Das "TV-Duell", das die Trostlosigkeit der Republik offenbart

Florian Rötzer 14.09.2009

Der Wähler: von den Parteien und den Medien verscheißert

Keiner hat wohl erwartet, dass das von den Medien groß angekündigte TV-Duell auch nur ansatzweise spannend werden könnte. Keiner hat erwartet, dass hier neue Ideen oder gar Visionen über die Zukunft des Landes zur Sprache kommen würden. Alle haben erwartet, dass hier ein Ehepaar, das zwangsverheiratet wurde, aber sich aneinander gewöhnt hat, versuchen wird, sich selbst in der Ehe gut darzustellen, was nur geht, wenn man den anderen nicht herunterbügelt. Ein paar Differenzen nimmt man hin.

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Und auch wenn die Medien das "Duell" hoch gespielt und versucht haben, daraus irgendwie Spannung im eigenen Quoteninteresse abzuleiten, dann ging das einfach nicht bei den beiden Taktierern, die sich gerade deswegen in ihren Parteien durchsetzen konnten, weil sie zäh, blass und unbestimmt sind, aber sich chamäleonartig anpassen. Merkel und Steinmeier sind Bürokraten der Politik. Sicherlich erst einmal weniger gefährlich als Demagogen und Zündler, aber auch gefährlich für eine Gesellschaft, die in einer schwierigen Zeit Orientierung sucht – über die nächste Wahlperiode hinaus.

Verhindert haben eine Diskussion aber auch die Medien selbst. Nicht nur die beiden Konkurrenten mussten im Proporz auftreten, auch die vier Moderatoren. Und die mussten sich selbst eine Bühne schaffen. Eine Diskussion zwischen Merkel und Steinmeier war damit ebenso unmöglich wie überhaupt ein Streitgespräch, das eine eigene Dynamik entwickeln könnte. Inszeniert wurde hingegen die Trost- und Mutlosigkeit, die uns von Politik und Mainstreammedien verordnet wird. Verwaltung der Geschäfte könnte man das nennen, aber nicht ein Angebot zur Diskussion und Entscheidung, wohin unsere Gesellschaft gehen soll. Hätte man anstatt der vier Moderatoren wenigstens unter der Leitung eines Moderators, der dann wirklich ein solcher wäre, die Parteiführer der drei "kleinen" Parteien als Frager auftreten lassen, dann wäre ein wenig Leben aufgekommen und hätte sich vielleicht auch ein wenig Klarheit darüber eingestellt, was man erwarten kann, wenn diese oder jene Konstellation Regierungsverantwortung übernimmt.

Natürlich gab es auch gleich Umfragen. Wir müssen schließlich wissen, was die Anderen meinen, um selbst eine Meinung zu haben und uns an die herrschende Meinung anzupassen. Bei der ARD findet man Folgendes: "Bei einer Umfrage von infratest dimap für die ARD gaben 43 Prozent der Befragten an, dass Steinmeier auf sie überzeugender gewirkt habe. 42 Prozent fanden Merkels Auftritt überzeugender. Die Bundeskanzlerin präsentierte sich für 39 Prozent der Zuschauer schlechter als erwartet und für 18 Prozent besser. Umgekehrt übertraf Steinmeier bei 64 Prozent der Zuschauer die Erwartungen und enttäuschte sie bei 15 Prozent." Ja, dann ist ja alles gut.

So haben wir erlebt, was ein Ritual ist – zwischen narzisstischen Moderatoren und strategisch operierenden Kanzlerkandidaten, wobei der eine ja sowieso nur ein virtueller ist. Wir haben mehr oder weniger gut eingeübte Versatzstücke von Wahlslogans gehört, aber keine Menschen vernommen, die eigenständig etwas zu uns zu sagen haben. Wer nur der Partei- und Machträson gehorcht, ist aber nicht vertrauenswürdig.

Das eigentliche Dilemma ist, dass der Parteienstaat die Demokratie untergräbt. Das "Duell" war möglicherweise ein High Noon für die Skeptiker, es schreckt ab, überhaupt noch zur Wahl zu gehen. Abgesehen von der Erststimme setzt man ein Kreuzchen auf die interne Machtkonstellation einer Partei, ohne diese auch nur minimal beeinflussen zu können. Bei jedem Einkauf hat man mehr Optionen. Schon allein das ist, abgesehen von den blassen und biederen Bürokratengestalten Merkel und Steinmeier, eine Beleidigung für den mündigen Wähler, der von den Parteien gar nicht erwünscht ist.

Zum "TV-Duell" gibt es bei Telepolis auch eine Umfrage: Gab es trotz Langeweile wenigstens einen Sieger?

http://www.heise.de/tp/artikel/31/31130/1.html
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