"Es ist Deutschland hier!"

30.09.2009

Wie viel Englisch muss ein Außenminister können?

Dass man ein Ministeramt auch ohne größere Fachkenntnisse bekommen kann, das wurde in der Vergangenheit schon öfter offenbar: Christian Schwarz-Schilling etwa, ein Sinologe und Banker, übernahm 1982 das Postministerium, wo der CDU-Politiker ohne störende Technologiekenntnisse und zum Entsetzen mancher seiner Untergebenen dafür sorgte, dass für die Fernsehkabel nicht Glasfaser-, sondern Kupferleitungen verlegt wurden.

Trotzdem ging der einfache Wähler bisher davon aus, dass es gewisse Grundlagen gibt, an denen man auch als Minister nicht vorbeikommt. Dazu gehörte unter anderem, dass der Außenminister ein halbwegs passables Englisch spricht und dies auch einsetzt. Mit dieser Vorstellung könnte es möglicherweise bald vorbei sein: Auf Guido Westerwelles erster Pressekonferenz nach der Wahl wollte ein BBC-Korrespondent von ihm eine Antwort auf Englisch. Dies verweigerte der FDP-Vorsitzende nicht bloß - er akzeptierte nicht einmal, dass die Frage auf Englisch gestellt wird.

Guido Westerwelle. Foto: Dirk Vorderstraße

Es sei "in Deutschland üblich, dass man hier Deutsch spricht", so Westerwelle, und in England würden die Fragen ja auch auf Englisch gestellt. Dass die dortige Landessprache gleichzeitig die Weltsprache und die der internationalen Diplomatie ist, ließ der offenbar noch von Wahlkampf-Argumentationsanforderungen geprägte Außenminister in spe großzügig unberücksichtigt. Als er anfügte, dass er bei einem Vier-Augen-Tee mit dem Reporter durchaus bereit wäre, Englisch zu sprechen, wurde endgültig klar, dass es Westerwelle offenbar um die Vermeidung weiterer Peinlichkeiten auf YouTube ging. Dort erfreut sich nämlich ein Video großer Beliebtheit, in dem deutlich wird, dass die Englischkenntnisse des FDP-Vorsitzenden ganz in der Tradition eines Heinrich Lübke stehen.

Mit dem abschließenden Satz "Es ist Deutschland hier!" (der auch in Westerwelles Muttersprache einen gewissen Mangel an Eleganz aufweist), gab der künftige Außenminister einen Vorgeschmack darauf, in welche diplomatischen Fettnäpfchen er treten könnte. Statt einfach zuzugeben, dass er um die sprachliche Tauglichkeit einer Antwort in Englisch fürchtet, reagierte er mit Äußerungen, die von der ausländischen Presse mit einem gewissen Staunen zur Kenntnis genommen wurden und mit denen der FDP-Politiker sehr leicht wenig PR-taugliche Bilder aus der Vergangenheit aufwärmen könnte. In Blogs und Foren sah man den "Klischee-Deutschen", der in seiner verkrampft-pathetischen Art tatsächlich etwas an Wilhelm II. erinnert, bereits mit Pickelhaube und Monokel karikiert.

Dass die offenbar ohne einen wirklich geeigneten Kandidaten für das Außenministerium dastehende FDP den Posten im Tausch gegen ein zusätzliches Ministeramt an den über den EU-Verfassungsvertrag promovierten CSU-Mann zu Guttenberg abtreten würde, der ein für deutsche Politikerverhältnisse außergewöhnlich gutes Englisch spricht, scheint eher eine theoretische Möglichkeit. Nicht zuletzt deshalb, weil kein ausreichend eitelkeitsbefriedigender Alternativposten für den 1994 mit einer Arbeit über "das Parteienrecht und die politischen Jugendorganisationen" promovierten langjährigen JuLi-Bundesvorsitzenden in Sicht ist, der die letzten 20 Jahre überwiegend in Talkshows oder anderen Wahlkampfveranstaltungen verbrachte.

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