstädten und auf dem Land mögen die Unterschiede nicht so groß sein, dafür lebt man womöglich näher beieinander, während sich die unterschiedlichen sozialen Schichten in ihren Wohnvierteln in Großstädten oft kaum begegnen werden. Die nächste Straße um die Ecke kann schon weiter entfernt als die nächste Großstadt sein.

Den Rückzug in die Wohnräume, in Deutschland und den anderen nördlichen Ländern sowieso alleine klimatisch bedingt stärker als in wärmeren Ländern, wird sicherlich durch die Medien begünstigt, die das Cocooning fördern. Und die ubiquitäre Kommunikation über Handys und Internet mag den sozialen Zusammenhang verstärken, aber nicht unbedingt die räumlichen Nahkontakte. Mobile Kommunikation dient hier schon eher als Abschirmung, man ist zwar körperlich hier, aber eigentlich woanders und bei Anderen. Gefördert wird dadurch auch die Homogenität der Gruppen, in den Städten sicherlich stärker als auch dem Land und in Dörfern, wo die soziale Segregation schon aufgrund mangelnder Masse geringer ist.

Die Distanziertheit ist in der Großstadt (über eine Million Einwohner) natürlich größer als auf dem Land oder in Kleinstädten. Schließlich wohnt man in einer Großstadt eher in Mehrparteienhäuser, in denen öfter ein Wechsel stattfindet, zur urbanen Kultur gehört auch eine gewisse Anonymität. Und man läuft sich nicht regelmäßig über den Weg. Wenn denn die Umfrage einigermaßen verallgemeinerbare Ergebnisse hat, ist die Anonymität zwischen Nachbarn aber selbst in den Großstädten nicht sonderlich hoch. Während hier 24 Prozent ihre Nachbarn praktisch nicht kennen, sind es auf dem Land hingen mit 16 Prozent erstaunlich viele. 29 Prozent der Kleinstadtbewohner geben an, mit ihren Nachbarn ein gutes Verhältnis zu haben, in der Großstadt sagen dies nur 19 Prozent.

Zwar sind die Meisten zumindest abstrakt bereits und würden ihren Nachbarn helfen, beispielsweise Pakete für sie annehmen, Blumen gießen oder die Post holen, jeder Dritte würde sogar auf die Kinder oder das Haustier aufpassen. Frauen machen das eher mal als Männer. Freilich kommen sich die Nachbarn oft näher, indem sie sich streiten. Nach der Umfrage stört am ehesten der Lärm der Anderen, wozu die Architektur einiges beitragen kann, dann kommt schon die Neugierde. In der Großstadt fühlen sich nur 12 Prozent von den Nachbarn zu genau beobachtet, auf dem Land und in der Kleinstadt sind es schon 20 Prozent. Auch über Unfreundlichkeit wird sich beklagt, manchem stinkt der Nachbar buchstäblich. Auch von Kindern fühlt man sich genervt.

Angeblich, man sollte es kaum glauben, steigt die Toleranzschwelle mit zunehmendem Alter. Die Meisten würden erst mal bei Problemen mit ihren Nachbarn sprechen, um eine Lösung zu finden. Erst nach mehreren Versuchen, was aber auch der Realität nicht ganz entsprechen könnte, würde man sich beim Vermieter beschweren oder die Polizei rufen. Oder man zieht eben gleich um und hofft darauf, dass die neuen Nachbarn verträglicher sind, wenn man kein Streithansel ist und wie viele Bewohner von Einzelhäusern die Gerichte mit dem Nachbarschaftsstreit beschäftigt.

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