Das TV-Duell hat ausgedient

15.09.2009

Die Zukunft liegt im Netz

Das "Kanzlerduell" war ein Desaster – zumindest, was die Quoten angeht. Lediglich 14,18 Millionen Menschen haben die Debatte zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier verfolgt. Das sind erdrutschartige Verluste gegenüber 2009, als noch 20,98 Millionen Menschen eingeschaltet hatten. Bislang liest man nur selten darüber, was dies vielleicht für die Wahlbeteiligung bedeuten könnte, zu sehr sind die Parteien damit beschäftigt, der "Debatte nach der Debatte" den richtigen Dreh zu geben. Auf Seiten der Veranstalter dürfte man neben der schlechten Einschaltquoten auch über die dürftige Leistung der Moderatorenriege diskutieren – Plasbergillnerkloeppellimbourg mussten teilweise derbe Kritik für die insgesamt 24:56 Minuten einstecken, die sie von der Netto-Redezeit der Debatte für sich beansprucht hatten.

Allein aus dieser Perspektive muss über die Zukunft eines solchen – trotz sinkender Quoten immer noch äußerst prominenten – Formats nachgedacht werden. Doch es kommt noch eine zweite hinzu: der kontinuierliche Medienwandel, der mit dem Internet einen zweiten Schauplatz der Debatte etabliert hat. Die Begleitung medialer Großereignisse im Internet an sich ist natürlich nichts Neues mehr, dennoch weist das Kanzlerduell 2009 einige Besonderheiten auf, die den Schluss nahelegen, dass allmählich auch im fernsehtreuen Deutschland eine Aufmerksamkeitsverschiebung vom TV-Bildschirm in Richtung anderer Endgeräte im Gange ist.

Kanzlerduell auf YouTube

Und dabei hatten gerade die veranstaltenden Fernsehsender zunächst alles dafür getan, die Debatte aus dem Netz heraus zu halten. Die Verweigerung eines Live-Streams mit dem seltsamen Hinweis, das Kanzlerduell sei ein "Fernsehformat", ist nach wie vor eine Farce – die durch den dann doch gesendeten Stream des öffentlich-rechtlichen Ereigniskanals Phoenix nur noch mehr Fragen aufwirft. Doch auch ohne Livebilder für den Rechner entwickelte sich während der ereignisarmen neunzig TV-Minuten eine vielstimmige Debatte hinter dem Rücken des alten Leitmediums in zahlreichen Live-Blogs und –Chats, einem Facebook-Stream, diversen Twitter-Anwendungen und einem Echtzeit-Transkript. Dass für ein so textlastiges und etwas verstaubt wirkendes Format wie eine Online-Mitschrift tatsächlich eine Nachfrage besteht, zeigte sich schon in den ersten Minuten: "Wir hatten ab 20.30 Uhr bis zu 8000 Zugriffe pro Sekunde, bis nach 2 Minuten die Server nicht mehr mitspielten", sagt Klas Roggenkamp von wahl.de.

An den verschiedenen Nutzungsformen der Kurznachrichtenplattform lässt sich sehr gut das "Medienimperium in der Jackentasche" aufzeigen, von dem gerade erst im Internet-Manifest die Rede war. Dessen These Nummer zwei lässt sich sehr gut als Begleittext zu den Online-Aktivitäten am Sonntag abend lesen:

Das Web ordnet das bestehende Mediensystem neu: Es überwindet dessen bisherige Begrenzungen und Oligopole. Veröffentlichung und Verbreitung medialer Inhalte sind nicht mehr mit hohen Investitionen verbunden. Das Selbstverständnis des Journalismus wird seiner Schlüssellochfunktion beraubt - zum Glück. Es bleibt nur die journalistische Qualität, die Journalismus von bloßer Veröffentlichung unterscheidet.

Die "Hashtag-Familie" des TV-Duells dominierte am Sonntag die deutschen Twitter-Landschaft: die Begriffe #tvduell, #merkel, #steinmeier und #kanzlerduell sorgten zumindest ansatzweise dafür, dass aus dem 140-Zeichen-Meer einige Inhalte wiedergefunden und integriert werden konnten. Die meisten Tweets kommentierten das Debattengeschehen live, verwiesen auf andere Online-Angebote oder stellten eine Verbindung zu den zahlreichen Aktivitäten der beteiligten Parteien her. Via Twitpic wurde nicht nur die crossmediale Debattenverfolgung dokumentiert, gleichzeitig tauchten hier erste Überarbeitungen von TV-Screenshots auf (die in gleicher Machart dann später auch bei Qualitätsmedien zu finden waren). Gegen Ende des Duells kamen schließlich noch einige Twitter-Umfragen hinzu, die zwar weit entfernt von jeglicher Repräsentativität waren, aber doch einige Schlüsse auf die digitale Mobilisierbarkeit der Unterstützergruppen zuließen.

Spontan hat sich online also ein Gewirr – oder besser: ein Mosaik – aus kleinen Versatzstücken der digitalen Echtzeit-Kommunikation gebildet, das noch nicht wirklich als homogene Begleiterscheinung zum medialen Impuls der Fernsehübertragung verstanden werden kann. Doch es ist schon erstaunlich, dass nahezu sämtliche Bestandteile der handelsüblichen TV-Aufbereitung ihre Entsprechungen im Netz gefunden haben: das Live-Transkript bildet den inhaltlichen Kern des Duells ab, die vielen Screenshots in Blogs oder als Twitpic vermitteln die visuelle Grundaufstellung der 2+4-Situation im Studio. Als neues Element kommen die unzähligen Kurzmitteilungen via Twitter oder Facebook-Statusmeldungen hinzu, die die sonst nur im heimischen Wohnzimmer vernehmbaren Direktkommentare abbilden und nun einem größeren Publikum zugänglich werden – ebenso nutzt die Politik selbst den 140-Zeichen-Service zur Kommentierung der Leistungen von Freund und Feind. Leider fehlen bislang aggregierte Auswertungen über den konkreten Debattenzeitraum – zeitliche Verteilung und inhaltliche Schwerpunkte der Kanzlerduell-Tweets würden vermutlich ähnliche Resultate liefern, wie die aufwändigen wissenschaftlichen Begleitexperimente.

Auf Blogs oder in Twitter-Feeds werden schließlich die Analyserunden der TV-Nachbereitung vorweggenommen – die "Debatte-nach-der-Debatte" hatte am Sonntag schon während des Kanzlerduells begonnen. Und auch die Erfassung der Zuschauerreaktionen findet in den Blitzumfragen via Twitpoll eine Entsprechung, wenngleich zersplittert und nicht repräsentativ. An den Tagen nach der Debatte tritt schließlich YouTube als dezentrales Archiv auf den Plan – durch Auswahl und Zusammenschnitt der Spots werden nachträglich die vermeintlichen Höhepunkte akzentuiert (Stichwort: "Tigerente"). Die digital bearbeiteten Videostills der Twitter-Nutzer am Wahlabend sind dabei ein "Photoshop for Democracy", wie Henry Jenkins die kreative Spielart eines politik-bezogenen Fantums bezeichnet hat. Neuvertonte Ausschnitte und alternative Zusammenschnitte des Debattenmaterials fehlen bislang noch – beim Präsidentschaftswahlkampf in den USA waren mit Hilfe dieser Techniken unmittelbar nach den Debatten sogar Wahlkampfspots entstanden.

Mit etwas Abstand zum Debatten-Abend wird eine Lesart immer deutlicher: der größte Verlierer war der TV-Journalismus. Die Fokussierung auf ein "Fernsehformat", das unter der Leitung der veranstaltenden Sender in freundlicher Zusammenarbeit mit den Kandidaten arrangiert wird, hat spätestens in seiner dritten Auflage seine Grenzen erreicht. Für Politiker und die Parteien besteht unter den aktuellen Umständen kein Grund mehr, das "Kanzlerduell" als über-prominentes Highlight im Medienwahlkampf beizubehalten. Für die Fernsehzuschauer auch nicht – die digitale "Debatte-während-der-Debatte" zeigt aber sehr wohl, dass in der crossmedialen Verbindung von professionellen journalistischen Angeboten und einer bürgerseitigen Begleitung, Kommentierung und Beteiligung eine Zukunft liegen kann.

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